Fortbildung im Schlaf

15.02.2017
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Jeder Arzt ist verpflichtet, sich regelmäßig fortzubilden. Dazu gibt's Punkte, die man erwirbt, wenn man an Veranstaltungen teilnimmt. Ob man dem Vortrag aufmerksam lauscht oder dabei einschläft, ist egal. Hauptsache, man ist physisch anwesend. Wer aber zu Hause Fachliteratur wälzt oder im Internet recherchiert, bekommt keine Punkte.

Die Sonne ist soeben ganz malerisch über Bad Dingenskirchen untergegangen und im letzten Dämmerlicht stolpere ich über den Vorplatz, trete durch die Glastür ins Foyer der Stadthalle und wende mich hilfesuchend an die nächstbeste Person, die so aussieht, als ob sie sich hier auskennen würde.


Ärztefortbildung?‟
– „Pieselbachsaal‟, sagte die kostümierte Dame, „erster Stock, links!‟


Ich komme ein paar Minuten zu spät. Ein bisschen abgehetzt bin ich, bin schließlich direkt von der Klinik gekommen und es war wieder mal ein langer Tag.
 Ich springe die Treppe hinauf und als ich oben die Tür öffne, stehe ich direkt hinter dem Dozenten, der bereits fröhlich doziert. Eine Entschuldigung nuschelnd drücke ich mich an ihm vorbei.

Erstmal die Teilnahmebescheinigung organisieren

Links an der Seitenwand erkennt mein geschulter Blick sofort das wichtigste Detail: den kleinen Tisch mit zwei Papierstapeln darauf. Der kleinere Stapel enthält die Teilnehmerlisten. Ich fummele einen kleinen Aufkleber aus meiner Brieftasche und klebe ihn auf das oberste Blatt. Daneben setze ich einen Unterschriftskrakel.

Der Aufkleber enthält meinen Namen und einen Barcode, der mich als Mitglied der Ärztekammer ausweist. Dann nehme ich mir eine Teilnahmebescheinigung von dem zweiten größeren Stapel. Die Dinger sind praktischerweise schon vom Veranstalter blanko unterschrieben, den Namen muss jeder selbst eintragen: Man könnte sich auch gleich zwei oder drei Exemplare einstecken, für die lieben Kollegen, die es heute leider nicht hierher geschafft haben, aber allein daran zu denken ist natürlich verboten.

Worum geht’s hier eigentlich?

Jetzt ein Blick in den Saal. Der ist voller Menschen, bis auf den letzten Platz besetzt. Hinten an der Rückwand stehen mehrere Gestalten, die keinen Sitzplatz mehr gefunden haben. Jetzt zwei Stunden lang stehen, nach einem langen Arbeitstag? Da muss ich wohl durch! Was tut man nicht alles für sein Seelenheil? Die Teilnahme an Fortbildungen ist Pflicht – zumindest für Fachärzte. Ärzte in Weiterbildung können ein freiwilliges Fortbildungszertifikat erwerben (zumindest in manchen Bundesländern), das wird von Chefärzten nicht nur bei Bewerbungen gerne gesehen.

Der Dozent trägt eine Fliege zum schwarzen Sakko und fährt fort zu dozieren. Es geht um ... weiß ich nicht, ich bin zu spät gekommen, habe die Einführung nicht mitgekriegt und jetzt verliert sich der Vortragende in den speziellsten Details seines Spezialgebietes. Interessiert mich das?

Zweihundert Stunden Fortbildung muss ein Facharzt alle fünf Jahre nachweisen (streng genommen sind es sogar zweihundertfünfzig – aber fünfzig davon bekommt man ganz automatisch für „Selbststudium‟ bescheinigt), im Jahr sind das vierzig Stunden und im Prinzip stehen einem dafür fünf arbeitsfreie Tage zu. Es soll sogar Kollegen geben, die diesen Fortbildungsurlaub regelmäßig nehmen können. Wer ganz, ganz clever ist, der fliegt sogar zur Fortbildung sogar nach Mallorca.

Häppchen wären jetzt nett

Ich hingegen habe heute noch nicht einmal meine mir gesetzlich zustehende Mittagspause nehmen können. Mein Magen knurrt immer lauter. Ob es wohl Häppchen gibt? Kaffee, Saft, Brezeln oder Brötchen? Leider Fehlanzeige.

Immerhin trägt ein Angestellter einen Stapel Stühle herein. Prima! Im Sitzen gelingt es mir sogar, dem Vortrag zu folgen. Es geht ums Herz. Professor Waschmaschinewski ist Kardiologe. Spezialisiert auf ... ach, was weiß ich! Wobei ... Frau Brunxmüller von Zimmer zwölf, die hatte doch letztens so ein merkwürdig auffälliges EKG. Bestimmt weiß der Herr Professor, was ihr fehlt.

Endlich Zeit, in Ruhe zu googeln

Ob ich ihn nachher in der Pause mal fragen könnte? Zur Zeit doziert er erstmal weiter über sein Steckenpferd. Frau Brunxmüller hat aber etwas ganz anderes. Aber was? Ich packe mein Handy aus – natürlich lautlos gestellt – und fange an zu googeln. Erstaunlich, was man heutzutage im Netz alles findet!

Und wo ich schon einmal dabei bin, könnte ich doch auch gleich nachschauen, was mit Herrn Ommelowski los ist. Dessen Laborbefunde waren irgendwie seltsam ... passt alles nicht zusammen, aber ich habe ja die größte Bibliothek der Welt in der Tasche dabei und ... wirklich spannend, was es da alles gibt.

Während Professor Waschmaschinewski immer noch redet, überfliege ich inzwischen rasch zwei Übersichtsarbeiten, die zu Herrn Ommelowskis Laborkonstellation passen. Warum kriege ich dafür eigentlich keine Fortbildungspunkte?

Plötzlich verspüre ich große Müdigkeite. Ich lehne mich gemütlich zurück, schließe die Augen und träume von den Fortbildungspunkten, die ich gerade im Schlaf erwerbe.

 

Bildquelle: Pedro Ribeiro Simões, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 26.02.2017.

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Gast
Ist schon ziemlich anstrengend wenn man als Arzt einen langen Tag voller Patienten hatte, die alle die volle Aufmerksamkeit erfordern. Kann gut verstehen, dass man den Fortbildungen dann nicht unbedingt sein ganzes Gehör schenkt. Schade ist wirklich, dass man Punkte sammeln muss, damit man am Ende die ausreichende Stundenzahl für den Facharzt zusammen hat. Das wirkt ein bisschen Veraltet, wie so manches in unserem Gesundheitssystem. Zum Thema Fortbildung aber nochmals, ich finde es schon gut, dass es sowas gibt. Aber die Art und Weise wie es abläuft, könnte vielleicht ein bisschen modernisiert werden, so wie bei MediConsult: https://www.memomed.de. Eine Art Vorlesung wie oben im Artikel beschrieben, braucht niemand, der jahrelang studiert und das Prozedere deshalb bereits kennt. Man sollte mal darüber nachdenken, das evtl als E-Learning-Kurse anzubieten. Dadurch könnte man solche Präsenzzeiten vermeiden und der Arzt flexibler einteilen, welche Module er wann absolvieren will.
#15 am 02.08.2017 von Gast
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Gast
Das mit dem Fortbildungszwang bringt im Grunde gar nichts. Das liegt einfach an unserem bereits kollabierenden System, den es zieht sich durch andere Organe unserer Gesellschaft und betrifft nicht nur den Gesundheitsbereich. Unser Sytem gehört schon längstens in die NotOP. Schaut Euch doch die ganzen Pappnasen in der Politik an. Helau.
#14 am 25.02.2017 von Gast
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Gast
Wieder so ein BULLSHIT, überall soll man Punkte sammeln, im Supermarkt, Tankstelle etc. Sogenannte Treuepunkte. Ich denke, es reicht schon lange und es müssen kreativere Methoden gefunden werden um bei Laune zu bleiben.
#13 am 24.02.2017 von Gast
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Gast
Was ich kritisiere ist der Zwang und das entwürdigende Punktesystem, welcher Beruf tut sich das denn noch an? Fortbildung gab es schon immer, mit dem Punktesystem ist die Qualität gesunken.
#12 am 24.02.2017 von Gast
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CHIRURG
zu#2 na klar, ein Vizeralchirurg, der muss auch was von parenteralen Ernährung verstehen und sollte auch seine Patienten selbst nachbehandeln können (chirurgische Intensivtherapie) und bei bariatrischer Chirurgie, gehört auch zur Viszeralchirurgie muss er verdammt viel von "Ernährungsmedizin" verstehen, eher MEHR als ein Ernährungsberater. Er muss auch was von Wundheilung und "Asepsis"(Antisepsis) verstehen und ist damit meist der ideale "hygienebeauftragter Arzt" :-) reicht das? mfG
#11 am 24.02.2017 von CHIRURG (Gast)
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Übrigens: Teilnahmebescheinigungen für Kollegen mitzunehmen, lohnt nicht, da nicht die Bescheinigungen, sondern nur die per Barcode und Unterschrift auf der Teilnehmerliste ausgewiesene Teilnahme an die Ärztekammer gemeldet wird (elektronisch oder per Post) und zur Punktevergabe führt! Die Bescheinigungen sollen sogar nur "sicherheitshalber" ausgestellt werden. So zumindest bei der ÄK Hamburg.
#10 am 24.02.2017 von Barbara Baumgarten (Sonstige)
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Gast
Zu #2: Also dass sich bspw. ein Chirurg auch noch mit Ernährungsmedizin auskennenn soll, erschließt sich mir nicht..
#9 am 24.02.2017 von Gast
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Bernd H.K. Hoffmann Dipl. Ing.
Nicht nur die Docs... auch andere "Freischaffende" sind zum Punktesammeln verdonnert (Architekten, Ingenieure). Sehr nett inzwischen die abstrusen Werbeveranstaltungen von Baustofflieferanten, die sich drittklassige Referenten irgendwo her bestellen ("hochkarätig") - Honorare werden ja immer gern genommen - und das "wissenschaftliche Programm" bei den Kammern zur Fortbildung anmelden. Wäre das eine Option für Merck, Pfizer, Fresenius & CO ....? Vielleicht erstatten die dann sogar einen Teilnahmeaufwand...? Normalerweise bildet man sich am besten durch die Arbeit weiter, weils ja sowieso dauernd was Neues gibt, und wenn sehr spezielle Fragen auftreten, muß man sich halt fachlich drum kümmern.
#8 am 23.02.2017 von Bernd H.K. Hoffmann Dipl. Ing. (Gast)
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Assistenzärztin
Niemand zwingt Sie zu einer Veranstaltung zu gehen die Sie nicht interessiert, an einem Tag an dem Sie bereits ihre Aufnahmekapazität überschritten haben und deshalb vom Inhalt sowieso nicht profitieren. Die Auswahl ist nun wirklich groß genug! Es ist -über die Jahre verteilt- doch meistens für jeden etwas dabei. Und wenn das Angebot vor Ort nicht inspirierend genug ist: in den meisten Städten finden regelmäßig mehrstündige oder 1-2tägige Kongresse und Symposien statt, da gibt es viele interessante Informationen, leckeres Essen, neue Kontakte und -für die Fachärzte- viele Punkte, das kann einem dann schon einmal ein Wochenende wert sein... auch fachfremde Themeninhalte können sehr interressant sein und sich im Alltag als nützlich erweisen... wie oft stolpert man über einen Patienten dessen Krankheitsbild eigentlich von einer anderen Fachdisziplin behandelt wird? Woher soll der arme Trpof das wissen wenn ihm und seinem Hausarzt noch nicht klar war woran er eigentlich leidet.
#7 am 23.02.2017 von Assistenzärztin (Gast)
  7
Die regelmäßig im Deutschen Ärzteblatt angebotenen CME-Fortbildungen wären eine recht komfortable Alternative/Ergänzung. Wenn man sich nicht zu dusselig anstellt, kann man dadurch bequem von zu Hause bis zu 36 Punkte per annum erreichen - werden sogar automatisch an die zuständige Kammer/KV weitergeleitet. Dann noch der obligatorische Qualitätszirkel, voila. Also die fachbezogene Fortbildung taugt zum Erreichen der 200 resp. 250 Punkte absolut nicht. Was sollen denn die Vertreter von Exotenfächern wie Tropenmedizin oder Pathologen (bitte, nicht abwertend gemeint) machen, der eine fachbezogene Jahreskongreß mit 6 Punkten? Für die Hausärzte bieten die Kammern ja jede Woche mehrfach irgendwelche Veranstaltungen an. Solange die Punkte stimmen fragt kein Schwanz mehr nach den Inhalten.
#6 am 23.02.2017 von Michael Rost (Arzt)
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Gast
"Wer aber zu Hause Fachliteratur wälzt oder im Internet recherchiert, bekommt keine Punkte." Kriegt man doch, sogar 50 Stunden - steht auch im Text ;-).
#5 am 23.02.2017 von Gast
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Gast
Der Arztberuf ist inzwischen in eine Parallelwelt gedrängt worden. Egal ob Berufsrecht, Persönlichkeitsrecht, Beweislast(umkehr!) bei Prozessen, Strafrecht (§§ 299/300) und eben auch Fortblidungspflicht werden von der Politik populistisch Auflagen erfunden und erlassen, die kaum einer anderen Berufsgruppe so zugemutet würden. Natürlich alles unter dem Mäntelchen der Qualitätssicherung und zum Wohl der armen Patienten, im letzten aber kontraproduktiv und frusterzeugend. Dazu gehört auch diese Art der Fortbildungspflicht und deren staatliche (LÄK) Überwachung durch ein schwachsinniges Punktesystem. Eine einzige Gängelei.
#4 am 23.02.2017 von Gast
  5
Gast
#2 Was soll ein Arzt noch alles können?
#3 am 23.02.2017 von Gast
  3
Ich würde mir bei den Ärzten unbedingt mehr Fortbildungen in der Ernährungsmedizin wünschen. Habe jetzt Glück, einen Ernährungsmediziner gefunden zu haben. Hiervon haben die allermeisten Ärzte keine Ahnung. Dabei wäre es so wichtig, damit nachvollzogen werden kann, wo evtl. schlechte Laborwerte herkommen. Und das Thema ist heute aufgrund neuer Forschungsergebnisse so spannend, dass bestimmt kein Arzt bei der Fortbildung einschläft.
#2 am 23.02.2017 von Monika Mähringer (Ergotherapeutin)
  28
Gast
Hihihi - habe ich schon mal hingekriegt - allerdings in der ersten Reihe, und der Raum war ziemlich gut beleuchtet, so daß so ziemlich jeder (und besonders der Dozent) meinen Schlaf mitkriegte. Versuch' DAS erst mal zu toppen, Medizynicus!
#1 am 23.02.2017 von Gast
  3
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