Einer fehlt beim Klassentreffen

08.02.2017
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Günther ist tot. Er war Bluter. In den Achtziger Jahren Bluter zu sein, das war oft ein Todesurteil. Fast die Hälfte aller Hämophilie-Patienten waren damals mit HIV-verseuchten Blutprodukten behandelt worden.

Neulich hatten wir Klassentreffen. Eigentlich mag ich sowas ja gar nicht. Man kennt das: Der Thomas hat ganz doll Karriere gemacht und fachsimpelt mit dem Andreas über die besten Hedgefonds und sein Golf-Handicap. Der Klaus ist immer noch derselbe geblieben, war damals schon eine Niete, jetzt isser beim Finanzamt.


Und Claudia? Was ist aus Claudia geworden, die, auf die wir alle scharf waren? Natürlich verheiratet, mit irgendeinem Trottel, der ist weder attraktiv noch hat er Geld, da hätte sie auch mich nehmen können. Hat sie aber nicht und der Trottel hat jetzt zwei Kinder mit ihr. Aber es läuft gerade nicht so gut, wahrscheinlich läuft es auf eine Scheidung hinaus. Hab ich dann doch noch Chancen? Obwohl ich weder weiß, was ein Hedgefond ist noch ein Golf-Handicap vorweisen kann?


Günther war früher der Mädchenschwarm

Damals hatte ich keine Schnitte. Vor allem nicht gegen Günther. Günther war der Hansdampf-in-allen-Gassen, der Schwarm aller Mädchen, der immer ganz tolle Sachen machte und dann auch noch ein ganz gutes Abi hingekriegt hat und nach Paris gegangen ist, um an der Sorbonne zu studieren. Was er da studiert hat? Wohl irgendwas Kreatives. Irgendwas mit Kunst. Was man halt so macht in Paris. Und wie geht es ihm jetzt?

„Günther ist tot!‟, sagt Claudia.

Wie bitte? Vor Schreck lasse ich fast mein Glas Prosecco fallen.

„Er ist schon vor einigen Jahren gestorben. In Paris!‟, fährt Claudia fort.

Und woran? Claudia zuckt mit den Schultern. „Eine Grippe oder so, heißt es ...‟

Eine Grippe? Kann eine Grippe einem jungen Mann den Garaus machen? Kann sie, klar. Aber wäre doch eine extreme Seltenheit.

„Eine verschleppte Grippe vielleicht? Oder auch eine Lungenentzündung?‟, Claudia plinkert mich mit großen Augen an. Ihre Augen sind noch genauso groß wie damals.
Und jetzt dämmert mir allmählich, was Sache ist.

Und dann fiel es mir wieder ein

Günther hat es mir damals erzählt, im Vertrauen. Dass er nicht zur Bundeswehr brauchte. Er wurde ausgemustert, weil er Bluter war.

In den Achtziger Jahren Bluter zu sein, das war für viele Betroffene ein Todesurteil.

„Er hatte Aids, nicht wahr?‟, fragt Claudia.

Hmm. Das fällt ja im Prinzip unter die Schweigepflicht. Aber wenn sie es eh weiß? Die Nachricht scheint ja eh längst die Runde gemacht zu haben. „Woher denn eigentlich?‟, fragt Claudia weiter.

Menschen, die an Hämophilie leiden, bekommen regelmäßig Gerinnungsfaktoren, die aus dem Blut gesunder Spender gewonnen werden. Also aus dem Blut von Menschen, die genügend Gerinnungsfaktoren haben, was sonst noch mit ihnen los ist, ist ein anderes Thema. Natürlich werden alle Blutspender – und alle Blutspenden – auf Infektionskrankheiten getestet. Aber man kann nur das testen, was man kennt. Das HI-Virus wurde 1983 entdeckt. Bis es geeignete Testmethoden gab, dauerte es. Zwar gab es Verfahren, um Blutprodukte mit Hitze zu behandeln und dadurch die Viren zu inaktivieren, aber diese Verfahren waren teuer und wurden in Deutschland erst ab 1985 flächendeckend eingesetzt.

Aber wieso wurden derart viele Bluter infiziert?

Claudia runzelt die Stirn. „Aber war Aids damals in Deutschland nicht noch sehr selten?‟, fragt sie. Das ist richtig. Nun werden die Blutprodukte für Hämophilie-Patienten meist nicht aus Vollblut, sondern aus Blutplasma gewonnen. Im Gegensatz zu Blutspenden werden Plasmaspenden oft durch kommerzielle Firmen durchgeführt. Die Spender erhalten ein bisschen Geld. Plasmaspende-Zentren findet man oft da, wo die Leute sind, die dringend Geld brauchen, noch Fragen?

Claudia zuckt mit den Schultern.

Heute gibt es aufwändige Sicherheitsvorkehrungen. Drogenabhängige und Angehörige anderer Risikogruppen werden nicht zur Spende zugelassen. Das Plasma wird über mehrere Monate tiefgefroren gelagert und die Spender anschließend nochmals auf HIV und andere Krankheiten getestet. Erst wenn diese Tests negativ ausfallen, wird das Plasma verwendet. Zumindest sollte es so ablaufen.

Damals war es anders. In den Achtziger Jahren wurde ein großer Teil der Blutprodukte aus den USA importiert und dort haben auch Angehörige von Risikogruppen Plasma spenden dürfen. Das Plasma wurde „gepoolt‟, also auf gutdeutsch zusammen geschüttet. Wenn also ein HIV-infizierter Spender dabei war, war die ganze Charge verseucht.

Und damit war die Geschichte noch nicht zu Ende

Claudia schüttelt den Kopf. „Wie furchtbar!‟, sagt sie.

Und der eigentliche Skandal fing damit gerade erst an: Auch als das Virus und sein Übertragungsweg bekannt geworden war, es geeignete Testmethoden und somit Möglichkeiten gab, Infektionen zu verhindern, haben manche Firmen wider besseres Wissen zunächst einmal weiter gemacht wie bisher und damit aus Profitinteressen den Tod von Menschen in Kauf genommen.

Das hat 1994 ein Bundestags-Untersuchungsausschuss bestätigt. Die Opfer wurden entschädigt. Heute gibt es Medikamente, die einem HIV-Infizierten ein zumindest physisch fast normales Leben ermöglichen.

Für Günther – und für viele Andere – kam aber jede Hilfe zu spät.


 

Bildquelle: Emily Sweeney, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 09.02.2017.

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interessierter Laie
Da #9 den Mangel an Blutkonserven anspricht: gibt es eigentlich postmortale Blutspenden? Wenn man ganze Organe kurz nach dem Tod noch sinnvoll verwenden kann, dann sollte so ein bisschen Flüssigkeit doch kein Problem sein, oder? Trotzdem habe ich noch nie davon gehört, dass so was gemacht wird, kann jemand erklären warum?
#14 am 16.03.2017 von interessierter Laie (Gast)
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Olaf Wilsing Hämophili A, HIV
85 ist fast richtig, rechtlich erst in den 90er, 85 hatten wir test verfahren für HIV, und eine risen Welle an Positiv Ergebnissen, u. a. wegen ungefragten HIV Test in der UNI Klinik Eppendorf. das Verfahren gab es seit 78, eingesetzt wurde es ab 83 von einer Firma, Pflicht war es in Deutschland ab 94. Lustig, ab dem Zeitpunkt gab es dann auch Alternativen zur Menschlichen Plasmaspende als Quelle. und das Medizinische Patent war ausgelaufen für das Verfahren. Ein Schelm der böses dabei denkt.
#13 am 09.03.2017 von Olaf Wilsing Hämophili A, HIV (Gast)
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Thomas Gabel, HIV und HCV
@Michael Sachse: Sag bloß, du findest nicht, dass der Mann deiner Jugendtraumfrau ein Trottel ist. Sei ehrlich... BTW bin ich auch einer der Bluter, die damals angesteckt wurden. Und ich finde es klasse, dass jemand das Thema aufgreift. Wir kämpfen um unsere Entschädigungszahlung. Die Pharma zieht sich ganz aus der Verantwortung, der Bund kann sich nicht entscheiden... Alles zieht sich dahin und die Mittel werden immer knapper... Lest nach auf blutskandal.de und zeichnet unsere Petition. Danke.
#12 am 15.02.2017 von Thomas Gabel, HIV und HCV (Gast)
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Lynn Sziklai
Absolut korrekt, die Pools waren mitunter ein großes Problem im Gesamtkonstrukt des noch viel größeren Problems. Aber Frau Süßmuth alleine hätte, da bin ich mir sicher, nichts ausrichten können. Wir kennen doch die Pharma-Mafia. Noch & gerade heute sind die Verstrickungen so abartig undurchsichtig, dass man fast vermuten könnte, die Pharma sponsert jeden. Zumindest tun sie das definitv auch bei solchen Gemeinschaften & Organisationen, von denen wir uns im aktuellen Kampf andernfalls Hilfe erwartet hätten. Aber die Realität sieht anders aus. Frau Süßmuth haben wir zum Politcafé unter dem Motto "Blutskandal heute" am 30. März in Berlin geladen, mal sehen, ob sie kommt. Oder ob das Vergessen auch bei ihr Einzug gehalten hat. Wir werden sehen...
#11 am 14.02.2017 von Lynn Sziklai (Gast)
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Gast
War zu der Zeit nicht Frau Prof. Dr. Süßmuth Gesundheitsministerin? Und hat nicht dieselbe Nichtärztin sich später öffentlichkeitswirksam für HIV-Infizierte eingesetzt?! Hätte Sie das Poolen rechtzeitig verboten, wäre vielen viel Leid erspart geblieben.
#10 am 11.02.2017 von Gast
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Natürlich ist es fürchterlich was damals passiert ist, noch fürchterlicher finde ich, dass die Präventionen heute genauso miserabel sind wie in der 1980ern und, dass die Ignoranz in der Bevölkerung zum Thema HIV und Aids noch größer geworden ist. Ein weiterer schlimmer Faktor ist ebenfalls, dass es immer noch Blutkonserven aus dem illegalen Handel gibt, es gibt sogar laut RKI-Aussagen Ärzte, die mit den illegalen Konserven immer noch reichlich Profit machen, da die Wartezeiten auf legale Spenden immer noch sehr hoch sind. Im Jahr 2017 ist das leider bittere Wahrheit und Scharlatane können schnell das weite suchen und teilweise unerkannt und unbestraft weiterleben.
#9 am 10.02.2017 von Peter von Stedman (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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Lynn Sziklai
Mein Freund wäre als Kind auch fast an Nasenbluten gestorben. Sein Vater musste ihm im Krankenhaus damals den Faktor selbst spritzen. Die Ärzte verweigerten es aufgrund "juristischer Unsicherheit", klärten den Vater aber freundlicherweise darüber auf, dass sie ihn anzeigen müssten, würde beim Spritzen etwas schiefgehen. Zum Thema hier noch aktuell: www.blutskandal.de
#8 am 10.02.2017 von Lynn Sziklai (Gast)
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Ich war selbst Bluter (so hieß es damals), Anfang der 60er Jahre hat man sich sogar geweigert meine Mandeln heraus zu nehmen obwohl notwendig, Schulsport durfte ich damals nicht machen. Beim geringsten Schnitt lief das Blut ohne Ende kann man sich gar nicht vorstellen. Hatte ständig Hämatome bei festeren Berührungen oder nur leichtea Anschlagen. Komischerweise hat sich das noch vor oder? während der Bundeswehrzeit 1970 spontan erledigt. Ich habe 25 Jahre Kampfsport betrieben ohne jegliche Probleme. 2010 hatte ich sogar eine Beinvenenthrombose. Was das damals war konnte mir bisher niemand sagen. Angst vor AIDS hatten wir Anfang der 80er Jahre als viele von uns (Arbeit auf Dialysestation) die allerersten Impfungen gegen Hep B bekamen und wir über die damaligen Herstellungswege erfuhren. BTW Warum ist es wichtig, dass der Mann von Claudia ein Trottel ist? Sorry.
#7 am 10.02.2017 von Michael Sachse (Heilpraktiker)
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Gast
#6 am 10.02.2017 von Gast
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Frage einer Nichtmedizinerin: Wird eigentlich an gentechnisch hergestellten Gerinnungsfaktoren gearbeitet oder gibt es einen Grund, warum das nicht möglich sein sollte?
#5 am 10.02.2017 von Dr. biol. hum. Claudia Arnold (Chemikerin)
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Ja, dass es in den frühen 80er Jahren die Möglichkeit der Hitzebehandlung gab, habe ich erwähnt. Aber die wurde erst ca. 1985 routinemäßig für alle Präparate angewandt. Oder habe ich das missverständlich ausgedrückt?
#4 am 09.02.2017 von Medizynicus Medizynicus (Arzt)
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hitzebehandelte und damit im Sinne der Sicherheit bzgl. HTLV III / Hiv, Hepatitis B + C geeignete Präparate gab es seit 1979 (Behring). Ansonsten stimmt's.
#3 am 09.02.2017 von Dr. Jochen Weisser (Arzt)
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Interessant,dass sich jemant dieses Themas annimmt. Leider ist die finanzielle Unterstützung der betroffenen Bluter nur die Eine Seite. Nach dem gleichen Schema wie HIV wurden auch vor allem in den 90-ziger Jahren fast alle Hämophile mit dem Hepatitis-C Virus infiziert. Alle Bemühungen um eine Unterstützung, sowohl auf rechtlichem als auch auf politischem Gebiet scheiterten bisher. Im Moment sieht es so aus als würde die "natürliche Auslese" diese Problematik zukünftig von selbst lösen.
#2 am 09.02.2017 von Dipl.-Ing. Helmut Rohm (Pharmazie-Ingenieur)
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... in meinem persönlichen Umfeld gleich zwei Tote durch diese Firmen-Schweinerei...
#1 am 09.02.2017 von Frauke Lippens (Hebamme)
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