Schläferstündchen auf der Patientenliege

13.01.2017

Es ist Geisterstunde. Dreizehn Uhr dreißig. Ich sitze am Schreibtisch und tu so, als würde ich arbeiten. Das Mittagessen liegt wie ein Ziegelstein im Magen, obwohl es nur ein matschiges Brötchen war: Eines von den überteuerten und eigentlich kaum genießbaren belegten Brötchen vom Fressalienstand in der Eingangshalle.

War eine Fehlentscheidung, weiß ich, aber für ein ordentiches Mittagessen in der Kantine war mal wieder keine Zeit. Abgesehen davon würde Schnitzel mit Knusperkroketten und gemischtem Salat ja noch schwerer im Magen liegen. Wobei das Brötchen, schnell zusammengekaut am Schreibtisch zwischen zwei Arztbriefdiktaten, einem Aufnahmebefund und zwei EKGs, heruntergespült mit zwei Tassen Kaffee auch nicht besser ist. War eine Fehlentscheidung, aber das sagte ich schon.

Jetzt sitze ich vor einer geöffneten Krankenakte und blättere darin herum. Keine Ahnung, was drinsteht, nichts, rein gar nichts davon erreicht mein Hirn, auch wenn ich die Augen krampfhaft offen halte. Dieser Zustand wird jetzt, wie immer, ungefähr eine Stunde lang andauern, dann kehren die Lebensgeister langsam zurück und kurz vor halb vier werde ich mein Pensum dann abgearbeitet haben.

Jetzt ein halbes Stündchen schlafen ...

Hinter mir steht die Untersuchungsliege. Jetzt ein halbes Stündchen lang die Beine ausstrecken, das Handy auf leise stellen und einfach mal kurz ganz sanft dahinschlummern. In einer halben Stunde wäre ich wieder fit. Die drei ausstehenden Entlassungsbriefe wären rasch diktiert und den Stapel EKGs hätte ich ruck, zuck befundet. Innerhalb von einer Stunde könnte ich locker fertig sein.

Noch besser wäre es natürlich, wenn man statt der ungemütlichen Untersuchungsliege – die übrigens seit Monaten unbenutzbar ist, weil sich darauf die Patientenakten stapeln – ein bequemes Kuschelsofa anschaffen würde. Oder gar ein gemütliches schallgedämpftes Zimmerchen nebenan, mit flauschigem Teppich und sanfter Lounge-Musik? Wäre mal spannend zu erfahren, was die Geschäftsführung zu einem diesbezüglichen Antrag sagen würde.

Ist ja eigentlich in ihrem Interesse: eine halbe Stunde Schlaf gegen zwei Stunden unproduktives Mittagsloch. Spart auf Dauer eine Menge kreativer Arbeitszeit. Und wenn man das in Geld umrechnen würde ... kein schlechter Deal für die Klinikleitung! Und dass man durch Übermüdung und Schlafmangel auf Dauer nicht nur die eigene Gesundheit ruiniert, sondern auch die Patienten gefährdet, ist ja schließlich mittlerweile allgemein bekannt, auch in der Chefetage.

Leider sind wir nicht in Japan

Aber natürlich weiß ich genau, wie die Antwort lauten wird. Wir sind ja schließlich nicht in Japan. Da gehört das Schläfchen zwischendurch – Inemuri genannt – zum guten Ton. Was allerdings oft mit der Erwartung zu tun hat, dass so lange gearbeitet werden muss, bis einem buchstäblich die Augen zufallen, sobald für einen kurzen Moment mal keine volle Konzentration erforderlich ist – egal ob man sich gerade in der U-Bahn befindet oder in einem Meeting.

Ich schaue auf die Uhr. Kurz vor zwei. Oh, heute ist ja Röntgenbesprechung, hätte ich fast vergessen! Ich trinke meinen Kaffee aus, begebe mich zwei Etagen nach unten in die Radiologie und betrete den abgedunkelten Demonstrationsraum.

Der Radiologe erklärt mit sonorer Stimme die Befunde. Die Luft ist zum Schneiden und in der letzten Reihe sitzt Kollege Matze, die Augen fest geschlossend und praktiziert Inemuri.

Also, geht doch! Auch in Europa.

 

Mehr gibt’s hier.

Bildquelle: Neal Parisawan, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 16.01.2017.

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Wenn die Zeit es zuläßt meditiere ich manchmal 10-20 Minuten .Ist super
#18 am 19.01.2017 von Susanne Sommer (Ärztin)
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Gast
@Ärztin (#16): Ich denke, man sollte sich gut überlegen, ob man das heutzutage überhaupt noch so mit sich machen lassen will (und muss). Der Arbeitsalltag, den Sie beschreiben, ist unphysiologisch und sollte auch aus psychohygienischer Sicht unbedingt verändert werden.
#17 am 17.01.2017 von Gast
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Ärztin
@Rübezahl: es gibt heute noch Kliniken in denen geteilter Dienst verrichtet wird z.B in der Notaufnahme. Dreimal dürfen Sie raten wie diese Dienste in der Realität aussehen... ganz genau: diese Geteiltpausen sehen auf dem Papier wunderbar aus und schmeicheln dem Überstundenkonto sehr, aber in Wirklichkeit machen die Patienten keine Mittagspause (im Gegenteil, gerade um die Mittagszeit herrscht absoluter Hochbetrieb) also fällt die Mittagspause für den Arzt auch meistens aus > natürlich wird sie vom Stundenkonto automatisch abgezogen, sodass der Arzt nicht nur 10-12 Stunden durcharbeitet sondern dem Haus davon auch noch 2-4 Stunden schenkt. Nein Danke, dann lieber 8 Stunden ohne Pause, dafür rechtzeitig den Heimweg antreten... und selbst das klappt meistens nicht, denn schließlich haben dann die Angehörigen der Patienten ihrerseits Dienstschluß und oft sind noch wichtige Fragen zu klären.
#16 am 17.01.2017 von Ärztin (Gast)
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Rübezahl
Nun, früher war das in den Kliniken wirklich im "geteilten Dienst" problemlos möglich, mit einer MEHRSTÜNDIGEN Pause, die erst um 16°° endete. (morgens 5, nachmittag 3 Stunden). Überstunden gab es natürlich trotzdem genug. Das hatte für die Stationsversorgung den Vorteil, dass dann die Laborwerte etc. vom gleichen Tag schon fertig waren und eine sinnvolle Korrektur etc. oder zweite Visite stattfinden konnte. Und natürlich war der/die Doktor-in immer ausgeschlafen. Die gewünschte Kompression in durchgehenden Dienst geschah eindeutig auf Wunsch des Personals. Ein ganz kurzes Verdauungsschläfchen ist tatsächlich nicht verkehrt, wie immer für den einen mehr für den andere weniger. Selbst Kleinkinder in der Kita kann man nicht immer dazu überreden:-)
#15 am 17.01.2017 von Rübezahl (Gast)
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Hallo, in einigen süddeutschen Behörden ist Power-Napping schon erlaubt. Sie haben die Effektivität der Arbeit gesteigert. Auch einige Firmen haben dies erkannt: http://www.spiegel.de/karriere/schlafen-im-buero-powernaps-sind-gesund-a-957152.html
#14 am 17.01.2017 von Dr.med Michael Stiebing (Arzt)
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Gast
Gesund arbeiten kann nur, wer seinem Körper regelmäßig Erholung zugesteht. 12 Stunden Arbeit, 12 Stunden Erholung von 24 Stunden muss drin sein. Die müssen nicht immer in einem Block sein.
#13 am 17.01.2017 von Gast
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Gast
Kommt mir sehr bekannt vor! Das habe ich auch fast täglich 20 Jahre als Krankenhausarzt erlebt!
#12 am 17.01.2017 von Gast
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Gast
Hallo bin nur eine Schester a.D. Aber finde es traurig, das nicht auf die Menschlichen Bedürfnisse der Klinkärzte Rücksicht genommen wird. W.Rudancic
#11 am 17.01.2017 von Gast
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Wie bekannt kommt auch mir das vor! Sehr nett geschrieben, danke. Auch ich habe mich in den letzten Jahren bemüht, ein paar Minuten Powernapping auf der Untersuchungsliege durchzusetzen – in der Klinik gar nicht so einfach! Aber wenn's mir gelingt, ist der Tag gerettet ;-) Schön zu wissen, dass es vielen anderen genauso geht.
#10 am 17.01.2017 von Dr. med. Michael Prittwitz (Arzt)
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Gast
Es ist leider in Deutschland ein Zeichen von Faulheit, Trägheit und fehlender Motivation, wenn man a) morgens später aufsteht (weil man halt eine Eule ist) und b) Mittagsschlaf u.ä. befürwortet. Genauso wie Dummheit nicht ausrottbar ist, gilt das auch für diese Vorurteile. Unsere Gesellschaft, Mitarbeiter in Unternehmen, Kinder in der Schule, könnten viel leistungsfähiger sein, wenn auf solche Dinge Rücksicht genommen würde. Doch leider ist es so... Ich habe von Fällen gehört, wo Narkoleptiker auf Toiletten geschlafen haben. Sie verloren u. U. sogar ihren Job. Armes Deutschland.
#9 am 16.01.2017 von Gast
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Ich bin gerade ziemlich genau 20 Jahre niedergelassen und es ist mir tatsächlich gelungen, seitdem durchgängig und ohne jegliche Unterbrechung werktäglich von 13.30 bis 13.45 ein "Power-Napping" in den Berufsalltag zu integrieren. Diese Zeit ist mir auch weiterhin "heilig" und muss durchaus immer wieder verteidigt werden. Anstatt nachmittags "durchzuhängen" fühle ich mich ausgeruht, gestärkt und fit für den weiteren Tag. Es geht mir damit gut, und natürlich profitieren meine Patienten auch hiervon. Ich würde niemals wieder darauf verzichten wollen.
#8 am 16.01.2017 von Dr. rer. medic. Martin Peveling (Arzt)
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"Droschkenkutscherhaltung" einnehmen (nach I. H. Schultz) und 10 Minuten Autogenes Training und alles ist geregelt.
#7 am 16.01.2017 von Dr. Martin Wolkerstorfer (Psychologe)
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Damals, 1979, hatten wir noch durchgehend Dienst von Freitag früh bis Montag Abend. Wenn dann noch 1-2 Nachtdienste in der Woche dazu kamen, hatte man eine über 100 Stunden Woche. Natürlich konnte man nach so einem Dienst, egal was los war, auch nicht nach Hause gehen. Der OP und die Station warteten. In der Gynäkologie sind leider auch die Nächte sehr durchwachsen, durch Geburten, NotOP's und akute Beschwerden. Nach so einem Wochenende hielt mich die Polizei an und erklärte mir, ich würde in Schlangenlinien fahren. Hat gedauert, denen klarzumachen, dass ich nicht besoffen war, jedenfalls nicht von Alkohol. Zu Hause warteten dann noch 3 kleine Kinder, die froh waren, endlich mal ihre Mutter wieder zu sehen. Also auch nichts mit Schlafen. Gut, dass diese Marathondienste abgeschafft wurden. Ein Wunder dass wegen Übermüdung nie was passiert ist.
#6 am 16.01.2017 von Dr. med. Elisabeth Grunwald (Ärztin)
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Gast
Ich halte auch mein schläfchen jeden Mittag allerding hab ich das Glück selbständig zu arbeiten
#5 am 16.01.2017 von Gast
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DON
" ... nur ein matschiges Brötchen" und dann diese Symptomatik? Junkfood trifft auf Organismus, der von Junkfood vorgeschädigt ist. Klarer Befund.
#4 am 16.01.2017 von DON (Gast)
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Das ist der Grund warum wir hier eisern die Mittagspause einhalten, es ist genug Zeit zum vernünftig essen, danach ist jedes Behandlungszimmer und jeder Behandlungsstuhl von Ärzten und Personal belegt und 30 Minuten kann man "Inemuri" praktizieren. OK, als Niedergelassener kann man das wenigstens steuern, aber ich halte das für aktive Gesundheitsvorsorge. Einziger Wermutstropfen: Ich mußte das gegen den Widerstand des Personals durchsetzen, die lieber durcharbeiten und dafür eine halbe Stunde früher gehen wollten. Nun nehmen sie das Angebot aber trotzdem gerne an.
#3 am 16.01.2017 von Dr. med. dent. Jan Treiber (Zahnarzt)
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oh ja, wie gut ich das kenne, da ist sogar die Patientenliege Luxus......
#2 am 16.01.2017 von Michaela Adomakoh-Lang (Ärztin)
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Und, auch schon mal darüber nachgedacht, ob in dem Mittagessen irgendein Allergen enthalten war und jetzt einfach das Immunsystem alle Restenergie braucht, um damit fertig zu werden? Aber vielleicht ist es ja auch nur das "Insulinkoma" nach dem Kohlenhydrat-Kick am Mittag. Na dann, Mahlzeit!
#1 am 16.01.2017 von Dipl-Inform Roland Schock (Medizininformatiker)
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