Schlafe stille – über die Schlafmittelgabe an Kinder

10.01.2017
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n-tv und dpa berichten, dass „immer mehr Eltern“ ihren Kindern Schlafmittel geben würden. Gibt es valide Zahlen oder gilt es, für ein Thema zu sensibilisieren?

n-tv und dpa berichten über ihre Online-Medien, dass „immer mehr Eltern“ ihren Kindern Schlafmittel geben würden. Valide Zahlen gibt es hierzu nicht, aber die Berichte zitieren die bayrische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) und den BVKJ in einer entsprechenden Stellungnahme. Dass dieser „Trend“ bedenklich sei, geschenkt. Wer würde dies schon gutheißen? Entsprechende Medikamente sind nicht ungefährlich, können zu Atemdepression und/oder -stillständen führen, ganz abgesehen von dem ethisch-sozialen Aspekt.


Sein Kind ruhig zu stellen, um „bloß mal wieder“ selbst schlafen zu können? Alle heben in Entrüstung die Hände, um sie kopfschüttelnd vors Gesicht zu schlagen. Eltern werden jetzt schnell verdammt, so etwas überhaupt in Erwägung zu ziehen. Aber der Leidensdruck ist oftmals sehr hoch. Durchwachte Nächte voll Ängste, was dem Kind fehle, fehlender Schlaf der – in der Regel – Mutter, Psychologie der Unzulänglichkeit und Ohnmacht der Handlungsversuche.

Die Verwandtschaft oder Aufklärung

Aber natürlich ist es mit der zitierten Empfehlung des BVKJ-Sprechers Hermann-Josef Kahl, „wir empfehlen in der Regel den gnadenlosen Einsatz der Verwandtschaft“ statt Pharmaka nicht sehr weit her – wenn es so einfach wäre, das weinende Kind einfach der Oma oder wenigstens dem Vater in die Hand zu drücken, und alle seien dann zufrieden, na prima. Aber das greift doch sehr kurz.

Mehr Sinn macht da ein aufklärendes Gespräch über die Physiologie nebst Anamnese des Schlafrhythmus des Säuglings oder Kleinkindes und der ganzen Familie. Wann sind Ruhephasen, wann Aktivphasen, wie erkenne ich sie? Muss ich immer springen, wenn das Kind sich bewegt, sollte ich es vielleicht doch immer tun, denn Kinder zeigen ihre Bedürfnisse im Weinen? Ganze Bücher werden darüber geschrieben, ganze Ambulanzen beschäftigen sich mit den „Schreikindern“ in entsprechenden „Schlaf-“ oder „Schreisprechstunden“.

Dunkelziffer nicht einschätzbar

Klar kennen wir Ärzte Substanzen, die beruhigen, naturheilkundliche, frei verkäufliche bis hin zu rezeptpflichtigen, eine Wiedergabe würde den zitierten Trend unterstützen, also lasse ich das. Riskanter ist sowieso der Austausch darüber in Elternforen zu konkreten Medikamenten oder – natürlich immer dabei – passenden Glaubuli. Letzteres pharmakologisch weniger bedenklich, in der Interaktion aber ebenbürtig.

Die Dunkelziffer der „Behandelten“ dürfte nicht einschätzbar sein, wie üblich bei tabuisierten Themen. Anekdoten vom Oberarzt, der seine eigenen Kinder auf der Nordseeautofahrt ruhigstellt oder der Vater, der stolz verkündet, er habe Mittel XYZ nachts um drei Uhr verabreicht, weil „unerwünschte Nebenwirkungen auch mal erwünscht“ sein können, gibt es zu erzählen. Aber gibt es wirklich einen „Trend“ oder nur einen Sturm im Wasserglas? Eins ist sicher: Zur Sensibilisierung für das Thema ist eine Meldung dieser Art legitim. Oder ist die entsprechende Pressemitteilung des bayrischen Gesundheitsministeriums nur Aufhänger für das „neu aufgelegte Faltblatt ‚Hilfe für Eltern mit Schreibabys‘“ des Ministeriums?

Mein Kind schläft nicht - Infobroschüre der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin

Ursprünglich hier

 

Bildquelle: © kinderdok

Artikel letztmalig aktualisiert am 12.01.2017.

34 Wertungen (4.68 ø)
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Medizin, Pädiatrie
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Finger sind weniger schlimm, weil sie nicht ständig im Mund sind, oder haben Sie schon Kinder mit einem Finger im Mund spielen oder die Rutschbahn runter rutschen gesehen? Aber grundsätzlich gilt, weder Schnuller noch Finger im Mund.
#16 am 31.01.2017 von Dr. med. Bodo Mees (Zahnarzt)
  0
Gast
zu#14 besser einen ordentlichen Schnuller als die Finger als Ersatz, auch wenn BEIDES keinesfalls die Regel sein muss.
#15 am 30.01.2017 von Gast
  2
Schnuller sind obsolet, da sie die Kinder mundtot machen. Zudem zeitigen sie hohe Folgekosten für Logopädie und Kieferorthopädie.
#14 am 18.01.2017 von Dr. med. Bodo Mees (Zahnarzt)
  1
#7 Schnuller werden häufig mißbraucht, um Kinder ruhigzustellen. Kind schreit, Stöpseln rein - egal wie -, bis Ruhe ist. Bei etwas älteren Kindern wird der Schnuller durch Essen ersetzt - egal was -, hautsache Ruhe, Wir haben ja gelernt, daß orale Stimulation hilft, Leid zu verdecken. Zumindest so lange der Nachschub funktioniert.
#13 am 15.01.2017 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  2
Zebra
#11, bei Kleinkindern sollten vor allem zuckerhaltige Getränke, Fastfood und Ruhigstellen durch Sügkeiten unter Strafe gestellt werden!
#12 am 14.01.2017 von Zebra (Gast)
  2
Wanderer
@#1, völlig richtig! Bei Kleinkindern sollte Veganismus unter Strafe gestellt werden.
#11 am 13.01.2017 von Wanderer (Gast)
  10
Gast
#8 kann ich bestätigen. Unsere Kinder lagen im ersten Jahr immer im Wohnzimmer auf dem Boden auf der Decke und haben wunderbar geschlafen, während (für sie unsichtbar) das TV leise lief und wir uns im Zimmer aufgehalten haben. Dann um 23 Uhr oder später mit ins Schlafzimmer genommen, mit 7-8 Wochen durchgeschlafen und abgesehen von Krankheitsnächten keine Probleme. Natürlich ist das keine Studie...
#10 am 13.01.2017 von Gast
  4
Das erwähnte Faltblatt ist extrem kurz gefasst und empfiehlt (gemäß der zzt. vorherrschenden Meinung hierzulande) dass man Babys im eigenen Bettchen schlafen lassen sollte. Immerhin im Elternschlafzimmer. Wenn ein Baby mit seiner Einsamkeit im eigenen Bettchen nicht zufrieden ist, was soll es schon anderes tun als zu schreien? Zum Beispiel hier (eben auf die Schnell gefunden) gibt es wertvollere Informationen: http://www.hebammenlandesverband-thueringen.de/info_frauen_familie/daten/Elterninformation_Schlafen_im_Elternbett.pdf Außerdem: Es wurde bereits vor Jahren das Beistellbettchen fürs Baby erfunden, das wie ein sicherer kleiner "Balkon" ans große Bett gestellt werden kann.
#9 am 13.01.2017 von Dipl.-Biol. Sonja Thedens (Biologin)
  3
Gast
vor kurzem auf facebook gefunden: "Wenn die Kinder sich entspannen können, finden sie in den Schlaf. Das ist bei Erwachsenen auch nicht anders, auch wir können den Schlaf ja nicht erzwingen. Aus einem ganz simplen Grund: Schlafen macht uns komplett wehrlos. Die Natur hat es deshalb so eingerichtet, dass wir nur dann einschlafen können, wenn wir uns sicher fühlen. Wer kann schon schlafen, wenn da eine Diele knackt oder man denkt, dass man die Tür nicht abgeschlossen hat? Für kleine Kinder ist das genauso. Entspannung stellt sich bei ihnen erst ein, wenn sie sich geborgen fühlen. Und da beginnt die Gemeinheit: Ein Baby fühlt sich nicht deshalb geschützt, weil die Haustür gut verriegelt ist oder weil ein Babyphone läuft – es fühlt sich sicher, wenn seine vertrauten Erwachsenen bei ihm sind. " Gute Aussagen zum Thema #Schlafen: http://www.n-tv.de/…/Beim-Schlaf-geht-es-nicht-um-Erziehung…
#8 am 13.01.2017 von Gast
  0
Gast
Schnuller sind gut..kommen dem Saugreflex und - bedürfnis des Kindes nach, vorallem bei Flaschennahrung, durch die sie schneller und leichter=bequemer satt werden..es gibt sie in der Grösse des wachsenden Kiefers, und "vernünftig" verwendet, als Einschlafhilfe, sind sie vermutlich kein grösseres Problem..meine beiden haben den Schnuller abends oder auf Reisen bis zum 4. Lebensjahr benützt und beide keine Zahnprobleme - sie haben ihre Schnuller von alleine dann pötzlich weggeräumt, aufgehoben in einer Tasche..in dieser sammelten sie auch die Fläschchen und so einiges an Lieblingsspielzeug...immer dann, wenn sie selbst es an der Zeit fanden..und vor kurzem erst, mit fast 18, haben sie nochmals in der Tasche gestöbert, Schnuller und Flaschen wurden endgültig mit vielen "weiss Du noch..das war mein..." in den Mülleimer verabschiedet, die Lieblingsspielzeuge wanderten in eine Kiste mit vielem anderen liebgewonnenen...
#7 am 13.01.2017 von Gast
  5
Zuerst sollten die Eltern genau hinhören und hinsehen, warum das Kind schreit. Hat es Hunger, Blähungen, eine volle Windel, ist es übermüdet, ist ihm kalt oder zu warm, deie Umgebung zu laut oder verraucht, ist es vielleicht nur jähzornig oder oder ... Also, Eltern müssen sich mit den Bedürfnissen des Kindes beschäftigen, sie wahrnehmen, erkennen und richtig darauf reagieren, vor allem aber mit dem Kind reden. Und bitte gar nicht erst mit einem Schnuller anfangen.
#6 am 13.01.2017 von Dr. med. Bodo Mees (Zahnarzt)
  0
Gast
Das kenne ich auch, schnell dem Kind ein paar Tropfen Diazepam oder Promethazin ins Fläschchen und Ruhe ist im Karton. Früher Laudanum, heute Benzos. Traurig.
#5 am 12.01.2017 von Gast
  0
Was viele nicht wissen, vielleicht auch nicht interessiert;Schlafmittel vermindert den Tonus der Muskulatur. Relaxen? Antwort nein; Im Schlaf senkt sich der Tonus der Muskulatur gegen Null. Die Möglichkeit einer gefährlichen Schlafapnoe AHI > 16, wächst mit Einsatz von Narkotika (Schlafmittel) erheblich. Aus AHI < 16 kann AHI > 40 , > 50 entstehen. (AHI = Atemaussetzer pro Stunde). Problem: Der Tiefschlaf wird dauerhaft gestört. Problem: Nur im Tiefschlaf wandert tagsüber Gelerntes, im Kurzzeitgedächtnis verankertes, in das Langzeitgedächtnis. Des Morgens wird das Kurzeitgedächtnis gelöscht, um für neue Erfahrungen im Platz zu machen! (Prof. Dr. Jan Born Universität Tübingen). Heißt; Es besteht die Gefahr, das Kinder die mit Schlafmittel beruhigt werden, an Lernschwäche, an Vergessen leiden. Anm.: Schnarchen Kinder, schlafen sie unruhig, sind Sie Bettnässer, usw.. ist es Zeit den Facharzt für HNO, Pneumologie aufzusuchen!
#4 am 12.01.2017 von franz laudenbach (Nichtmedizinische Berufe)
  1
Gast
Glaubuli - wunderbar! Eltern und Kind sind ein sich gegenseitig beeinflussendes System, aufgeregte, gestresste, unruhige Eltern klagen häufiger über Schlafstörungen des Kindes. Dazu passt, dass das Problem auffallend häufig beim 2. Kind nicht mehr auftritt, die Sicherheit der Eltern wirkt sich auch auf das Kind aus. Ein Patentrezept gibt es jedenfalls nicht.
#3 am 12.01.2017 (editiert) von Gast
  3
Das beste Schlafmittel für Kinder ist Muttermilch zum selber zapfen. Abgesehen davon sollte man therapeutisch lieber bei den Eltern ansetzen, die offenbar überfordert sind mit der Situation. Aufklärung, Entspannungstraining und in schweren Fällen eine Mutter Kind Kur würden sich anbieten.
#2 am 12.01.2017 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  4
Gast
Ich las in dem Buch "Could it be B12?", dass Vitamin B12-Mangel bei Schreikindern häufig ist und sich das Problem u.U. durch Substitution bessert. Ist anscheinend - auch bei völlig normalem BB! - gar nicht so selten, vor allem bei Stillkindern. Wäre mal was zum Ausprobieren. Meine Schlafstörungen sind jedenfalls damit auch sehr viel besser geworden, andere neurologische Symptome wie ein sich hartnäckig haltender Mausarm und schließlich eine spastische Blase bei normalem BB - MCV<90! sind sogar verschwunden! Mein MCV lag vor Beginn der Substitution deutlich <90, den B12-Spiegel habe ich nicht mehr gemessen, er lag 3 Jahre vorher bei 400 ng. In dem Buch las ich, dass die Japaner B12 bei Spiegeln unter 500 substituieren.
#1 am 12.01.2017 von Gast
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