Was machen Sie eigentlich an Ihrem freien Mittwochnachmittag, Herr Doktor?

12.01.2017
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Das frage ich mich auch manchmal. Der Plan war, jeden Mittwoch ab 10 Uhr Hausbesuche zu machen. Aber eine Sprechstunde bis 10 Uhr bedeutet Patientinnen und Patienten bis mindestens 11 Uhr behandeln zu müssen. Gerne huscht man noch um 9.59 hinein, dann leert sich zwar das Wartezimmer, aber der vorgegebene Akuttermin wird danach mehr zu einer biografischen Erörterung der Lebensbefindlichkeit genutzt

Doch heute sind auch die Hausbesuche gemeinsam mit meiner medizinischen Fachangestellten (MFA) anders als sonst. Zunächst der eher grantige Herr G. Eine „kettenrauchende“ COPD mit 20-25 % FEV1, Typ-2-Diabetes-Management, hypertensiver Herzkrankheit, Adipositas mit chronisch-venöser Insuffizienz hat er. Hepatopathie, Lipödem und schwerste Polyarthrosen brauchen unter intensiver Therapie und Problemen mit dem Pflegedienst eine ausführliche Erörterung, Laborkontrolle und eine Lungenfunktionsprüfung. Zurück zur Praxis, kurz etwas Warmes essen. 


Dann zu Frau K. Die betagte Dame, Jahrgang 1920, ist mit unserer Praxis seit 1992 alt geworden. Sie lebt noch in der eigenen Wohnung in der 4. Etage ohne Aufzug, versorgt sich selbst. Sohn und Tochter helfen mit Einkauf und Logistik. Gestern verschlechterte sich ihr Zustand: Schlecht ansprechbar, Husten, zunehmende Ateminsuffizienz, Schluckstörung, Herzinsuffizienz. Heute beim Hausbesuch weiter reduziert ansprechbar, röchelnde Dyspnoe, aus meiner Sicht bereits ein präfinaler Zustand. Doch diese Patientin hatte immer einen eisernen Lebenswillen.

Einzige Chance: Stationäre Aufnahme, Sauerstoff, Bronchialdrainage, Stoffwechsel-Bilanzierung, Herzstabilisierung. Also 112 angerufen, RTW angefordert, der umgehend kam. RR 190/95, P=106 EKG unauffällig. O2, Infusion über sicheren Zugang. Hauptproblem Liegendtransport im engen Treppenhaus. Die beiden Rettungssanitäter der Feuerwehr fragen meine MFA und mich, ob wir beim Transport mit dem Tragetuch mit anpacken könnten, sonst müssten sie eine zweite RTW-Besatzung anfordern. Denn die stabile FW-Trage ist für das Treppenhaus viel zu lang und müsste bei jeder Treppenwende über Kopf balanciert werden. Ich schaue meine MFA nur kurz an, wir beide sagen zu und los ging es:

Umlagerung auf das Tragetuch und zu viert bugsierten wir die Patientin langsam und vorsichtig die engen 4 Treppen hinunter zum RTW. Geschafft!

Kurz noch zum Labor, die Proben vom 1. Hausbesuch abgeben – das war dann mein Mittwoch Nachmittag! Meine MFA hat übrigens zusätzlich noch einen weiteren Routine-Hausbesuch gemacht.

Bildquelle: Jonathan Lin, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 15.02.2017.

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Gast 10
Fortsetzung Nr. 10: Ist es wirklich zuviel verlangt am Mittwoch oder Freitag pünktlich aus dem Bett zu kriechen wenn man meint unbedingt einen Arzt zu brauchen? Und für kurzfristige Notfälle gibt es ja immer die Vertreter oder 116 117 oder bei akut bedrohlichen Erkrankungen die Notaufnahme oder den Notruf. Viele HÄ absolvieren genausoviele Wochenstunden (oder mehr) wie die Kollegen vor 50 Jahren, nur dass heute oft Abendsprechstunden bis 20 Uhr angeboten werden um der arbeitenden Bevölkerung entgegenzukommen, ist das nicht besser als ein Mi nachmittag an dem sowieso keiner frei hat? Die Arbeit wird nicht weniger, der Unterschied ist dass man nicht mehr wertgeschätzt wird und trotzdem alle meinen man solle ein selbstloser Märtyrer sein. (siehe Nr. 9). Dass nun rund um die Uhr Notdienste verfügbar sind bedeutet nicht dass die Arbeit weniger ist, das ist nur deshalb nötig weil heutzutage sich die Arbeit vervielfacht hat u.a. aufgrund unnötiger Konsultationen wegen Lappalien.
#11 am 19.01.2017 von Gast 10 (Gast)
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Gast
@Gast 8: Was meinen Sie mit früher? Als der Dorfdruide noch insgesamt 15 Mitmenschen zu betreuen hatte? Klar, der musste rund um die Uhr antreten wenn sich ein Krieger verletzt hatte, dafür wurde er aber auch in guten Zeiten wenn niemand krank oder verletzt war trotzdem von den fleissigen Jägern mit durchgefüttert und wertgeschätzt... @ 8+9: In der heutigen Zeit in der eine Sprechstunde Akkordarbeit ist weil es so viele Patienten gibt (vor allen sehr viele Flatratepatienten denen überhaupt nichts fehlt, die aber trotzdem jede Menge Ansprüche stellen) ist die Arbeitsbelastung und die Anzahl der Arbeitsstunden auch mit sprechstundenfreiem Mittwoch und Freitag nachmittag noch hoch genug. Und wie bereits erwähnt sind diese Zeiten keine "Freizeit", die meisten kümmern sich in dieser Zeit um Hausbesuche und überfälligen Papierkram. Warum kann man es denn nicht schaffen an einem Mittwoch oder Freitags vormittags zum Arzt zu gehen? Fortsetzung folgt
#10 am 19.01.2017 von Gast
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Gast
#5 - Vielleicht hätte man sich mit dieser Einstellung einen anderen Beruf aussuchen sollen und den Studienplatz einem engagierten Ärzt überlassen sollen, der ein Gewinn für die Gesellschaft gewesen wäre. Oder eine Privatpraxis eröffnen sollen, dann könnten sie nach ihrem Gusto ihre Praxis schließen und öffnen bzw. nur auf Bestellung arbeiten.
#9 am 19.01.2017 von Gast
  20
Gast
Warum nehmen sich die Ärzte am Mittwoch Nachmittag noch frei? Früher waren die Ärzte die gesamte Woche Ansprechpartner für ihre Patienten. Tag und Nacht., auch am Heiligen Abend. Lediglich die Wochenenden waren in Notdienstsprechstunden geregelt. Dies hat sich inzwischen so geändert, dass an jedem Wochentag die Versorgung der Patienten nach Sprechstundenende durch Notdienste (meistens durch das in der Nähe befindliche Krankenhaus) geregelt ist. Also ist die Belastung doch nicht mehr so hoch wie in früheren Zeiten.Warum also noch der freie Mittwochnachmittag? Der Verdienst ist sicherlich bei fleißigen Ärzten auch entsprechend. Allerdings es sind immer 10% zu wenig.
#8 am 19.01.2017 von Gast
  18
Heute Allgemein-Sprechstunde einschließlich HNO-, Haut- und Augenprobleme bis kurz vor 12 Uhr. Hausbesuche bis 15 Uhr. Einen weiteren Besuch auf morgen verschoben. MfG
#7 am 18.01.2017 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Gast
Ja, ich hatte auch diese Planung für Mi. Die Sprechstunde dauert jedoch meistens bis 13.00 Uhr. Dann kommen die Hausbesuche und die Fortbildungen .
#6 am 17.01.2017 von Gast
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Gast
... zum Beispiel weil Hausärzte ohnehin schon eine Wochenarbeitszeit weit jenseits derer eines normalen Angestellten haben und man in der Selbstständigkeit doch erwarten sollte, das man zumindest im groben Rahmen aussuchen kann, wann man arbeitet und wann nicht?
#5 am 17.01.2017 von Gast
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Gast
warum ist der Mittwoch Nachmittag eigentlich frei?
#4 am 17.01.2017 von Gast
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Gast
Danke für diesen Artikel. Wenn man als Klinikarzt an einem Mittwoch oder Freitag nachmittags in einer völlig überfüllten Notaufnahme Dienst tut und einem jeder 2. Patient gleich zu Beginn der Anamnese erzählt er wäre ja eigentlich zum Hausarzt gegangen aber "die tun ja alle Mittwoch nachmittags nichts mehr...." kommt man manchmal nicht umhin ein wenig Frustration ob dieser Regelung zu empfinden. Allerdings vergisst man dabei gerne einmal dass man damit den niedergelassenen Kollegen Unrecht tut wenn man sich vorstellt sie würden diese Zeit allein dem Müßiggang widmen. Genauso wie uns Klinikärzten Unrecht getan wird wenn man sagt "ich bleibe keinesfalls über das Wochenende hier, da wird doch hier sowieso den ganzen Tag nichts getan...." Also Danke für diesen Bericht, wir wissen Ihre Arbeit zu schätzen.
#3 am 17.01.2017 von Gast
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Stimmt! Aber ich glaube, dass trotz allem Stress solche Arbeit auch dem Doktor und seiner MFA etwas gibt - zumindest das Gefühl, etwas Hilfreiches und Sinnvolles getan zu haben.
#2 am 17.01.2017 von Anke Niggenaber (Weitere medizinische Berufe)
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Hallo Herr Dr. Schaetzler, ich wünsche Ihnen weiterhin viel Kraft für Ihren stressigen Alltag, Ärzte wie Sie, denen auch ältere renitente Patienten nicht egal sind und die noch Hausbesuche machen, die kann man gar nicht hoch genug schätzen.
#1 am 17.01.2017 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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