Nicht immer sind’s die Psychopharmaka

16.02.2017
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Crica 2–3 Prozent aller verschreibungspflichtigen Medikamente können eine QT-Zeit-Verlängerung zur Folge haben. Hierunter zählen nicht nur Psychopharmaka wie SSRI, SNRI, tr- und tetrzyklische Antidepressiva, Antipsychotika, sondern auch Antibiotika, Antiemetika und Antidementiva. Eine verlängerte QT-Zeit kann unter bestimmten Umständen zu Torsade-de-pointes-Arrhythmien führen.

Diese wieder können in ein Kammerflimmern übergehen. Eine QT-Zeit-Verlängerung ist nicht selten die Ursache für einen plötzlichen Herztod. Zwar endet nicht jede QT-Zeit-Verlängerung direkt tödlich, das Risiko erhöht sich jedoch, wenn zusätzlich bestimmte Risikofaktoren erfüllt sind. Zum Beispiel ist das Risiko für Frauen höher, im Alter von über 65 Jahre, bei koronare Herzerkrankungen (KHK), bei Elektrolytentgleisungen oder Bradykardie. Vor der Anwendung solcher Medikamente sollte also ein EKG und in regelmäßigen Abständen eine EKG-Kontrolle durchgeführt werden.

Berechnung der QT-Zeit

Das QT-Intervall erstreckt sich von Beginn der Q-Zacke bis zum Ende der T-Welle. Ursache einer Verlängerung ist die Blockade eines spannungsabhängigen Kaliumkanals (sog. hERG-Kaliumkanal). Das QT-Intervall ist von der Frequenz abhängig, deswegen wird es meist frequenzkorrigiert angegeben, als QTc-Zeit.

Im Internet finden sich entsprechende Rechner dafür, wie beispielsweise dieser hier .

Weitere Ursachen einer QT-Zeit-Verlängerung

Ein Patient, um die 70 Jahre, stellt sich mit einer Somatisierungsstörung zur organischen Abklärung vor. Hauptsymtpome sind Antriebslosigkeit, Kurzatmigkeit, Ermüdbarkeit, Interessenverlust. Also auch typische Symptome einer Depression.

Der Patient bringt an Vormedikation einiges mit, unter anderem Quetiapin, Pregabalin, Duloxetin, L-Thyroxin, Pipamperon, Metformin und Ramipril. Potenziell also Medikamente mit QT-verlängernder Wirkung. Im Aufnahme-EKG ist auch eine QTc von knapp 500 ms festzustellen. Grenzwert für Frauen ist eine QTc über 470 ms, für Männer über 450 ms.

Darauf angesprochen, sagt der Patient, dass dies schon bekannt sei und immer wieder kontrolliert werde, eine Änderung der Medikation habe keinen Unterschied gemacht. Die Hypokalzämie sei mal kurzfristig substituiert worden, als die Tabletten leer gewesen seien, habe er dem aber keine Beachtung mehr geschenkt.

Das Labor liefert den Hinweis

Im Labor auffällig ist eine knackige Hypokalzämie von 1,52 nmol/l (unterer Grenzwert 2,2 nmol/l). Die Ursache dafür ist eine Strumektomie. Das bestimmte Parathormon ist mit ca. 8 ng/l wesentlich erniedrigt (12–72 ng/l). Nach Ausgleichung des Kalziumspiegels normalisiert sich auch die QTc und beträgt 420 ms.

Take-home-message: Nicht immer sind es die Psychopharmaka, die eine QT-Zeit-Verlängerung auslösen können. Eine Hypokalzämie kann auch Symptome einer Depression oder Herzinsuffizienz („Low-output-Syndrom“) imitieren.

Weiterführende Informationen zum Long-QT-Syndrom und zur Hypo- und Hyperkalzämie.

 

Bildquelle: JaggyBoss, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 17.02.2017.

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Für eine ältere Dame um die 70 Jahre sind Quetiapin, Pregabalin, Duloxetin, Pipamperon nicht zu viel?
#1 am 19.02.2017 von Victoria Sytenkova (Ärztin)
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