Ein Stück vom guten Mutterkuchen?

22.12.2016
Teilen

Ist es sinnvoll, die Plazenta zu verspeisen? Plazentophagie ist Gegenstand einer aktuellen Studie aus den USA. Das angeblich gut verfügbare Eisen im Mutterkuchen kann die Eisenspeicher der Mütter mit dieser Sonderform des postpartalen Kannibalismus schneller wieder auffüllen, heißt es.

Ob dies nun zutrifft, wurde in der Studie „Effects of Human Maternal Placentophagy on Maternal Postpartum Iron Status: A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled Pilot Study“ von Laura K. Gryder et al. untersucht.

Positive Effekte?


Angeblich „habe der Mutterkuchen eine ganze Reihe positiver gesundheitlicher Effekte: Nicht nur Depressionen soll er vorbeugen, auch die körperliche Regeneration soll er fördern und vor allem die leeren Eisenspeicher rasch wieder auffüllen. Tatsächlich bewiesen ist davon allerdings nichts“, schreibt die Redakteurin Dagmar Kraus sehr umsichtig in einem Artikel zum Thema.

Studiendesign und Verlauf 


23 gesunde Frauen mit normal verlaufenden Schwangerschaften wurden randomisiert, doppelblind und placebokontrolliert untersucht. Vier Mal wurde der Eisenstatus anhand der Hämoglobin-, Transferrin- und Ferritin-Werte bestimmt: In der 36. Schwangerschaftswoche, innerhalb von 96 Stunden nach der Geburt, zwischen dem 5. und 7. Tag postpartal und in der dritten Woche nach der Entbindung. Ausreichend Eisen sollte mit der Nahrung aufgenommen, bzw. im Anschluss an die Entbindung 20 Tage lang geschluckt werden (entweder Plazentakapseln oder Placebokapseln mit Biofleisch von Weiderindern): Am 1. bis 4. Tag 3 x tgl. 2 Kapseln mit 550 mg, am 5. bis 12. Tag 2 x tgl. 2 Kapseln mit 550 mg und weitere 8 Tage 1 x tgl. 2 Kapseln mit 550 mg.

Kein signifikanter Unterschied

Kein statistisch relevant messbarer Unterschied zwischen der Plazenta- und der Placebogruppe, weder für die Parameter Hämoglobin, Ferritin oder Transferrin konnte detektiert werden. Obwohl der durchschnittliche Eisengehalt in den Plazentakapseln bei 0,664 mg/g und in den Placebokapseln nur bei 0,093 mg/g lag.

Das Autorenteam schließt seinen Abstract mit folgender Ergebnisdiskussion: „Die vorliegende Studie legt nahe, dass verkapselte Plazenta-Supplementation weder signifikant den postpartalen mütterlichen Eisenstatus verbessern noch ausgleichen kann. Dies gilt für Frauen, welche die empfohlene tägliche Menge an Nahrungseisen während Schwangerschaft und Stillzeit aufnehmen, im Vergleich zu einem Rindfleisch-Placebo...“ [„The current study suggests that encapsulated placenta supplementation neither significantly improves nor impairs postpartum maternal iron status for women consuming the RDA (recommended daily allowance) of dietary iron during pregnancy and lactation, compared to a beef placebo. This may be an especially important finding for women who are iron deficient postpartum and whose only source of supplemental dietary iron is encapsulated placenta, as this may provide an inadequate source of supplemental iron in cases of deficiency“].

Fantasie und Wirklichkeit?

Doch wer jemals auf einem Bauernhof die Spontangeburt eines Säugetieres mitbekommen hat, wird dabei unschwer festgestellt haben, dass die Plazenta nicht vom entkräfteten Muttertier selbst, sondern von den umherstreunenden, hungrigen Karnivoren in Haus und Hof weggefressen wird. Vegan bzw. vegetarisch lebende Milch-Tiere werden wohl kaum Appetit auf Plazentae haben, und nicht säugende Eier-Leger werden von den aggressiveren Fleischfressern verscheucht. Insofern beantwortet die Studie nichts weiter als irregeleitete Forschungsfantasien.

Postfaktisches?

Damit werden Zurück-zur-Natur-Wünsche von Yuppies erfüllt, die mangels ausreichender körperlicher Fitness oder Willenskraft doch keine Spontan-, Unterwasser-, Sanft- oder Kopfstand-Geburten zu Stande gebracht haben. Soll das durch den damit erforderlichen Kaiserschnitt fehlende authentische Geburtserlebnis dann über den scheinbar gesunden Gourmet-Genuss der eigenen Plazenta nachgeholt oder überkompensiert werden?

Bereichert durch die waghalsige Plazenta-Grenzerfahrung, inspiriert durch diese Sonderform des Kannibalismus und gestärkt durch ein Wildnis-Abenteuer der an der Plazenta nagenden Sippe („survival of the fittest“), kann man dann wieder beruhigt zurückkehren – per Auto und Aufzug, in eine nach Feng Shui Prinzipien ausgerichtete Welt der klimatisierten Bürotürme, wo man authentische Back- bzw. Kochrezepte unter Verwendung von frischer Muttermilch mit den anderen, aus dem Mutterschutz zurückkehrenden Kolleginnen austauscht.

 

Bildquelle: Stephanie Chapman, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 28.12.2016.

69 Wertungen (3.64 ø)
11592 Aufrufe
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
Hintergrundinformationen zum Thema "Plazentophagie"! "Promis wie Kim und Kourtney Kardashian haben mit ihrer Ankündigung, die eigene Plazenta zu essen, einen regelrechten Trend ausgelöst. Von Plazentophagie sprechen Experten, wenn jemand seinen Mutterkuchen verspeist." http://m.baby-und-familie.de/Geburt/Plazenta-essen-Eklig-oder-gar-gesund-509057.html "Studienüberblick - Nein, Sie müssen Ihre Plazenta nicht essen - Roh, gekocht oder gemahlen und in Kapseln verpackt? Vor allem in den USA ist es ein Trend, dass Mütter die eigene Plazenta verzehren. Die Liste der angeblichen positiven Effekte ist lang - doch Forscherinnen winken ab." http://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/plazenta-essen-muss-nicht-sein-sagen-forscher-a-1037687.html "Dass Eltern die Plazenta gerne nach der Geburt mit nach Hause nehmen möchten, um später darauf ein "Lebensbäumchen" zu pflanzen, ist in unseren Breitengraden durchaus nicht ungewöhnlich. Auch in anderen Kulturen gibt es zahlreiche Bräuche
#24 am 08.01.2017 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  0
(Fortsetzung) rund um den Mutterkuchen."  http://www.t-online.de/eltern/schwangerschaft/id_51311896/mutterkuchen-woertlich-nehmen-wenn-eltern-die-plazenta-verzehren.html  "Den Anhängerinnen der Plazentophagie – so nennt man den Verzehr des Mutterkuchens – zufolge geht die Wunderliste der Dinge, die die Plazenta leistet, nach der Geburt weiter. Angeblich sorgen Pillen aus Mutterkuchen für einen rosigen Teint und gleichen den Eisenverlust des Körpers aus, sie spenden der Mutter Energie und lindern postnatale Schmerzen. Sie sollen sogar bei der Milchbildung und gegen Depressionen helfen. Ach ja, eine gute Mutter-Kind-Bindung unterstützen sie mutmaßlich auch. Und während der Wechseljahre sollen sie den weiblichen Hormonhaushalt in Ordnung halten." http://www.focus.de/familie/geburt/plazenta-essen-liebe-muetter-die-plazent-ist-nicht-so-gesund-wie-gedacht_id_4734803.html
#23 am 08.01.2017 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  0
(Fortsetzung)  Geburtsmedizin - Der Verzehr der Plazenta – ein neuer Trend? Eine amerikanische Psychiaterin horchte auf: Einige ihrer schwangeren Patientinnen berichteten, dass sie planten, ihren Mutterkuchen zu essen – zum Beispiel in Kapselform. Nun legt die Ärztin eine beunruhigende Studie vor." Von Christina Hucklenbroich http://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin-ernaehrung/die-plazenta-nach-der-geburt-essen-ein-neuer-trend-13701066.html
#22 am 08.01.2017 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  0
Gast
Bon appetit
#21 am 02.01.2017 von Gast
  0
In China gibt es noch häufig Plazenta nach der Geburt für die Mutter. Daher kommt auch die Idee, das es der Blutbildung hilft. Dies allerdings im System der chinesischen Medizin, welches sich nicht 1 zu 1 in der Schulmedizin abbilden lässt. Dort isst man sie aber auch eher in kurzer Zeit und nicht verkapselt über Tage. Ich denke es wäre eher interessant zu untersuchen, ob es Mangel-/Unterernährten helfen könnte.
#20 am 02.01.2017 von John Daniel Bell (Arzt)
  2
Gast
Wer`s mag...Mahlzeit!
#19 am 31.12.2016 von Gast
  0
Gast
Ooooh jaaaah!! Danke sehr!
#18 am 30.12.2016 von Gast
  0
Er sieht ein wenig aus wie der tödlich gute "Death by chocolate" wenn ich das als Kuchenliebhaberin mal so verlinken darf http://www.wunderweib.de/death-chocolate-das-schokokuchen-rezept-5331.html
#17 am 29.12.2016 von Ptachen Ptachen (Pharmazeutisch-technischer Assistent (PTA))
  2
Gast
Schade! Aber vielen Dank für die Recherche!
#16 am 29.12.2016 von Gast
  0
zu #9: Lieber User, wir haben recherchiert, zu verwendetem Foto lässt sich leider keine genauere Beschreibung als „Layer Cake“ finden. Lieben Gruß aus der Redaktion!
#15 am 29.12.2016 von DocCheck News Redaktion (Mitarbeiter von DocCheck)
  0
Gast
#9: Der Kuchen sieht lecker aus - Frage an Dr. Schätzler bzw. die Doccheckredaktion, ob sich herausfinden läßt, um was es sich da handelt (hoffentlich ohne Placenta)? Dann würde ich ihn ja sofort nachbacken...
#14 am 29.12.2016 von Gast
  0
zu #8: genau so ist es!!!! Es ist ein instinktives Verhalten, um Gefahren, nämlich (Fress-)Feinde abzuwehren. Interessant, was man daraus alles für STUDIEN (Statistiken?) betreiben kann. 'Zurück zur Natur' ist eben nicht so kompliziert, wie es gemacht wird..
#13 am 29.12.2016 von Antje Sonntag (Tierärztin)
  3
Aus der Rubrik Satire oder ernst gemeint?
#12 am 28.12.2016 von Gudrun Falkenberg (Logopädin)
  2
Bei mir ist es eine kleine Variante: über der Plazenta wächst ein Apfelbauch, kein Pfirsichbaum. Die Äpfel schmecken gut! Allerdings ist die "Endstrecke" identisch : Scheidung. Ich habe jetzt nicht den kompletten Blog gelesen, aber wer noch ein Rezept braucht, dem empfehle ich das Buch "Strange Food" von Jerry Hopkins, Komet-Verlag, 1999 erschienen, neu 22,00€ , gebraucht ab 5,66€. Darin gibt es ein Rezept über Plazentapastete! ( und viele andere seltsame Rezepte, eben strange food)
#11 am 28.12.2016 von Dr. med. Dieter Knöbl (Arzt)
  1
Gast
Ich weiß, dass manche Leute die Plazenta im Garten vergraben und einen Baum darauf pflanzen, auf dass sie Glück bringe. Erlebt im Bekanntenkreis. Da der neue Erdenbürger zu einer Zeit das Licht der Welt erblickte, als die Erde fest gefroren war, platzierte man das gute Stück einfach für´s Erste im Tiefkühler. Und vergaß das Vorhaben scheinbar. Bald danach meldete sich das zweite Kind an, gleiches Procedere. Im darauf folgenden Sommer nahm man dann die Teile und pflanzte tatsächlich einen Pfirsichbaum darauf. Ob die Placenten vorher an- oder auftauen durften, ist mir nicht bekannt. Zumindest die Pfirsiche sind klein, grün mit ziemlich pelziger Haut und schmecken zu sauer, um als Objekt der Begierde am Gartenzaun zu gelten. Ob sich ansonsten "Glück" eingestellt hat, kann ich nicht sagen. Die Ehe wurde geschieden. Was ja auch Glück sein kann, wenn man diesen Schritt tatsächlich geht.
#10 am 28.12.2016 von Gast
  1
Gast
Geniales Foto!
#9 am 28.12.2016 von Gast
  0
Gast
Ich war der Meinung, der Mutterkuchen wird von wilden Tieren aus hygienischen Gründen gefressen- damit er keine Fressfeinde anlockt, die den frischen Nachwuchs dann gefählich werden.
#8 am 28.12.2016 von Gast
  3
Gast
Eine Stichprobe von 23 ist klein, daraus lässt sich aber nicht pauschal schließen, dass sie zu klein ist. Ob eine Stichprobe einen Rückschluss auf die Grundgesamtheit zulässt, ergibt sich aus dem P-Wert, der nicht alleine von der Stichprobengröße abhängt. In diesem Fall war das Ergebnis jedoch nicht signifikant.
#7 am 28.12.2016 von Gast
  0
Fallzahl 23? Da kann man die Studie direkt in den Müll werfen. (Zur Plazenta?) Mich würde viel mehr interessieren, ob der Verzehr eines Filterorgans gesundheitsschädlich sein kann oder nicht. Übrigens wird die Plazenta vor allem von Müttern verzehrt, die eine außerklinische Geburt hatten und nicht von solchen, die, wie die Autorin mutmaßt, ihre Sectio aufarbeiten müssen. Ich finde: Leben und leben lassen. Mahlzeit.
#6 am 28.12.2016 von Silke Becker (Hebamme)
  4
Ausserdem fressen auch Herbivore ihre Nachgeburt. Nicht immer alle, aber dennoch die meisten. Ob das jetzt für den Menschen sinnvoll ist oder nicht will ich damit nicht pauschalisieren.
#5 am 28.12.2016 von Daniela Hermann (Heilpraktikerin)
  5
Meines Erachtens ist eine Studie mit nur 23 Probandinnen völlig irrelevant für irgendwelche empirischen Erhebungen.
#4 am 28.12.2016 von Daniela Hermann (Heilpraktikerin)
  1
Ja, nett geschrieben: "Plazenta-Grenzerfahrung", "Feng Shui", "unter Verwendung von frischer Muttermilch" ...
#3 am 28.12.2016 von Jürgen C. Bauer (Heilpraktiker)
  2
Man kann Ideologien auch zu weit treiben und dann noch versuchen, dem einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Nebenbei, kann nicht backen und habe auch keine Freude daran. Habe ich mich doch mal zu einem Geburtstagskuchen aufgerafft, wurde er von meinen Kindern " Mutterkuchen" benannt und das sollte kein Lob sein. So hat für mich der Artikel seine lustige Seite.
#2 am 28.12.2016 von Dr. med. Elisabeth Grunwald (Ärztin)
  0
Gast
Frisch zum Fest noch ein paar leckere Rezepte (frei nach dem Motto: Wir backen uns einen Mutterkuchen zu Weihnachten): http://www.psiram.com/ge/index.php/Plazentophagie. Wohl bekomm's...
#1 am 22.12.2016 von Gast
  1
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
An der RMIT University wurde ein Test entwickelt, der Morbus Parkinson nachweist, bevor ersten Symptome auftreten. So mehr...
"Fettarme Kost ist nach den Ergebnissen einer großen Studie offenbar nicht mehr zu empfehlen. Wider Erwarten sinkt mehr...
Ich kann dagegen die allgemeine Emphase und Euphorie bei den CANTOS-Studienergebnissen und den damit verbundenen Hype mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: