Das Versterben von Frau Giordano

20.12.2016
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Um 10 Uhr und 25 Minuten erlag Frau Giordano ihren schweren Grunderkrankungen, welche unter anderem einen Tumor der Niere, Diabetes, eine schwere Herzinsuffizienz, ein Glaukom des rechten Auges und 20 weitere, nicht weiter aufgeführte Punkte, beinhalteten. Kombiniert mit einer großzügigen Lungenentzündung hatten diese nun zu ihrem Tode geführt.

Frau Giordano war außerdem ungefähr 90 Jahre alt, ihr Versterben nicht völlig unerwartet und fand zudem im Beisein ihres Sohns und der Tochter statt, sodass alles halb so dramatisch war. Dachte ich.


Dies trug sich zu auf meiner Station, während ich Visite machte und meinen Visitenwagen hin und herschob. Ich bestätigte den Tod von Frau Giordano und versprach den Schwestern, in zwei oder drei Stunden die zweite Leichenschau zu vollziehen. Frau Giordano würden wir solange auf der Station lassen, damit sich die Familie noch etwas verabschieden könne. Ein unglaublich guter Plan. So wie alle meine Pläne.

Drei Stunden später eilte die Schwester panikartig herbei und fragte, ob ich denn nicht bald meine endgültige und finale Leichenschau durchführen könne, die Situation laufe gerade nun so langsam etwas aus dem Ruder und man wolle Frau Giordano möglichst schnell in die Pathologie im Keller verfrachten.

„Huä, wieso? Siehst du nicht, ich analysiere gerade dieses äußert wichtige, aber völlig verwackelte Belastungs-EKG, Schwester?! Hier könnte sich zum Beispiel eine neu aufgetretene ST-Streckenhebung verbergen. Oder aber der Patient ist hier vom Ergometer gefallen.“


Die Schwester war aber sehr persistent und innerhalb kürzester Zeit schlossen sich ihr ein Haufen anderer Schwestern an, deswegen legte ich dann das Belastung-EKG weg, das außerdem zu viele Zacken an falsche Stelle enthielt, und ging hin, das Begehr der Schwestern zu erfüllen. Im Flur traf ich auf vier aufgelöste vermutlich Enkel Frau Giordanos und dann betrat ich das Zimmer, wo mich eine Wand von Menschen erwartungsvoll anstarrte. Nicht gewillt eine öffentliche Leichenschau vor großem Publikum zu performen, erklärte ich, dass ich den Raum jetzt für mich alleine bräuchte.

Die Menge nickte respektvoll und defilierte langsam an mir vorbei nach draußen: Frau Giordanos Geschwister, Töchter und Söhne, Leute, die Familie Giordano einfach so Beistand wünschten, fünf kleine Kinder, drei Babys, zwei Kinderwagen, noch mehr Leute, Enkel und Enkelinnen, Nichten und Neffen, weitere Leute.

Ich vollbrachte, was ich vollbringen wollte, ging wieder raus, vorbei an vermutlich 100, naja vielleicht auch 60 Leuten, die alle ratlos im Flur rumstanden und fragte freundlich, ob es okay wäre, wenn wir Frau Giordano nun nach unten brächten.

Das war es zum Glück und so verhinderten wir anscheinend die Ankunft weiterer 60 Bekannter, wie mir ein Sohn später erleichtert anvertraute. Im Anschluss mussten wir nur noch die Angehörigen anderer Patienten beruhigen, die ob der vielen südländisch aussehender Menschen in unserem Flur etwas verwirrt waren: Nein! Nein! Die seien keine Asylbewerber gewesen, die gerade eine öffentliche Führung durch das Krankenhaus erhalten hätten. Ernsthaft.

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Bildquelle: Privatbild Zorgcooperations

Artikel letztmalig aktualisiert am 23.12.2016.

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Medizin, Innere Medizin
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Ja, etwas ähnliche habe ich 1976 mit einem (mit Verlaub) "Zigeunerbaron" in Leverkusen erlebt. Der Zusammenhalt ist das was Menschen zusammenhält :-)- Danke für den tollen Bericht
#7 am 04.01.2017 von Karl- Guenter Krieger (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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Gast
Ich kann als Pfleger diesen Humor absolut teilen. Man muss denjenigen, die sich in der Pflege habilitieren in diesem Fall zugutehalten, dass sie Jahre oder eher Jahrzehnte nicht mehr am Patienten gearbeitet haben. Da kann das Verständnis für die Verhältnisse im Krankenhaus, die tägliche Arbeit und den damit verbundenen typischen Humor eben mal verloren gehen.
#6 am 29.12.2016 von Gast
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Gast
Ich würde mir wünschen Menschen, denen es an Verständnis für Satire mangelt - auch solche mit Habilitationshintergrund - möchten sich doch bitte mit Kommentaren zu ebensolcher zurückhalten. M. E. kann man aus den Blogbeiträgen gutes Gespür für die ärztliche Arbeit im Krankenhaus und das "allzumenschliche" des klinischen Alltags herauslesen. Wenn man den Blog regelmäßig verfolgt - so finde ich - kann man weder ärztliche Hybris, noch Querschüsse in Richtung der KollegInnen aus der Pflege feststellen; dafür jedoch durchaus eine gehörige Portion Selbstironie! Es dürfte für das Gegenseitige Verständnis wenig zielführend sein hier das Fass "Pflege vs Ärzte" zu öffnen. Im Idealfall ergänzen sich beide Berufssparten zum Wohl des Patienten. Dies wird durch Beiträge wie von Hr. Prof. Dr. Reuschenbach zumindest nicht gefördert. P.S.: würde ein BelastungsEKG von mir jederzeit von Frau Zorgcooperations befunden lassen, aber keinesfalls von der Pflege ;-)
#5 am 29.12.2016 von Gast
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Was die Botschaft des Beitrags? Ich sehe drei Dinge: - Die Versorgung von 60 Angehörigen ist bedeutungsvoller als die Analyse eines Belastungs-EKGs - wie gut, dass es Pflegende gibt - Der Arztzentrismus im Beitrag ist unüberhörbar, bis hin zu Besitzansprüche für Allgemeingut: "meine Station", "mein Visitenwagen" - Eine bedauerliche Irrführung, wenn der Blog Zorgcooperations genannt wird, aber immer wieder deutlich wird, dass das offensichtlich nicht gelebt und/oder der Begriff nicht verstanden wird.
#4 am 29.12.2016 von Prof. Dr. Bernd Reuschenbach (Pflegewissenschaftler)
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Gast
und dazu noch als Geschichtenerzähler hoch begabt mit Aussicht auf ein 2. Standbein in Roman-Erzählkunst.Einfach herrlich.
#3 am 28.12.2016 von Gast
  4
Gast
Anscheinend ist es doch etwas Besonderes, wenn eine alte Frau stirbt und die Angehörigen und Freunde trauern. Anfange dachte ich, diese Geschichte liefe auf das öfter anzutreffende Problem hinaus, dass die Kinder alle Hebel in Bewegung setzten, damit das Leben der Mutter auf Gedeih und Verderb erhalten wird. Dabei geht es um Trauer, die als Belastung empfunden wird. Toller Arzt! Tolles Stationsteam! Die haben das Problem verstanden!
#2 am 28.12.2016 von Gast
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Herrlich beobachtet, beschrieben und illustriert!
#1 am 23.12.2016 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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