Frau Sacher, die Torte und das Metall

27.03.2017
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In Zimmer 6 liegt Frau Sacher. Ich mag die Torte. Lecker, Schokolade, dazu noch Marmelade. Frau Sacher mag die Torte wohl auch. Nicht nur ab und zu. Das metabolische Syndrom lässt grüßen. Frau Sacher ist knapp 50. Die Arterien und Venen ihrer Blutbahn möchte ich gar nicht sehen.

Ob da überhaupt noch genug Blut im Gehirn ankommt? Und in den Zehen? Und die Leber erst. Ob da noch rote Farbe ist? Oder alles schon gelb? Das Herz. Eigentlich ein Muskel. Und erst das Pankreas. So viel Insulin kann das arme Pankreas gar nicht produzieren.

Die Wirbelsäule? Der geht es, denke ich, verhältnismäßig gut. So viel Östrogen hilft dem Knochen. Den Bandscheiben sicherlich nicht. Aber die Osteoporose dürfte hier vielleicht nicht Hauptthema sein. Weiter zur Lunge. Die hat ganz schön was zu atmen. Das Narkosegerät wird sich später bedanken. Endlich mal mit ein bisschen Druck arbeiten.

Magen kaputt, Haut besiedelt, Bein kaputt

Der Magen-/Darmtrakt? Wegen chronischer Überlastung geschlossen. Die Haut? Armes Ding. Niemand gibt acht auf sie. Überall gerötet, Pilze haben sich angesiedelt. Die mögen es feucht und warm. Frau Sacher spürt auch die kleinen Löcher am Zeh und am Fußballen nicht.

Apropos Füße. Ich fange an zu schwitzen. Ihr Bein ist ganz schön schwer. Da ist das Metallgestänge Nebensache. Ich spreche nebenbei in das Telefon, das mir die  Krankenschwester ans Ohr hält. „Ja, Herr Oberarzt. Sie müssen Punkt 2 auf dem OP-Plan wirklich verschieben. Frau Sacher ist gleich auf dem Weg in den OP zu Ihnen.“

Frisch operiert und gleich mal ausprobiert

Frau Sacher hat nämlich heute irgendwie vergessen, dass sie sich das Sprunggelenk gebrochen hat. Und hat sich dann gleich mal auf ihr gestern frisch operiertes und mit einem Fixateur externe versorgtes Sprunggelenk gestellt. Mit dem vollen Körpergewicht.

Deshalb halte ich jetzt ein ziemlich schweres Bein. Mit einem Metallgestänge dran, das nicht mehr da ist, wo es mal war.

 

Bildquelle: Giorgio Minguzzi, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 28.03.2017.

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Dr. med. Wurst
@13: Es ist eben gerade die spannende Frage, ob der Weg des öffentlichen Zynismus der Richtige ist, um "Betroffenheit, Belastung, Verantwortlichkeit" zu verarbeiten. Das hat nichts mit "Verstehen" zu tun (ich bin dazu lange genug im Geschäft). Sondern damit, dass, ob Blog oder nicht, ein Bild vom Arzt in die Öffentlichkeit transportiert wird, welches so manche Stereotypen bestätigt und so manche Patienten noch mehr vor dem Geschehen in Kliniken erschaudern lässt. Die Doccheck-Blogs sind nämlich gerade nicht das "Teilen von ärztlichen Begegnungen mit anderen Ärzten", sondern ein für jedermann öffentlicher Forenbereich. Ob man sich damit einen Gefallen tut, oder eher zwischen den Zeilen tief blicken lässt, wäre zu diskutieren. Mit dem imperativen Vorwurf des Unverstands von Blogs ist man zwar schnell mit dem Thema durch, es ändert aber nichts daran, dass ich nicht Ihrer Meinung bin.
#16 am 04.04.2017 von Dr. med. Wurst (Gast)
  4
Dr. med. Wurst
@14: Jedenfalls immer noch origineller, als ganz langweilig ohne Pseudonym ("Gast") aufzutreten. Ob es Ihnen zusteht, die Qualität meines Beitrags zu bewerten, kann ich nicht einschätzen. Was jedoch ganz sicher ist, dass solche arrogant-inhaltslosen Einlassungen wenig zur Sache beitragen.
#15 am 04.04.2017 von Dr. med. Wurst (Gast)
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Gast
@12 "Dr. med. Wurst" (Mettwurst) Ha, ha, ha, das Pseudonym ist ein uralter Gag von Otto Waalkes, selten so gelacht. Und der Kommentar passt auch in diese Kategorie.
#14 am 02.04.2017 von Gast
  12
25JahreKrankenhausarzt
Am allerschwierigsten scheint für manche Kommentatoren zu sein, zu verstehen, daß es sich um Blogbeiträge handelt. Daß Menschlich-Allzumenschliches, Erschütterndes, Belastendes, Persönliches und mehr dergleichen, dem ein Arzt oder eine Ärztin im Berufsalltag begegnen, mit Hilfe von zB Satire, Zynismus, Überhöhung oder schlicht Umgangssprache im Worte gefaßt und somit mit anderen Ärzten in ähnlicher Berufssituation geteilt werden kann. Wer hier Beiträge von bestechender Sachlichkeit erwartet, hat das Grundprinzip des Blogs nicht verstanden. Und wer sich gar als Patient "schlecht betreut von solchen Ärzten" fühlt - ohne Worte. Selbstbezogenheit pur. Ich schätze ärztliche Kollegen, die bewußt und ehrlich genug sind, genau solche Beiträge wie diesen Blog zu lesen und als das zu verstehen, was sie wohl ausdrücken sollen- Betroffenheit, Belastung, Verantwortlichkeit und Unmöglichkeit, in diesem Gesundheitssystem alles für alle zum Guten zu wenden.
#13 am 30.03.2017 von 25JahreKrankenhausarzt (Gast)
  8
Dr. med. Wurst
Auch auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen. Mir hat sich beim Lesen des Beitrags die ernsthafte Frage gestellt, was schlimmer für unsere Gesellschaft ist. Sich (scheinbar) vernächlässigende Patienten oder Kollegen, die sich zu subjektiven Wertungen derer veranlasst fühlen. Leider war das Ergebnis: Letzteres.
#12 am 30.03.2017 von Dr. med. Wurst (Gast)
  9
Onkomaus
Ja, im Stationsalltag erleben wir nicht immer Dinge die wir gutheißen. Aber unsere Aufgabe ist es nicht die Optik von Patienten zu bewerten, sondern ihnen Unterstützung zu geben.
#11 am 29.03.2017 von Onkomaus (Gast)
  2
@7 Wer so kommentiert, hat keine Ahnung, mit welchen Situationen man in Krankenhäusern konfrontiert wird.
#10 am 29.03.2017 von Ulrich Sallen (Arzt)
  7
Coventina
@7 Wie kommen Sie darauf, daß der Beitrag witzig sein soll? Es ist eine Schilderung der Situation. Die Auflistung der Fakten macht mich eher wehmütig und nachdenklich. Die Patientin ist in einer traurigen Situation. Gleichzeitig ist es schlicht aufgrund ihrer Ausmaße schwierig, ihr die Hilfe zukommen zu lassen, die sie gerade braucht.
#9 am 29.03.2017 von Coventina (Gast)
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Gast
Patienten problemorientiert zu beraten und auf medizinisch notwendiges Verhalten hinzuweisen ist völlig o.k. , allerdings sollten Arzt/Ärztin wie auch die Pflege sich bemühen, subjektive Wertesysteme dabei außen vor zu lassen. Das verstehe ich unter einem fairem Verhalten Patienten gegenüber.
#8 am 28.03.2017 von Gast
  1
Gast
Der Artikel ist alles andere als witzig Hoffentlich glaubt der Verfasser nicht, ein Arzt zu sein. Auch wenn er vielleicht Medizin studiert haben mag.
#7 am 28.03.2017 von Gast
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Tino-Jan Tyburski
In einem anderen Menschen steckt man nun mal nicht drin. Wer weiß denn schon was die erwähnte Dame vielleicht für Probleme / Gedanken hat, dass sie dadurch halt einfach mal ihren derzeitigen postoperativen Zustand, tja, vergessen hat.
#6 am 28.03.2017 von Tino-Jan Tyburski (Gast)
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Gast
#4 Eben. Leider habe ich es im Umfeld auch schon erlebt. Allgemein: Ich kann nicht verstehen, warum ein mitfühlender Beitrag negativ bewertet wird. Eine fachliche Meinung negativ zu bewerten ist ja okay. Aber eine mitfühlende? Warum muss dann unbedingt ein Kommentar abgegeben werden?
#5 am 28.03.2017 von Gast
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Med. Dokumentarin
#2: Da reicht eine mittelschwere Depression plus familiären Pflegefall plus Jobverlust schon völlig aus... (leider eigene Erfahrung). Meist jedoch ist es eben KEINE Faulheit, wie immer gerne unterstellt wird. Ausnahmen gibt es natürlich auch hier.
#4 am 28.03.2017 von Med. Dokumentarin (Gast)
  5
Remedias Cortes
Und das ist wieder so ein Fall von einer Patientin, die schwer chronisch krank ist und bei der scheinbar keine ärztliche Versorgung da ist, sonst hätte sie keine Löcher in den Füßen und Pilze auf der Haut. Ich sage immer, dass Problem ist, unser Gesundheitssystem ist ein Hol- System. Der Patient muss dsich seine Leistung abholen. Manchmal sogar ein Kampf- System: Der Patient muss um die Leistung kämpfen. Da sind viele überfordert. Spanien beispielsweise hat ein schlechteres Gesundheitssystem als Deutschland, die Versorgung von Chronikern klappt aber besser. Die werden nämlich in Ambulanten Zentren für ihre Erkrankung eingeschrieben und bekommen dort all ihre Termine koordiniert, von Schulung, Kontrolle bis zu krankheitsbezogener Psycho- und Physiotherapie.
#3 am 28.03.2017 von Remedias Cortes (Gast)
  11
Gast
Was mag ein Mensch erlebt haben, um sich selbst so zu vernachlässigen? Es ist leicht zu verurteilen. Doch die Betroffenheit siegt in diesem Fall.
#2 am 28.03.2017 von Gast
  6
Gast
Eine dieser Patientinnen, bei denen man sich fragen könnte, ob die umfassende medizinische Versorgung sich wirklich noch lohnt. Ich gehe jetzt mal davon aus, daß die Dame nicht aufrgrund eines postop. Psychosyndroms ihren Fuß aufgestellt hat?
#1 am 28.03.2017 von Gast
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