Gomer-Epidemiologie, oder: Bis gestern ging es Opi gut

17.10.2008
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Ein weit verbreitetes Phänomen, welches vor allem in Internistischen und Chirurgischen, aber auch Urologischen Kliniken bekannt sein dürfte, jedoch nach meinem Kenntnisstand bisher noch nicht wissenschaftlich untersucht wurde, ist die akute Allgemeinzustandsverschlechterung bei älteren, multimorbiden Patienten (im Folgenden kurz Gomer¹ genannt), welche gehäuft vor verlängerten Wochenenden, Feiertagen oder Urlaubszeiten auftritt.

Ich bin sicher, eine diesbezügliche epidemiologische Studie würde ergeben, dass die Inzidenz einer akuten Exazerbation chronischer Erkrankungen bei diesen Patienten zu den genannten Zeitpunkten signifikant höher ist und häufiger zu einer Hospitalisierung führt als während des übrigen Jahres. Dabei dürfte es kaum eine Rolle spielen, ob sie zu Hause von ihrer Familie versorgt werden oder in einem Pflegeheim untergebracht sind. Aber dies müsste natürlich im Rahmen der Studie noch ganauer geklärt werden.

In der Regel werden die Patienten kurz vor den arbeitsfreien Tagen als Notfall vorgestellt. Klassischer Satz eines Angehörigen bei der Einlieferung eines solchen Gomers, welcher sich offensichtlich in einem desolaten Allgemein- und Pflegezustand befindet und meistens auch exsikkiert ist: "Ich versteh' das gar nicht. Also, bis gestern ging es Opi noch gut. Aber heute..." Und im weiteren Gespräch: "Nein, telefonisch erreichen können Sie uns in den nächsten Tagen schlecht. Wir fahren in den Urlaub."

Mit anderen Worten, es besteht ein Versorgungsproblem, aber das spricht keiner offen aus.

Eine ähnliche Situation trifft die Seniorenpflegeheime, deren personelle Ausstattung häufig so schlecht ist, dass man sich scheinbar vor Feiertagen und ähnlichen Zeiten der zusätzlichen Engpässe gerne einiger Gomer ins Krankenhaus entledigt. Zu Lasten des Krankenhauspflegepersonals und, finanziell gesehen, der Krankenkassen und somit der Allgemeinheit. Aber auch das spricht keiner gerne offen aus.

Da man sich gegen die Aufnahme dieser Gomer als Krankenhaus schlecht wehren kann, zumal es den Patienten meistens tatsächlich schlecht geht, werden sie in der Klinik ein wenig aufgepäppelt, was nicht selten heißt "bewässert", und nach den Feiertagen in den Bewustsein entlassen, dass sie früher oder später mit ähnlicher Symptomatik erneut auftauchen. Das berühmte Drehtür-Syndrom.

Absicht oder Zufall?

Honni soit qui mal y ponse...

 

Titelbild: © Karin Jung / PIXELIO


¹ Gomer: Akronym für Get Out of My Emergency Room (aus dem Roman "The House Of God" von Samuel Shem)

Artikel letztmalig aktualisiert am 06.12.2013.

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