Angst

01.02.2017
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Ich sehe die Angst bei Herrn Karl. Sein Gesicht ist wutentbrannt, verzerrt, hochrot und die Augen treten vor Anspannung hervor. Seine Hände sind zu Fäusten geballt und zittern. Ich rieche die Angst, er schwitzt. Und ich höre die Angst. Er brüllt mich auf der Station an. Mitten im Flur. Seine Frau stirbt.

Sie hat so viele Krankheiten, dass der Herold nicht ausreicht, um sie zu beschreiben. Schon mitgebracht. Herz, Lunge, Venen, Zucker, Blutgerinnung, Niere. Schlecht. Sehr schlecht. Und dann kamen die Fraktur, der notwendige Duokopf, die OP und die Narkose. Sie hat eine Patientenverfügung und vor der OP klare Anweisungen gegeben. Keine Dialyse, keine Reanimation, keine lebensverlängernden Maßnahmen.

Das Herz arbeitet insuffizient. Kardiologen, Nephrologen, Anästhesisten. Alle waren da und haben verbessert, was zu verbessern ist. Aber Frau Karl schafft es nicht. Schon vor dem Sturz war ihr Leben ein Marsch auf ganz dünnem Eis.

Das weiß Herr Karl. Ich habe vor der OP lange mit ihm über diese für seine Frau lebensgefährliche Situation gesprochen. Eigentlich weiß er das. Aber nur eigentlich. Deshalb schreit er mich jetzt an, ich lasse seine Frau „verrecken“. Da stehen zehn weitere Angehörige anderer Patienten. Alle Versuche, dieses Gespräch im Patientenzimmer oder im Arztzimmer zu führen, sind gescheitert.

Er hat mich auf dem Flur abgefangen. Er lässt mich nicht zu Wort kommen. Er schreit und flucht und ich bin die Zielscheibe. Ich bin herzlos, unfähig, ein Metzger und sollte diesen Job nicht machen dürfen. Ich bin kurz davor, zurückzuschreien. Aber ich warte, bis die Frage kommt. „Warum zum Teufel tun Sie nichts?“

„Weil wir nichts mehr weiter tun können.“ Schwester Marianne stellt sich an seine Seite und schüttelt den Kopf. „Herr Karl, jetzt reicht es. Sie wissen, dass sie recht hat. Ich gehe mit Ihnen zusammen in das Zimmer Ihrer Frau.“

Als ich mich noch mal umdrehe, sehe ich, dass nun statt des großen breitschultrigen, angsteinflößenden Mannes ein gebücktes, zitterndes Häufchen Elend in das Zimmer seiner Frau begleitet wird.

 

Bildquelle: Horst Gutmann, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 14.02.2017.

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Gast
Eine echt gute Frage, zumal hier (http://news.doccheck.com/de/160092/hemmt-cannabis-den-zerebralen-blutfluss/) in den Kommentaren das große - nein, Verzeihung -, DER große Amen bereits gründlich auseinandergenommen wurde.
#13 vor 5 Tagen von Gast
  0
Sehr geehrte Frau Dipl. Ing. Dorothea Burger, was hat dieser Quacksalberlink mit dem Artikel zu tun? MfG
#12 vor 5 Tagen von Christian Veith (Arzt)
  0
Da ich Norweger bin , möchte ich mich zuerst vorbeugend bei GAST #8 für eventuelle grammatikalischen Fehler entschuldigen. Auch in meinem Beruf ( praktiziere schon 47 Jahre in der Kleintier - und Pferdepraxis) gibt es durchaus Angehörige , die in Ihrer Verzweiflung lauthals fluchend hinter mir durch die Praxis laufen . Für solche Fälle trage ich immer Visitenkarten in meinem Kittel,- nehme eine Karte heraus und teile dem Unglücklichen mit das er mich für ein persönliches Gespräch in Ruhe kontaktieren soll ,- drehe mich um und gehe . Es klappt immer ! Der Anruf kommt und das Gespräch wird meistens ein bis 2?Stunden danach in aller Ruhe durchgeführt.
#11 vor 10 Tagen von Dr. med.vet. Öistein Gaarden (Tierarzt)
  0
Sie haben meinen vollen Respekt dafür, dass Sie bei all der Arbeitslast und der Belastung, eine Patientin - so vorhersehbar auch immer - zu verlieren, noch die Selbstbeherrschung hatten, NICHT zurückzuschreien. Das ist wichtig, wir alle wissen das, aber manchmal geht es über die Grenzen des menschlich möglichen. Auch Ärzte sind nur Menschen und wollen sich mal wehren, wenn es ungerecht wird (was sehr oft passiert!)... Da hilft dann weder Wissen noch Mitleid. Also nochmal: Respekt!
#10 vor 11 Tagen von Dr. med. Daniela Heuschmann (Ärztin)
  0
Gast
Bei allem Respekt, aber ich habe nur einen einzigen Grammatikfehler finden können. Bei Ihnen, Gast Nr. 8, fällt mir jedoch eine eigenwillige Interpunktion auf. Wer im Glashaus sitzt...
#9 vor 11 Tagen von Gast
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Gast
Bei allem Respekt, aber was für ein fürchterliches Deutsch !, und auch die Grammatik ist fehlerhaft. Hat denn niemand diesen Artikel lektoriert?
#8 vor 11 Tagen von Gast
  66
Gast
Die beste Reaktion kommt von Schwester Marianne. Der Satz "wir können nichts mehr für sie tun" ist schlimm für Patient und Angehörige. Sie brauchen die Sicherheit, dass immer (und gerade dann!) etwas getan wird, es ändert sich nur das Ziel. Symptomkontrolle, effiziente Schmerztherapie, Gesprächsbereitschaft, beruhigende Atmosphäre helfen viel. Sehr zu empfehlen die kleinen Broschüren "die letzten Tage und Stunden" von Stein Huseboe und "die letzten Wochen und Tage" von Diakonie Deutschland und Krebsverband Baden-Würtenberg e.V. (auch und gerade für Angehörige).
#7 vor 11 Tagen von Gast
  1
Gast
Der Mann hat seine Frau geliebt! Ich kann das verstehen!
#6 vor 11 Tagen von Gast
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Assistenzärztin
Eine leider zu allzu vertraute Situation, hier hilft häufig eine umfassende Palliativversorgung nicht nur den Patienten sondern auch den Angehörigen. Ein bedarfsorientiertes Palliativregime erfordert oftmals mehr Zeit und Kontakt als eine normale Behandlung, die zusätzliche Betreuung durch Palliativfachkräfte und eine erhöhte Visitenfrequenz durch den Stationsärzt und die Pflege ist häufig erforderlich um allen Bedrüfnissen des Patienten gerecht zu werden. Oftmals hilft das auch den Angehörigen zu erkennen dass nicht "nichts mehr getan wird", man muss es ihnen aber auch erklären und das geht nur wenn sie einem die Gelegenheit dazu geben. Sie erfahren es und sehen mit eigenen Augen dass sogar noch mehr getan wird als bei so manchem kurativen Behandlungsansatz, sofern sie einem auch zuhören können. In dieser speziellen Situation, kann man nur das Gewitter über sich ergehen lassen und hoffen dass sich bald eine weitere Gelegenheit für ein ruhigeres Gespräch ergibt.
#5 vor 11 Tagen von Assistenzärztin (Gast)
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Hinter (fast) jedem Vorhang aus Wut steck das nackte Elend.
#4 vor 11 Tagen von Dipl.-Psych. Gerd Zimmek (Psychotherapeut)
  1
Gast
"Letzte Hilfe Kurse" an der VHS wären sehr hilfreich- - um die Menschen ueber den Tod besser zu informieren ----
#3 vor 11 Tagen von Gast
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#2 vor 11 Tagen von Dipl. Ing. Dorothea Burger (Medizinisch-Technische Assistentin)
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Fürchterliche Situation für beide Seiten!
#1 vor 11 Tagen von Dipl.-Mus. Anke Niggenaber (Weitere medizinische Berufe)
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Kommt Jacqueline gar nicht in die Tüte. Kein Desinfizieren, kein Spülen, kein Säubern und sowieso keine Spritze. mehr...
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Jedoch machen sie die wartenden Patienten unangenehmer, ungeduldiger, ungestümer, ungehaltener, unfreundlich und mehr...

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