Es stinkt auf dem Flur

13.03.2017
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Ein Ausbruch von Noro-Viren ist kein Spaß. Der aggressive Magen-Darm-Keim verbreitet sich rasend schnell und hält sich an kein Gesetz. Das ist nicht fair. Weder für die Patienten noch für uns.

Es stinkt. Es stinkt bestialisch über den ganzen Flur. Schwester Paula kommt aus einem Patientenzimmer, verkleidet mit Handschuhen, Mundschutz und grünem Einwegkittel, in der Hand vor sich trägt sie eine Bettpfanne.

Kalle wirft ihr einen fragenden Blick zu. „Wer?“

Herr Chromsky!“, sagt Schwester Paula. Kalle zieht einen zerknitterten Zettel aus seiner Kitteltasche. „Das wäre dann Nummer dreizehn!“

Die dreizehnte Patientin mit Durchfall oder Erbrechen oder Erbrechen mit Durchfall oder Durchfall mit Erbrechen. Schuld ist das Norovirus. Das schlägt ganz plötzlich zu und verbreitet sich rasend schnell, nicht nur in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, sondern ab und zu auch in Luxushotels oder auf Kreuzfahrtschiffen. So eine kleine Epidemie trifft uns regelmäßig immer wieder, meist in der kühlen Jahreszeit, im Durchschnitt so ein bis zweimal im Jahr.

Hygienemaßnahmen sind jetzt das A und O

Und wenn wir die Biester an Bord haben, dann ist Schadensbegrenzung das oberste Gebot: strengste Hygienemaßnahmen sind Pflicht für alle Mitarbeiter und die betroffenen Patienten dürfen ihre Zimmer nicht verlassen. Wenn wir Glück haben, ist der Zauber nach ein bis zwei Wochen wieder vorbei. Wenn wir Pech haben, dauert es ewig. Was vor allem dann passiert, wenn sich die Patienten nicht an die Isolierungsmaßnahmen halten und munter weiter über die Flure geistern. Oder wenn der eine oder andere Mitarbeiter nicht viel von Hygiene versteht und von Zimmer zu Zimmer geht, ohne sich zwischendurch die Hände zu desinfizieren. Oder ... oder ... oder ... manchmal ist es einfach so.

Mein Diensthandy düdelt. Pfleger Marvin ist dran aus der Notaufnahme. „Chef?‟

Bin ich nicht. Aber Marvin redet mich öfter so an und wenn er das tut, dann hat er schlechte Nachrichten. „Was gibt’s?‟

„Ich hab noch einen für Euch!‟ Einen Zugang? Das ist noch nicht unbedingt eine schlechte Nachricht. „Und?“, frage ich. „Der kackt!‟

Platzmangel und Aufnahmestopp

Also Nummer vierzehn. Für seine drastische Ausdrucksweise hätte Marvin vor ein paar Monaten übrigens fast mal eine Abmahnung kassiert, als sich zufällig ein Mitglied der Geschäftsführung in die Notaufnahme verirrt hatte, aber die Sache ist im Sande verlaufen und Marvin schimpft seither nur noch heftiger auf die Tintenpisser aus der Verwaltung.

Aber jetzt muss ich mich um den neuen Patienten kümmern. Eigentlich haben wir während eines Noro-Ausbruchs einen Aufnahmestopp, aber das ist meist reine Theorie. Denn es lässt sich nicht leugnen, dass die meisten Noro-Patienten schwer krank sind. Durch Durchfall und Erbrechen haben sie Flüssigkeit verloren und wenn es sich um ältere oder chronisch kranke und fragile Menschen handelt, dann lässt sich die Situation zu Hause oder im Heim nicht adäquat kontrollieren. Im Prinzip sind die Leute also bei uns richtig. Aber wohin mit ihnen?

Schwester Paula stöhnt. „Ich habe kein Zimmer mehr frei!“ – „Könnte man nicht umschieben?“, fragt Sarah.

„Aber meine Mutter möchte in ein neues Zimmer“

Nein, das wäre fast ein Kunstfehler! Unsere allerwichtigste Aufgabe ist, die weitere Ausbreitung des Erregers zu verhindern und deshalb werden grundsätzlich keine Betten verschoben, schon gar nicht von einem Zimmer mit betroffenen Patienten in ein Zimmer, dessen Bewohner bislang noch verschont geblieben sind. Und genau das ist der Grund, warum Kalle sich gerade mit der Tochter von Frau Hanselmann streiten muss.

„Meine Mutter will in ein anderes Zimmer!“, sagt Frau Hanselmann junior.

„Das weiß ich.“

„Und?“

„Sie bleibt, wo sie ist.“

„Aber ihre Nachbarin hat Durchfall!“

„Das ist richtig.“

„Sie könnte meine Mutter anstecken!“

„Auch das ist richtig.“

„Und was dann?“

„Das wäre schade.“

„Warum machen Sie dann nichts?“

„Weil wir unsere anderen Patienten nicht gefährden dürfen. Auch wenn Ihre Mutter noch keinen Durchfall hat, könnte sie andere Patienten anstecken. Deswegen können und dürfen wir sie nicht in ein anderes Zimmer verlegen. Höchstens in ein freies Einzelzimmer. Aber wir haben leider keines.“

Noroviren sind unfair – für alle Beteiligten

„Dann setzen Sie meine Mutter also absichtlich dem Risiko aus? Das ist unfair!“

Ja, es ist unfair. Diese ganze Sache ist unfair. Unfair für Frau Hanselmann, unfair für Herrn Chromsky und die anderen betroffenen Patienten. Und unfair für uns. Zwei Pflegekräfte hat es schon erwischt.

Kalle hat seine Ruhe nicht verloren. Gemächlich schlendert er über den Flur. Er pfeift. Die Melodie erinnert ein wenig an „Wir lagen vor Madagaskar“.

 

Bildquelle: discosour, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 15.03.2017.

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Gast
An #16: Geläufiger vielleicht, aber praktisch falsch. Schwestern gibt es wohl heute zumeist an konfessionellen Häusern. Die Mehrheit der Pflegefachkräfte sollten heutezutage als Herr X und Frau Y angesprochen werden. Oder Vorname und "Sie". Aber die Schwester hat sich eben eingebürgert und bei dem derzeitigen durchschnittlichen Alter des Patientengutes wird sich das auch nicht mehr ändern.
#17 am 23.03.2017 von Gast
  0
Gast
An 15: also Schwester Maria ist viel geläufiger als Gesundheitspflegerin Maria....und ja, auf Normalstation sind die Schwester meist nur mit Vornamen auf dem Schildchen unterwegs, natürlich Med. Einrichtung und genaue Berufsbezeichnng sind noch drauf..
#16 am 23.03.2017 von Gast
  0
Die zeitgemäße Anrede lautet Frau A und Herr B..Auf dem Namesschild stehen Vorname und Hausname,sowie die Berufsbezeichnung.
#15 am 16.03.2017 von Martina Kuhlbusch (Anästhesieschwester)
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Bei uns im KH ist es so, dass jüngere Noropatienten wirklich nach Hause geschickt werden. Da bei jungen Menschen Komplikationen unwahrscheinlicher sind, behalten sie nur Leute ab 60 Jahren und Chroniker da. Und Abteilungen wie die Psychiatrie werden wirklich geschlossen ( scheint ein Wortspiel, ich meine aber, dass die Patienten alle entlassen werden. ) Und dann kommt es auf die Klinik an. In einer Privatklinik hatte ich durch Pregabalin Durchfall - und man wollte mich sofort isolieren, Einzelzimmer, Besuchsverbot. Ich musste die Ärzte wirklich überzeugen, dass das bei mir eine Nebenwirkung war (mir ging es auch gut und mir war nicht übel)
#14 am 16.03.2017 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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Gast X
@12: Tja, darüber könnte man jetzt streiten... aus eigener Erfahrung sowohl im mobilen Pflegedienst als auch aus meinen Erfahrungen als pflegende Angehörige kann ich berichten das die Pflege eines Durchfallpatienten zu Hause auch bei größter Anstrengung selten das Niveau einer klinischen Pflege erreicht... und das obwohl durch Überbelegung und Personalmangel auch die Pflegekräfte in der Klinik auch gezwungen werden Abstriche bei der Versorgung zu machen und gegen ihre Überzeugung die Qualität ihrer Arbeit zu reduzieren... alleine die Ausstattung mit dem entsprechenden Arbeitsmaterial macht einen gewaltigen Unterschied und einen immobilen Patienten rund um die Uhr allein zu Hause ohne Pflegebett, Hilfsmittel usw. alle 2 Stunden frisch zu machen hält man ohne Ablöse nicht lange durch...
#13 am 16.03.2017 von Gast X (Gast)
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Gast
Ich hatte im Januar selbst eine Noroviren-Infektion überstanden. Sehr schlimm!! Allerdings ist die klinische Hygiene ein grosses Problem in allen Krankenhäusern, und... es sind wie erwähnt, nicht nur die multiresistente Keime. Man glaubt tatsächlich, dass das Personal in stationären Einrichtungen sich an Hygieneregeln hält. Aber dass stimmt überhaupt nicht!
#12 am 16.03.2017 von Gast
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Gast
#9: Weil die pflegerische Versorgung auf einer Normalstation, insbesondere noch mit sehr vielen Iso-Zimmern so gut ist? Das erlebe ich anders...
#11 am 16.03.2017 von Gast
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Gast
Meine Tochter hat vor einigen Jahren etwas verschluckt und es musste aus der Speiseröhre geholt werden. Nach der OP kam sie in ein Zimmer zu einem kleinen Patienten, der vom Sofa gepurzelt war und danach gespuckt hatte. Der Arzt vermutete aber schon, dass es wohl eher Magen-Darm wäre. Normalerweise hätten wir noch über Nacht bleiben sollen, abends kam aber der Arzt und meinte, wir könnten jetzt schon nach Hause, da es meiner Tochter gut ging. Bei dem anderen Kind auf dem Zimmer hätte sich aber der Magen-Darm-Verdacht bestätigt und sie hätten kein Zimmer mehr frei, auf dem niemand infiziert wäre. Wir sind also nach Hause gegangen. Ein paar Tage später hatte meine Tochter Durchfall und Erbrechen... Also #4, lassen Sie mal die Kirche im Dorf, wenn Sie ihre Mutter heim holen, dann steckt die eben zu Hause alle anderen an. Ausgezeichnete Alternative!
#10 am 16.03.2017 von Gast
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Gast X
Wer sich einbildet etwas gutes zu tun indem er seine Angehörigen nach Hause holt dem sei gesagt dass er damit nicht nur erstens: eine Ansteckung der ganzen Familie riskiert; zweitens: wenn man einen Noro-Patienten zu Hause pflegt ist dort die Möglichkeit einer adäquaten Versorgung incl. Isolation, regelmäßiges Untersuchen des Abdomens und Vitalzeichenkontrolle, Intravenöse Flüssigkeitssubstitution bei Exsikkose usw. deutlich schlechter als in der Klinik, drittens: wenn ein Patient so fit ist dass er nur deswegen nach Hause geholt werden kann dann frage ich mich ernsthaft was er überhaupt noch in der Klinik verloren hatte...
#9 am 16.03.2017 von Gast X (Gast)
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Gast X
So unlogisch das jetzt vielleicht klingt, aber ein Patient der sich mit einem infektiösen Noro-Patienten ein Zimmer (und eine Naßzelle) teilt ist NICHT gesund! Er könnte sich bereits infiziert haben, nur weil er selbst noch keine Symptome hat bedeutet das nicht dass er andere nicht anstecken kann. Das ist natürlich immer unangenehm aber wenn kein Einzelzimmer zur Verfügung steht (und während der Noro-Zeit ist in den meisten Kliniken NIE ein Einzelzimmer frei!) in dem er untergebracht werden bis sichergestellt ist dass er nicht erkrankt ist nun einmal die einzige Option ihn in seinem Zimmer zu belassen. Das mag jetzt vielleicht Patienten und Angehörige verärgern oder verunsichern, aber da die Exposition zu diesem Zeitpunkt bereits stattgefunden hat spielt es auch in den meisten Fällen keine Rolle mehr weil man es durch eine Verlegung in ein anderes Zimmer oder ein Mitnehmen nach Hause nicht rückgängig machen kann.
#8 am 16.03.2017 von Gast X (Gast)
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Liebe Leute, danke für die Kommentare! Was ich mit meinem Beitrag ausdrücken will, ist: natürlich würden wir die nicht erkrankte Patientin gerne in ein leeres Einzelzimmer legen - wenn wir eins hätten. Aber in so einer Ausbruchssituation sind wir voll bis unters Dach, bekommen ständig neue - infektiöse - Patienten zugewiesen, und wir können auch manchen nicht entlassen (obwohl wir das gerne würden), da die Heime sich weigern, Patienten mit Durchfall zurück zu nehmen. Was sollen wir tun? Einfach sagen: "Aufnahmestopp!", wäre schön.... geht aber leider nicht!
#7 am 16.03.2017 von Medizynicus Medizynicus (Arzt)
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Gast
#4: Kohortenisolation heißt sicherlich nicht, eine nicht-erkrankte Patientin mit einer erkrankten Patientin einzusperren. Wäre das meine Mutter, würde ich sie nach hause holen.
#6 am 16.03.2017 von Gast
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Schwester ist also nicht mehr zeitgemäß? Wie nennt man bei Ihnen denn die Paula?
#5 am 15.03.2017 von Bruno Leckerli (Medizinjournalist)
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Martina, lang nicht auf Station gearbeitet? Sie muss im Zimmer bleiben, Kohortenisolation! Lg. Sabine auch Anästhesiefachpflegekraft arbeitet auf Demenzstation
#4 am 15.03.2017 von Sabine Berthel (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Richtig,Hygiene ist das A und O.Und deshalb kann" Schwester" Paula(übrigens keine zeitgemäße Anrede mehr)auch nicht mit Ihrer kontaminierten Schutzkleidung aus dem Zimmer rennen,denn so wird der Norovirus schön verbreitet.Einen noch nicht Infizierten im Zimmer eines Erkrankten zu belassen ist grob fahrlässig.Der Patient muss vom Erkrankten getrennt werden und in einem Einzelzimmer isoliert werden,bis feststeht ,daß er nicht erkrankt ist.Wenn kein Einzelzimmer frei ist,muß ggf. ein anderer Bettenplatz gesperrt werden.Man kann doch nicht in Kauf nehmen,daß sich jemand infiziert.Brechen in einem Zimmer MRSA, TBC oder andere Keime,die auch aerogen übertragen werden,aus,müssen die Patienten ja auch getrennt werden. In Ihrem Krankenhaus möchte ich kein Patient sein(und auch keine Pflegekraft).
#3 am 15.03.2017 von Martina Kuhlbusch (Anästhesieschwester)
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Hygiene ist das A und O - nicht nur, wenn gerade "so eine kleine Epidemie" Sie mal wieder trifft.
#2 am 15.03.2017 von Dr. med. Bodo Mees (Zahnarzt)
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Gast
Also lieber zuhause bleiben und dort sterben....
#1 am 15.03.2017 von Gast
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„Prost, Herr Doktor!‟, sagt Herr Wiesmüller fröhlich und nimmt einen tiefen Schluck aus seiner mehr...
„Hallo, Herr Doktor!“
 Keine Chance, zu entrinnen! Frau Dombüchler Junior hat sich in der Mitte des Flurs mehr...
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