Der Holzfäller und das dünne Blut

29.03.2017
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Wer regelmäßig mit Kettensägen hantiert, sollte nicht unbedingt Blutverdünner einnehmen. Wer zu Lungenembolien neigt, sollte aber unbedingt Blutverdünner einnehmen. Und wer Waldarbeiter ist, kann nicht ohne weiteres auf Aktivitäten wie Baumfällarbeiten verzichten.

„Kundschaft für euch!“, brüllt es mir aus dem Telefon entgegen. „Was gibt’s?“, frage ich zurück.


„Zwei Synapsen, und eine hat grad Urlaub!“ 
Pfleger Marvin aus der Notaufnahme ist nicht unbedingt für seinen respektvollen Umgangston bekannt und ich hoffe, dass der betreffende Patient sich nicht in Hörweite befindet.

„Geht’s ein bisschen genauer?“

„Morbus Einödshofen!“

Kettensägenmassaker in Einödshofen

Einödshofen liegt etwa zehn Kilometer von Bad Dingenskirchen entfernt, vielleicht sind es auch nur fünf oder auch 15, so genau weiß ich das nicht, weil es eigentlich keinen Grund gibt, dahin zu fahren. Am Ende der kurvigen Straße finden sich nur ein paar Bauernhöfe, eine Kirche und das Dorfgasthaus, in dem es den billigsten Schweinebraten weit und breit gibt. Bäcker, Metzger und Tante-Emma-Laden haben schon vor Jahren dicht gemacht und einen Arzt gibt’s da auch nicht mehr. Marvin behauptet steif und fest, alle Einwohner seien aufgrund von jahrhundertelanger Inzucht völlig verblödet.

„Jetzt sag schon endlich: Was hat er?‟

„Fast verblutet. Wollte einen Baum fällen und ist mit der Kettensäge ausgerutscht. War keine gute Idee.‟

Okay, jetzt weiß ich mehr. Aber ist so eine Verletzung mit hohem Blutverlust nicht eher ein Fall für die Chirurgen?

„Möglich‟, sagt Marvin, „aber Martin sieht das anders!‟

Aha, so ist das also! Mein Kollege Martin aus der chirurgischen Abteilung ist ein wahrer Experte, wenn es darum geht, Wege zu finden, seine Arbeit an andere abzudrücken.

Die Wunde ist genäht, der Rest ist internistisch

„Was sagt Martin?‟

„Er hat die Wunde genäht, alles schön verbunden und sagt, der Rest ist internistisch!‟

Danke auch, Kollege! Wenn’s nix zu operieren gibt, ist er nicht interessiert. Und natürlich ist es einfacher, stille Post zu spielen, als direkt mit mir zu reden.

„Macht das bitte unter euch aus!‟, fährt Marvin etwas ungeduldig fort.

„Ist schon gut, schick ihn rauf!‟

Ein paar Minuten später hält Sarah mir einen Laborzettel unter die Nase. „Hb von fünf komma acht‟, sagt sie. „Ich habe schon gleich zwei Konserven gekreuzt!‟

Nur zwei? Bestell mal lieber gleich mindestens vier! Und jetzt will ich endlich wissen, was da los ist.

Mit dem Rattengift ist jetzt Schluss

Der Patient ist fast zwei Meter groß und man nimmt ihm gerne ab, dass er seine Zeit damit verbringt, im Einödshofener Wald Bäume zu fällen. Aber jetzt war wohl die Kettensäge stärker. War es nur die Kettensäge?

„Das Rattengift könnt ihr euch sonstwohin stecken!‟, schimpft er.

Wie bitte?

„Das Rattengift!‟, wiederholt er, „das hab ich schlucken müssen! Aber damit ist jetzt Schluss!‟

Schnell ein Blick in die Krankenakte: Aha, er hat Recht! Er war nämlich schonmal hier, wegen einer Lungenentzündung, die keine richtige Lungenentzündung war, sondern eine Infarktpneumonie auf dem Boden einer Embolie. Deshalb muss er Marcumar nehmen zur Antikoagulation.

Da ihm das Ganze ein Jahr später nochmal passierte, wird er wohl sein Leben lang diese Tabletten schlucken müssen, die seine Blutgerinnung weitgehend außer Kraft setzen. Rein biochemisch gesehen wirkt das Zeug übrigens tatsächlich so ähnlich wie Rattengift, bloß dass hier natürlich das Ziel darin besteht, sein Leben nicht vorzeitig zu beenden, sondern zu verlängern.

Leidenschaft mit Restrisiko

Wenn er es nicht nimmt, besteht die Gefahr einer erneuten Lungenembolie und die könnte tödlich verlaufen. Auf der anderen Seite ist das Blutungsrisiko deutlich erhöht – riskante und unfallträchtige Tätigkeiten wie Kettensägenmassaker an Waldbäumen sollten eigentlich passé sein.

Mein Patient schüttelt den Kopf. „Ich bin aber nunmal Waldarbeiter!‟, sagt er. „Soll ich etwa Rente beantragen? Mit fünfundvierzig? Oder gleich Hartz IV? Ich will doch dem Staat nicht auf der Tasche liegen!‟

Dann vielleicht lieber umschulen?

„Auf was denn? Ich hab arbeiten gelernt! Zupacken kann ich, das ist mein Ding!‟

Mein Patient funkelt mich an.

„Wisst ihr was? Jetzt flickt’s mich wieder zusammen und dann lassen wir das Rattengift einfach weg!‟

Bis zur nächsten Lungenembolie? Aber so ist das wohl. Nennt sich Restrisiko.

Bildquelle: Mixy Lorenzo, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 31.03.2017.

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Manfred L. DIETWALD
Füe Verletzungen nach Marc(o)umar braucht es nicht eine Sicherheitskettensäge. Problem liegt aber in der Abgeschiedenheit des Arbeitortes und der Einstellung des Quickwertes. Der Griff zu Konakion scheint problematisch, wie der Griff zum Erste-Hilfe-Kasten. Steinklee- oder Waldmeistertee an Stelle von Marcumar für die Arbeitstage sind vage Therapieansätze und werden wohl kaum akzeptiert, da auch die Neueinstellung mit Marcumar zeitraubend wie kostenträchtig sein dürfte.
#3 am 06.04.2017 von Manfred L. DIETWALD (Gast)
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Stime dem ersten Kommentar zu. Wie wäre es sonst noch mit einem Cavaschirmchen? Dann kann sich Martin wieder drum kümmern.
#2 am 01.04.2017 von Dr. med. Stefanie Peggy Kühnel (Ärztin)
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Hm. Eine LE bei einem Waldarbeiter, der seine Tätigkeit wohl nicht sitzend/stehend ausübt, scheint mir etwas atypisch. Kann eine genet. Thrombophilie das Thromboseriskio auch ohne weitere Risikofaktoren so signifikant erhöhen? Vielleicht würde es sich anbieten, die genauen Ursachen der 1. LE zu überprüfen. Ggf. ist ein Langstreckenflug o.Ä. für die TVT verantwortlich und die AK tatsächlich nicht adäquat. Je nach Risikofaktor gäbe es ja auch noch andere Möglichkeiten, das Thromboembolie-Risiko zu senken: Evtl. bessere Diabetes-Einstellung, ATS zur Nacht, erhöhte Trinkmenge etc. Vielleicht sich auf einen niedrigeren Ziel-IRN einigen? Insgesamt ist das Dilemma des Pat. für mich verständlich. War der Griff zu den Cumarinen in seiner individuellen Situation (schwer zu beurteilen ohne Nebenbefunde) zu voreilig? Kreative Lösungen (der Thromboseprophylaxe) finden, anstatt ein Do-or-Don't bei Incompliance!
#1 am 31.03.2017 von Andreas Schmidt (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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