Besser Patschhand als Handyklatsch

16.01.2017
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Auch in der Arztpraxis ist die ewige Präsenz der Handys ein Graus. Im Umgang mit Kindern wird es dann sogar zur Arroganz.

Das Kind ist krank, ich frage die üblichen Einstiegs-Anamnesefragen, währenddessen klingelt das Handy der Mutter. Ihre Aufmerksamkeit reißt ab, sie kramt in der Wickeltasche nach dem melodiösen Objekt.

„Alles klar soweit?“, frage ich, nachdem sie mühsam Hinwisch-Herwisch das Gerät zum Stillhalten motiviert hat. „Jaja“, sagt sie, „alles klar.“ Ohne den Blick vom Display zu nehmen.

Ich seufze und widme mich der anderthalbjährigen Marie-Endivie, die schon irritiert nach ihrer Mutter sieht. Diese verstaut wenigstens das Handy zurück in der Wickeltasche. Es pingt.

Ich schaue kurz über meinen nicht vorhandenen Brillenrand. Mutter lächelt und nickt, als wolle sie Geduld zeigen. Ich untersuche weiter. Marie-Endivie ist tapfer, sie streckt die Patschhand nach der Mama aus, bekommt sogar den Zeigefinger zu greifen. Ich darf weitermachen. Abhören, Bauch, Ohren, Hals.

Der Kontakt zur Patschhand reißt ab. Die Mutter kramt wieder in der Tasche und wischt. Und wischt. Und wischt.

Ich lege das Stethoskop zur Seite und beuge mich demonstrativ zu Marie-Endivie, sodass wir beide die gleiche Kopfhöhe und Blickrichtung auf die Mama haben. Gemeinsamkeit macht stark.

„Würden Sie das jetzt bitte wegräumen, bis Sie die Praxis verlassen haben?“, sage ich zur Mutter im Namen des Kindes. Sie wischt noch zwei-, dreimal, dann – wie ertappt, oh, Wunder – klickt sie theatralisch auf den On/Off-Knopf und versenkt das Objekt wieder in der Tasche. Sie hebt die Brauen und setzt zum Angriff an: „Aber Sie waren doch mit Marie beschäftigt, sie war mit ihnen beschäftigt. Warum darf ich mich dann nicht beschäftigen?“

 

Bildquelle: ClearFrost, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.01.2017.

53 Wertungen (4.96 ø)
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Medizin, Pädiatrie
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Christian Becker
Endivie? Ich gehe mal davon aus, dass der Name verändert wurde. :D
#13 am 21.01.2017 von Christian Becker (Gast)
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Gast
zu #11: Soviel zu den - insbesondere, was das Verhalten der Mutter angeht - sozialpsychologischen Hintergründen beschriebener Szenerie. Aber es existiert ja noch so etwas wie Bewusstsein, Wille, Verstand, Einsicht - alles bezogen auf Situationen, die ein adäquates, vernünftiges Verhalten erfordern... Und genau diese Dinge sind es, die im Alltag immer mehr schmerzlich vermisse.
#12 am 21.01.2017 von Gast
  0
Erwachsen werden bedeutet eigentich, Belohnungsaufschub aushalten lernen, also Geduld zu entwickeln. Das ist anstrengend und erfordert Frusttoleranz. Einfacher ist es, den Versuchungen der Moderne nachzugeben und sich einen stetigen Fluß zeitnaher Belohnungen zu verschaffen. Dazu eignen sich alle Stimulanzien - substanzgebundene ebenso wie mediale. Das dopaminerge Belohnungssystem im Gehirn nimmt sie alle an.
#11 am 21.01.2017 von Annika Diederichs (Tierärztin)
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Ärztin
Der entscheidene Punkt ist ja nicht nur die Höflichkeit... immer wenn man einen Patienten zu einem Arzttermin begleitet der nicht für sich selbst sprechen kann und sich auch nicht selbst behandeln kann ist volle Aufmerksamkeit und Konzentration gefragt. Man muss dem Arzt die Informationen geben die er braucht und ein offenes Ohr für seine Beratung haben > darum geht man doch mit einem kranken Kind zum Arzt: damit der einem sagt wie man es in den nächsten Tagen pflegen soll, auf was man achten muss, was man tun soll wenn die Beschwerden schlimmer werden usw.... der Arzt kann ja schließlich nicht in der Praxis einen Knopf drücken und dann ist das Problem erledigt. Es gehört schon etwas mehr dazu als den Termin hinter sich zu bringen und hinterher sagen zu können "wir waren beim Arzt, haben ein Rezept und jetzt ist alles gut". Man muss auch etwas für sein Kind "mitnehmen" und nicht bloß hinterher eine garstige Bewertungen in einem Internetportal schreiben....
#10 am 21.01.2017 von Ärztin (Gast)
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Gast
Ich bin selbst Mama und benutze selbstverständlich ein Smartphone, aber bei Terminen jeglicher Arzt gehört der Ton und die Vibration aus und das Handy bleibt in der Tasche. Eine der wenigen Ausnahmen ist, falls man aufgrund weiterer Kinder für die Betreuungspersonen erreichbar sein muss. Aber wie oft kommt es schon vor, dass der Kindergarten einen wirklich anruft und da kommt es auf 5 min wohl auch nicht immer drauf an... Ja, smartphones gehören heute zur Gesellschaft, aber Respekt und Höflichkeit auch (immer noch).
#9 am 21.01.2017 von Gast
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Gast
Aua. Was für ein (Endivien) Salat. Immerhin hat die Mutter es bis in die Praxis geschafft. Danke für diesen Artikel der einen auch mal wieder über sich selbst und den Umgang mit der Wischerei nachdenken lässt. Es ist wie mit den versiegelten Sonnenbrillen: setzt der " verspiegelte" sie während der Unterhaltung nicht ab, weiss ich nicht, wem die Aufmerksamkeit tatsächlich gehört. Hat viel mit Achtsamkeit und Respekt zu tun!
#8 am 21.01.2017 von Gast
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Hausarzt
Jede Zeit hat so ihre Eigenheiten. Mein Vater durfte als Kind Kühe und Gänse hüten, nach der Schule....allein. Hausaufgaben oder gar Beschäftigung mit dem Kind - tja, das gab es nur nach dem Abendessen, während Großmutter den Haushalt machte. Das war dann aber auch eher zweckgebunden und ohne pädagogisch wertvolle Begleitung. Ich selbst kann mich auch nicht daran erinnern, dass mein Vater für mich den Fernseher ausmachte, um mit mir die unwiederbringliche Zeit mit inhaltlich wertvollen Beschäftigungen zu verbringen. Gesellschaftsspiele usw. gab es nur im Urlaub, oder wenn das Fernsehprogramm nichts brachte. Allerdings ist die Handywischerei heutzutage schon ziemlich extrem, aber einen Patienten habe ich deswegen nicht rausgeworfen, warum auch. Holt er sein Wischhandy aus der Tasche, dann nahm ich meins und wische auch. Ich bin schon auf die nächsten 2 Generationen gespannt. Herzliche Grüße.
#7 am 21.01.2017 von Hausarzt (Gast)
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Gast
zu #4: sie wird es auch dann nicht kapieren, aber wir haben jetzt wenigstens die Befriedigung der Gerechtigkeit. ;-)
#6 am 20.01.2017 von Gast
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Sobald ich der Beschäftigung mit einem Mobiltelephon während der Sprechstunde gewahr werde, egal ob Pat. oder Begleitung, erfolgt die (noch freundliche) Aufforderung, das Gerät wegzustecken. ... Danach kann ein neuer Termin vereinbart werden.
#5 am 20.01.2017 von Michael Rost (Arzt)
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Wenn die Mutter - Mama will man da nicht sagen - im Altersheim gelandet sein wird, wird die Tochter das von ihr Gelernte anwenden.
#4 am 20.01.2017 von Dr. med. Bodo Mees (Zahnarzt)
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Bei unserem Kinderarzt sind Handys in der Praxis verboten. Punkt. Steht an der Tür angeschrieben, und ich schalte es schon reflexartig aus, wenn ich mich nur dieser Tür nähere.
#3 am 20.01.2017 von Dr. med vet Maurizio Gianini (Tierarzt)
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Nur wenn man sich uneingeschränkt für sein Kind interessiert, zeigt es später Interesse an der Welt und an dem, was es tut. Als Kinesiologin, die mit Lernstörungen bei Kindern und Jugendlichen arbeitet, sehe ich immer wieder das Verhalten der Mütter wie oben beschrieben. Und dann wird über ADS und ADHS gejammert...Ich habe mir schon ernsthaft überlegt Schwangeren Vorträge über die Leistung Ihrer Kinder in der Schule über das ehrliche Interesse am Kind, beeinflussen zu können. Ich gebe zu, dass ich dies, beim heutigen Fokus der Eltern auf die Karriere der Kinder, zwar aus manipulativen Beweggründen betreiben würde, aber wenigstens gäbe es wieder ein paar Eltern mehr, einige paar Eltern mehr, die sich erziehen lassen würden, sich als solche auch zu verhalten. Und vielleicht spricht es sich ja herum
#2 am 20.01.2017 von ellen link (Heilpraktikerin)
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Diese Eltern sind unmöglich, beobachte ich aber immer öfter bei jungen Eltern . Ihre Kinder bekommen kein bißchen seelischen/geistigen Input, niemand ist ganz einfach spielerisch zärtlich mit ihnen, keine Reime, keine Lieder, keine Fingerspiele, nix. Und dazu heißt das arme Mädel noch "Endivie" wie der Salat.....
#1 am 20.01.2017 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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