Gehirn&Geist: Postfaktischer Wissenschaftsjournalismus in Quizform

07.01.2017

Wozu dienen populärwissenschaftliche Magazine wie Gehirn&Geist, wenn verbreitete Falschinformationen subtil bestätigt werden. In einem aktuellen Online-Beitrag macht das Magazin deutlich, dass es die unweit zurückliegenden Entwicklungsstränge der Medizin und der Psychologie nicht mal grob auseinanderhalten kann oder will. Zeit, etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

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Quelle: https://www.facebook.com/gehirnundgeist/posts/1288315924565829

„ ... Es ist ein neues Quiz-Format“ entschuldigt sich die Zeitschrift Gehirn&Geist auf Facebook, nachdem ein Leser auf grobe Fehler des beliebten populärwissenschaftlichen Magazins (> 30.000 Exemplare Auflage) hingewiesen hatte, ohne diese aber zu korrigieren.

Aber fangen wir mal vorne an. Und schieben wir die Frage nach hinten, ob das alles überhaupt wichtig ist oder ob es nicht völlig egal ist, was die Gehirn&Geist ins Internet schreibt.

Auf Facebook postete das Magazin Ende dieser Woche ein Quiz, in dem beantwortet werden sollte, von welchen berühmten Psychologen die sieben historisch relevante Zitate jeweils stammen.

Was wohl nur dem „Fachmann“ auf den ersten Blick auffällt: Ein Teil der als „berühmte Psychologen“ bezeichneten Persönlichkeiten gehört eigentlich in die Gruppe der berühmten Ärzte. Unter anderem diese hier:

Freud (1856–1939) war ein österreichischer Arzt für Neurologie und der Begründer der Psychoanalyse. Er hatte in Wien Medizin studiert und sich anschließend intensiv mit Neurophysiologie und Pharmakologie, später auch mit Neuropathologie beschäftigt. Er ließ sich schließlich als Arzt in Wien nieder und entwickelte die Methode der Psychoanalyse, nicht etwa in Abkehr von der Medizin, sondern um die Sichtweise auf Erkrankungen um die subjektive Ebene zu erweitern. Erst sehr viel später konnte seine Methode auch von anderen Berufsgruppen, den damals sogenannten „Nicht-Ärzten“ durchgeführt werden („Laienanalyse“).

Adler (1870-1937) studierte ebenfalls Medizin in Wien und arbeitete zunächst als Augenarzt, später als Allgemeinmediziner. Er nahm an Veranstaltungen von Freud teil und entwickelte seine eigene Lehre von der Psychoanalyse, die sich besonders auf das Organsystem des Menschen bezieht. 1907 veröffentlicht er die „Studie über die Minderwertigkeit von Organen“ und legt als Mediziner einen weiteren Grundstein zum Verständnis von Körperbeschwerden, die durch psychische Auslöser (mit)bedingt sind.

Der Schweizer Arzt und Psychiater C. G. Jung (1875-1961) studierte Medizin in Basel, beschäftigte sich viel mit Psychosen, entwickelte eigene psychodynamische Konzepte (Analytische Psychologie) und wurde Vorstandsmitglied der Internationalen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie (IAÄGP). Übrigens gehörte der Schriftsteller Hermann Hesse zu Jungs Patienten.

Das sind also alles Ärzte – aber was ist die Psychologie?

Die Psychologie ist eine streng empirische Wissenschaft und keine Heilkunde wie die Medizin. Sie beschäftigt sich mit den Erleben und Verhalten des Menschen, nicht um Krankheiten zu heilen, sondern zunächst erstmal als eine Grundlagenwissenschaft.

Hierbei bilden Statistik und Anthropologie die Grundlage des Faches Psychologie. Psychologie gibt es als eigenständige wissenschaftliche Disziplin seit Anfang des 19. Jahrhunderts. Wenn man ein Psychologiestudium abgeschlossen hat, kann man heute in Deutschland eine mehrjährige Ausbildung zum Psychotherapeuten machen.

Ist das vielleicht der Link, der Gehirn&Geist im Kopf herumspukte?

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Screenshot aus dem Quiz-Beitrag über den Arzt Sigmund Freud

Wo liegen die Probleme des kleinen Quiz-Beitrages?

Das Titelbild mit dem Mann auf der Couch soll beim Betrachter wohl die Assoziation zur Psychoanalyse wachrufen. Diese aber entstand gar nicht aus der empirischen Psychologie, sondern aus der Medizin. Das Foto passt also nicht, wenn man über Zitate „berühmter Psychologen“ sprechen möchte. Es verursacht eher ein medizinhistorisches Kauderwelsch im Kopf des Lesers.


Dann kommen die erwähnten Ärzte, die wichtige Impulse für die spätere Entwicklung der medizinischen Gebiete Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie geliefert haben. Sie werden als Psychologen bezeichnet.

Ja, aber ist das denn nun so schlimm? Die fühlen sich halt an wie Psychologen!

Die entscheidende Frage ist, wieviel Niveausenkung sind wir bereit, zu ertragen? Und ob man den Anspruch „Man kommt auch durchs Leben, ohne die Unterschiede zwischen Bundeskanzler, Bundespräsident, Bundestagsabgeordneter und Minister zu kennen“ für sinnvoll hält oder nicht.

Wer sich mit der Gehirn&Geist beschäftigt, sollte jedoch auch bei mittlerer Komplexität – wie dem Unterschied von Medizinern und Psychologen – Exaktheit erwarten können.

Das Gravierendste ist, dass neuere Forschung den Zusammenhang von körperlichen und psychischen Prozessen immer besser belegen kann. Also die „alten“ Ärzte Freud, Adler, Jung und wie sie alle hießen mehr Recht mit ihrer Medizin für Körper und Psyche hatten als wir zwischenzeitlich dachten. Wieso kann das nicht klar benannt werden? Gerade das interessiert doch die Follower von Gehirn&Geist! 
Die populärwissenschaftliche Zeitschrift firmiert immerhin mit dem Slogan „Psychologie. Hirnforschung. Medizin.“

Das größte Missverständnis zur Medizin psychischer Erkrankungen ist: Sie ist Teil der Humanmedizin (und gehört eben nicht einfach in die „Psychologie“ oder ähnliche Bereiche ausgelagert). Solche Beiträge schreiben eine Trennung auf sehr subtile Weise immer weiter fort. Als kleines Quiz – mal im „Vorbeiklicken“– ist das besonders postfaktisch.

Bestehende Fehlannahmen werden viel stärker bestätigt, wenn der Text gar nicht zum reflektieren einlädt, sondern Fakten suggeriert. Noch ein Bild von der Analyse-Couch dazu und fertig ist das Psycho-Kauderwelsch.

UPDATE vom 20.01.2017, 20.10 Uhr: Gehirn&Geist hat die hier beleuchteten Zitate kurzfristig von "Psychologen" in "Seelenkundler" bzw. "Forscherinnen und Forscher" an einer anderen Stelle verändert. Kenntlich gemacht oder kommentiert hat das Magazin diese Korrektur nicht.

Quellen:

http://www.spektrum.de/quiz/wer-hats-gesagt-7-zitate-beruehmter-psychologen/1433513

http://www.wikipedia.de

 

Bildquelle (Außenseite): Enrico, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.01.2017.

44 Wertungen (4.5 ø)
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Nein, das war er bekanntlich nicht!
  0
Gast
Da S.Freud (Psychoanalyse) schon ein bekannter Schwindler war und viele nachfolgenden Theorien sich gegenseitig widersprechen, bleibt da schon ein gewisses Grübeln über die ganze Zunft. Auffällig ist zweifellos die enorme Zunahme psychischer Erkrankungen "trotz" Zunahme der Therapeuten :-)
#18 am 28.01.2017 von Gast
  1
Gast und Gynäkologe
Bzgl. Kommentar #12, dessen Autor mangels Benehmen und Rechtschreibung besser anonym bleiben möchte: Dass das Psychische bzw. das Sprechen in der Medizin immer mehr abgeschafft werden soll und von anderen Interessensträgern , zu besseren Konditionen und unter Qualitätssenkung erbrachtt werden soll, wird Sie als Allererstes betreffen! Und nein, das kommt dann nicht den Patienten zugute, sondern ist am Ende schlecht für diese. Beipspiel Umwälzung der psychologischen Psychotherapeutenausbildung zu einem neuen "Arzt-Äqueivalent" auf gesenktem Niveau, der die gesamte Koordination übernehmen soll (Achtung, Verschlusssache!): https://www.spifa.de/?p=679#more-679 Nicht alles, was so aussieht, ist im Sinne der Patienten!
#17 am 23.01.2017 von Gast und Gynäkologe (Gast)
  0
Gast
#15 Was haben der Artikel und die Kommentare mit einer Deprofessionalisierung des Arztberufes zu tun??? #12 bringt es auf den Punkt: Es geht um eine qualifizierte (!) und zeitnahe Versorgung der Patienten. Dass es im Bereich der psychischen Erkrankungen eine gravierende Unterversorgung gibt, ist doch unstrittig. Da ist irgendwelche "Dünkelei" (#10) komplett überflüssig.
#16 am 23.01.2017 von Gast
  6
Neuro?Logisch!
Ein weiterer Schritt in Richtung Deprofessionalisierung des Arztberufs. Frei nach dem Motto, Madrid oder Mailand, Hauptsache Italien.
#15 am 23.01.2017 von Neuro?Logisch! (Gast)
  6
Gast
# 13: Ich appeliere an die Intelligenz, nur kurze Hinweise auf zum. die Nähe der Stellen gegeben zu haben, offenbar zu spät ;-)
#14 am 23.01.2017 von Gast
  0
heilo
Leider fehlen bei meinem Kommentar 2 Worte "egal" und "finde", leider kann ich nicht korrigieren :-( Ich appelliere an die Intelligenz für die richtigen Stellen :-)
#13 am 22.01.2017 von heilo (Gast)
  6
heilo
So einen schwachsinnigen Artikel habe ich noch nie hier gelesen. Ich bin Hausarzt, Facharzt für Allgemeinmedizin und habe die Zulassung für die psychosomatische Grundversorgung. Von der Ausbildung her Schulmediziner und sehr naturwissentschaftlich orientiert. Habe mich mit Freud, Jung, Adler und neueren (z.B Charlotte Bühler, nicht mehr so ganz neu :-), aber auch andere) beschäfftigt. Warum ich mich so kraß äußere, ich poste nie hier, aber das geht mir total gegen den Strich. Ist doch völlig egal, ob Ärzte, Psychiater, Psychotherapeuten, Heilpraktiker o.Ä, es geht um den Patienten! Und da müssen, welcher Begriff (umgangssprachlich oder wissenschaftlich) alle zusammenarbeiten! Die Kommentare sind ebenso sehr enttäuschend, gehen am hausärztlichen Alltag völlig vorbei. Ich es schade, daß Artikel und Kommentare so an der täglichen Praxis vorbeigehen. Ich kommentiere als Gast, weil ich sonst nur unter meinem realen Namen hier kommentieren kann, als Computerfreak habe ich da meine Pobleme (facebook, twitter und co!)
#12 am 22.01.2017 von heilo (Gast)
  12
Gast
Gern.
#11 am 21.01.2017 von Gast
  0
Gast
... und die natürlich trotzdem keine Ärzte sind! Soviel Dünkel muss sein!
#10 am 21.01.2017 von Gast
  7
Gast
Stimmt. Und ebenso Psychologischen Psychotherapeuten, die nach abgeschlossener Therapeuten-Ausbildung (mit Studium dauert die durchschnittlich 10 Jahre) ebenfalls eine Approbation bekommen.
#9 am 20.01.2017 von Gast
  0
Gast
Das ist ganz einfach: Laut deutschem Recht ist die Ausübung der Heilkunde durch Ärzte und Heilpraktiker erlaubt.
#8 am 20.01.2017 von Gast
  10
Gast und Psychologe
Insbesondere ein Satz ganz am Ende des Artikels lässt diesen Eindruck entstehen (und nein, ich wollte ganz sicher nicht psychologisierend sein): "Das größte Missverständnis zur Medizin psychischer Erkrankungen ist: Sie ist Teil der Humanmedizin (und gehört eben nicht einfach in die „Psychologie“ oder ähnliche Bereiche ausgelagert)." Die Begrifflichkeit und die Zeichensetzung sind spannend. Spätestens da geht es eben nicht mehr um die Frage nach der korrekten Berufsbezeichnung u. a. von Freud und Jung. Sondern darum, wer Heilkunde betreiben soll und darf.
#7 am 20.01.2017 von Gast und Psychologe (Gast)
  4
Psychiater und Psychotherapeut
Nicht nur Patienten werfen die Berufsbezeichnungen immer wieder durcheinander, auch zuweisende bzw. mitbehandelnde ärztliche Kollegen kennen oft den Unterschied zwischen ärztlichen und nichtärztlichen Psychotherapeuten nicht und sind manches Mal auch darüber darüber verwundert, dass "der Psychologe jetzt auch schon Medikamente verschreiben darf".
#6 am 20.01.2017 von Psychiater und Psychotherapeut (Gast)
  1
Gast
Was soll bloß "die [selber psychologisierende] Frage: 'Waren Freud/Jung/Adler/... Psychologen?' nicht der eigentliche Grund Ihres Verdrusses", bedeuten? Ganz so daneben liegt der "Psychosomatikum Blog" nicht: WIKIPEDIA beschreibt die Psychologische Anthropologie sehr kritisch mit "...denn die Psychologie vereint geisteswissenschaftliche, biologische, verhaltens- und sozialwissenschaftliche Konzepte und Methoden. Als Wissenschaft vom Erleben und Verhalten des Menschen einschließlich der biologischen bzw. neurowissenschaftlichen Grundlagen ist die Psychologie von vornherein interdisziplinär ausgerichtet."
#5 am 20.01.2017 (editiert) von Gast
  8
Gast
Wegen dieses umfassenden Blicks auf den Menschen kann die empirische Psychologie in ein besonderes Spannungsverhältnis zur Philosophischen Anthropologie geraten, die ebenfalls einen umfassenden theoretischen Ansatz hat, jedoch die empirischen Humanwissenschaften kaum noch zu integrieren vermag. Wichtige Themen der Psychologischen Anthropologie sind u. a. das Menschenbild, die Persönlichkeitstheorien, die Grundlagen von Motiven, Emotionen in der Neurobiologie und Psychophysiologie, die Beiträge der Kognitionswissenschaft, Sozialpsychologie und Kulturpsychologie, alle Bereiche der Angewandten Psychologie und so weiter." https://de.wikipedia.org/wiki/Anthropologie
#4 am 20.01.2017 (editiert) von Gast
  0
Gast und Psychologe
Dass "Statistik und Anthropologie die Grundlage des Faches Psychologie bilden", scheint mir doch eine sehr starke Verkürzung zu sein und spricht ebenso von Unkenntnis. Wenn Sie sich das Curriculum des (meines) deutschen universitären Bachelor-Psychologiestudiums anschauen, finden Sie dort u. a. Biopsychologie, Neurologie, Neuroimmunologie, Kognitionswissenschaften, Psychosomatik etc. Und ja: die Behandlung psychischer Erkrankung erfordert eine mehrjährige Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten - die durch einen Mediziner eine mehrjährige Facharztausbildung / Therapeutenausbildung. Was mich zum eigentlichen Punkt kommen lässt: Ich hatte beim Lesen Ihres Beitrages den Eindruck, dass die Frage "Waren Freud/Jung/Adler/... Psychologen?" nicht der eigentliche Grund Ihres Verdrusses ist.
#3 am 20.01.2017 von Gast und Psychologe (Gast)
  4
Gast und Psychologe
Nun ist die akademische, streng empirische Psychologie nicht einfach vom Himmel gefallen, sie hat sich als eigenständige Wissenschaft historisch unter anderem aus Philosophie, Pädagogik und eben auch der Medizin entwickelt. Wilhelm Wundt, Gustav Fechner, Konrad Lorenz und weitere unstrittig (akademische) Psychologen waren eben auch Mediziner.v
#2 am 20.01.2017 von Gast und Psychologe (Gast)
  4
Super Beitrag! Sehr genau beobachtet, kritisch analysiert mit nachvollziehbaren Schlussfolgerungen. Das gefällt mir!
#1 am 20.01.2017 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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