Sitztanz wider Willen

17.02.2017
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Letztens erzählte uns ein Stammkunde aus seinem Alltag im Pflegeheim. Im Großen und Ganzen war es eine lange Liste an Verboten und Bevormundungen – und das bei vollständig geistiger Fitness. Uns hat seine Geschichte traurig und wütend zugleich gemacht.

Der alte Herr lebte schon eine ganze Zeit alleine, als ein Schlaganfall ihn in den Rollstuhl und in ein Pflegeheim zwang. Er ist zwar etwas kauzig und eigenbrötlerisch, aber völlig klar im Kopf. Von ihm bekamen wir nun einen unglücklichen Anruf, ob es tatsächlich so sei, dass wir ihn nun nicht mehr beliefern dürfen. Wir verneinten, denn selbstverständlich ist das auch weiterhin möglich.

Wir erklärten ihm, dass sein Hausarzt die Rezepte bei uns abgeben lassen soll, wir richten das dann und unser Bote fährt es abends aus – wie immer in den letzten Monaten also, mit dem Unterschied, dass der Fahrer nun nicht mehr bei dem Kunden zuhause vorbei kommt, sondern die Medikamente direkt ins Heim bringt.

Im Rollstuhl zum Sitztanz

Unser Kunde erklärte uns daraufhin, dass die Heimleitung eine andere Apotheke hätte, die das ganze Haus beliefert, und es ablehnt, dass die Bewohner von ihrer bekannten Apotheke die Medikamente gebracht bekommen. Er erklärte, dass er seine Tabletten auch weiterhin selbst richten möchte, und dass ihm auch das verboten wurde.

Des Weiteren würde er genötigt werden, an Aktivitäten mit den zum großen Teil dementen Mitbewohnern teilzunehmen. Er würde gegen seinen Willen im Rollstuhl zum Sitztanz gefahren oder müsse sich zwei Mal die Woche im Gruppenraum irgendwelche Märchen anhören, die eine Pflegerin erzählt, obwohl er einfach in seinem Zimmer bleiben und ein Buch lesen möchte.

Alle gleich?

Bei allem Verständnis dafür, dass der Ablauf in einem Pflegeheim nicht zu sehr durch mündige Bewohner durcheinander gebracht wird – es gibt auch noch eine Restwürde, die uns niemand nehmen sollte. Man kann doch nicht alle der Einfachheit halber gleich behandeln, ob sie nun klar im Kopf sind oder nicht! Die freie Apothekenwahl ist jedenfalls etwas, das niemandem verwehrt werden darf. Möchte Herr Müller weiterhin seine Tabletten von uns bekommen, dann werden wir sie ihm auch bringen.

Was damit weiter geschieht, also ob er sie dann auch selbst in seinen Medikamentendosierer einräumen darf, liegt natürlich nicht mehr in unserer Hand. Auch der Zwang, an Aktivitäten teilzunehmen die nicht seiner Natur entsprechen, ist von uns nicht beeinflussbar. Aber es ist bedrückend, wenn man sich vorstellt, dass man selbst vielleicht irgendwann in einem Bett liegt und pausenlos mit Helene Fischer oder Stefan Mross beschallt wird, weil man sich nicht wehren kann.

Sich als Person „auflösen“

Kennt jemand die Geschichte „William und Mary“ von Roald Dahl? Ich habe sie vor gut 25 Jahren gelesen und noch sehr deutlich im Gedächtnis. Ich möchte niemals so fremdbestimmt sein, dass ich mich als Person quasi auflöse – aber was zählt schon der Wille des Schwächeren in diesem Fall gegen den Willen einer Heimleitung?

Fröhlichen Sitztanz dann allerseits ...

Artikel letztmalig aktualisiert am 17.02.2017.

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Deswegen agiere ich gegen eine solch entwürdigende Behandlung Leider hat der betagte Mensch keine Loppy, da er keinen Leistungsbeitrag an die Gesellschaft mehr gibt.... Es müsste sich politisch was ändern....wird sich aber nicht,da die Heimbetreiber an den Aktienbörsen spekulieren
#11 am 28.02.2017 von Maria Radermacher (Ärztin)
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zaungast
gegen den freien willen jemanden zu solchen veranstaltungen zu zwingen geht mal gar nicht. ich kenne aber aus eigenem erleben die probleme der freien apothekenwahl, zumindest im bereich der eingliederungshilfe in berlin. gesetzlich wurde vor einigen jahren von allen trägern gefordert, die bewohner zentral von einer apotheke versorgen zu lassen. so weit ich mich entsinne, wurden die bewohner und die gesetzlichen betreuer darüber auch in einem offiziellen schreiben von unserem träger informiert. die krux an der sache war, dass durch die apotheke die tabletten nun zentral für eine woche verblistert und geliefert wurden. für uns als betreuer war es ein längerer kampf, damit die bewohner, die ihre tabletten bisher selbst (unter unseren fachlichen aufsicht) gestellt haben, das auch weiterhin tun durften und auch heute noch tun.
#10 am 22.02.2017 von zaungast (Gast)
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Gast
#8: Das ist zum Glück nicht in allen Heimen so, es gibt durchaus auch gute Einrichtungen mit engagiertem Personal. Allerdings ist man leider ohne Angehörige, die sich entsprechend kümmern aufgeschmissen, aus eigener Kraft werden die meisten "Insassen" aus den Horror-Heimen wohl nur selten herauskommen...
#9 am 20.02.2017 von Gast
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Gast
Alles am konkreten Beispiel erlebt. Wenn man dann als Angehörige besuchender Gast die Bewohner am Tisch fragt, ob sie denn etwas trinken möchten, wird z.T. begeistert bejaht und sich eifrig bedankt, wenn man ihnen den gefüllten Becher dann mal in die Hand gibt, bzw. an schlechteren Tagen auch mal das Essen anreicht. Da ist die Zwangsbespaßung für die meisten (auch geistig fitten aber körperlich eingeschränkten) noch das geringste Problem... Von den "Heimaufsehern" wird man bei Ansprechen solcher Gegebenheiten darüber informiert, daß es ja in anderen Heimen auch nicht besser / noch schlimmer sei etc. und sie das einfach personell nicht leisten könnten, dabei stehen diese während der Mahlzeiten oft tratschend beieinander und die Bewohner sind sich selbst überlassen... Bloß nicht ins Heim...
#8 am 20.02.2017 von Gast
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Gast
Das ist leider nicht nur in diesem Pflegeheim Usus. Und es geht noch schlimmer: militärähnlicher Befehlston im täglichen Umgang, wenn einer weint, wird er barsch darauf hingewiesen, sich doch mal zusammenzureißen, alle Personen werden mit Vornamen angesprochen & geduzt, ohne gefragt worden zu sein, ob sie damit einverstanden sind, Getränke werden zu den Mahlzeiten sehr spät (wenn überhaupt) eingegossen, dabei aber die Trinkbecher so weit weggestellt, daß die rollstuhlgebundenen Patienten sie nicht erreichen können, generell werden Essen oder Getränke nach einer gewissen (willkürlichen) Zeit abgeräumt, ohne daß geprüft wird, ob die jeweilige Person es überhaupt zu sich nehmen konnte bzw. gewollt hätte, so daß einige Bewohner zusehends abmagern & exsikkieren, etc. etc.
#7 am 20.02.2017 von Gast
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Gast
Das Argument das Pflegeheim einen Vertrag mit einer bestimmten Apotheke bzgl der Versorgung hat und daher jeder Bewohner*In seine Medikamente nur über diese Apozheke beziehen muß ist ein klare Verstoß gegen das Recht auf freie Wahl der Apotheke. "Das Apothekengesetz sieht ausdrücklich vor, dass Verträge gemäß § 12a ApoG die freie Wahl der Apotheke durch den Heimbewohner nicht einschränken dürfen." https://www.abda.de/fileadmin/assets/Praktische_Hilfen/Leitlinien/Heimversorgung/LL_Heimversorgung.pdf Ggf die Heimaufsichtsbehörde kontaktieren. Lieben Gruß
#6 am 19.02.2017 von Gast
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Gast
Das Abgreifen in Heimen durch superschlaue Kollegen ist doch schon Alltag geworden. Da wird mit Haken und Ösen der bisherige Lieferant ausgebootet.Die Heimleitungen profitieren von dem Wettbewerb.
#5 am 18.02.2017 von Gast
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Auch Gast
Kein mündiger Bürger darf zu etwas gezwungen werden, dass er nicht möchte! Schon gar nicht zu einer Sitztanzgruppe! (Ausnahmen wäre die Verhinderung von Straftaten und noch ein paar mehr, aber davon gilt hier nichts)! Die Sache mit den Medikamenten sieht möglicherweise anders aus. Ist die Heimleitung dafür verantwortlich, dass die Medikamente korrekt verabreicht werden? Falls ja, erklärt es die strengen Regeln. Kann man die Verantwortung in diesem Fall nicht dem Patienten überlassen? So wie zu hause auch? Ist schließlich auch für das Heim einfacher. Dennoch befürchte auch ich, dass dies noch lange nicht die schlimmsten Zustände sind, die es gibt...
#4 am 18.02.2017 von Auch Gast (Gast)
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Gast
Ein wichtiges und trauriges Thema, Kinder kümmern sich nicht mehr um ihre Eltern, das ist die Folge!
#3 am 18.02.2017 von Gast
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Geist
Vermutlich ist das was Sie schildern noch harmlos. Körperliche Gewalt, Zwangsmedikation, Zwangsimpfung, Zwangsernährung gibt es ebenso, wie Medikamententests an Demenzkranken: http://www.tagesspiegel.de/politik/arzneitests-an-demenzkranken-ein-ethischer-tabubruch-ohne-not/14832674.html
#2 am 18.02.2017 von Geist (Gast)
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Hallo, das ist wohl kaum mehr zu toppen, was da offenbar in diesem Haus passiert. Dem älteren Herren würde ich anraten sich nach einem anderen Heim umzusehen, soferndies möglich erscheint. Viel.hat er noch Angehörige oder nette Bekannte, die ihm dabei behilflich sein können. Niemand muss in einem Haus bleiben, sondern darf auch kündigen.Wenn ein anderes Haus, dann nicht auf ein schönes Hochglanzprospekt reinfallen! Sie solltten das Haus selbst ansehen, viel.auch ein Probewohnen anstreben.Bewohner be-fragen wie das Leben im Haus abläuft. Sich umgucken, Sauberkeit ist das A und O.Nach pipiriechende Flure, lange Reihen sitzender Senioren die vor sich hinstarren oder brabbeln oder eintönige Bewegungen voll-ziehen, sollten sie hellhörig werden lassen. Auch wenn es schwer ist ein Platz zu finden, so muss es nicht der erst Beste sein. Die Pflegekassen zahlen den Einrich-tungen je Bewohner Geld für die Betreuung sofern sie Anspruch darauf haben. Das SGB regelt den Einsatz von qualifizier.Betreuern. Hier fragt man sich, was das obige Haus dafür anbietet. Wenn Bewohner liebevoll umsorgt werden, sie audstehen können wann sie mögen, Fotogalerieen, die von Leben im Haus zeigen und Bewohner die mit Freude darüber erzählen sind auch zufriedenen. Sicher, die andere Seite ist, das Bewohner nicht immer leicht zu motivieren sind, die Mitarbeiter nicht die entsprechende Zeit haben, jeden einzelnen gut zuzureden. Manche mögen far nicht mehr aus ihrem Zimmer und mancher kann es leider nicht mehr so einschjätzen. Aber wo ein Wille ist, schafft ein gutes Haus das. Selbstbestimmheit hat einen großen Wert. Obiger Herr sollte sich dies bewahren so gut er kann.Sagen sie was ihnen nicht gefällt. Zwingen darf sie niemand. Ich wünsche Ihnen alles Gute!
#1 am 17.02.2017 von Frau Beatrice Greyer (Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA))
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