Internetabhängigkeit: Jugendspezifisch?

11.12.2016
Teilen

Nicht nur Kinder, Jugendliche und Adoleszente verbringen zu viel Zeit im Internet. Auch bei vielen Erwachsenen besteht beruflich oder privat eine Internetabhängigkeit. Das tödliche Zugunglück von Bad Aibling in Bayern ist ein besonders tragisches Beispiel.

Aber der Forsa-Report der DAK–Gesundheit in Zusammenarbeit mit „Game Over“ und dem Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) aus Hamburg sowie die nachfolgende multimedialen Aufgeregtheit und sozialpolitische Entrüstung zeugen von weitgehender Unkenntnis kindlicher, jugendlicher und adoleszenter Entwicklungs-, Reifungs-, Ablösungs- und Distanzierungsprozesse.

Was ist „Game Over“?

Bei „Game Over: Wie abhängig machen Computerspiele?“ hatte das Forsa-Institut 1.531 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 12 bis 25 Jahren befragt. Doch was ganz früher die Entdeckung des Sexuellen (Selbstbefriedigungsverbot), das oft verpönte erotische Erwachen und die Rebellion gegen das traditionelle „Establishment“, das Eintauchen in die Welt von Karl May, das Sammeln von Briefmarken/Münzen, die Welt von „Heidi“, „Sissi“, „Pony“, Barbie und Ken, Lego, Playmobil, Reiterhof, Pokémon, Tamagotchi usw. waren, sind heute die „Neuen Medien“ mit Internet, Faceboock, Twitter, Youtube, Spiele-Apps, Unterhaltungselektronik und jederzeit abrufbaren Wiederholungsschleifen.

Junge Menschen, für die das Internet keine so zentrale Bedeutung hat, wurden natürlich gar nicht erst befragt!

Erwachsene EDV-Nerds?

Ich brauche wohl kaum betonen, dass erwachsene Internet-User, Spielhallen-Daddel-Besucher, Gamer, Glücksspieler, Zocker usw. unter dieselbe Kategorie des angeblich nur bei jungen Leuten zu pathologisierenden Verhaltens fallen: Einschließlich der zwei bis drei Millionen, die als Fußballfans verkleidet, jedes Wochenende geradezu zwanghaft und höchst alkoholisiert im permanenten Internet-Austausch durch die großen und kleinen Stadien bzw. Bolzplätze dieser Republik ziehen.

Jugendliche EDV-Verführer?

Doch kaum hocken einige Jugendliche vor dem Rechner, um ganz im Sinne der Rock'n Roll und 68er Revolte anders als die Erwachsenen sein zu wollen und um sich abzuschirmen, ist es den etablierten, sonst eher widerspruchslosen Erwachsenen in Deutschland auch nicht recht: Sie machen aus einzelnen Jugendlichen, die aus der Welt der Daten, Internet- und  Gamer-Foren am liebsten gar nicht mehr auftauchen wollen, angeblich süchtig-perverse User, die als „peer-groups“ andere Altersgenossen mit ins Verderben ziehen wollen. Wohlwissend, dass Süchte, Sehnsüchte und Abhängigkeitskranheiten potenziell in jedem von uns stecken können.  

Fragwürdige Suchtkriterien?

Grundlage für die Suchteinstufung war eine von Wissenschaftlern in den USA ent­wickelte Systematik namens ‚Internet Gaming Disorder Scale‘“.

Basis für diese „Grundlagen-Forschungen“ waren wiederum zum Beispiel eine Publikation in „Computers in Human Behavior“ vom April 2015, mit dem Titel
„Measuring DSM-5 internet gaming disorder: Development and validation of a short psychometric scale“.

Dort wird behauptet, dass man eine angeblich repräsentative Stichprobe von 1.060 teilnehmenden Spielern (85,1 % männlich, Durchschnittsalter 27 Jahre) als Teilnehmer von Online-Game-Foren (!) rekrutiert hätte. Eine zur Validierung zwingend notwendige Vergleichsgruppe von vergleichbaren Nicht-Spielern (s. o.) hatte man sicherheitshalber gar nicht erst ausgewählt!

Das hätte die Einseitigkeit, Willkürlichkeit und Irrelevanz der frei erfundenen Untersuchungsergebnisse ja nur entlarven können [„The aim of this study was to develop a new nine-item short-form scale to assess Internet Gaming Disorder (IGDS-SF9) and to further explore its psychometric properties. A sample of 1060 gamers (85.1 % males, mean age 27 years) recruited via online gaming forums participated. Exploratory factor analysis [EFA], confirmatory factor analysis [CFA], analyses of the criterion-related and concurrent validity, reliability, standard error of measurement [SEM], population cross-validity, and floor and ceiling effects were performed to assess the instrument’s psychometric properties. The results from the EFA revealed a single-factor structure for IGD that was also confirmed by the CFA. The nine items of the IGDS-SF9 are valid, reliable, and proved to be highly suitable for measuring IGD. It is envisaged that the IGDS-SF9 will help facilitate unified research in the field“].

Pseudowissenschaftlicher Unfug


Wissenschafts- und ekennnistheoretisch ist es völlig unangemessen, wie das Forsa-Institut, die gesetzliche Krankenkasse DAK-Gesundheit, Marlene Mortler (CSU) als Drogenbeauftrag­te der Bundesregierung, der an der Studie beteiligte Suchtexperte Rainer Thomasius (DZSKJ) und viele andere unreflektierte, für Deutschland noch gar nicht validierte Untersuchungs- und Testergebnisse verwenden. Diese werden meines Erachtens nur zum Pathologisieren, Medizinalisieren, Medikalisieren und Politisieren von Alltagsproblematiken postindustrieller Gesellschaften im Sinne einer pseudopathologischen „internet addiction“ nach ICD-10 GM F63.8 ff. instrumentalisiert.

Weitere Quelle:

Monatsschrift Kinderheilkunde July 2015, Volume 163, Issue 7, pp. 701–705 „Computerspielabhängigkeit im Jugendalter - Epidemiologie, Phänomenologie und Diagnostik“

 

Bildquelle: zeitfaenger.at, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 14.12.2016.

36 Wertungen (4.06 ø)
2699 Aufrufe
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
Man darf natürlich nicht das Internet Suchtrisiko ignorieren. Denke aber, genauso falsch ist es, ständig Angst zu haben, dass sein Kind süchtig wird. Erinnere mich noch gut,wie ich oft Stress mit meinen Eltern hatte, da ich als Kind ständig irgendein Buch vor der Nase hatte. Das versinken in einer Traumwelt geht ja auch mit einem Buch, Fernsehen und natürlich Internet. Mit diesen ganzen Medien umzugehen lernen, so wie mit Alkohol, das ist unser Job als Erzieher. Wird sicher nicht leichter aber Internet Hysterie ist nicht hilfreich. Unser Sohn bekam mit 12 Jahren einen Computer. Kurz danach auch Internet. Jetzt ist er Informatiker, hat einen guten Job und auf dem Gebiet macht ihm Keiner so schnell was vor. Also alles mit Augenmaß.
#2 am 14.12.2016 von Dr. med. Elisabeth Grunwald (Ärztin)
  0
ja, was wird aus dieser (ich sag mal) "fehlgeprägten" Generation. Ich sorge mich um meine Söhne und Enkel! Allerdings: wir selber sind durch Lektüre von Karl May und Briefmarkensammeln auch keine Verbrecher geworden. Allerdings Naturfreunde, Wanderburschen und Bücherfreunde. Wie sollen die heutigen Jugendlichen eine "normale" Sexualität lernen, wenn internetpornos ihnen zeigen, wie es angeblich geht...
#1 am 13.12.2016 von Dr. med.vet. Stefan Gabriel (Tierarzt)
  1
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Die Felix-Burda-Stiftung zeichnet seit 2001 für die Kommunikation der mehr...
Das Londoner Parlament genehmigte die künstliche Erzeugung von Babys mit drei Elternteilen bereits 2015. Jetzt gab mehr...
Sucht-Arbeitsgruppe der Bundesärztekammer? Aber wenn schon der Chef der "Sucht-Arbeitsgruppe der mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: