Verbrannte Kinder

15.02.2017
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Kinder mit Verbrennungen zu behandeln, gehört zu meinen schwersten Aufgaben. Die Kinder haben schreckliche Schmerzen, die Eltern sind völlig aufgelöst, machen sich Vorwürfe. Der Anblick der verbrannten Haut tut weh. Auch mir.

Bei uns: 7:30 Uhr Frühbesprechung, Patient XY und YZ kommt hinterher auf die Intensiv.

Du bist schon viel länger wach als wir. Hast die Mama gerufen, geweckt und durch dein fröhlichstes Lachen für den frühen Start in den Tag entschädigt.

Bei uns: „Bei dem und dem bitte nochmal nach der Gerinnung gucken und klären, ob man da einen PDK legen kann, noch Fragen? Einen erfolgreichen Tag allerseits.“

Du guckst Mama bei der Morgenroutine zu, arbeitest dich am Boden an den Handtüchern und der dort liegenden Wäsche ab. Der Schlafanzug riecht nach Papa, der Pulli von Mama duftet und ist auch noch kuschelig. Oh, die Bürste schmeckt herrlich. Mit den Füßen bekomme ich die so noch besser im Mund gedreht.

Bei uns: Umkleiden für den OP, raus aus dem blauen Kasack, rein in die grünen Klamotten, OP-Haube und Mundschutz an, erstes Kind begrüßen, gegessen? getrunken? letzter Gerätecheck, and off we go ...

Zum Frühstück gibt es Brei

Zum Frühstück gibt es Brei. Den macht Mama mit diesem Blubberdings. Das leuchtet sogar bunt! Und es hat einen Schwanz. Wie dein Kuscheltier-Schweinchen. „Das angle ich mir ja auch immer an dem Ringelschwanz“, denkst du.

Bei uns: Metallentfernung rechter Arm bei Z.n. Unterarmfraktur vor zehn Wochen, gesundes Kind, 2,5er Larynxmaske. „Guten Morgen OP-Team“, „Gut, und bei dir so?“ Freigabe, Schnitt, Blutdruckwerte etc. protokollieren.

Du ziehst am Ringelschwanz vom lustigen Blubberdings und diese eine Sekunde verändert die nächsten Monate. Und Jahre. Es wird deine Selbstwahrnehmung und dein Selbstbewusstsein beeinflussen. Es lässt dich schneller reifen als es dir und deinen Eltern lieb ist. Deine Naivität und dein Verhältnis zu Ärzten und Krankenhäusern verändert sich für immer.

„Kind 3 J., Mehrfachverbrennung durch Wasserkocher, Landung in 12 Minuten, Aufnahme über Schockraum und Kinderintensiv“

Die Augen deiner Mama sind rot geweint

Und dann sehen wir uns.
 Du kommst in einem Dämmerzustand zu uns, driftest immer wieder in die medikamentöse Traumwelt ab, kämpfst dich zurück, guckst die aufgelöste Mama an.
 Deine Mama hat jetzt schon feuerrote Augen, ist völlig verheult und macht sich Selbstvorwürfe in XXL. Mama unterschreibt die Daueraufklärung. Wir nehmen dich mit.
 Du bekommst eine amtliche Narkose, wir legen einen zentralen Venenzugang – du wirst ihn brauchen. Es folgt das Debridement.

Mit einer Art Scotchbritt (und ich rede von der harten Seite) wird die verbrühte Hautschicht abgerubbelt. Es sieht brutal aus und das ist es auch. Es tut mir weh, das zu sehen. Klar, du hast Narkose, du bekommst das nicht mit. Und während die schmerzhafte Therapie beginnt, siehst du gleichzeitig so unfassbar friedlich und entspannt aus.

Du hast einen langen Weg vor dir, kleiner Mensch. 
Es wird weh tun. Hinterher.
 Du bekommst eine Schmerzdauerinfusion und wirst die nächsten Tage im Dämmerzustand zwischen Schmerz, Schlaf und einer surrealen Wach-Welt pendeln. Deine Eltern werden mit Stofftieren und allerlei Firlefanz versuchen, dich abzulenken. Es gelingt mal besser und mal schlechter. Alle zwei bis drei Tage werden die Verbände gewechselt und mit ein bißchen Glück gehörst du zu der Hälfte der Patienten, bei denen sich die Wunden nicht infizieren.


Die Narben bleiben, der Schmerz auch

Manchen reichen fünf, andere benötigen zehn oder fünfzehn Narkosen. Du veränderst dich langsam, aber kontinuierlich. Wächst an der Herausforderung und benötigst viele Medikamente, um die Schmerzen auf ein erträgliches Niveau zu dämpfen.

Das, was so schmerzt, ist das Wissen, dass Narben bleiben werden. Nein, es wird nicht wieder alles gut. Manchmal sind auch im höheren Alter noch Anpassungsoperationen notwendig, wenn die Narbe zu sehr spannt. Gerade bei den Mädchen bleibt ein Schaden, der nun mal nicht dem gesellschaftlichen Ideal von glatter Hochglanzmagazinhaut entspricht. Da können wir dir noch so oft sagen, was für ein hübscher Mensch du bist. Einer 14-jährigen in der Vollblüte ihrer Pubertät tun die Narben auch 12 Jahre nach dem Unfall weh. Irgendwo da ganz tief drinnen.

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Der Kinderdoc hat vor einiger Zeit zum „Tag des brandverletzten Kindes“ die wichtigsten Präventionspunkte zusammengefasst.
 Mir ist das ebenfalls wirklich wichtig!
 Ich habe Espresso, Wasserkocher, Latte Macchiato und Cappuccino, Wasserkocher, Suppe, Suppe, Suppe, Teewasser, Samowar, Suppe, geplatzte Wärmflasche, Wasserkocher und noch viel mehr gesehen. Das ist nicht schön! Auch uns Ärzte und Pflegende belasten diese Geschehnisse.


Die Angst vor einem Stromschlag ist, relativ gesehen, irrational hoch und kaum mit einem Risiko vergesellschaftet, wird aber durch die flächendeckende Steckdosensicherheitsnöppsiverklebung dramatisiert. Der Respekt vor heißem Wasser ist dagegen quasi nicht vorhanden. 


Was können Eltern tun?

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Ein kleiner Exkurs noch zu dem Thema der zeigt, welche Konflikte durch einen kurzen Moment der Unachtsamkeit entstehen können: 
Wir haben ein fünfjähriges Mädchen türkischer Eltern behandelt, Z.n. Verbrühung mit heißem Tee. Die Arme und Beine waren großteils verbrüht, die Therapie war relativ gut fortgeschritten und nun ging es um die Transplantation von gesunder Haut auf die beschädigten Bereiche. Eines der gängigsten Verfahren ist nach wie vor den Kopf kahl zu rasieren und die Haut oberflächlich in Streifen vom Kopf abzuscheren. Das kann man deshalb gut machen, weil hinterher wieder Haare drüber wachsen und man die Spuren nicht mehr so schlimm sieht.

„Nein, nicht die Haare. Nehmen Sie die Brust“


Nicht so bei diesen Eltern.
 Der Vater und die Mutter insistierten, dass ihrem Kind nicht die hübschen Haare abgeschnitten werden sollten, man könne die Hautentnahme doch von der Brust machen. Ja, kann man, wenn es gar keine andere Möglichkeit gibt. Aber nicht, wenn der Kopf völlig unversehrt ist.


Auf die Langzeitfolgen aufmerksam gemacht – ihre Tochter möchte ja vielleicht auf mal einen Badeanzug anziehen?!? – sagte der Vater: „Die bleibt verschleiert bis zur Hochzeit und auch danach hat sie nichts zu tragen, wo man ihre Haut sehen kann.“ 
Überflüssig zu sagen, dass sich die Chirurgen darüber hinweg gesetzt haben und Kopfhaut transplantiert haben.

Ich erspare euch auch die Geschichte von den Eltern, die sich über die langmonatige Behandlung ihres Sohnes schließlich getrennt haben oder die von dem Kind, dass von seiner Mutter angezündet worden ist.

Es passieren schlimme Dinge und wir freuen uns für jedes Kind, das nicht den Weg in unser Zentrum findet. Im Namen der Kinder – Danke für Eure Aufmerksamkeit.

 

Bildquelle: Scott Costello, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 16.02.2017.

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Gast
Danke für diesen Artikel. Auch mein Sohn verbrühte sich, auch ich hatte leider diesen einen kleinen unachtsamen Moment, als ich anscheinend den frisch aufgebrühten Tee nicht weit genug nach hinten gestellt habe (ich weiß es tatsächlich nicht mehr). Wir hatten Glück im Unglück, und es sind nur kleine Narben geblieben. Aber die zwei Wochen Krankenhaus werde ich nie vergessen, und das Schuldgefühl kann dir sowieso keiner nehmen. Nur ein Arm betroffen, und der Hals, trotzdem dauerhaft zwei Jahre Kompressionsanzug. Und Narbenkorrektur. Bitte passt auf, es geht nicht immer so glimpflich ab.
#16 am 02.03.2017 von Gast
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Gast
[...] So oft habe ich kritische Situationen gesehen (heissen Kaffee mit Baby auf dem Schoss über dem Kopf hinweg trinkend o.ä.). Wie oft habe ich Mütter oder Väter auf die Gefahr hingewiesen und wie oft wurde es nicht wirklich ernst genommmen. Ich finde es muss an der Stelle einfach viel mehr Aufklärung betrieben werden und dafür war dieser Beitrag ein (kleiner) Schritt. Danke!!
#15 am 20.02.2017 von Gast
  0
Gast
Ich lese schon lange DocCheck News und es ist das erste Mal, das ich etwas schreiben möchte... Vielen Dank für diesen Artikel!!!! Meine Tochter hat sich im Alter von knapp 1 1/2 Jahren eine Tasse Tee vom Tisch geangelt. Wir waren unvorsichtig und unaufmerksam und haben uns natürlich im Nachhinein viele Vorwürfe gemacht... Um es kurz zu machen: es war zum Glück "nur" ein Fuß betroffen, allerdings tiefst zweit- bis drittgradig. Die nächsten Stunden waren für uns die Hölle und auch die darauffolgenden Monate für alle eine harte Zeit. Inzwischen ist die Kleine Maus schon über 4 Jahre alt und die Narbe im Verhältnis zum Fuß nicht mehr so riesig. Das Ereignis hat uns natürlich extrem sensibilisiert! Umso erschreckender empfinde ich die Naivität, mit der teilweise auch Familienmitglieder oder entferntere Bekannte bestückt sind. Obwohl sie das Ergebnis bei unserer Tochter live sehen können, bekamen wir oft ein ungläubiges "das war doch nur Tee" zu hören. [...]
#14 am 20.02.2017 von Gast
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Gast
Vielen Dank für den Artikel!
#13 am 18.02.2017 von Gast
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Danke für die Erinnerung daran, dass ich diese Info allen Eltern, die ich betreue mit an die Hand geben sollte.
#12 am 17.02.2017 von Silke Becker (Hebamme)
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Danke für den Artikel. Das ist wirklich wichtig, an die Eltern weiterzugeben.
#11 am 17.02.2017 von HP Anke Bentler (Heilpraktikerin)
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Vielen Dank für den berührenden Artikel! Mich selber schaudert es bei Erinnerungen an Momente, wo ich selber in gemütlicher Mütterrunde saß, ein zappeliges Kleinkind auf dem Schoß und eine Tasse Tee in der Hand und mit den Gedanken ganz woanders, ausgeschlafen schon mal gar nicht... danke dem Schicksal dass ich immer Glück dabei hatte!
#10 am 16.02.2017 von Dr. Irmgard Roßnagel (Tierärztin)
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[Artikel wurde wegen werblichen Inhalts gekürzt] dieses Produkt wurde im Krankenhaus an Verbrennungs - kindern getestet und erzielte sehr gute Erfolge es gibt dazu auch Studien die Dr Nawroki bestimmt auch gerne an Kollegen weiterreicht.
#9 am 16.02.2017 (editiert) von Dipl. Ing. Dorothea Burger (Medizinisch-Technische Assistentin)
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Die schreckliche Wahrheit toll und packend verpackt
#8 am 16.02.2017 von Dr. med. dent. Stefan Peter Matzdorff (Zahnarzt)
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Mein größter Respekt gilt diesen Kollegen !
#7 am 16.02.2017 von Dr Marianne Rinck (Tierärztin)
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Mir gefällt dieser Beitrag nicht. Zum einen wird munter zwischen Verbrennung und Verbrühung hin- und hergewechselt, obwohl es sich dabei um zwei unterschiedliche Formen thermischer Schädigung handelt, die sich nicht gleichsetzen lassen. Ein Fachmann sollte da sauber differenzieren. Zum anderen stört mich die rührselige Hintergrundgeschichte aus der Sicht eines fiktiven dreijährigen Kindes, das sich mit den Füßen eine Bürse im Mund herumdreht, bevor es am "Ringeschwänzchen" eines "Blubberdings" zieht. Dieser Versuch, den Beitrag dramaturgisch aufzuwerten und ihm so etwas wie literarische Qualität zu verleihen, ist meines Erachtens gründlich mißlungen und wirkt kitschig auf mich. Ich finde es durchaus gut, wenn jemand seine Gefühle beim Erleben einer Situation darstelt in Fallgeschichten. Aber das hier ist reine Effekthascherei. Hätten Sie sich lieber mal getraut, einen realen Fall zu beschreiben und was dabei unmittelbar in Ihnen vorgegangen ist - ganz ehrlich und ungeschönt.
#6 am 16.02.2017 von Annika Diederichs (Tierärztin)
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Danke für diesen bewegend, berührend und sehr sensibel geschriebenen Bericht und dem Kind viel Glück und gute Besserung!
#5 am 16.02.2017 von Dipl.-Mus. Anke Niggenaber (Weitere medizinische Berufe)
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Ihr seid Helden der Nation. Die Kinder haben wenigstens das Glück in Deutschland behandelt zu werden...
#4 am 16.02.2017 von Sabine Baumgartner (Physiotherapeutin)
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Gast
Gott segne die Kollegen, die sich dieser Arbeit widmen. DANKE!
#3 am 16.02.2017 von Gast
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Gast
Ich habe geweint, weil mir der Bericht so weh tat. Danke all denen die diesen Kindern helfen !
#2 am 16.02.2017 von Gast
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Gast
Bewegend, berührend und sehr sensibel geschrieben. Danke dafür.
#1 am 16.02.2017 von Gast
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