Mein psychiatrischer Jahresrückblick 2016

16.01.2017
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Das Jahr 2016 ist nun schon ein paar Wochen abgeschlossen und ich möchte einen kurzen Rückblick geben, was sich aus meiner ganz persönlichen Sicht in der Psychiatrie und auch der Psychopharmakologie getan hat.

Bezüglich der gesetzlichen Rahmenbedingungen hat sich einiges getan. Bezüglich der verfügbaren Psychopharmaka war es ein eher ruhiges Jahr. Aber eins nach dem anderen:

Relevante Gesetzesänderungen

Lange Zeit sah es so aus, als würde zum Anfang 2017 das PEPP-System scharf geschaltet werden. Dies hätte wesentliche Auswirkungen auf die Art gehabt, wie stationäre Behandlungen in der Psychiatrie gegenüber den Krankenkassen abgerechnet werden. Doch aufgrund des heftigen Protestes von vielen Seiten hat Bundesminister Gröhe die Umsetzung des PsychVVG erst mal aufgehoben und zwar mit dem Plan, ein für die stationäre Psychiatrische Versorgung passenderes Abrechnungssystem zu erarbeiten. Bis dahin bleibt es erst einmal beim bisherigen Stand.

Im Land Nordrhein-Westfahlen, und nur dort, gilt ab dem 1.1.2017 ein neues PsychKG. Es stärkt die Rechte der Patienten und führt im Regelfall den Richtervorbehalt für die Zwangsmedikation ein. Darüber hinaus konkretisiert es die Anforderungen an die Dokumentation. Hier findet ihr ein kurzes Video, das die Neuigkeiten zusammenfasst.

Seit dem 26.11.2016 gilt in Deutschland das „Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG)“. Dieses Gesetz wurde erforderlich, nachdem es auf dem Drogenmarkt üblich wurde, bestimmte Drogen chemisch immer wieder in geringfügig veränderter Form zu synthetisieren. Bis sie explizit als verboten gelistet worden sind, vergingen jeweils einige Monate und in dieser Zeit waren sie legal. Üblich war dies vor allem bei synthetischen Cannabinoiden (legal highs) und Amphetaminderivaten. Das NpSG regelt nun, dass alle Derivate dergleichen Substanzgruppe unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Eine ausführliche Beschreibung hierzu findet in meinem Blogpost zu Spice.

Neue Medikamente

In Deutschland ist unter dem Handelsnamen MilnaNeuraX® der Wirkstoff Milnacipran als Antidepressivum neu auf den Markt gekommen. Es ist ein Serotonin-Wiederaufnahmehemmer mit einer recht ausgeprägten Noradrenalin-Wiederaufnahemhemmung. So sollte es vor allem bei Depressionen mit reduziertem Antrieb wirksam sein. Auch bei Angststörungen bietet sich dieses Profil an, hier hat Milnacipran aber noch keine Zulassung. Im Vergleich zu Citalopram scheint es weniger Nebenwirkungen zu haben, insbesondere ist keine QTc-Zeit-Verlängerung bekannt. Meinen Artikel zu Milnacipran findet ihr hier.

Mit Trevicta® steht Paliperidon nun auch als Drei-Monats-Depot zur Verfügung. Patienten, die zuvor stabil auf Xeplion® (Paliperidon als Ein-Monats-Depot) eingestellt waren, können hierauf umgestellt werden.

Vortioxetin (Brintellix®) wurde in Deutschland aus dem Vertrieb genommen
Mit Vortioxetin kam Mitte 2015 ein gut verträgliches SSRI auf den Markt, das in kurzer Zeit viel Aufmerksamkeit gewonnen hat. Ich selbst habe es häufig mit gutem Erfolg verschrieben, Nebenwirkungen zeigten sich kaum. Aufgrund einer Einschätzung des GBA wurde allerdings ein Zusatznutzen von Vortioxetin gegenüber anderen SSRI als nicht nachgewiesen eingestuft, daher wurde der Preis an generisch erhältlicher SSRI angepasst. Zu diesem Preis vertreibt die Herstellerfirma das Präparat in Deutschland nun nicht mehr (Artikel hier).

Aktuelle Entwicklungen im Verschreibungsverhalten

Seit März 2015 gilt eine mehr als deutliche Warnmeldung für Valproat bei Frauen im gebärfähigen Alter, da Valproat ein erhebliches teratogenes Potenzial hat. Von den Kindern, die während der Schwangerschaft Valproat ausgesetzt waren, zeigten laut Studienlage 30–40 % schwerwiegende Entwicklungsstörungen wie Lernschwierigkeiten, reduzierte Intelligenz oder Symptome von Autismus oder ADHS; weitere 10 % entwickelten angeborene Missbildungen wie Neuralrohrdefekte. (Mein Artikel hier).

Daraufhin kam es zu einem deutlichen Rückgang der Verschreibung von Valproat bei Frauen im gebärfähigen Alter. Diese Entwicklung hat sich 2016 fortgesetzt, Valproat sieht man bei Frauen im gebärfähigen Alter nur noch selten. Wenn man es dennoch sieht, muss man oft feststellen, dass die inzwischen verpflichtende schriftliche Aufklärung nicht erfolgt ist. In der Regel wird man Valproat dann auf ein anderes Phasenprophylaktikum umstellen.

In Deutschland sind inzwischen praktisch alle gängigen Antipsychotika als wesentlich preiswertere Generika erhältlich, auch bei den Antidepressiva ist die Auswahl an Generika groß. Meiner persönlichen Beobachtung nach gibt es viel seltener als früher die Diskussion, dass ein Patient unbedingt ein „Originalpräparat“ haben will. Aber ich arbeite auch im Krankenhaus und bekomme das vielleicht nicht so gut mit.

Die Pharmakotherapie wird auch nicht unkomplizierter, zumal die Patienten immer öfter im fortgeschrittenen Alter sind und deshalb komorbide und von mehreren Fachdisziplinen gleichzeitig behandelt werden. Ich beobachte eine zunehmende Anwendung von Interaktions-Check-Programmen. Im Krankenhaus gewinnen auch die Diskussionen um elektronische Verordnungen und Unit-Dose-Konzepte mehr Freunde. (Artikel zu Wechselwirkungen hier)

Wusste früher kaum ein Psychiater, was es mit dieser obskuren QTc-Zeit auf sich hat, hat sich dieses Wisssen nun besser etabliert. Wenn beispielsweise ein Patient mit einem vorbestehenden Long-QT-Syndrom in die Behandlung kommt, kann er inzwischen davon ausgehen, dass sein behandelnder Psychiater weiß, worauf er zu achten hat.

Entwicklungen auf dem Drogenmarkt

Die von vielen – auch von mir – befürchtete Crystal-Meth-Flut hat Deutschland zum Glück noch nicht überrollt. Zwar ist Crystal insbesondere in den grenznahen Gebieten Ostdeutschlands weiterhin ein großes Problem; auch sieht man in Westdeutschland immer wieder mal Konsumenten, aber eine starke Zunahme, die darüber hinaus geht, vermeine ich nicht festzustellen. Hoffen wir, dass dieses Teufelszeug nicht weiter an Boden gewinnt.

Die Gruppe der geschätzten 100.000 bis 180.000 Opiatabhängigen in Deutschland altert weiter in Würde vor sich hin. Es scheint bei den jungen Menschen weniger neue Opiatabhängigkeiten zu geben, dort stehen Amphetamine und andere Drogen höher im Kurs. Praktisch zeigt sich das so, dass die Substitutionsambulanzen jetzt Patienten mit langsam steigerndem Altersdurchschnitt betreuen. Ich habe das letzte Jahr über einen Patienten beraten, der sein Methadon nun ins Altersheim geliefert bekommen muss.

Euer Fazit?

Das war nun meine bewussst subjektive Einschätzung davon, was 2016 wichtig war und welche Trends ich beobachtet habe. Wie ist eure Einschätzung? Welche wichtigen Trends habt ihr beobachtet? Gab es 2016 andere interessante neue Medikamente? Schreibt eure Beobachtungen und Beurteilungen gerne in die Kommentare!

Quelle: Das Drogentaschenbuch, Scherbaum, 2016

 

Bildquelle: Theo Crazzolara, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 23.01.2017.

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Gast
Oft bin ich hier nicht zu Gast, so dass ich Deinen Beitrag auch erst heute gelesen habe. Aus meiner Sicht ein sehr guter Rückblick, bei dem mich nur wundert, dass es bis jetzt keine Kommentare gibt? Da war ich schon überrascht, dass z.B. der Beitrag ("Essentialismus: Meine Top 10 der Psychopharmaka" v.17.9.216), in dem die Reduzierung der Psychopharmaka auf 10 Medikamente überlegt wurde, eine so umfangreiche und z.T. wohlwollende Resonanz fand. Ok, ich konnte mich da auch nicht zurück halten (12#, 19#, 20# u.23#) Also, ein sehr guter Rückblick, der sich völlig mit meiner "subjektiven" Einschätzung deckt. Hat jemand Erkenntnisse, ob sich pharmakologisch eine weitere Möglichkeit bei Zwangserkrankungen ergeben hat? Trotz hochdosierter Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, Clomipramin, atypischer Neuroleptika und auch in Kombination mit Psychotherapie kommt es häufig nur zu einer Symptomreduktion von 30-40% (DGZ) und ca. 30% der Zwangserkrankten bleiben sogar völlig therapieresistent.
#1 am 28.01.2017 von Gast
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