Nix mit „DETECT“!

10.02.2017
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Die DETECT-Studie behauptet, chronische Nierenleiden würden in Deutschland zu häufig nicht und oft zu spät detektiert. Den Ärzten wird daher empfohlen, im Rahmen der Gesundheitsvorsorgeuntersuchung (GESU) beim „Check-Up-35“ auch die Nierenfunktion zu bestimmen.

Die Forschergruppe um Professor Winfried März von der 5. Medizinischen Klinik der Universitätsmedizin Mannheim behauptet, fast jeder dritte Patient in der ärztlichen Primärversorgung leide an einer chronischen Niereninsuffizienz

Die Häufigkeit von eingeschränkter Nierenfunktion wurde bei 4.080 zufällig ausgewählten Patienten in ganz Deutschland auf Basis der Studie DETECT analysiert. Daran nahmen ursprünglich 3.188 Hausarztpraxen mit 55.518 Patienten im gesamten Bundesgebiet teil. In 851 Praxen waren dann zwischen den Jahren 2004 und 2007 Blutproben zur Bestimmung der Nierenfunktion gewonnen worden, um das Voranschreiten chronischer Nierenerkrankungen beurteilen zu können.

Verwechslung von Prävalenz und Inzidenz

Im Ergebnis behaupten die Autoren: Die Prävalenz von Patienten mit chronischer Nierenerkrankung läge in der hausärztlichen Versorgung bei 28 Prozent: Wenn die errechnete glomeruläre Filtrationsrate (GFR), also das Gesamtvolumen des gebildeten Primärharns pro Zeiteinheit, bei kleiner/gleich ≤ 60 ml/min/1,73 m² normierter Körperoberfläche (KOF) liegen würde.

Die Ärzte Zeitung berichtete am 08.02.2017 relativ unkritisch über diese hauseigene Publikation des Springer Verlags. Denn das Zustandekommen der Ergebnisse unter Verwechslung der Begriffsdefinitionen „Prävalenz“ und „Inzidenz“ wiegt umso schwerer, weil es sich um einen sekundär-selektiven Aufguss aus längst vergangenen Studiendaten handelt.

Wo kommt plötzlich das Mammakarzinom her?

Und wer glaubt, die DETECT-Studienautoren würden über eine Illustration verfügen, die erklärt, wie aus 55.518 Patienten und 3.188 Hausarztpraxen urplötzlich nur noch 10 bis 13 Jahre alte Blutproben von zufällig ausgewählten 4.080 Patienten und 851 Praxen werden können, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Irreführend werden DETECT III-IV Ergebnisse aus der wissenschaftlichen Forschung am weiblichen Mammakarzinom präsentiert:

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Nur nach extrem aufwendiger Recherche fand sich eine Illustration zum eigentlichen DETECT-Vorgehen:

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Daran wird deutlich, dass eine Vorstudie bereits 2003 begonnen wurde. „Vertiefende laborchemische Untersuchungen an einer randomisierten Teilstichprobe (N=7.519 Patienten)“ mit einer „Nachuntersuchung der Teilstichprobe  (N=6.627 Patienten;  RR:93,1%)“ im Jahr 2004.

Bei einem weiteren Diagramm zu DETECT fanden sich weitere Ungereimtheiten für den Bereich Diabetes mellitus und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bzw. nichts zu Nierenfunktionsstörungen:

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Und keineswegs wurde die Prävalenz von chronischen Nierenfunktionsstörungen/-erkrankungen detektiert, wie in der Studie behauptet wird: „In this study, we examined the prevalence of CKD in primary health care in Germany“. Die Prävalenz würde das Vorkommen eines Befundes/einer Erkrankung in der Gesamt-Population von Nicht-Patienten und Patienten beschreiben müssen. Außerdem darf dann die Gesamtstichprobe nicht willkürlich reduziert werden, wie hier zweifelsfrei geschehen.

Die Schlussfolgerung ist schlicht falsch

Von daher ist die Schlussfolgerung definitiv falsch: „Conclusion – In this representative sample of patients seeking medical advice in primary care, the prevalence of impaired kidney function was almost one third“. Diese repräsentative Stichprobe bezog sich auf eine wesentlich eingeschränkte Vorselektion von Hausarzt-Patienten und beschreibt damit die Inzidenz von 28 Prozent mit einer eingeschränkten Nierenfunktion.

Im Übrigen berücksichtigen die verwendete vereinfachte MDRD-Formel und die etwas genauer beschreibende glomeruläre Filtrationsrate als GFR-Wert nach der CKD-EPI-Formel (Chronic Kidney Disease Epidemiology Collaboration) zwar das Alter in Jahren, Geschlecht, Hautfarbe als Berechnung auf die normierte Körperfläche (KOF) von 1.73 m². Aber nicht die mit zunehmende Prävalenz und Inzidenz der durch Adipositas (permagna) ansteigende KOF. Sowohl in der Gesamtbevölkerung als auch bei unseren Patienten.

Ohne individualisierte Gewicht-  und Größen-Angaben und unter krasser Verwechselung von Inzidenz und Prävalenz bleibt die vorgelegte Publikation reine Makulatur.

Nierenfunktionsstörungen waren nie Teil der Ausgangshypothese

Schlimmer noch: Hier wurde ganz offensichtlich mit 10 bis 13 Jahre alten Daten hantiert – und Nierenfunktionsstörungen waren überhaupt nicht Gegenstand der Ausgangshypothese! Ich bedaure, dass ich das nicht diplomatischer formulieren kann.

Selbstverständlich führe ich seit Gründung meiner Hausarztpraxis im Jahr 1992 bei nahezu jeder Blutentnahme – und nicht nur bei der Gesundheitsvorsorgeuntersuchung – eine Kreatinin/GFR-Bestimmung durch. Bedauerlicherweise ist dieser Laborwert wie auch das fakultative EKG den Sparmaßnahmen von Kassenärztlicher Bundesvereinigung und Gemeinsamen Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen schon vor vielen Jahren bei der GESU zum Opfer gefallen – nicht nur dort fehlt medizinischer Sachverstand.

 

Originalpublikation:

Chronic kidney disease in primary care in Germany
Ingrid Gergei et al.; Journal of Public Health, doi: 10.1007/s10389-016-0773-0; 2016

 

Alle Repros Praxis Dr. Schätzler

Bildquelle (Außenseite): Matt Wiebe, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 21.02.2017.

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Gast
"Schlimmer noch: Hier wurde ganz offensichtlich mit 10 bis 13 Jahre alten Daten hantiert – und Nierenfunktionsstörungen waren überhaupt nicht Gegenstand der Ausgangshypothese!" Das ist eine schwerwiegende Vermutung, obwohl ja lt. Studienwebsite die Erhebung des Labors im Rahmen der Längschnittstudie (gewissermaßen als "Arbeitshypothese", sofern man davon bei einer rein deskriptiven Untersuchung sprechen kann) die Laborkontrollen von vornherein Bestandteil der Studie zu sein schienen. Haben Sie denn bereits die Autoren der DETECT-Studie mit der Bitte um Klarstellung angeschrieben?
#11 am 20.02.2017 von Gast
  0
Gast
Das "Mammakarzinomdiagramm" habe ich dort nicht gefunden. Hingegen erklärt sich die untersuchte Probenzahl aus folgendem (von mehreren frei verfügbaren) Supplement zur Studie: https://static-content.springer.com/esm/art%3A10.1007%2Fs10389-016-0773-0/MediaObjects/10389_2016_773_MOESM1_ESM.doc . Es gab einen deutlichen Loss to follow up, wodurch die Patientenzahl so zusammengeschrumpft ist. Ich glaube daher nicht, daß hier ex post an den Daten manipuliert wurde. Warum diese Daten allerdings erst so spät ausgewertet und veröffentlicht wurden? Keine Ahnung.
#10 am 17.02.2017 von Gast
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Ich habe die Abbildungen unter http://www.detect-studie.de gefunden und das auch angegeben. Geradezu aberwitzig ist, dass in den DETECT-Risikoscores zu "Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen" nicht ein Hinweis auf Krea/GFR und Gewicht/Größe (BMI bzw. KOF) zu finden ist. Das nährt den Verdacht, dass man ex post eher "willkürlich" bei 4.080 von 55.518 Patienten die Kreatinin-Werte von vor 10 bis 13 Jahren genommen, schematisch deren GFR berechnet und dem wissenschaftlichen Publikum das Ganze auch noch als "Prävalenz" eingeschränkter Nierenfunktion verkauft hat. Das ist die entscheidende Irreführung!
#9 am 12.02.2017 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Gast
Also, ich habe die beiden weiteren Abbildungen recht rasch mit Google gefunden, allerdings wahrscheinlich nicht die Quelle, aus der Sie sie entnommen haben. Eine Verlinkung wäre (auch aus Gründen des Urheberrechts) angebracht. In der Grafik, welche sich mit den Risikoscores befaßt, kann ich allerdings nichts fragwürdiges entdecken. Im Gegenteil, es ist doch bekannt, daß die versch. Scores unterschiedliche Ergebnisse bringen können, weil sie in der Berücksichtigung von Risikofaktoren voneinander abweichen. Als letztes die Frage, in welcher Sekundärquelle, die Sie ausgewertet haben, die "Kreislauf-DETECT" mit der" Brustkrebs-DETECT" vermengt wurden (für das Original-Paper kann ich es mir einfach nicht vorstellen)? Danke!
#8 am 12.02.2017 von Gast
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Gast
Na ja, letztlich ist es aber doch recht klar, daß die Daten entsprechend dem Studienprotokoll erhoben wurden (im Follow-up der Studie). Ob die fehlende Erstattung der Untersuchung in der Gesundheitsvorsorge angesichts der generellen Unsicherheiten nicht sogar gerechtfertigt ist? (Ich weiß, ein Wespennest!) Schade, daß 2004 - 2007 Cystatin C noch nicht zur Verfügung stand, und heute immer noch teurer ist, als Kreatinin. Trotzdem ein drittes Mal zu der unteren der beiden Grafiken (das Flußdiagramm, in dem es um Mammakarzinome geht): Bitte vergleichen Sie http://www.detect-studie.de und http://www.detect-studien.de - merken Sie jetzt, daß die Studien nicht zusammenhängen, und die Grafik in Ihrem Beitrag fehl am Platze ist?
#7 am 11.02.2017 von Gast
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Es ist schon peinlich, für die "scientific community", wenn sich Forscher mal eben Teildaten aus einer DETECT-Studie herausklauben und dann aber gar nicht wissen, was sie damit anstellen sollen oder damit angerichtet haben ...
#6 am 11.02.2017 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Gast
Zur Verdeutlichung: http://meetinglibrary.asco.org/content/167640-176 - die DETECT-Studie mit dem Brustkrebs, aus der Sie offenbar die Illustration entnommen haben, rekrutiert noch, und Ergebnisse sind daher bislang nicht publiziert worden. Nur zum Thema frei zirkulierende Tumorzellen gibt es bereits Publikationen: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3680931/ - das einzige, was ich nicht herausbekommen habe, ist leider, wofür das Akronym DETECT bei dieser Studie steht.
#5 am 11.02.2017 von Gast
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Gast
?? Zu Prävalenz und Inzidenz kein Streit (ich glaube, allerdings immer noch, daß der Begriff der Population nicht zwangsläufig nur die Bevölkerung einer ganzen Gemeinde oder Landes bedeuten muß), aber ob Sie es mir glauben oder nicht, Ihre Illustration hat mit der DETECT-Studie, die Sie besprechen, (einer deskriptiven Studie zum Thema Her-Kreislauferkrankungen) wirklich nichts zu tun! Die Illustration bezieht sich, wie gesagt, auf die DETECT-Studie(n) III - V, welche klinische Interventionsstudien zu Mammakarzinomen sind. Die Studien haben zwar den Namen, aber nichts sonst gemeinsam! Deswegen hätte es einen gewissen Charme, wenn Sie die Illustration wieder entfernen würden...
#4 am 11.02.2017 von Gast
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Prävalenz (Engl: prevalence) - Als Prävalenz bezeichnet man die Häufigkeit einer Krankheit oder eines Symptoms in einer Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt. Das sind nicht Patienten in der hausärztlichen Praxis. Diese sind eine Primär-Selektion, führen zu Annahmefehlern mit Wahrnehmungs-Verzerrungen. Inzidenz (Engl: incidence) beschreibt die Häufigkeit von Neuerkrankungen. Darunter versteht man die Anzahl neu aufgetretener Krankheitsfälle innerhalb einer definierten Population in einem bestimmten Zeitraum. Warum bei ursprünglich 3.188 Hausarztpraxen mit 55.518 Patienten (http://www.detect-studie.de) im gesamten Bundesgebiet die Häufigkeit von eingeschränkter Nierenfunktion nur bei 4.080 zufällig ausgewählten Patientinnen und Patienten in ganz Deutschland auf Basis der Studie DETECT analysiert wurde, müssen Sie die Autoren der Publikation fragen. Meine Illustration zeigt, dass sie wohl mit DETECT nicht viel zu tun hatten. MfG
#3 am 10.02.2017 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Gast
Kurze Ergänzung: Ich sehe das Problem hier nicht bei der Frage, welche Grundgesamtheit gewählt worden ist, sondern eher darin, daß die Studie einen Dreijahresverlauf der Patienten dokumentiert. Mit andren Worten: Für jedes einzelne Jahr 2004 - 2007) von einer Prävalenz zu sprechen, ist erst einmal nicht falsch, da aber hier der Verlauf interessiert, würde ich auch die Inzidenz als relevant ansehen. Übrigens hat die DETCT III - V Study, für die das Uniklinikum Ulm Ansprechpartner ist (https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT01619111, https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT02035813, https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT02344472) wirklich nichts mit der besprochenen DETECT-Studie zu tun.
#2 am 10.02.2017 von Gast
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Gast
Ich bin verwirrt: Was hat denn die Studie DETECT - Diabetes Cardiovascular Risk-Evaluation: Targets and Essential Data for Commitment of Treatment mit der Grafik zu tun, in der es um die Behandlung des metastasierten Mammakarzinoms geht??! Außerdem, mal bei WP nachgelesen: "Prävalenz = Anzahl der zum Untersuchungszeitpunkt Kranken / Anzahl der in die Untersuchung einbezogenen Individuen. Ein anderes Maß für die Krankheitshäufigkeit ist die Inzidenz oder Inzidenzrate. Sie sagt aus, wie viele Menschen in einem bestimmten Zeitraum neu erkranken. Inzidenz oder Inzidenzrate = Anzahl der neu Erkrankten /(betrachtete Zeitspanne * Anzahl der in die Untersuchung einbezogenen Individuen)." Insofern würde ich nicht sagen, daß hier "Prävalenz" inkorrekt ist.
#1 am 10.02.2017 von Gast
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