Von Scharlatanen und Wunderheilern

17.12.2008
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Fast jeder, egal ob Arzt oder (meist betroffener) Patient, hat schon -- in der Regel in anekdotischer Form -- von Fällen gehört, in denen sich Tumoren auf scheinbar wundersame Weise zurückgebildet haben oder Menschen deutlich länger gelebt haben als prognostiziert. Verständlicherweise sind dies Fälle, auf die vor allem Krebspatienten mit infauster Prognose manchmal all ihre Hoffnung setzen und die den Wunsch nach irgendeiner erfolgversprechenden Therapie wecken. Denn die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, und das ist ja auch gut so. Wer möchte schon ohne Hoffnung leben?

 Diese seltenen Fälle scheinbar überproportional langen Überlebens resultieren natürlich zum Teil aus der von uns Medizinern so hoch geschätzten Statistik: Die sogenannte 5-Jahres-Überlebensrate ist eben nur ein statistischer Mittelwert, das heißt, es haben auch Patienten kürzer, aber eben auch länger mit ihrer Krebserkrankung überlebt. Der Wert sagt also über den einzelnen Patienten im Grunde nichts aus. Aus diesem Grund hüte sich mich auch, Patienten eine individuelle Prognose (im Stil: "Herr So-und-so, Sie haben noch fünf Monate") zu stellen. Weder hilft es dem Patienten, noch wird es in den meisten Fällen wirklich korrekt sein. Natürlich bespreche ich anhand der jeweiligen Befunde die statistischen Zahlen, weise aber auch darauf hin, dass dies eben nur Richtwerte sind.

Leider begegnen mir aber immer wieder Patienten, bei denen (meist selbsternannte) Spezialisten, sowohl aus dem medizinischen als auch dem paramedizinischen und esoterischen Bereich, aus der Hoffnung auf ein verlängertes Überleben oder gar eine Heilung finanziellen Profit schlagen, manchmal bis zum Totenbett. Das Spektrum reicht von Handauflegen über Edelsteintherapie bis hin zu fragwürdigen Nahrungsergänzungspräparaten mit Vitaminen und Spurenelementen und natürlich vieles mehr.

Solche diätetischen Präparate (eben keine Medikamante!) werden auch von einem umtriebigen Professor der Radiologie aus dem Ruhrgebiet teuer verkauft. Ich kann mich an einen Patienten mit Prostatakarzinom erinnern, der von diesem sogenanntenVetreter der ganzheitlichen Medizin dubiose Präparate mit Selen und anderen Zutaten für viel Geld erworben hatte. Wirksamkeit mehr als fragwürdig und alles andere als wissenschaftlich belegt.

Aber auch Urologen sind hier gewinnstrebend tätig: Ein anderer Patient mit einem metastasiertem Prostatakarzinom hatte sich in Heidelberg auf eigene Kosten, da seine gesetztliche Krankenkasse die Kosten nicht übernahm, einer Behandlung der Prostata mit hochintensivem fokussiertem Ultraschall (HIFU) durch angebliche Spezialisten unterzogen, welche schon bei einem lokal begrenztem Karzinom fragwürdig und nicht leitlinienkonform ist, bei Metastasen aber überhaupt keinen Sinn macht. Nun wunderte er sich, dass sein PSA-Wert nicht absank. Was soll man da sagen?

Von sogenannten Wunderheilern will ich gar nicht erst sprechen.

Der Wunsch nach alternativer Medizin ist insbesondere bei Todkranken verständlich. Und wenn ein Patient über die reine Schulmedizin hinaus etwas tun möchte, so sollte man ihn nicht immer davon abhalten. Und sei es nur für die Psyche. Es sollte jedoch stets in Absprache mit seinem behandelnden Arzt geschehen, um ihn vielleicht vor einer Abzocke durch Scharlatane und Quacksalber schützen zu können. Denn diese Kranken geben Heilsversprechern nicht selten ihr letztes Hemd oder verschulden sich sogar.

 

Titelbild: © Lisa Spreckelmeyer / PIXELIO

Artikel letztmalig aktualisiert am 06.12.2013.

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