Eine Unterschrift und ein Bein weniger

21.03.2017
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Sorgfältig und umfassend muss ein Patient über einen geplanten Eingriff aufgeklärt werden. Auch dann, wenn die Kommunikation nicht so einfach ist. Nur im Notfall darf es schneller gehen. Aber was ist ein Notfall?

„Lassen Sie den Patienten nüchtern, dann kommt er heute noch auf den Tisch!‟, sagt Oberarzt Biestig und dreht sich auf dem Absatz um. Aber dann, kurz vor dem Treppenhaus, fällt ihm noch etwas ein. „Ich geb der Anästhesie Bescheid!“

Die Anästhesie ist grundsätzlich sächlich – in Wirklichkeit  zwar meistens weiblich, aber das ist für den Kollegen jetzt egal. Er zögert eine Sekunde. Maliziöser Blick zu uns. „Sie müssen ihn natürlich noch unterschreiben lassen!‟

Damit ist er entgültig weg. Und wir haben ein Problem.

„Ich mach schon!‟, sagt Sarah und begibt sich ins Stationszimmer.

„Wenn ich ein Problem habe, dann schneide ich es raus“

Herr Schrattinger ist Diabetiker. Er hat eine tiefe Wunde am Fuß und die heilt nicht. Im Gegenteil, sie wird immer größer und sieht mittlerweile ziemlich verschmoddert aus. Aus diesem Grunde haben wir unseren chirurgischen Kollegen – den legendären Oberarzt Biestig – um Hilfe gebeten.

Dessen Entscheidung ist schnell getroffen: „Wenn ich ein Problem habe, dann schneide ich es raus! Also Amputation. Wenn ihr wollt, gerne heute noch. Das passt ganz gut, denn für im Nachmittagsprogramm ist ein großer Punkt ausgefallen, da haben wir noch Luft!“

Übersetzt aus der Chrirurgensprache bedeutet das: Eine für heute Nachmittag geplante Operation kann nicht durchgeführt werden oder muss verschoben werden, also haben die Kollegen Zeit und damit sie nicht Däumchen drehen, soll unser Herr Schrattinger dran glauben müssen.

Was, wenn die Aufklärung nicht verstanden wird?

Sarah kramt in einem Büroschrank herum. Nachdem sie mehrere Aktenordner durchwühlt hat, findet sie das richtige Aufklärungsformular, klebt ein Etikett mit Herrn Schrattinges Personalien darauf und macht sich auf zum Patientenzimmer.
Nach einer Viertelstunde kommt sie zurück.

„Und?“, frage ich.

Sarah schüttelt den Kopf.

„Was ist los?“

„Der peilt’s doch nicht!“

Nun ja, Herr Schrattinger ist kognitiv ein wenig eingeschränkt. Nicht stockdement, aber halt doch ein bisschen tüddelig. Er kann nur operiert werden, wenn er mit der Operation einverstanden ist. Das setzt natürlich voraus, dass er versteht, was die Kollegen mit ihm vorhaben. Aus diesem Grunde muss er über die geplanten Maßnahmen aufgeklärt werden, und zwar gründlich und sorgfältig.

Hierzu gibt es ein Informationsblatt, das ist mehrere Seiten lang. Dieses Blatt sollte Herr Schrattinger zunächst einmal durchlesen – was nicht so einfach ist, da er auch trotz starker Brille kaum noch etwas sieht. Natürlich kann man ihm den Text auch vorlesen und man sollte es ihm sowieso in verständlicher Sprache erklären und auf Rückfragen und Bedenken eingehen.

Unterschreiben geht auch nicht mehr richtig

Letztendlich muss der Patient dann sein Einverständnis nach gründlicher und sorgfältiger Aufklärung per Unterschrift dokumentieren. Und hier ergibt sich das nächste Problem: Herr Schrattinger ist nicht nur Diabetiker, sondern leidet dazu auch noch an Morbus Parkinson, was ihn daran hindert, einen Stift zu führen.

„Er hat gesagt, wir sollen das mit seiner Tochter klären!‟, berichtet Sarah.
Das sollten wir wirklich tun. Sich vor so einem Eingriff mit den Angehörigen kurzzuschließen, gehört schließlich zum guten Ton.

„Geht aber leider nicht!‟

„Warum nicht?“

„Die Tochter kommt erst morgen aus dem Urlaub zurück. Es gibt zwar noch einen Sohn, aber der lebt dreihundert Kilometer weit weg und er sagt, er hat mit der ganzen Sache nichts zu tun, weil er keine Vollmacht hat!“

„Dann warten wir halt bis morgen.“

„Geht auch nicht!“

„Warum?“

„Biestig macht Druck!“

Biestig macht kurzen Prozess

Ein paar Minuten später steht er plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen vor uns.
„Mensch Mädchen, mach doch nicht so einen Zinnober!‟, seufzt er, nimmt Sarah den Aufklärungsbogen aus der Hand und entschwindet in Richtung Patientenzimmer.
Sarah schmollt. Ich versuche, sie zu beruhigen.

„Glaub mir, es ist besser so! Eigentlich muss er es sowieso selbst machen! Oder hast Du wirklich eine Ahnung, wie so eine Operation genau abläuft und was dabei alles passieren kann?‟

Sarah schüttelt den Kopf.

Eine Minute später kommt Biestig zurück. Auf dem Aufklärungsbogen prangt eine Unterschrift. Wobei Unterschrift wohl ein Euphemismus ist: es ist eher ein unleserlicher Krakel. Und daneben hat Dr. Biestig in gleichfalls hieroglyphenartiger From bestätigt, dass er seinen Patienten ausführlich und umfassend aufgeklärt hat.
„Muss dass denn nicht schon von Gesetzes wegen mindestens vierundzwanzig Stunden vor der Operation geschehen?‟, will Sarah wissen.

Biestig schüttelt den Kopf. „Im Notfall muss es halt schneller gehen!‟

Und das hier ist wirklich ein Notfall?

„Warum nicht? Die Wunde ist eitrig belegt und die Entzündungswerte steigen!‟

Oberarzt Biestig ist schon wieder weg und am Abend hat Herr Schrattinger ein Bein weniger.

 

Bildquelle: fill, pixabay

Artikel letztmalig aktualisiert am 23.03.2017.

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Gast
Entscheidend ist nicht die Unterschrift. Entscheidend ist, daß der Patient auch im Notfall noch die Möglichkeit hat, Fersengeld zu geben. Der aufgeklärte Patient entscheidet, ob, wann und von wem er sich operieren lassen möchte. Auch im Krankenhaus als GKV-Patient kann er zwar nicht verlangen, daß ein bestimmter Arzt ihn behandelt. Er darf aber sagen, von dem lasse ich mich nicht behandeln.
#5 vor 35 Tagen von Gast
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Die Aufklärung für OP und Narkose muß jeweils von jemandem durchgeführt werden, der sachkundig ist. Das heißt im Regelfall von einem Chirurg oder Anästhesist. Damit sind die Internisten in diesem Falle "raus". Die "Bedenkzeit" nach der Aufklärung ist einzuhalten. Wenn es Meinungsverschiedenheiten über Notwendigkeit, Zeitpunkt und Ablauf gibt müssen Chirurg und Anästhesist darüber reden. Aber: Der Chirurg hat letztendlich den Schnitt-Entscheid! - auch über den Zeitpunkt. Er muß es im Zweifelsfalle auch verantworten. Sowohl das Ausmaß der OP, als auch deren Dringlichkeit. Der Anästhesist hat den Umständen nach bestmögliche Bedingungen für Chirurg und Patient für die OP zu schaffen.
#4 vor 36 Tagen von Dr.med Klaus Schwarzmaier (Arzt)
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Gast
Drum Augen auf bei der Tierarztwahl, es könnte auch ein Zombieveterinär darunter sein!
#3 vor 37 Tagen von Gast
  3
Gast
Meine Hündin hat auch nur noch 3 Beine , sie hatte Knochenkrebs. Weil ich ständig darauf angesprochen werde und es mich allmählich nervt, sage ich manchmal, dass war ein sadistischer Chirurg, der aus Lust und Laune meinem Hündchen das Bein abgesäbelt hat.
#2 vor 37 Tagen von Gast
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Gast
Ja, da ist es tatsächlich am besten, wenn der, der unbedingt operieren möchte, die Aufklärung selbst macht. Stellt sich nur die Frage, was "die Anästhesie" in einem solchen Falle tun sollte, immerhin gibt es ja auch eine Frist für die Narkoseaufklärung. Und wenn "die Anästhesie" hier keinen Notfall sieht, ist Knatsch angesagt...
#1 vor 37 Tagen von Gast
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