Freie Gesundheitsmarktwirtschaft

19.09.2009
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Da haben also einige Deutsche Krankenhäuser „Kopfprämien“ für die Zuweisung bestimmter Patienten gezahlt. Auch in der Urologie soll es solche Modelle geben oder zumindest gegeben haben. Ob die Initiative hierzu von den Kliniken oder den niedergelassenen Ärzten ausging, ist unklar und dürfte von Fall zu Fall anders sein. Beide Varianten sind denkbar: Wir, die Krankenhausabteilung, geben dir, zuweisender Arzt, als Belohnung/Anreiz eine bestimmte Summe Geld für jeden Patienten, den du uns schickst; oder: wenn ihr mir nichts bezahlt, weise ich meine Patienten eben woanders ein.

Jedenfalls ist die Aufregung groß. Und Frau Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hat ein willkommenes Thema, um von ihrer Dienstwagenaffäre abzulenken und einmal mehr korrupte Ärzte anzuprangern. Aber kaum einer hinterfragt, wie es zu solchen Bestechungssystemen gekommen ist.

Auf der einen Seite wächst der wirtschaftliche Druck auf die Klinken: Stetig steigende Ausgaben stehen weitgehend gleichbleibenden, gedeckelten Einnahmen gegenüber, so dass viele rote Zahlen schreiben. Glaubt man den Berechnungen einiger Gesundheitspolitiker, so gibt es nach wie vor in Deutschland Tausende von Krankenhausbetten zuviel. Es werden also Betten abgebaut; unrentable Krankenhäuser sollen schließen. Dies ist politisch gewollt. Da ist es – aus betriebswirtschaftlicher Sicht – naheliegend, insbesondere in Regionen mit hoher Klinikdichte ein Incentive-System für zuweisende Ärzte zu schaffen, damit diese lukrative Patienten in eigene Klinik überweisen. Schließlich sollten die Betten möglichst ausgelastet sein, um die nötigen Fallzahlen und damit DRGs zu erreichen. Denn ein Überschreiten der zuvor vereinbarten Fallzahlen bedeutet zwar nicht mehr Geld für das Krankenhaus, ein Unterschreiten aber eine sofortige Kürzung des Budgets im kommenden Jahr. Da kann man auch einen Teil der Fallpauschale abgeben, um sein Ziel zu erreichen, unter dem Strich bleibt wohl ein Gewinn. Das ist Markwirtschaft, sozusagen Payback-Punkte auf hohem (illegalem) Niveau.

Andererseits hat sich die Einkommenssituation vieler niedergelassener Ärzte allen Unkenrufen zum Trotz in den letzten Jahren so verschlechtert, dass der einzelne versucht sein mag, sich neue Einnahmequellen zu erschließen. Sei es durch das Angebot fragwürdiger IGeL oder eben im Einzelfall auch durch Bestechlichkeit. Man möge in diesem Zusammenhang die Macht der Niedergelassenen nicht unterschätzen: Der Boykott einer Klinik durch die Zuweiser kann desaströse Auswirkungen auf die Belegung haben. Denn in den meisten Fällen werden die Patienten der Empfehlung ihres Arztes folgen und dorthin gehen, wohin er sie schickt.

Dies alles rechtfertigt die gezahlten „Kopfprämien“ natürlich nicht, aber es macht verständlicher, wie sich vielleicht solche Konzepte entwickeln konnten. Und es ist gut, dass das Publikwerden dieser Bestechungsgelder solche Konstrukte zukünftig wohl unmöglich machen. Die entscheidende Frage wird sich wohl nicht oder nur sehr schwer klären lassen: Hat irgendein Patient Schaden genommen, weil er in dem einen zahlenden Krankenhaus behandelt wurde und nicht in einem anderen, welches keine Prämie überwiesen hätte? Denn genau das wird natürlich von der Presse und den Politkern unterstellt.

 

Titelbild: © Andreas Hermsdorf / PIXELIO

Artikel letztmalig aktualisiert am 04.12.2013.

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