Antibiotikanotstand

14.12.2016
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Es folgt ein Beispiel von vielen, das zeigt, wie Apotheken mit Lieferunfähigkeitsproblemen umgehen: Vor einiger Zeit bekamen wir ein Rezept aus der Kinderklinik für ein zweijähriges Kind. Verordnet war Clindamycin Trockensaft 3 x tägl. 80 mg für 14 Tage. Das sind 3 x 80ml Sobelin (Pfizer Original) oder ClindaLich (Generikum) Trockensaft.

Wir kennen diese Verordnung schon, der kleine Patient erhält sie nicht zum ersten Mal. Clindamycin ist der einzige Wirkstoff der bei der vorliegenden Erkrankung hilft, und Trockensaft deswegen, weil ein zweijähriges Kind noch keine Hartkapseln schlucken kann.

So weit so schlecht, denn unsere Großhändler konnten uns weder das Original noch das Generikum liefern, es war alles ausverkauft. Nun war guter Rat teuer. Ich klapperte erstmal alle Apotheken im Umkreis ab und fragte, ob vielleicht irgendeine noch einen Saft parat hatte – nichts zu machen.

Hilfe vom Hersteller – ist ja naheliegend, oder?

Als nächstes rufe ich Pfizer an und frage an, ob die mir aus der eventuell vorhandenen „eisernen Reserve“ noch einen Trockensaft abzwacken können, doch da gibt es angeblich nichts mehr. Ich lasse mich mit dem medizinischen Dienst der Firma verbinden und frage, wie ich weiter vorgehen kann. Hartkapseln gibt es ja, vielleicht könnte man die aufmachen und einen Saft selbst herstellen? Die Dame am Apparat sagte mir, dass das grundsätzlich zwar möglich sei, sie als Herstellerfirma aber davon abraten und im Übrigen auch jede Verantwortung ablehnen, wenn so verfahren wird. Sie fragte, ob sie noch etwas für mich tun könne. Ich seufzte und sage resigniert: „Ach, wissen Sie, Sie können mir verraten, warum Ihre Firma es schafft mit dem Wirkstoff Hartkapseln herzustellen, aber keinen Trockensaft für Kinder. Das muss ich jetzt nämlich der Mutter erklären, wo doch die Ärzte nach wochenlanger Sucherei endlich etwas gefunden hatte, das ihrem Kind hilft.“

Da fällt ihr nichts mehr dazu ein, der guten Frau, was soll sie auch dazu sagen. Ich frage sie noch, ob es im benachbarten Ausland vielleicht noch Clindamycin Trockensäfte gibt – Bingo. In der Schweiz und in Österreich werden welche vermarktet. Also ein schneller Anruf bei „Pharma International“ und die Frage, ob diese lieferbar sind. Sind sie. Wir benötigen dann nur ein Rezept für eine Auslandsbestellung und müssen einen Kostenvoranschlag bei der betreffenden Krankenkasse einreichen. Wenn dieser genehmigt wird, was nicht gesagt ist, denn das Medikament gibt es ja – theoretisch – in Deutschland auch, können wir bestellen und erhalten dann frühestens eine Woche nach Bestelleingang das gewünschte Medikament.

Müssen wir vielleicht doch selbst ran?

Bei allem Verständnis, das dauert einfach zu lange. Bis dahin geht es unserem kleinen Patienten sicher gar nicht mehr gut. Was also tun? Wir überlegen, vielleicht doch selbst einen Saft herzustellen und berechnen die benötigte Menge. Wenn wir 12 Hartkapseln mit 300 mg Wirkstoff nehmen und auf 225 ml Wasser verteilen, müsste die Mutter 3 x täglich 5 ml abmessen, das könnte funktionieren. Aber was ist mit dem Geschmack? Ist sicherlich ziemlich bitter das Zeug.

Aus meiner Erfahrung in einer Apotheke, die Methadon abgegeben hat, weiß ich, dass untergemischter Himbeersirup das Bittere recht gut kaschiert. Aber in den Kapseln befinden sich auch noch Füllstoffe. Talkum ist zum Beispiel überall mit drin, und das löst sich ja nicht, bleibt als Bodensatz in der Flasche und muss jedes Mal aufgeschüttelt werden. Und wie sieht es mit der Haltbarkeit aus? Wie lange bleibt der Wirkstoff stabil? Müssen wir jeden Tag frisch eine kleine Menge herstellen oder können wir gleich für eine oder sogar für zwei Wochen eine Rezeptur machen, wenn wir sie in den Kühlschrank stellen?

Manchmal muss es unbürokratisch sein

Wir rufen beim NRF an und fragen dort nach, doch auch hier fehlen leider die Erfahrungswerte. Und jetzt? Der Chef startet in verschiedenen Facebook-Foren einen Aufruf, ein letzter Versuch. Und tatsächlich! Aus dem hohen Norden meldet sich eine Apotheke, die tatsächlich noch drei Trockensäfte auf Lager hat! Der Apotheker verspricht, sie sofort per Post loszuschicken, was bedeutet, dass wir sie am Mittwoch in den Händen halten. Somit muss unser Patient nur einen Tag ohne Antibiotikum auskommen. Unbürokratische Hilfe unter Kollegen – einfach Klasse!

Auf den Portokosten bleiben wir sicherlich sitzen, die zahlt die Kasse nicht. Ebensowenig wie die Zeit, die für die Telefonate und die Überlegungen und Rechnereien draufgegangen ist. Verdient haben wir somit an diesem Rezept gar nichts, nur draufgelegt. Aber das ist eben der Preis für das gute Gefühl, geholfen zu haben. Dafür sind wir nämlich da, um Lösungen und Hilfe für kranke Menschen zu bieten,und das unterscheidet uns von einem reinen Versandhandel aus dem Internet. Auch deswegen ist die Apotheke eben nicht so leicht zu ersetzen!

 

Bildquelle: José María Mateos, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.12.2016.

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Gast
Das Problem mit Sobelin hatten wir auch, aber wir mussten nicht lange recherchieren, weil ja Lieferengpässe inzwischen mehr und mehr zunehmen. Aufruf über Apothekerkammer, es meldeten sich 2 Kollegen, die noch eine Flasche hatten. Versorgung am selben Tag möglich. Parallel bei der TK Kostenübernahme des Importes geklärt. Und dann konnten wir noch 8 Flaschen importieren und abrechnen für den einen Patienten, der bis dahin in 10 Apotheken nur mit Schulterzucken konfrontiert wurde. Spannender ist es mit Indopäd, da hier der Import von 200 ml ca 800 US-DOLLAR kostet. Da sagt die Kasse Nein und wir stellen Kapseln aus Tabletten mit individueller Dosierung her. Für uns inzwischen Routine und damit auch lukrativ.
#17 am 01.01.2017 von Gast
  0
Gast
Es scheint als ob immer mehr Medikamente nicht mehr lieferbar sind. Dipidolor, Sufentanyl, Fentanyl,... sind über Monate nicht lieferbar. Klar gibt es Alternativen, aber die Frage ist, warum ist das so? Sind es mangelnde Ressourcen? Finanzielle Ursachen? Das fängt ja bei den Medikamente an und hört bei dem medizinischen und pflegerischen Material noch lange nicht auf.
#16 am 01.01.2017 von Gast
  0
Gast
Wer gibt eigentlich den Krankenkassen, die nicht fähig sind diese Bemühungen zu honorieren mal einen Denkzettel? Krankenkassen taugen heute nichts mehr. Wer räumt hier endlich mal auf.
#15 am 28.12.2016 von Gast
  1
Als Tierarzt dürfen wir, sofern keine veterinärmedizinischen Präparate verfügbar sind, auf humanmedizinische Medikamente zurückgreifen. Geht das andersherum nicht? Es gibt für Tiere einen Saft mit Wirkstoff Clindamycin.
#14 am 22.12.2016 von Dr. Anabel Mommer (Tierärztin)
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Sehr lobenswerter Einsatz! Doch die eigentliche Frage ist aber wieso gängige Medikamente und Impfungen in Deutschland heutzutage oft nicht mehr verfügbar sind??? Die Antwort ist natürlich politischer Sprengstoff! Meiner Meinung nach liegt das daran, daß die mit denn KK ausgehandelten Dumpingrabatte so sozialverträglich sie auch sein mögen den Markt für Pharmaunternehmen unattraktiver machen was dazu führt, daß Deutschland nur zweitrangig beliefert wird und quasi nur die Reste bekommt die woanders nicht teuerer verkauft werden können. Und wenn nichts übrig bleibt gibt es nichts für den deutschen Markt. Was sagen Sie dazu Herr Gröhe?
#13 am 22.12.2016 von Mawe Budweg (Arzt)
  3
Gast
Das haben Sie fein gemacht für ein Gehalt von elf Euro pro Stunde!
#12 am 21.12.2016 von Gast
  1
Gast
Als Vater von 3 Kindern danke ich Ihnen für den vorbildlichen Einsatz bei der Beschaffung für die Familie und diesen Beitrag. Für das kommende Jahr 2017 werden unsere Apotheken noch stärker mit der Lieferunfähigkeit von Antibiotika Sorge haben. Für die Situation in Europa sind wir doch selbst mit schuldig? Haben wir denn nicht zu lange bei den Verhandlungen auf die Preise geachtet und uns dadurch von China und Indien abhängig gemacht. Musste erst in Indien ein Rohstoffhersteller explodieren, dass wir die Abhängigkeit spüren? Die Zeichen der Lieferunfähigkeiten waren doch seit Monaten vorhanden. Warten wir mal die nächsten Monate ab, bis die Vorräte in den deutschen Kliniken aufgebraucht sind. Spätestens dann ist auch die Politik gefragt. Meiner Meinung nach fehlen uns nächstes Jahr nicht nur wenige Gramm Antibiotikasaft, sondern kiloweise diese Wirkstoffe? Die Apotheken bieten Alternativen an. Aber wie sieht es mit unerwünschten Wirkungen und Resistenzbildungen aus ...
#11 am 21.12.2016 von Gast
  0
Gast
Ganz blöde Frage: Was genau hatte jetzt der Apotheker damit zu tun? Wo Sie als PTA die ganze Arbeit hatten?
#10 am 21.12.2016 von Gast
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Torstein Wagner
@#7: auch Krankenhaus-Apotheken haben mit Lieferenpässen, - ausfällen, etc. zu kämpfen. Einfach mal aktuell informieren...
#9 am 21.12.2016 von Torstein Wagner (Gast)
  1
Ich fände es toll, so eine Erfahrung auch mal bei Facebook zu veröffentlichen, damit auch die viele junge Menschen ihn lesen können, nämlich die Computergeneration, die meist nur auf das Geld guckt und auf die Vorteile, die ihnen so eine Internetapotheke verspricht. Tolle Beitrag, es ist schön so was zu lesen - wir in unserer Apotheke machen das übrigens genauso und ich denke viele andere Apotheken auch! Weiter so
#8 am 21.12.2016 von Nicole Waßmannsdorff (Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA))
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Gast
Als früherer KH-apotheker nur eine Anm.: Sie schreiben Rp. von einer Kinderklinik..Warum nicht einfach einmal bei der entsprechenden Krankenhausapotheke anfragen?
#7 am 20.12.2016 von Gast
  3
Glückwunsch! Super Einsatz von allen Beteiligten!
#6 am 20.12.2016 von Frau Heide Seifert (Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA))
  1
Was hindert denn die Mutter daran, Ihnen die Portokosten zu erstatten?
#5 am 20.12.2016 von miriam bertram (Tierärztin)
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Schade nur, daß die Öffentlichkeit Derartiges NIE mitbekommt, sondern nur brav dem dummen Geschwätz von Focus und ähnlich Apotheker-feindlichen Institutionen nachquaken, die ja behaupten, alle Apotheker wären Millionäre, dafür aber von der Realität keine Ahnung haben. Selbstverständlich haben sie auch kein Interesse daran, etwas dazuzulernen und sich von den realen Tatsachen mal vor Ort zu überzeugen. Wäre ja mühsam.
#4 am 20.12.2016 von Apothekerin Alexandra Massen (Apothekerin)
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Apothekerin vor Ort
Toller Artikel! Aber das wissen die meisten leider (wenn überhaupt!) erst zu schätzen, wenn sie selber unsere Hilfe benötigen... ach was könnte ich für Geschichten erzählen.... ich sage nur Babynahrung im Notdienst...: "Wie? Warum haben Sie das nicht da?" "Wo holen Sie das denn sonst?" "Bei dm/Rossmann bzw. im Internet." "Sehen Sie, deshalb haben wir das nicht da, weil es sonst auch nie jemand bei uns kauft!" (Manchmal liegt mir da schon auf der Zunge: "Rufen Sie doch da mal an, ob Sie es jetzt am Wochenende nachts bekommen?!?" - Aber das verkneife ich mir natürlich!) "Ja und was mache ich jetzt?" "Da müssen Sie wohl weitertelefonierend, ich kann es zwar bestellen, aber dann ist es erst am Montag da..." Meist folgt hierauf ein sofortiges Auflegen, manche motzen sogar noch rum, wie unfähig die Apotheken sind und nur ganz wenige merken dann erst, dass sie das Problem selbst verursacht haben... Ob uns die Leute vermissen, wenn es uns in dieser heutigen Form nicht mehr gibt?
#3 am 20.12.2016 von Apothekerin vor Ort (Gast)
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Perverses Gesundheitssystem. :-(
#2 am 20.12.2016 von Stefan Kaa (Nichtmedizinische Berufe)
  3
Erwin Müller
Viel Einsatz, Kümmern, Denken und Handwerk für zu wenig Geld - vom Versand kommt so etwas nach einigen Tagen und Wochen zurück mit dem Vermerk: Nicht lieferbar! Versuchen Sie es doch vor Ort. *facepalm* Was Individualrezepturen und Holland-Versender angeht: Ausrede, Ausrede, Ausrede, Rezept nach Tagen und Wochen zurück... Würden wir ja gerne machen, aber gerade passt es uns nicht. Tja, was KEIN Geld einbringt wird nicht gemacht. Sollen die kleinen Kinder eben schauen, wer Ihnen hilft. Krankes Geschäftsmodell!
#1 am 20.12.2016 von Erwin Müller (Gast)
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Kürzlich erreichte mich eine Frage, über die ich erst einmal nachdenken musste: Wie groß ist die Gefahr für mehr...
Immer wieder spreche ich ja das Thema der langweiligen Apothekenschaufenster an – eine englische Apothekerin hat mehr...
Ich teile einfach diesen Sinn für Humor nicht und finde ihn in einer Apotheke schlicht unangebacht. Klosterfrau mehr...

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