Wie die Pharmaindustrie ihre Bedingungen durchsetzt

07.09.2010
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Seit einigen Wochen sind Insuline von Novo Nordisk nicht mehr über den Großhandel zu bekommen. Zumindest nicht über die beiden Großhandlungen, die uns beliefern. Irgendwann habe ich dann mal bei Großhandel und Hersteller angerufen und folgendes erfahren: die Firma Novo Nordisk hat neue Bedingungen eingeführt, die das Skonto von 1,5% auf 0,5% senken, dafür aber das Zahlungsziel verlängern. Und diese Bedingungen hat der Großhandel nicht akzeptiert, weil ihm das eine Prozent weh tut. Deshalb hat er zu den alten Konditionen bei Novo Nordisk bestellt, woraufhin diese die Lieferung verweigern.

Warum senkt Novo Nordisk das Skonto? Weil sie vermutlich den verlorenen Profit durch den erhöhten Herstellerabschlag irgendwo wieder hereinholen wollen. Zum Wohl des "Shareholder Value". Der Dumme ist der Patient, der sein Insulin dringend braucht, denn in der Zwischenzeit sind Lieferzeiten von fast einer Woche normal. Immerhin ist das ganze inzwischen doch recht öffentlich geworden...

Ich z.B. habe am vergangenen Freitag gegen 12:50 Uhr per Fax ein Insulin bestellt. Die Kundin hatte nichts mehr, telefonisch bin ich bei Novo Nordisk nicht durchgekommen. Trotz des Vermerkes "Dringend, bitte unbedingt am Samstag ausliefern" kam am Samstag kein Insulin bei uns an. Wir haben uns dahin gehend beholfen, dass wir der Kundin die kleinere Menge aus der Großpackung ausgepackt haben. Nicht der Weisheit letzter Schluss, aber was sollen wir denn machen. Heute nun stand der nächste Kunde da, der dringend sein Insulin brauchte. Unsere Vorräte waren leider aufgebraucht, also habe ich wieder bei Novo Nordisk angerufen. Diesmal kam ich durch. Und man teilte mir mit, dass wenn ich heute bestelle, die Ware am kommenden Montag bei mir sei! Ich habe dem Mann am anderen Ende dann von meiner Bestellung von Freitag erzählt und gefragt wo diese bleibt. "Die erhalten Sie morgen" war die lapidare Antwort. Auf meine Frage, ob ihm klar sei, dass es sich bei den von Novo Nordisk hergestellten Produkten um lebensnotwendige Arzneimittel und nicht um Bonbons halte, meinte er nur "Wenn es ganz dringend ist, schicken wir Ihnen innerhalb von 24 h einen Mitarbeiter, der Ihnen ein kostenfreies Muster vorbeibringt, damit der Patient versorgt ist". Aha. 24 Stunden. Statt 2-3 Stunden, die es dauert, wenn ich über den Großhandel bestelle.

Liebe Pharmaindustrie,

ihr seid diejenigen, die immer noch gute Profite mit der Produktion und dem Vertrieb von Medikamenten erzielen. Und bei einer Wertschöpfung von ca. 65%, die jetzt ein wenig geschmälert wurde, solltet ihr nicht anfangen zu jammern. Denn noch immer könnt ihr Mondpreise als "Herstellerabgabepreis" angeben und damit die Preise diktieren. Und dass ihr eure Preispolitik-Kämpfe auf dem Rücken der Patienten austragt, empfinde ich als das Allerletzte.

PS: Die Firma Novo Nordisk ist nicht die einzige, die solche Direktvermarktungsspielchen spielt. Der Vollständigkeit halber seien auf jeden Fall noch Pfizer, AstraZeneca und Amgen genannt.

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.06.2013.

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