Was macht die Katzenfrau zu Weihnachten

12.12.2016
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Immer wenn solche typischen Familienfesttage sind frage ich mich, was so manche Kunden von früher jetzt wohl machen. Ich habe ja über zehn Jahre in einer anderen Apotheke gearbeitet, bis ich in der Vorstadtapotheke ankam, und manche Kunden gehen mir da einfach nicht aus dem Kopf.

Eine davon ist die Katzenfrau. Sie war Mitte siebzig, aber körperlich richtig schlecht beisammen. Ihre Wohnung bewohnte sie mit ihren Katzen und sie rauchte kräftig.

Zum Einkaufen war sie oft zu schlapp und so hatte sie einen Taxifahrer aus der Nachbarschaft angewiesen, einmal in der Woche für sie einzukaufen: eine Kiste Cola Vanille, 15 Dosen Katzenfutter, eine Stange Marlboro Menthol, 4 x Schinken-Tortellini tiefgefroren, 3 x Lasagne Bolognese tiefgefroren, 7 x Tiramisu für den Kühlschrank.

Unerträglicher Gestank in der Wohnung

Woher ich das so genau weiß? Ich habe diese Einkäufe das ein oder andere Mal übernommen, wenn der Taxifahrer Urlaub hatte. Natürlich privat und ohne dass mein Chef davon wusste. Der hätte sich aufgeregt, dass ich mich ausnutzen lasse, aber sie hat mir so leid getan. Schneeweiße Haare mit Dauerwelle, einen vergilbten, zerschlissenen Bademantel an und schrecklich lange gelbe Fingernägel hatte sie immer. Da sie sich nicht bücken konnte, ließ sie das Katzenfutter immer aus dem Stand auf einen Karton in der Küche platschen, den sie einmal in der Woche auswechselte.

Den Gestank in der Wohnung kann man sich kaum vorstellen. Aber sie wollte alleine bleiben. Den ganzen Tag lag sie auf dem Bett, schaute sich Ami-Serien und alte Fotoalben an und streichelte die Katzen. Ich habe des Öfteren mit ihrer Hausärztin darüber gesprochen, ob man da nichts machen könne, aber die Ärztin meinte, dass die Katzenfrau eine von den Kandidaten sei, die nach drei Monaten in einem Pflegeheim sterben, weil sie so unglücklich über ihre verlorene Unabhängigkeit sind.

Sie weinte, als ich die Apotheke wechselte

Als ich ihr mitteilte, dass ich die Apotheke wechseln würde, hat sie geweint und mich gebeten, ihr auch die neue Wohnadresse und Telefonnummer mitzuteilen, aber ich habe es nicht getan. Zu sehr hätte es mich belastet zu wissen, dass es ihr schlecht geht und ich nicht helfen kann. Und das wäre sicherlich vorgekommen.

Einmal hat sie mich angerufen und darum gebeten, ihr Medikamente zu bringen. Als ich dort war, wollte sie, dass ich einen Eimer Fäkalien in die Toilette schütte, denn sie war seit zwei Tagen nicht mehr aus dem Bett gegangen. Das habe ich nicht getan, aber nochmals mit ihrer Ärztin geredet und darum gebeten, dass sich wenigstens ein mobiler Pflegedienst um sie kümmern solle. Was daraus geworden ist, weiß ich nicht – aber an Tagen wie heute denke ich daran.

Es ist sicher hart, wenn man alt und krank ist, aber doppelt so hart, wenn man auch noch alleine ist.

 

Bildquelle: Alessandro Bonvini, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 13.12.2016.

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Seltsam, daß die Hausärztin nur ignorieren und Pflegeheim als Alternativen in betracht gezogen hatte. In solche einem Fall ist es mehr als naheliegend, ambulatnet Unterstützung zu organisieren.
#20 am 14.12.2016 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  0
Ich denke, dass dies ein Fall für die professionelle Pflege ist, die hier leider zu spät eingeschaltet wurde. So sehr ich auch das persönliche Engagement schätze, so sehr finde ich es auch irritierend, dass sich eine PTA um solche Versorgungsdesifizite kümmern muss.
#19 am 14.12.2016 von Prof. Dr. Bernd Reuschenbach (Pflegewissenschaftler)
  0
Gast
Liebe Frau Kollegin, sie haben getan, was im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu machen war. Mehr können wir als pharmazeutisches Personal nicht leisten. Leider.
#18 am 14.12.2016 von Gast
  8
Gast
Eine einzelne Person ist als Helferin natürlich überfordert mit dieser Situation. Der Antrag auf gesetzliche Betreuung und das Hinzuziehen eines Pflegedienstes kann zu einer echten Verbesserung der Wohnsituation für Mensch und Tier führen. Durchaus in der Art, dass die Freiheit der Katzenfrau nicht eingeschränkt wird.und sie froh ist, dass ihr Leben wieder in Ordnung kommt. So zumindest habe ich das als Krankenpfleger in der ambulanten Pflege schon öfter erlebt. Die beschriebenen Essgewohnheiten werden meist angenommen, weil die Kraft fehlt, es anders zu machen. Das Chaos ist den Menschen, die ich betreue, bewusst und wenn der Umgang verständnisvoll und klar zugleich ist, lassen sie Änderungen zu und sind erleichtert, wenn diese greifen. Dabei ist eben das Vertrauen wichtig, das durch den Rhythmus der Besuche der Pflegenden und durch einen wertschätzenden Umgang und durch professionelles Handeln entsteht.
#17 am 14.12.2016 von Gast
  0
Gast
Hauswirtschaftliche Hilfen über einen Pflegedienst wäre wichtig u. sonst auch ein regelmäßiger Besuchdienst - ja wo die Zivis u. all die Freiwilligen Soziales Jahr Helfer -? Helfen in Neuseeland !
#16 am 13.12.2016 von Gast
  2
Gast
Hier gibts ja wieder mal echt ekelhafte Kommentare zu lesen, einfach erbärmlich.
#15 am 13.12.2016 von Gast
  3
Gast
#13: wurde doch. Einfach mal bis zum Ende lesen bevor kommentiert wird...
#14 am 13.12.2016 von Gast
  1
Warum wurde kein Pflegedienst eingeschaltet? Das wäre das Naheliegende gewesen ... und vielleicht auch der Tierschutzverein.
#13 am 13.12.2016 von Sabine Schulte (Heilpraktikerin)
  12
Gast
Ekelhaft, armer Hausvermieter, das ist ein Fall für den Pflegedienst.
#12 am 13.12.2016 von Gast
  18
Gast
#7: als Krankenschwester "erwartet" man sowas bei der Arbeit wohl schon eher und hat Handschuhe und Desinfektionsmittel griffbereit. Außerdem gehe ich davon aus, dass die Fäkalien die im Krankenhaus zu entsorgen sind maximal eine Stunde alt sind, und nicht seit zwei Tagen in einem Putzeimer liegen. Andernfalls würde ich staunen... Helfen hätte ich wirklich nicht mehr gekonnt, da mit dem Apotheken- auch ein Wohnortwechsel verbunden war. Als "Gutmensch" will ich mich auch nicht darstellen, sondern einfach etwas aus meinem Alltag erzählen, das mich beschäftigt.
#11 am 13.12.2016 von Gast
  3
Gast
Solche Leute gibt es viele. Wieso sind sie wohl allein? Jeder ist seines Glückes Schmied. Von nichts kommt nichts.
#10 am 13.12.2016 von Gast
  27
Gast
Ein nicht echter Gutmensch!
#9 am 13.12.2016 von Gast
  19
Ich stimme @Gast zu. Die Threadstellerin ist bestimmt ein netter Mensch, aber so richtig tatkräftig verhält sie sich nicht.
#8 am 13.12.2016 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
  30
Gast
Zu sehr hätte es sie belastet zu wissen, dass es ihr schlecht geht und sie nicht helfen können? Wieso können? Wollen müsste es wohl heißen, oder? Ich verstehe Ihr Dilemma, angsichts des großen Elends, Verantwortung zu übernehmen, aber ihre Großmut möchte ich jetzt doch nicht preisen. Vielleicht die Ehrlichkeit. Aber was ist denn so schwer daran einen Eimer Fäkalien ins Klo zu schütten? Ich staune. Aber ich bin ja auch nur eine Krankenschwester und derlei gewohnt
#7 am 13.12.2016 von Gast
  27
Gast
Danke für Ihren Dienst an Ihrem Nächsten!
#6 am 13.12.2016 von Gast
  2
Es gibt viele solcher Katzenfrauen. Den Wunsch in der Wohnung zu bleiben ist für Aussenstehende schwer zu verstehen. Sensibel den Kontakt halten und Vertrauen aufbauen. Irgendwann geht's dann doch nicht mehr Zuhause. .
#5 am 13.12.2016 von Gerda Mertig (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
  2
Vielen Dank dass Sie diese Geschichte aufgeschrieben haben. Und Sie haben Sie gut aufgeschrieben. So, dass die Leser vieleicht auch an die eigene Katzenfrau denken, die, die in ihrer Straße wohnt, um die Ecke...
#4 am 13.12.2016 von Maja Wiens (Medizinjournalistin)
  3
Hut ab für Ihr Engagement. Solcherlei karitative Aufgaben übernehmen Apothekenmitarbeiter öfter. Ganz ohne, dass das jemand Wert schätzt, geschweige denn über eine Entlohnung nachdenkt. Liebe Politker, wenn ihr über die Belieferung durch Drohnen und Automaten nachdenkt, denkt auch an solche Fälle, wie die "Katzenfrau".
#3 am 13.12.2016 von Herr Christian Westphal (Apotheker)
  2
Eli Ott
Kompliment!
#2 am 13.12.2016 von Eli Ott (Gast)
  6
Wie schön,dass Sie so menschlich sind!!!!!!!!
#1 am 13.12.2016 von Regula Berger (Angestellte Apotheker)
  8
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Kürzlich erreichte mich eine Frage, über die ich erst einmal nachdenken musste: Wie groß ist die Gefahr für mehr...
Immer wieder spreche ich ja das Thema der langweiligen Apothekenschaufenster an – eine englische Apothekerin hat mehr...
Ich teile einfach diesen Sinn für Humor nicht und finde ihn in einer Apotheke schlicht unangebacht. Klosterfrau mehr...

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