Geht's noch?

15.12.2016
Teilen

Herr Seemann kam zur Tür herein und streckte meiner Kollegin Sandra eine Tüte mit diversen Arzneien entgegen. „Schaun' Sie mal hier! Diese Tüte hat meine Frau im Kühlschrank gefunden. Was ist denn da alles drin, und für was ist es gut?“

Im Kühlschrank „gefunden“, aha. Sowas macht man ja dann gerne auf ...

Sandra griff beherzt hinein und entnahm der pharmazeutischen Wundertüte eine Drehkruke, in der sich eine von uns angefertigte Rezeptur befand. Erythromycin in Abitima face Grundlage. Sowas schreibt der Hautarzt aus dem Nachbarort öfter auf. Ist nicht besonders stabil, diese Mischung und daher zum zügigen Verbrauch gedacht.

So wie die Kruke allerdings aussah, war sie noch niemals in Gebrauch gewesen. Herstellungsmonat war April, da sieht man mal, was die Leute mit den liebevoll angefertigten Rezepturen anstellen. „Herr Seemann, diese Rezeptur nehme ich mir schon mal raus und entsorge sie, die ist abgelaufen!“

Selbstbehandlung mit Kortisoncremes

Die anderen drei Salben waren allesamt unangebrochene Kortisoncremes. Sandra packte sie ihm wieder in die Tüte, erklärte ihm aber nochmal eindringlich, dass gerade die Dinge, die die Hautärzte aufschreiben, meist unmittelbar verwendet werden und Reste nach der Anwendungsdauer verworfen werden sollten. Oft neigt man ja auch dazu, bei einem neu aufgetretenen Symptom alleine daran rumzudoktern, da kommen vielen Leuten Kortisoncremes gerade recht. Die Cremes in der besagten Tüte waren auch allesamt verschreibungspflichtig, eignen sich also nicht wirklich dazu, sie zu etwas zu benutzen, ohne eine ärztliche Aufforderung dazu erhalten zu haben.

Herr Seemann nickte verständig und ging wieder mit seiner Kühlschranktüte hinaus. Keine 10 Minuten später trat FRAU Seemann mit der gleichen Tüte durch die Tür, im Schlepptau eine Nachbarin und Freundin. Was denn das jetzt gewesen sei, was Sandra da weggeworfen hatte und ob das denn wirklich schon schlecht war.

Fröhliche Tauschgeschäfte

Meine liebe Kollegin musste die Kruke doch wirklich wieder aus dem Müll fischen, um ihre freche Tat noch einmal zu erklären. Auch die dazugehörige Beratung, was die Anwendung von verschreibungspflichtigen Medikamenten ohne ärztliche Kontrolle angeht, wiederholte sie gebetsmühlenartig, als sich die Nachbarin plötzlich einmischte: „Da, die Ecural-Salbe, die du da in der Tüte hast, Gerda, die hab ich schon mal gesehen, die hat mein Mann auch irgendwann mal benutzt!“ – "Ach, ja? Dann nimm du sie doch mit, vielleicht könnt ihr die ja mal zu ’was gebrauchen. Ich hab ja noch zwei andere Salben.“

Fällt einem da noch etwas zu ein? Als die beiden fröhlich tauschend aus der Apotheke gingen, hörte ich nur noch ein „Aaaaaah!!!! Konnten die damit nicht wenigstens noch warten, bis ich es nicht mehr höre? Da redet man sich den Mund fusselig und dann sowas! Hört mir denn hier niemand zu?“

Auch immer nett: Herr und Frau Maus

Am Abend wollte ich gerade die Kasse zählen, als Herr und Frau Maus die Vorstadtapotheke heimsuchten. Ich zählte innerlich bis 10, denn die beiden sind normalerweise immer sehr umständlich und eben nicht „nur noch schnell ... wir sind auch gleich fertig“, wie sie behaupteten. Er reichte mir ein Rezept, mit dem wir ihn zurück zur Arztpraxis geschickt hatten, weil die Unterschrift fehlte.

Ich bedruckte es und auf einmal sagt Herr Maus: „Wissen Sie, die Sprechstundenhilfe hat gesagt, dass sie hier eine ganz schön umständliche Apotheke sind.„ – „Wie bitte? Das war ja wohl deren Fehler, die Unterschrift zu vergessen, nicht unserer.“ – „Naja, hätten Sie das nicht einfach so abrechnen können?“ –
„Nein, das kann ich nicht! Eine fehlende Unterschrift ist ein Formfehler und dann zahlt uns die Krankenkasse leider gar nichts und wir bleiben auf den Kosten sitzen.“ – „Ach, hören Sie, die haben doch dort auch keine Schriftexperten sitzen. Das Krikelkrakel da hätten Sie doch auch drauf machen können, das merkt doch keiner!“

„Wissen Sie, Herr Maus – das können SIE ja beim nächsten Mal selbst machen, wenn ich es nicht sehe. Das ist ein Dokument und wenn ich eine Unterschrift fälsche, mache ich mich strafbar. Das empfinde ich nicht als umständlich.“

Hallo? Geht's noch? Ich hätte wirklich Lust gehabt, dort mal anzurufen und zu fragen, ob die noch alle Latten am Zaun haben! Manchmal ist man einfach nur froh um den Feierabend!

 

Bildquelle: Sven-Klitsch, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 23.12.2016.

109 Wertungen (1.95 ø)
2844 Aufrufe
Pharmazie, Pharmakologie
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
Gast
MFA ist die korrekte Bezeichnung
#5 am 23.12.2016 von Gast
  12
es muss natürlich Arzthelferin heißen. Leider streikt die Bearbeitungsfunktion.
#4 am 23.12.2016 von Isabella Stavenhagen-Neumann (Selbstst. Apothekerin)
  7
Mir und meinen Kollegen wurde bei Anrufen in der Arztpraxis, die sich auf Formfehler bezogen, immer der Spruch reingedrückt. "Sie sind die einzige Apotheke, die sich so anstellt und wegen so etwas anruft". Da diesen Spruch alle kannten, können wir gar nicht die einzige Apotheke gewesen sein. Von Unrechtsbewusstsein bei der Azthelferin keine Spur!
#3 am 23.12.2016 von Isabella Stavenhagen-Neumann (Selbstst. Apothekerin)
  9
…wenn ich die beiden Situationen (Rezeptur, Unterschrift) heute, im Ruhestand, betrachte, sind es doch banale Belanglosigkeiten. Ich habe damals aber auch den Fehler gemacht, mich viel zu tief reinzuhängen: („mache mich strafbar“ und so...). Heute weiß ich, dass das nur unnötige Kraft gekostet hat. Ich kann nur empfehlen, sich eine HV-Rhetorik zuzulegen, die nicht ewig rechtfertigend, entschuldigend, begründend und kopfeinziehend ist. Souverän und locker bleiben: iss so, und gut. Und bitte keine weitere Mühe investieren.
#2 am 23.12.2016 von Günter Schäfer (Apotheker)
  3
Gast
Ich wette mit Ihnen, dass die Praxis das gar nicht so gesagt hat! :-)
#1 am 23.12.2016 von Gast
  3
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Ich erhielt kürzlich eine Einladung zu einer Fortbildung zum Thema „Cannabis in der Apotheke“. Als Besucher der mehr...
Schwierig, aber anders als früher Eine Dame um die 70, die ihren Mann jetzt nach einem Schlaganfall zuhause mehr...
Wer bedient sich hier selbst? Tavor-Tabletten sind nicht versiegelt und laden daher förmlich dazu ein, heimlich mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: