Das neue Organ

06.01.2017

Mein Bauchgefühl sagte mir damals, dass ich nicht schadlos aus der Situation rauskommen würde. Dieses Bauchgefühl war eine Mischung aus Übelkeit, einem Schweißausbruch und dem Wunsch einfach den Raum zu verlassen.

Was war dem nun vorausgegangen? Ich saß mit drei Kommilitonen in einer mündlichen Prüfung. Der erste Prüfer war Leiter der Abteilung für Psychosomatik und der Zweite kam aus dem Bereich der Herz-Thorax-Chirurgie.

Die Vögel hörten auf zu singen, der Sekundenzeiger der Uhr sprang nicht mehr um und allen stockte der Atem, als ersterer nach dem prozentualen Anteil von Herzneurosen bei Patienten mit Herzbeschwerden in der Rettungsstelle fragte. Da saß ich nun, zum Verlieren verurteilt.

Meine Sympathie galt schon immer der Kardiologie und allem was dazugehört. Vielleicht hat meine Vorliebe dafür wirklich an dem Tag angefangen, als der Herz-Thorax-Chirurg uns zur Prüfungsvorbereitung ein kleines Heft in der Größe des bekannten Klassikers „Chirurgie fast" oder wie ich es nenne „fast Chirurgie“ empfahl.

Das Herz – meine große Liebe

Der Professor der Psychosomatik hingegen empfahl sein eigenes Werk. Es hatte die Ausmaße der Bibel, die Dramaturgie der Ulysses und kostete das Budget eines Monats-Mensaessen. Vielleicht hat diese Geschichte meine weitere berufliche Laufbahn gelenkt, vielleicht auch nicht. Denn so oder so, ich liebe dieses schnörkellose wunderbare Organ: das Herz. Wenn man die Welt bereisen will, hilft niemandem der schönste Spoiler, wenn der Motor nur auf zwei Zylindern läuft. So einfach ist das.

Nach einer langen Pause, ohne dass jemand auch nur gewagt hätte zu atmen, stieß ich mit belegter Stimme folgende diplomatische Antwort aus: „Laut Ihrem Buch sind es mehr als 50 Prozent". Der Herz-Thorax-Chirurg warf daraufhin ein abfälliges „Das kann man so nicht sagen“ ein, welches mit einem lauten „Natürlich kann sie das so sagen!“ beantwortet wurde. Irgendwann standen sich beide Parteien gefährlich nah gegenüber und verwiesen uns Prüflinge des Raumes. Das wäre gar nicht nötig gewesen, da wir den Rest auch vor der Tür gut verfolgen konnten.

An genau diese Geschichte musste ich nun denken, als ich kürzlich las: „Neues Organ gefunden“. Zunächst hatte ich mich riesig darüber gefreut. Die Astronomen finden ständig neue Sterne oder auch mal einen Sonnensytstem oder neuen Planeten und wenn nicht, werden bestehende Planten zu Zwerplanten degradiert. Da ist immer was los. Nur die unendlichen Weiten des Weltalls sind halt sehr, sehr weit weg und so ein neues Organ, das ist doch mal was handfestes.

m_1483955351.jpg

©Karin Schneider

Ein neues Organ. Oder doch nicht?

Dass mal etwas übersehen oder falsch verstanden wird, wäre ja auch nicht das erste Mal. Seit dem zweiten Jahrhundert nach Christus war das Werk „Corpus Galenicum“ des Gladiatorenarztes Claudius Galenus die Grundlage des gesamten anatomisches Wissens. Seine Beschreibungen waren größtenteils falsch, dennoch wurde dies nie hinterfragt, da alles plausibel war. „Im 18. Jahrhundert galt das Einblasen von Tabakrauch in den Anus als eines der wichtigsten Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Wasserunfällen“. Das hat sich in der Praxis nun auch nicht bewährt, nur um ein Beispiele zu nennen.

Erst als ich weiterlas verstand ich, dass es sich um das Gekröse (Mesenterium) handelte, über das gesprochen wurde. Die jüngsten Forschungen der Limerick Universität zeigen, dass das Mesenterium eine zusammenhängende Struktur aufweist und damit die Bezeichnung „Organ“ gerechtfertigt ist. Diese Erkenntnisse wurden in der Fachzeitschrift „The Lancet Gastroenterology & Hepatology“ veröffentlicht.

Meiner anfänglichen Begeisterung folgte rasch die Verwirrung – war das nicht schon immer ein Organ? Oder hatte ich das falsch notiert? Oder falsch in Erinnerung? Oder war es ein offenes Geheimnis, dass bisher niemand bewiesen hatte? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht mehr und um das Gekröse mache ich eh einen weiten Bogen, wegen Spoiler und Motor und so. Die viel spannendere Frage, was es denn so macht wenn es nun mal ein Organ ist, hat leider immer noch keiner geklärt.

Endlich ein Organ fürs Bauchgefühl?

Ich glaube, dass einfach an der falschen Ecke gesucht wird. Da der Darm ein wichtiges Organ des Immunsystems ist und das Mesenterium ihn an der Bauchwand fixiert, ist es naheliegend, ihm auch einen Funktion im Immunsystem zuzuschreiben. Dabei bietet sich jetzt die Chance, dem „Bauchgefühl“ ein Organ zuzuordnen. An jenem oben beschriebenen Prüfungstag hatte ich das Gefühl, meine Eingeweide würden versuchen, sich selbständig zu machen und sich in suizidaler Absicht zu einem Darmverschluss verknoten. Warum sollte es nicht hinter so einer Tat einen Lenker, einen geheimen Strippenzieher, im Hintergrund geben? Ein ausgelagertes zweites Gehirn? „Postfaktisch“ würde damit eine ganz neue Bedeutung gewinnen und könnte vielleicht sogar behandelbar sein. Wäre dies nicht wünschenswert für diese unsere Welt?

Mein Bauchgefühl hatte mich jedenfalls damals nicht im Stich gelassen. Als wir wieder in den Raum gerufen wurden, wurde die zuerst gestellte Frage nicht mehr erwähnt. Der Leiter der Abteilung für Psychosomatik fragte mich hingegen, woran man eine Arztpraxis mit einem relativ hohen Anteil an Gastritispatienten erkennt. Ich hatte keine Ahnung, konnte mich aber über die Prüfung mit exzellenten Kenntnissen in der Herz-Thorax-Chirurgie rüber retten.

 

Bildquelle: Mike Kenzi, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 09.01.2017.

107 Wertungen (4.48 ø)
13078 Aufrufe
Um zu kommentieren, musst du dich einloggen. Einloggen
Gast
Jedes Organ hat sein Gehirn!
#8 am 17.01.2017 von Gast
  0
Anne Steinmetz
Erfrischender Blickwinkel auf die Medienfüllende "Schlagzeile". Danke dafür
#7 am 14.01.2017 von Anne Steinmetz (Gast)
  0
H.-J. Mäckler, Unfallchirurg
#2:wo es eine vordere Bauchwand gibt, existiert auch eine hintere, an der die Mesenterialwurzel ansetzt. Mit der Wirbelsäule hat das außer der ventralen Vorlagerung herzlich wenig zu tun, Herr Kollege.
#6 am 10.01.2017 von H.-J. Mäckler, Unfallchirurg (Gast)
  1
@ Dr Paul-Ulrich Eckhoff (Arzt) #2: Dann müsste es aber auch Ligamentae vertebro-mesenterialis und kein Retroperitonaeum geben!?
#5 am 09.01.2017 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  1
Gast
Schön geschrieben, voller Humor. Schade, dass das nicht von allen bemerkt wird.
#4 am 09.01.2017 von Gast
  1
Gast
Viel geschmunzelt. Wie immer! Danke
#3 am 09.01.2017 von Gast
  2
Der Darm wird über das Gekröse an der Wirbelsäule fixiert und nicht an der Bauchwand.
#2 am 09.01.2017 von Dr Paul-Ulrich Eckhoff (Arzt)
  18
Nein, nicht meine Frau Sabine, sondern ich finde es zwar nicht erstaunlich, dass ein einmaliges Erlebnis das Denken eines ganzen Lebens prägt, aber ich finde es erstaunlich, mit welchen Argumenten der klassische Eindruck von Gekröse gegen mögliche, bessere Einsichten verteidigt wird. Aber nett, wenn auch bemüht geschrieben, war der "Artikel" - immerhin.
#1 am 09.01.2017 von Dipl. oec.troph. Sabine Hoos (Ernährungswissenschaftlerin / Ökotrophologin)
  33
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
„Warum eigentlich nicht?“, dachte ich noch so vor eineinhalb Jahren. Zu dem Zeitpunkt wusste ich ehrlicherweise mehr...
Wenn es um Sonnenschutz geht, gehe ich gerne mit der typischen moralischen Überlegenheit eines Missionars ans Werk, mehr...
Frau Huber legte mir ihre von Zeit und Arbeit gezeichnete Hand auf die Schulter und gestand, dass sie immer noch mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2018 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: