Einmal über die Alpen und wieder zurück

20.01.2017

Erst kürzlich gelang Dr. C. Luebbers (@drluebbers) mit seinem Tweet der große Durchbruch: „Beim Kind mit einer eitrigen Mittelohrentzündung 10 Globuli aus dem Gehörgang geholt...#Homöopathie wirkt: Dummheit potenziert sich“. Die folgenden Tage las ich die Geschichte sowohl in der Berliner Morgenpost als auch in der Welt und anderen gern gelesenen Zeitungen.

Alle schrieben über den Arzt, das arme Kind und seine Eltern. Die Geschichte erhitzte unwahrscheinlich viele Gemüter aus den verschiedensten Gründen. Die Homöopathiebefürworter hielten das Ganze für eine Verschwörungskampagne und ließen zum Beweis der Unmöglichkeit Zucker in ihrer Hand schmelzen. Die Homöopathiegegner hätten gerne ein Bild des schmerzgeplagten Mädchens zu Felde geführt. Fremdenfeindliche Gruppierungen sahen dies als Beispiel eigener geistiger Überlegenheit und die Gegengruppierung als Beweis fehlender Chancengleichheit.

Ich persönlich war einfach nur erleichtert, dass es damals noch kein Twitter gab. Damals, als ich noch Studentin war. Damals, als Dr. C. Luebbers auch noch studierte. Damals, als ich noch die Haare zu einem Dutt trug, dazu kleine Perlenstecker in den Ohrlöchern und inbrünstig autoritätsgläubig war.

Damals, als ich noch studierte ...

Das „Damals“ war, als ich zutiefst gedemütigt nachts auf einem HNO-Stuhl in einer Rettungsstelle saß, während in rascher Folge die Augenpaare hinter dem offenem Türspalt wechselten, um im Kuriositätenkabinett die Studentin mit den Verbrennungen zweiten Grades zu beäugen.

Schuld war nicht der Dutt oder der kleine Perlenstecker. Schuld war einzig und allein meine Obrigkeitshörigkeit, die durch den Vater meiner Mitbewohnerin und Hannibal verkörpert wurde. Jawohl, Hannibal. Der Hannibal mit den Elefanten und den Alpen.
Bei Hannibals Alpenüberquerung „stieß dieser auf Schnee beim Abstieg“, so heißt es. Wen wundert es da, dass einer von seinen Weggefährten Ohrenschmerzen beklagte.

Mich überraschte es jedenfalls nicht, als meine Mitbewohnerin mir diese Geschichte erzählte, während die Flamme des Feuerzeugs ihr Gesicht erhellte. Als Studentin im Vorklinischen Abschnitt hatte ich schon einige Grundzüge der Medizin kennengelernt und konnte nur zustimmend nicken. Nasskaltes Wetter, laufende Nase, Tubenkatarrh, Otitis – was sonst.

Hannibal, die Elefanten und der Honig

Während meine Studienkollegin den Honig in einem Teelöffel über besagtem Feuerzeug erwärmte, stellte ich mir also diesen geschichtsträchtigen Moment bildlich vor und hörte auch bereits in weiter Ferne das Trompeten der Elefantenherden. Erst als ich aus meiner kurzen Präsynkope wieder bei vollem Bewusstsein war, wurde mir klar, dass es eigentlich mein eigener gellender Schrei gewesen war und kein Trompeten. Was war also schiefgegangen?

Mehrere Dinge. Zum einen wurde die wichtigste Ohr-Regel verletzt: Nichts, das kleiner als der Ellenbogen ist, darf ins Ohr gesteckt werden. Zum anderen hätte man genauestens prüfen müssen, inwieweit es sich bei unserem Vorhaben um Fake News handelt. Diese gab es nämlich schon immer, nur waren sie früher weniger professionell in Hörensagen, Anekdoten, Aufschneidereien oder in Gerüchte verpackt. Nur wenigen Großen gelang eine generationsübergreifende Verbreitung.

Das Leichengift und der Wandersplitter

Die Legende über das Leichengift bereitet mir bis heute ein mulmiges Gefühl. Immer wenn ich gedankenverloren ein Haar- oder Gummiband um meinen Finger wickel und der Moment kommt, in dem mir bewusst wird, was ich da gerade gemacht habe, stehe ich vor dem unlösbaren Problem, dass ich nun entweder das Band nie mehr löse und mir der Finger kurz darauf abzufallen droht oder ich das Gummi löse, wodurch das Leichengift in meinen Körper schießen und mich binnen Sekunden umbringen würde.

Oder was ist mit dem Wandersplitter? Splitter aus Holz oder anderem Material, die einen einfach so aus der Mitte des Lebens reißen, nur weil man ihn übersehen hat oder zu faul war, den Splitter zu entfernen? Genau diese Splitter wandern über Jahre oder Jahrzehnte bis zum Herzen und machen irgendwas mittels einem unbekanntem Mechanismus damit. Am Ende steht auf jeden Fall der Tod. Solche Mythen sind derart hartnäckig, dass selbst die Zeit einen Artikel dazu verfasste.

Und mein Gehörgang?

Aber wie ging es nun weiter? Während ich mit meiner Mitbewohnerin diskutierte, ob Hannibal heißen, warmen oder einfach nur nicht eiskalten Honig meinte, hatte dieser (der Honig, nicht Hannibal) die Chance, etwas abzukühlen. Das und die Tatsache, dass mein Überlebensinstinkt in letzter Minute dann doch einsetzte und ich meinen Kopf wegdrehte, während meine Mitbewohnerin weiterhin versuchte, den warmen Honig in mein Ohr fließen zu lassen, rettete mich wohl.

Nachdem sie und ihr Freund mich in die Notaufnahme gefahren hatten, sprachen wir nie wieder über diese Geschichte. Bis heute.

Die Geschichte hinter meiner Geschichte ist folgende: Auch zwei bodenständige, studierte Menschen mit ganz gutem Abitur können manchmal etwas total falsch verstehen und wider jeglicher Intuition handeln.

Wer im Glashaus sitzt, kann viele Saugnäpfe aufhängen, sollte aber nicht damit werfen.

 

Bildquelle: Sprogz, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 25.01.2017.

103 Wertungen (4.79 ø)
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#17 1999 oder 2000 war es gewesen
#18 am 27.01.2017 von Dr. med. Karin Schneider (Ärztin)
  0
Kenne weder die Honig- noch die Knoblauchnmethode. Meine Familie sind ganz normale Mitteleuropäer, die so ab dem zweiten Weltkrieg keine folkloristische Medizin mehr verwendeten. In welcher Zeit spielt die Geschichte?
#17 am 27.01.2017 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
  2
Gast
Diese niedliche Geschichte zeigt, dass man als Verordner nichts als selbstverständlich voraussetzen sollte. Die Globuli im Ohr müssen nicht zwingend therapeutische Anweisung gewesen sein. Ich selbst verschrieb einer Patientin wegen einer Augensache eine Tropfenmischung mit 20% Alkohol. Auf das Rezept schrieb ich: 3 x täglich 10 Tropfen. Nach 3 Tagen (!) rief mich die Patientin an und sagte, sie könne die Anwendung der Tropfen nicht aushalten, weil sie gleich wieder aus dem Auge liefen und außerdem höllisch brennen würden. Ich hatte in meiner Hybris als selbstverständlich bekannt vorausgesetzt, dass das Medikament nur zur oralen Anwendung bestimmt war.
#16 am 27.01.2017 von Gast
  0
Hallo! #1 das mit der Knoblauchzehe kenne ich auch und jeder der davon erzählt, empfiehlt diese tief ins Ohr zu stecken#14. Gerade bei einer Otitis externa stelle ich mir das sehr schmerzhaft vor. Ich kann nur sagen, dass heißer Honig unglaublich schmerzhaft ist und auch gar nicht gut wieder aus dem Ohr rausgeht
#15 am 26.01.2017 von Dr. med. Karin Schneider (Ärztin)
  0
Das mit der Knoblachzehe funktioniert bei Ohrenschmerzen recht gut, ABER die bleibt in der Ohrmuschel und wird nicht irgendwo reingestopft, dickes Pflaster drüber und Mütze, Stirnband o ä und am nä Tag ist alles gut. Geht auch mit kleingeschnittenen Zwiebeln in einem Mullbeutel ist aber Riesensauerei.
#14 am 26.01.2017 von Dr Gabriela Robotka-rau (Zahnärztin)
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Köstliche Geschichte, in der k e i n e Hetze gegen Heilpraktiker steckt!
#13 am 26.01.2017 von Anke Niggenaber (Weitere medizinische Berufe)
  2
Da gab es noch den Landgerichtspräsidenten (Privatpatient) der sich bei der Visite über die scheußliche, fettige ,übelschmeckende viel zu großeSchmerztablette beschwerte. Studium bewahrt halt nicht vor dem Kauen von Suppositorien, insofern überraschen auch Globuli im Gehörgang nicht.
#12 am 25.01.2017 von Dr. med. Jens Bernhardt (Arzt)
  0
Gast
Aber da fehlt was ganz ganz elementares für eine ordentliche Diskussion hier auf DocChek: Hetze gegen Heilpraktiker bzw. HP-Bashing in 3..2...1...
#11 am 25.01.2017 von Gast
  19
Gast
Eine schöne Geschichte. Ich finde es nicht in Ordnung, sich im Internet über Patienten lustig zu machen. Wir wollen, dass sich die Patienten respektvoll und compliant verhalten, also sollten wir sie auch respektvoll behandeln.
#10 am 25.01.2017 von Gast
  3
Norepinephrin
Schöne Geschichteund nobody is perfect. Nur egalisiert die eine Dummheit eine andere Dummheit ja nicht. Und die andere Dummheit ist keineswegs so sehr die Globuli in den Gehörgang zu geben, sondern viel mehr diese überhaupt in irgendeiner Weise anzuwenden.
#9 am 25.01.2017 von Norepinephrin (Gast)
  20
Mr. wir waren alle mal jung
Schöne Geschichte! Vor Twitter und Co. konnte man wenigstens im kleinen Kreis noch Dummheiten machen und dadurch dazu lernen. Heutzutage lauern die Trolle ja in allen Ecken des Zwischennetzes, um Hohn uns Spott über die zu schütten, die mal eine kreative, aber leider dumme Idee in die Tat umgesetzt haben. Schade eigentlich.
#8 am 25.01.2017 von Mr. wir waren alle mal jung (Gast)
  1
Gast
"Alternative" Heilmethoden beurteile ich nicht aufgrund irgendwelcher Authoritätsgläubigkeit, sondern nach ihrer Evidenz - und wenn ich das tue, dann komme ich zu dem Schluß, lieber einen guten Schnaps, als zu Tode geschüttelte Honigbiene zu trinken.
#7 am 25.01.2017 von Gast
  11
Gast
Ich sehe mehr Autoritätsgläubigkeit in der undifferenzierten Übernahme der absoluten Glaubensdoktrin der Schulmedizin und Pharmaindustie als der Offfenheit alternativer Heilmethoden gegenüber.
#6 am 25.01.2017 von Gast
  19
Och, Herr Skeptiker, das ist doch Verschwendung! Da kann man doch Kuchen mit backen oder sie in den Tee oder Kaffee geben.
#5 am 25.01.2017 von Christian Becker (Apotheker)
  9
Skeptiker
Ich habe mich schon des Öfteren im Stillen gefragt, ob es nicht besser wäre, "inbrünstig autoritätsgläubigen" Personen auch bei guten Abiturnoten vom Medizinstudium eher abzuraten. Dann kommen die Globuli vielleicht endlich mal dahin, wo sie hingehören: In den Mülleimer.
#4 am 25.01.2017 von Skeptiker (Gast)
  41
Gast
sympathische Geschichte, schön geschrieben, Danke!
#3 am 25.01.2017 von Gast
  1
"Nichts, das kleiner als der Ellenbogen ist, darf ins Ohr gesteckt werden"? Seltsame anatomische Proportionen gibt es, ... oder bin ich nur zu ungeschickt? :-)
#2 am 25.01.2017 von Klaus-Peter Karmann (Student der Humanmedizin)
  14
...und mir hat meine Vater wegen Ohrenschmerzen eine Knoblauchzehe ins Ohr gesteckt, die leider nicht wieder rauskam. Der HNO hat sich totgelacht.
#1 am 25.01.2017 von Lorenz von Haselberg (Arzt)
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