Des einen Leid, des anderen Wohnung

28.02.2017
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Frau Bedomeit muss ins Pflegeheim. Ihre günstige Dreizimmerwohnung in bester Lage muss sie aufgeben. Schwester Jenny hat eine Freundin, die dringend eine bezahlbare Unterkunft sucht. Ist es ein Verbrechen, diese Information auf dem kleinen Dienstweg weiterzugeben?


Eine Minute lang himmlische Ruhe. Kein Diensthandygebimmel, kein Patient, kein Angehöriger, kein Irgendwer, der etwas von mir will und bis zur Visite ist noch ein bisschen Zeit. Manchmal gibt es sowas, sogar mitten am Tag. Ich schlurfe zur Küche, um mir eine Tasse Krankenhauskaffeeplörre zu holen. Da sitzt Jenny, ohne Kaffeeplörre, dafür mit Telefon. 


„Ruf am besten heute noch an, bevor es ein anderer macht!“

„Bahnhofsstraße drei,“ sagt sie, „erster Stock, aber du musst schnell sein!“ Nein, ich belausche normalerweise nicht fremde Leute beim Telefonieren. Aber erstens ist Schwester Jenny nicht fremd und zweitens spricht sie so laut, dass man es nun wirklich nicht überhören kann und drittens habe ich gerade keine Hände frei, um mir die Ohren zuzuhalten.

„Ruf am besten heute noch an, bevor es ein anderer macht!“ – Moment mal?

„… aber sag nicht, dass du es von mir hast. Ich weiß von nichts!“

Was macht die Krankenakte da auf dem Tisch? Die gehört zu Frau Bedomeit. Frau Bedomeits Akte habe ich schon seit Stunden gesucht, die brauche ich nämlich, weil ich den Entlassbrief fertig machen muss.

„Du gestattest?“

Jenny nickt. Sie hat das Gespräch beendet und steckt das Handy wieder weg. Ich nehme die Akte an mich und stutze, als ich den Aufkleber mit den Personalien entdecke: Bedomeit, Paula, Bahnhofstraße drei.

„Sag mal, willst du da einbrechen gehen?“

Jenny schüttelt den Kopf. „Die Wohnung wird doch frei!“

Ein Platz im Heim macht Platz für Julia

Frau Bedomeit ist fast schon neunzig und ziemlich dement. Übermorgen wird sie entlassen. Bislang hat sie es noch geschafft, sich alleine zu versorgen. Oder was man halt so dafür hält. Immer wieder ist sie bei uns gelandet, weil es wohl doch nicht geklappt hat. Die einzige Tochter ist inzwischen auch schon über siebzig. Jetzt haben wir sie davon überzeugen können, zusammen mit unserem Sozialdienst einen Platz in einem Heim zu organisieren. Tochter und Enkel wollen dann demnächst die alte Wohnung auflösen.

„Es ist wegen Julia…“, druckst Jenny herum.

„Wer ist Julia?“

„Meine beste Freundin. Und die sucht dringend eine Wohnung!“

„Und?“

„In der Bahnhofstraße drei wird ja demnächst eine frei!“

„Hör mal, du kannst doch nicht–“

„Warum nicht? Julia soll am besten heute noch bei Frau Bedomeits Tochter anrufen und nach der Nummer vom Vermieter fragen. Wenn sie sich dort sofort meldet, bevor der die Wohnung an einen Makler gibt, haben doch alle gewonnen!“


„Wieso?“

Win-Win vs. Schweigepflicht

„Julia hat dann vielleicht schon vom nächsten Ersten an eine Wohnung. Familie Bedomeit braucht sich nicht um die Kündigungsfristen zu kümmern und muss nicht noch drei Monate lang Miete zahlen. Sie brauchen noch nicht einmal zu renovieren, das würde Julia schon selbst machen, zusammen mit ihrem Freund. Der Vermieter hat keinen Leerstand und braucht sich nicht um den Makler zu kümmern. Nur der Makler schaut in die Röhre!“

„Aber … gibt's da nicht so etwas wie eine Schweigepflicht?“

Jenny lacht.

„Ich hab doch gar nichts gesagt. Die Julia hätte es doch auch von den Nachbarn erfahren können. Hat sie ja auch vielleicht. Wer weiß …“

Ich zapfe mir endlich einen Becher Kaffeeplörre und gebe reichlich Zucker und Milch hinein.

„Hör mal Jenny, machen wir uns nichts vor: Deine Julia profitiert von Informationen, an die sie nicht gelangt wäre, wenn nicht du in deiner Eigenschaft als Krankenschwester–“

Jenny unterbricht mich.

„Weißt du, wie wenig wir hier verdienen? Nein? Dann halt doch einfach das Maul! Irgendeinen Vorteil müssen wir doch haben, dafür, dass wir hier dementen Omis den Hintern abwischen. Wenn wir es uns schon nicht leisten können, einen Makler zu bezahlen!“

Damit verlässt sie den Raum, bevor ich irgendwas erwidern kann.
 

Bildquelle: Torsten Scholz, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 07.03.2017.

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Gast
Unrichtig ist, daß der zukünftige Mieter den Makler bezahlen muß. Das ist jetzt gesetzlich geändert: wenn der Vermieter den Makler beauftragt, ist er auch für dessen Honorar zuständig.
#23 vor 17 Tagen von Gast
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Gast
Ergänzung zu #21: Ich liebe meinen Beruf sehr und wer der Meinung ist, Pflege sei halt "Arschabwischen", der hat entweder keine Ahnung vom Pflegeberuf, hat extrem fürchterliche Arbeitsbedingungen oder macht grundlegend etwas völlig falsch. Professionelle Pflege ist, wenn man's richtig macht, ein wunderschöner, multidimensionaler, anspruchsvoller und geistig fordernder Beruf. Jammerschade, dass es so viele Jennys gibt.
#22 vor 19 Tagen von Gast
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Gast
Mir geht dieses Gejammer über das liebe Geld so dermaßen auf den Keks... Ich bin Krankenschwester (in einer Klinik, werder privat- noch uni-), arbeite 75% und bekomme (je nachdem wie die Schichtzulagen aussehen) ca 1800€ netto. Gut, ich bekomme Intensivzulage- aber soo fürchterlich schlecht wie immer getan wird ist das definitiv nicht (Steuerklasse 1). Besser verdienen tun mit dreijähriger Ausbildung wirklich nicht viele; die Meisten deutlich weniger.
#21 vor 19 Tagen von Gast
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Physiotherapeutin
Dass eine Verletzung der Schweigepflicht nicht geht, ist keine Frage. Das hätte man einfach über die Tochter klären können. Was mich gerade mehr überrascht ist die Stimmung in den Kommentaren hier gegenüber den Pflegekräften... da fällt mir nix mehr zu ein.
#20 vor 20 Tagen von Physiotherapeutin (Gast)
  1
Gast
#12 Auch die Berufung ist nicht immer freiwillig...
#19 vor 20 Tagen von Gast
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Gast
korrekter wäre gewesen, der tochter oder dem enkel die kontakdaten der freundin zu geben
#18 vor 20 Tagen von Gast
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Stationsarzt
Wow, kann so was in der Realität auch passieren? Wirklich? Und seit wann schaue ich beim Diktat vom Entlassbrief auf die blöde Adresse? Brauche doch nur den Hausarzt!
#17 vor 20 Tagen von Stationsarzt (Gast)
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Ärztin
@ Gast 16: Doch an die Schweigepflicht ist auch das Pflegepersonal gebunden, jedes in einer Klinik oder Praxis angestellte Personal bis zur Reinigungskraft, ausnahmslos!
#16 vor 20 Tagen von Ärztin (Gast)
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Also ich finde die Leichtigkeit interessant mit der hier viele finden, dass die persönliche Information (Adresse) der Patientin ruhig weitergegeben werden darf. Schweigepflicht nach eigenem Ermessen? Und es geht eben ganz klar nicht ausschließlich um medizinische Informationen, sondern alles was den persönlichen Bereich eines Patienten betrifft. Der Klassiker: Würden Sie einen Hebel umlegen, um einen Zug umzuleiten, der entweder eine Gruppe oder einen einzelnen Menschen töten wird? Ja? Okay. Würden Sie auch den einzelnen Menschen auf die Gleise schubsen? Nein? Warum nicht? Bei der Hebelfrage stirbt er doch auch? Wo ist der Unterschied? Die entscheidende Frage: Wo soll es hinführen, wenn jetzt schon die Schweigepflicht dergestalt aufgeweicht wird? Und offenbar war Schwester Jenny sich ihres Fehlverhaltens bewußt, denn sonst hätte sie wohl kaum ihre Freundin zum Schweigen (lustig oder?) verpflichtet.
#15 vor 20 Tagen von Elena Claussen (Heilpraktikerin)
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Gast
Schweigepflicht bei Pflegekräften existiert nicht.
#14 vor 21 Tagen von Gast
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Eindeutiger Bruch der Schweigepflicht meiner Meinung nach... Wer Geld verdienen will, soll in die freie Wirtschaft. Die Schwester hat so entschieden und dafür hat sie nunmal die REchnung zu tragen bzw. die ABrechnung.
#13 vor 21 Tagen von Christian Czubacki (Psychologe)
  15
Es fallen 2 Dinge auf: die Schweigepflicht wird arg in Mitleidenschaft gezogen um Vorteile daraus zu ziehen. Und eine leider häufig anzutreffende menschenverachtende Haltung des medizinischen Personals gegenüber den Patienten. Da fragt man sich warum sie den Beruf gewählt hat wenn sie den Lohn nur als unzureichende Entschädigung für seine verhasste Arbeit macht. Beruf kommt übrigens von Berufung.
#12 vor 21 Tagen von HP Annette Uebach (Heilpraktikerin)
  16
Gast
Schweigepflicht bezüglich der Gesundheit der alten Dame, ja auf jeden Fall. Schweigepflicht über persönliche Daten wie auch die Anschrift, ja auch, aber hier abgewogen. Gegenüber Firmen oder Fremden, die auf Kosten der alten Frau oder der Familie Porfit schlagen, auf jeden Fall. Hier aber wird einem Menschen geholfen und gleichzeitig auch der Familie - vermutlich geholfen. Geschadet wird niemandem. Warum also nicht. Der Tonfall am Ende ist nicht schön, aber wohl öfter Realität als viele wahr haben wollen; man sollte sich erstam den in Banken anhören, wenn gerade kein Kunde am schalter ist...
#11 vor 21 Tagen von Gast
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Ärztin
Schweigepflicht ist und bleibt Schweigepflicht und basta! Ob jemand durch die Verletzung Schaden nimmt oder nicht spielt keine Rolle. Da die Patientin Angehörige hat, die nun für sie entscheiden könnte Jenny die ja auch einfach fragen ob sie die Info an ihre Kollegin weitergeben darf...vielleicht wären sie sogar dankbar dem Vermieter einen unkomplizierten Nachmieter präsentieren zu können...
#10 vor 21 Tagen von Ärztin (Gast)
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Gast
Verständlich, aber leider die Nutzung von Insiderinformationen. Jenny hätte direkt die Tochter ansprechen müssen und bei Einverständnis der Tochter direkt den Vermieter ansprechen können. Immerhin könnte die Tochter ja auch einen Interessenten haben. Aber: entscheiden wer die Wohnung bekommt, entscheidet NUR der Vermieter. Und Makler - man überlege: zwei Monatsmieten nur für die Weitergabe einer Information? Finde ich reichlich! Muss man heute auch nicht mehr machen. Gibt ja Internet!
#9 vor 21 Tagen von Gast
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Ich finde schon das die Schweigepflicht gebrochen wurde. Aber die Krankenschwester hätte ja selber bei der Tochter anrufen können und fragen können was aus der Wohnung wird und das Sie jemanden hätte der eine Wohnung sucht
#8 vor 21 Tagen von Cordula Bartloff (Heilpraktikerin)
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Gast
Ich habe etwas dagegen, daß jeder selbst entscheidet, wo die Schweigepflicht anfängt oder endet. Wenn wir so weit sind, ist die Korruption auch nicht mehr weit.
#7 vor 21 Tagen von Gast
  2
Gast
...genau, Vitamin B hat man da schon mal dazu gesagt...
#6 vor 21 Tagen von Gast
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War das jemals anders?
#5 vor 21 Tagen von Annika Diederichs (Tierärztin)
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Medizinischer Laie
Da die demente Frau oder ihre Angehörigen nicht geschädigt werden stört mich die Weitergabe der Information nicht. Zumal die Freundin die zuerst die Angehörigen kontaktieren soll und nicht direkt den Vermieter. Die abfällige Bemerkung zum Schluss hatte die Krankenschwester aber ruhig lassen können. Das zeugt von schlechter Einstellung ihren Patienten gegenüber.
#4 vor 21 Tagen von Medizinischer Laie (Gast)
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Ich schließe mich meinem Vorschreiber oder Vorschreiberin an, ein bisschen Respekt und Verständnis vor dem Elend anderer Menschen, denen man/frau schließlich das eigene tägliche Brot verdankt, würde ich Kollegin Jenny oder wie auch immer sie heißen könnte wünschen!
#3 vor 21 Tagen von Ute Zemaitis (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Gast
Daß man als Krankenpflegekraft nicht viel verdient, hätte die Jenny ja auch mal vorher herausfinden können. Oder reicht es nur zum Arschabwischen bei dieser Frau?
#2 vor 21 Tagen von Gast
  19
Gast
Absolut nichts dagegen, dass die Wohnung ohne Makler einen neuen Mieter findet. Aber sehr viel haben ich gegen die Gossensprache: "... dementen Omis den Hintern abwischen" u.ä.
#1 vor 21 Tagen von Gast
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„Lassen Sie den Patienten nüchtern, dann kommt er heute noch auf den Tisch!‟, sagt Oberarzt Biestig und dreht mehr...
Es stinkt. Es stinkt bestialisch über den ganzen Flur. Schwester Paula kommt aus einem Patientenzimmer, verkleidet mehr...
Frau Bedomeit schreit. Das ist über den ganzen Stationsflur zu hören, obwohl die Zimmertür natürlich geschlossen mehr...

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