Kapitulation vor der Klientel? Ich denke nicht!

18.07.2010
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Gerade lese ich auf Telepolis einen Artikel über die Gesundheitsreform und die Klientelpolitik der FDP. Unter anderem heißt es da:

"Auch die Apotheker, die so hohe Margen realisieren können, wie kaum ein anderes Gewerbe, dürfen weiterhin in einem nahezu wettbewerbsfreien Raum abkassieren. Den Apotheker freut es, Kassen und Versicherte müssen für dieses Monopol kräftig in die Tasche greifen."

So sehr ich Herrn Bergers Artikel schätze und so gerne ich sie lese, hier hat er völlig daneben gegriffen, weil er vermutlich nicht ordentlich recherchiert hat. Denn die angeblich so hohen Margen liegen, wie jeder Kollege an Hand seiner Abrechnungsdaten ersehen kann, zwischen 15-20%. Der Ertrag ist extrem abhängig von der Verdnungsstruktur, da Hochpreis-Artikel (über 1272,- Euro) massiv auf die Marge schlagen. So ergibt sich das seltsame Phänomen, dass trotz Umsatzrückgang der Ertrag durch den sinkenden Wareneinsatz stabil bleibt. Sicherlich hat die Lebensmittelbranche niedrigere Margen als wir Apotheker, andere Branchen wie z.B. die Möbel- oder Bekleidungsindustrie werden über eine Marge von durchschnittlich 17,5% nur müde lächeln.

Der ach so wettbewerbsfreie Raum ist auch immer wieder ein Thema, wenn auf uns Apotheker eingedroschen wird. Und auch hier verkennen zahlreiche Autoren, dass es trotz des Fremdbesitzverbotes und trotz des eingeschränkten Mehrbesitzes einen sehr harten Wettbewerb gibt. Zum Einen, weil JEDER Kollege mit Approbation an einem Ort seiner Wahl (und zur Not auch nur gegenüber einer bestehenden Apotheke) eine neue Apotheke eröffnen kann so lange er die räumlichen Voraussetzungen erfüllt, die in der Apothekenbetriebsordnung festgelegt sind. Zum Anderen herrscht durch Versand- und Discount-Apotheken (Easy, DocMorris und wie sie alle heißen) sowie die Pick-up-Stellen der Drogisten ein durchaus harter Preiskampf bei dem sich der ein oder andere Kunde natürlich überlegt, ob er sein Sonnenschutzmittel mit 20% Preisnachlass per Internet bestellt, oder ob er in die Apotheke vor Ort geht und dort evtl. mehr bezahlt. Wenn aber die Vor-Ort-Apotheke nur noch für akute Fälle benutzt wird, wird sie nicht mehr lange existieren.

Dass die Änderung der Preiskalkulation im Großhandelsbereich natürlich an die Apotheke weitergegeben wird, vergessen viele Journalisten und kranken Kassen-Vertreter gerne. Angeblich kommt die Durchschnittsapotheke auf ca. 20.000 Euro Rabattkürzung, was dann logischerweise in einen Stellenabbau münden wird. Die Folge werden längere Wartezeiten für die Kunden und eine weitere Verschlechterung der Einnahmen der sozialen Sicherungssysteme.

So einfach wie Herr Berger und viele anderen denken, haben es wir Apotheker also nicht. Ich lade jeden interessierten Journalisten oder Politiker dazu ein, eine Woche bei mir im Betrieb zu hospitieren und damit einmal Apotheke inkl. der dazugehörenden bürokratischen Regeln hautnah zu erleben.

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.06.2013.

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