Eine Anleitung zum Burnout

12.12.2016
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Leistung ist Arbeit pro Zeit. Wenn ich also in der sechsten Klasse „Mechanik“ verstanden und richtig angewendet hätte, hätte ich in meinem Leben mehr geleistet, weil ich früher damit angefangen hätte. Egal wie viel ich jetzt mehr arbeite, den Zeitverlust kann ich nie wieder einholen.

Ich habe jetzt fast 20 Jahre darauf gewartet, den Satz des Pythagoras anzuwenden. Weder beim Kauf des ersten eigenen Niederflorteppichs noch bei der Berechnung der Mindestgröße meines Kleiderschrankes kam dieser bisher zum Einsatz.

Erfreulicherweise stellte ich kürzlich fest, dass in der Schule Gelerntes durchaus nützlich für den Alltag ist, ja sogar überlebenswichtig. Ich las kürzlich von einer Mutter, dass sie besorgt sei, da ihr Kind zur Einschulung weder das große Einmaleins noch den eigenen Namen schreiben oder irgendwas lesen kann.

Und ich muss sagen: Ja, das ist besorgniserregend. An dieser Stelle möchte ich meinen alten Physiklehrer grüßen.

In der 6. Klasse haben wir uns mit Mechanik beschäftigt und in meiner jugendlichen Hormonlastigkeit habe ich die Notwendigkeit von Physik für mein gesamtes Leben leider noch nicht verstanden. Denn dieses lässt sich auf eine einzige Formel reduzieren:

Leistung ist Arbeit pro Zeit

P={\frac {\Delta E}{\Delta t}}={\frac {\Delta W}{\Delta t}}\ .

Die Ignoranz der naiven Schulkinder

„Ja, schön“, denkt der hastige Leser. Ist das wieder so ein Ding wie mit dem Pythagoras? Nein, die gesamte Schönheit zeigt sich in der Einfachheit dieser Formel und wir naiven Kinder haben es damals einfach ignoriert und lieber Zettelchen durch den Unterricht kreisen lassen. Es betraf nicht nur Physik. Wer konnte damals schon ahnen, dass Englischvokabeln pauken einem viel Kummer im Alter ersparen würde? Statt der Lehrkraft gebannt zu lauschen, war leider das Dr. Sommer-Team unser geistiger Führer.

Verloren und verpfuscht

Aber nochmal von Anfang an. Wir erinnern uns: Leistung ist Arbeit pro Zeit. Wenn ich also in der sechsten Klasse „Mechanik“ verstanden und richtig angewendet hätte, hätte ich in meinem Leben mehr geleistet, weil ich früher damit angefangen hätte. Egal wie viel ich jetzt mehr arbeite, den Zeitverlust kann ich nie wieder einholen. Mein Leben ist also verloren und verpfuscht. Ich kann meine Energie jetzt einzig und allein der Erziehung meiner Kinder widmen, denn die haben noch die Zeit, die ich vertan habe.

Menschen brauchen Ruhe?

In meiner Kindheit waren meine Eltern nicht aufgeklärt genug und vor allem waren sie sich des Zeitfaktors nicht bewusst. Musste man früher bis zur Erschöpfung arbeiten, so gab es dennoch garantierte Freizeiten, z. B. den wohlverdienten Feierabend. Sonntags wurde nach göttlichem Willen gebetet und pausiert, denn Menschen brauchen Ruhe. So simpel war das. Herbert Renz-Polster, der Großmeister der Kinder-Seelen gibt mir Recht, indem er in „Die Kindheit ist unantastbar“ schreibt:

Nun wird behauptet, Kinder kämen durch die frühe Bildung schneller voran:

also früh ran an die Zahlen, die Fremdsprachen, die Naturwissenschaften!

Mensch, frage ich mich da zusammen mit meinen auf Bäumen und Bolzplätzen

verwahrlosten Freunden: Mensch, wie weit könnten wir heute sein,

hätten unsere Eltern und Erzieherinnen damals schon von früher Bildung gewusst!

Das Versagen meiner Eltern

Heute muss ich das Versagen meiner Eltern ausbügeln, indem ich jederzeit auf E-Mails reagiere, Überstunden mache und für zwei oder drei arbeite. Nach einer Verschnaufpause sehne ich mich schon gar nicht mehr, denn diese ist unproduktiv. Ich renne mein gesamtes Leben der verlorenen Zeit nach, um nicht den Anschluss an die zu verlieren, die früher einfach schneller waren als ich.

In der Leistungsfalle

Bei einigen Mitmenschen haben die Eltern derart viel Zeit mit Würmer suchen oder Wolken anstarren verschwendet, dass sie nun aus einem 24-Stunden-Tag das Maximum rausholen müssen, indem sie Helferpillen, Tabletten oder andere Stimulanzien nehmen, um den ewig leeren Akku zu füllen. Erschwerend hinzu kommt, dass es ab einem bestimmten Alter mit der Leistung so ne Sache ist. Man leistet ja nicht bis zum bitteren Ende. Das sieht man auch in anderen Lebensbereichen. Irgendwann gibt es einen Leistungseinbruch und der ein oder andere braucht auch mal kleine blaue Pillen zur Leistungssteigerung. Aber das nur am Rande. Alles dreht sich um Leistung, denn wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Wer leistet wird was, wer nicht leistet wird nichts.

Selbst im späteren Lebenslauf kann man immer wieder in die Leistungsfalle geraten und an einen unproduktiven Partner geraten. Wichtig ist die Leistungsbereitschaft des Anderen. Ist der Verdienst hoch genug? Sind die Gene gut? Ist die Sozialkompetenz ausreichend, um bei der Aufzucht von Kindern aktiv mitzuwirken?

Ich habe es nun doppelt schwer. Zum einen die sorglosen Eltern, die mein gesamtes Leistungspotential untergraben haben, zum anderen habe ich bedauerlicherweise zwei Jungs. Statistisch gesehen werden Männer 78,5 Jahre alt, Mädchen haben ein paar Jahre mehr. Der Älteste hat quasi jetzt schon 3,8 % seines Lebens vergeudet, wäre er ein Mädchen, wären es erst 3,6 %.

Wer sein Kind liebt, denkt an die Zukunft

Die 3,8 % sind ehrlicherweise auch noch schöngerechnet und eigentlich sollte man die Leistungsdauer mit dem Alter der Eltern bereinigen, denn ich möchte mich schon noch selber an den Früchten meiner Arbeit erfreuen. Denn nichts anderes ist es ja. Es ist meine Arbeit. Sei es, dass ich stundenlang Buchstaben malen übe, zur musikalischen Früherziehung fahre, jede Woche ins kalte Nass springen muss, um das begehrten Frühschwimmerabzeichen zu erlangen oder einmal die Woche ein französischer Abend am Essenstisch herrscht. Bilinguale Kindergärten sprießen ja wie Unkraut aus dem Boden, man kann nur einen Vorsprung zu anderen Kinder erzielen, wenn die Sprachkenntnisse sich zu Hause festigen können.

3,8 % verlorene Zeit und es gibt noch so viel zu tun. In 3 Jahren beginnt die Schule und bis dahin muss das Lesen und Rechnen sitzen. Früher hat man solche Kinder Streber genannt und sie mit dem Kopf voran in die Toilette bugsiert, heute müssen sich die Lehrer in der ersten Klasse mit Kindern rumschlagen, die das Leistungsniveau der Klasse nicht halten können und versuchen, ihnen binnen weniger Wochen den einfachsten Dreisatz näher zu bringen. Niemals werden diese Kinder das alles aufholen können. Schlimmstenfalls werden sie nie das Abitur schaffen und ihren Lebenslauf fälschen müssen, um als letzten Ausweg in die Politik zu gehen.

Da hilft auch kein „Mein Kind ist sehr sensibel, es kann toll zeichnen oder singen“. Will man das wirklich unterstützen? Wird einem das Kind dankbar sein, wenn es mit 20 an einem kleinem Theater angestellt sein wird und Tonnen an Chia-Samen verspeist? Es wird nie in unserer Gesellschaft mithalten können und immer neidisch auf den Porsche 911 seiner Mutter blicken. Das führt unweigerlich zu Depressionen und familiären Verstimmungen. Wer sein Kind liebt, der denkt an die Zukunft.

Leistung, Leistung, Leistung

Wichtig ist es, den Kindern früh den Leistungsgedanken einzuimpfen, damit sie später ohne Murren mehrere Instrumente und Sprachen beherrschen. Die asiatischen Länder haben dies mühelos verinnerlicht; wir sind rückständige Neandertaler in dem Bereich. Wenigstens greift eine flächendeckende frühe Medienkompetenz um sich. Welcher Dreijähriger hat noch nicht die Star Wars Edition in der Extended Edition gesehen? Memo an mich: dringend nachholen.

Leistung, Konkurrenzkampf und Schnelligkeit. Was früher Gymnastik war, ist heute eine Hochleistungsdomäne und ich sage „Gut so!“. Lebe durch dein Kind, denn Liebe ist Kontrolle.

Eine Generation, die zunehmend in den besten Lebensjahren mit

Burn-out zu kämpfen hat, entwirft für ihre eigenen Kinder einen Lebensweg

mit noch mehr Tempo, noch mehr Leistung, noch mehr „Förderung“.

Sie funktoniert Kindergärten zu Schulen um, weil sie glaubt, Kinder,

die früh Mathe lernen, seien schneller am Ziel.

Moment einmal – an welchem Ziel?

(Herbert Renz-Polster. Aus: Kinder verstehen)

Bildquelle: PeterKraayvanger, pixabay

Artikel letztmalig aktualisiert am 14.12.2016.

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Ehemann, Vater, Arzt
Großartiger Artikel! Die Frage ist nur: wie können wir unsere Kinder aus der Tretmühle der Leistungsorientiertheit heraushalten, ohne ihnen gleichzeitig dadurch einen Nachteil aufzubürden? Wo ist die goldene Mitte? Welche Werte vermitteln wir als Eltern in einer Gesellschaft, in der nur noch objektivierbare Erfolge zählen?
#12 am 04.06.2017 von Ehemann, Vater, Arzt (Gast)
  0
Gast
Foucault, Baudrillard, Miller. Die Eltern sind immer schuld, immer schon.
#11 am 19.12.2016 von Gast
  0
Vielen Dank für die zahlreichen Kommentare und Feedback
#10 am 16.12.2016 von Dr. med. Karin Schneider (Ärztin)
  1
Oooh jaaa...
An welchem Ziel? Man hofft, dass die Kinder Chancen haben, nicht unter einer Brücke zu landen. Hier zu Lande hat kaum jemand seinen eigenen Garten, von dem seine Familie im Ernstfall sich auch wirklich ernähren könnte. Die Menschen sind praktisch ohne festen Boden. Und wenn die Preise steigen (und das tun sie), wird ein einfacher Arbeiter seine Familie nicht mehr ernähren können (kann eigentlich auch gar nicht mehr. Wenn vor 50 Jahren die Väter alleine die ganze Familie ernähren konnten, heute gehen auch die Mütter zur Arbeit, um über dem Wasser zu bleiben). Wir wollen uns ja auch sehr globalisieren: billige Sachen aus dem Ausland machen Konkurrenz den teuren einheimischen. Dann heißt es natürlich "kauf teuer ein, damit die regionale Wirtschaft wächst" (nicht vergessen: Wirtschaft muss immer wachsen!). Nur, was hindert denn unsere Handelsindustrie daran, die billigen Importe auch teuer zu verkaufen? Nichts!
#9 am 16.12.2016 von Oooh jaaa... (Gast)
  4
Oooh jaaa...
Die einheimische Industrie passt ihre Warenpreise den billigen ausländischen Importen an. Die Arbeitslöhne AUCH! Möchte hier jemand, dass sein Kind nicht nur neidisch den Porsche des Nachbarn anschaut (aber wahrscheinlich wird so ein Porsche genauso wenig Neid hervorrufen, wie der Anblick des Bundestagsgebäudes, weil es einfach schon zu unrealistisch erscheint, so eins überhaupt jemals zu besitzen), sondern auch einfach neidisch gucken, wenn des Nachbars Kind hübscher angezogen ist? Will jemand, dass sein Kind bei einer ernsten Erkrankung länger warten muss, weil es niedrigeren Sozialstatus aufweist, denn es ist nur ein Arbeiter? Das will doch keiner! Oder? Unsere Politik ist eine Politik der Wirtschaftsdiktatur. Es wird auch stets von uns allen erwartet, dass wir jung (man hat in diesem Fall einfach kaum Gebrechen/Erkrankungen), dynamisch, flexibel, ungebunden, belastbar und stets einsatzbereit sind. Und wir tun das, was von uns verlangt wird: wir ZIEHEN unsere Kinder auf. Je jünger sie sind, desto länger können sie sich in ihrer erkrankungsarmen, noch dynamischen, ungebundenen Lebenszeit damit beschäftigen, sich das Lebensunterhalt zu verdienen. Alsbald Burn Out kommt, ist das Kind hoffentlich hochprivat und Zusatzes-Zusatz versichert. Andernfalls dürfte es bei Rot über die Straße (damit wäre der Wirtschaftswachstum ungehindert).
#8 am 16.12.2016 von Oooh jaaa... (Gast)
  3
Oooh jaaa...
Apropos, Versicherungen und Absicherungen: hat da nicht unsere Regierung verlauten lassen, dass die Altersarmut trotz der Vollzeitarbeit der Arbeiter mit niedrigem Lohn weiter wächst und noch mehr wachsen wird? Unsere Politiker haben auch gleich einen Vorschlag, dem Übel zu entgehen, mitverlauten lassen: die Niedriglohnverdiener sollen einfach mehr private Altersvorsorge treffen! Also, noch mehr vom fehlenden Geld zum Überleben in private Versicherungsgesellschaften stecken. Es ist ja, wie in der Sage über Marie-Antoinette: als man ihr übergab, das Volk hätte kein Brot zu essen, antwortete sie: "Dann soll es Kuchen essen!"
#7 am 16.12.2016 von Oooh jaaa... (Gast)
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Gästin
Ich habe schon lange nicht mehr beim still Lesen so laut gelacht! :D
#6 am 15.12.2016 von Gästin (Gast)
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dazu kann man j anur noch ahmen sagen! ein hoch auf diese worte der wahrheit in ihren fakten als auch im alltäglichen gefühl bzw. wahrnehmung! die entscheidende frage ist noch - wann passiert endlich mal ein umdenken und vor allen ein anders handeln?
#5 am 14.12.2016 von Jens Hildebrandt (Arzt)
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Gast
Carl-Friedrich von Weizsäcker sagte einmal von seiner Famile: "Bei uns haben geistige Dinge immer Spaß gemacht." So war es auch in meiner Familie.
#4 am 14.12.2016 von Gast
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Das sollte mal zur Pflichtlektüre für Eltern werden!
#3 am 14.12.2016 von Sandra Buhse (Apothekerin)
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Alex
Dann fassen wir uns mal an die eigene Nasen. Was passiert im Medizinstudium? Immer mehr Fächer und Prüfungen reinstopfen ohne das, dass eigene logische denken und entscheiden gefördert wird. Aber Medizinstudenten sind auch nicht besser: streben nach einer 1 und Praktika in der ganzen Welt.
#2 am 14.12.2016 von Alex (Gast)
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Toller Artikel! Vielen Dank für diese amüsante Niederschrift. Das ganze jetzt noch in einen systemkritischen Zusammenhang bringen und ich wäre überwältigt.
#1 am 14.12.2016 von Konrad Hecker (Student der Humanmedizin)
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