Wenn der Kinderarzt sich Sorgen macht

11.03.2017
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Wann kommen auch Kinderärzte ins Schwitzen, welche Symptome lassen uns aufhorchen, bei welchen Auskünften müssen auch die Arzthelfern am Telefon reagieren?

Alle Welt spricht in der Notfallbehandlung und den Ambulanzen vom Triage-System: Also der Einschätzung, ob eine ambulante Vorstellung sehr dringend, weniger dringend oder: „Naja, das ist ja nicht wirklich ein Notfall“ ist. Manchmal wird es auch das „Ampel-System“ genannt, weil rote, gelbe und grüne Farben vergeben werden, um die Dringlichkeit einer Behandlung anzuzeigen.

Dem sehr ähnlich sind die „Red Flags“, die sich in vielen Symptombeschreibungen finden, also Krankheitszeichen, die in der Aufmerksamkeit des Mediziners knallrote Fahnen schwenken: Achtung! Gefahr!

Ich versuche, meinen fMFA diese roten Fahnen zu vermitteln: Eltern rufen ja meist vorher an, weil sie einen Termin brauchen, und die fMFA sollte dann bereits am Telefon entscheiden, wie kurzfristig dieser vergeben werden muss (oder ob vielleicht eine Beratung am Telefon ausreicht – gibt’s ja auch). Jedes Krankheitsbild hat da so seine Spezialitäten, aber ein paar Nummer Eins-Red-flags, also Rote Flaggen mit Blink- und Blaulicht gibt es sicher noch obendrauf.

Hier ein paar Dinge, die auch den Kinderarzt schwitzen lassen. Wann machen wir uns wirklich Sorgen?

Wer Eltern am Telefon hat, sollte immer, immer und immer nach dem Alter des Kindes fragen. Handelt es sich um einen Säugling (also bis zum ersten Geburtstag, noch dringlicher wird es unter sechs Monaten), wird der Patient immer schneller einbestellt, als ein größeres Kind. Nicht nur, weil meist die Eltern besorgter sind, sondern weil die klassischen Symptome bei vielen Krankheiten unklarer sind. Wenn kleine Babys Fieber haben (üver 38,5 °C rektal), ist meist was im Busch.

Völlig klar. Kinder mit Schmerzen sollten das nicht aushalten. Aber es gibt ja so gute Mittel wie Paracetamol und Ibuprofen (umso erschreckender, dass Kinder bei uns vorgestellt werden, die „schon die ganze Nacht Ohrenweh“ haben und immer noch nichts bekommen haben).

In diesem Post geht es aber um Schmerzen, die die Kinder derart einnehmen, dass auch Analgetika nichts mehr ausrichten können. Schmerzen an Kopf, Bauch, Rücken, nach Stürzen. Kinder, die sich nicht mehr beruhigen, Säuglinge, die nichts mehr trinken wollen, große Kinder, die sich vor Schmerzen nicht mehr bewegen, auch die stillen Kinder – zum Doktor.

„Herr Doktor, mein Kind bekommt gar keine Luft“. Das hören wir oft und ist aus Sicht der Eltern ein weites Feld.

Achten sollte man vielmehr auf fehlende Stimme: wieder die Säuglinge, die nicht mal mehr schreien, sogenannte Einziehungen, also sichtbare Atmung an den Rippen oder oberhalb des Brustbeins, sehr schnelle Atmung und quietschende oder feinknisternde Geräusche.

Schließlich können Atemprobleme zu starker Blässe oder Dunkelverfärbung des Gesichtes führen (Zyanose), auch darauf sollten Eltern achten.

Nichtansprechbarkeit, Lethargie, Bewusstlosigkeit, Schläfrigkeit, Synonyme gibt es viele. Dies ist ein absolutes Alarmzeichen, egal in welchem Alter. Klar sind kranke Kinder müde, wenn sie aber nicht erweckbar sind, sich gar nicht mit Spielen oder Ablenkung aufmuntern lassen, darf das zu Denken geben.

Hier sind nicht irgendwelche Pickelchen gemeint, auch nicht Ausschläge bei Windpocken, Ringelröteln oder Scharlach. Es gibt eigentlich keine dermatologischen Notfälle.

Ausschläge, vor denen wir Angst haben, sind „Petechien“ (Einblutungen in die Haut), erkennbar daran, dass Druck auf die Haut die Rötungen nicht verschwinden lassen, sie blasst nicht ab. Petechien können eine schwere Sepsis anzeigen, wie sie bei Hirnhautentzündungen vorkommen. Ein Notfall.


Der Praxisalltag

Diese Red Flags sind in absteigender Häufigkeit aufgeschrieben, fiebernde Säuglinge sind beinahe Tagesgeschäft, während das fiese Exanthem bei Meningokokken-Sepsis eine große Ausnahme ist, dennoch sind meine fMFA bei all diesen Kindern bemüht, am gleichen Halbtag noch einen Termin zu geben.


Für Eltern, deren Kinder o.g. Auffälligkeiten zeigen: Anrufen, Dringlichkeit mitteilen, auf einen Termin bestehen. Diese Red Flags bedeuten nicht, dass tatsächlich etwas Schlimmes vorliegt, im Gegenteil: Meist können wir eine ernsthafte Krankheit ausschließen und den Kindern gut helfen. Aber eine Abklärung ist unumgänglich. Ist der Kinderarzt nicht erreichbar, fahrt in die nächstgelegene Notfallklinik oder – insbesondere bei Atemnot, Nichtansprechbarkeit oder der Hirnhautentzündung – wählt die 112.


Können wir die aufgelisteten Symptome auch umgekehrt betrachten?

Klar! Ein Kind, dass zwar krank ist, aber ... – ... klein ist, noch gut trinkt oder isst, kein Fieber hat,
 ... über keine Schmerzen klagt, also auch lacht und spielt,
 ... ganz ruhig atmet, z.B. auch durch die Nase oder mit Schnuller im Mund,
 ... adäquat reagiert, antwortet, seinem Spielzeug nachgeht oder sich ablenken lässt vom Kranksein,
 dürfte insgesamt zwar krank, aber nicht lebensbedrohlich erkrankt sein.

Ein Anruf beim Kinderarzt kann da die Nerven beruhigen, Tipps von der fMFA abholen kann ja nie schaden. Im Zweifelsfall schaue ich das Kind aber gerne an.

Grüße

kinderdok.

 

Nebenbei: Diese Dinge sind – logisch – international. Claire McCarthy (@drClaire) schrieb unlängst ein ähnliches Posting (englisch) aus ihrer Notfallsprechstunde, ich habe meine Beitrag an ihren Artikel angelehnt.

 

Bildquelle: Rutger van Waveren, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 13.03.2017.

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Medizin, Pädiatrie
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Ach ja, behinderte Kinder sind noch einmal ein ganz spezielles Problem.
#4 am 29.03.2017 von Dr. med. Bodo Mees (Zahnarzt)
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Besonders problematisch sind auch Unfälle von Kindern. Da versuchen die, die dabei gewesen oder verantwortlich sind, gerne etwas zu vertuschen/verschweigen. Darüber könnte ich Bücher schreiben.
#3 am 29.03.2017 von Dr. med. Bodo Mees (Zahnarzt)
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Gast
Immer wieder: Danke. Einfach und gut erklärt, ruft Wissen ins Bewusstsein und erinnert an "Vergessenes" .
#2 am 14.03.2017 von Gast
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Angehöriger einer Patientin
Es hat jetzt nicht direkt mit Kinderarzt zu tun, aber es kommt nicht nur darauf an welche Symptome einzeln kritisch sind, sondern welche in Kombination im schlimmsten Fall lebensgefährlich sein können. Die Symptome Kopfschmerzen, Erbrechen und Durchfall können etwas harmloses sein wie die Notrufzentrale, Bereitschaftarzt und anfangs Klinik bei meiner Mutter vermuteten. Erst ein 4 Stunden nach dem 1. (von 2) Notruf aufgenommenes CT bewies den schwerstmöglichen Fall: Hirnblutung. Wie bereits in einem anderen Beitrag erwähnt hat dieses Ignorieren des Worst-Case-Scenario bislang fast 3 Jahre Wachkoma bei meiner Mutter zur Folge.
#1 am 13.03.2017 von Angehöriger einer Patientin (Gast)
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