Medikation gewordene Ratlosigkeit

07.12.2016
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Manchmal drückt eine bestimmte Medikation eher die Ratlosigkeit der Behandler als eine klare Therapiestrategie oder eine symptomgeleitete und in der Wirkung geprüfte Behandlung aus. In solchen Fällen ist die Disziplin gefragt, jedes einzelne Medikament zu hinterfragen und gegebenenfalls abzusetzen.

Der Besuch des DGPPN-Kongresses lohnt sich eigentlich immer, schon wegen der vielen Kleinigkeiten, die man so aufgreift.

Eine Schweizer Ärztin hat über die häufig zu beobachtende merkwürdige Medikation von Borderline-Patienten gesprochen.

Es gibt Patienten, die einen hohen Leidensdruck haben, der aber von einer bestimmten Medikation nicht besser wird. Das führt oft dazu, dass ein einmal ausprobiertes Medikament nicht abgesetzt wird, weil man unsicher ist, ob es dem Patienten ohne dieses Medikament nicht noch schlechter gehen würde, als mit dem Medikament, und stattdessen eher ein weiteres Medikament angesetzt wird. Nach einer längeren Behandlung, am besten durch viele verschiedene Ärzte, sieht die Medikation oft so ähnlich wie diese:

Oder andere Medikamente dieser Wirkstoffgruppen. Also praktisch aus jeder in der Psychiatrie verfügbaren Medikamentengruppe ein bis mehrere Substanzen. Gegen was da was helfen soll – oder gar wirklich hilft – kann man bei so einer Kombination nicht mehr feststellen. Und die Diagnose oder eine erkennbare Therapierichtung spiegeln sich hier auch nicht gerade wieder ...

Ich denke schon, dass auch bei der Borderline-Erkrankung in bestimmten Phasen bestimmte Medikamente sinnvoll sein können. Besteht gegenwärtig eine depressive Phase, ist ein Antidepressivum sinnvoll. Ein niedrig dosiertes SSRI kann auch außerhalb einer depressiven Phase etwas zur Stabilität beitragen. Und auch ein niedrig dosiertes Sedativum bei Bedarf kann hilfreich sein.

Wenn aber praktisch alle zur Verfügung stehenden Wirkstoffgruppen nach dem Gießkannenprinzip zusammen eingesetzt werden, ist das nicht länger der Ausdruck einer Therapiestrategie. Diese Medikation hat die Schweizerin „Medikation gewordene Ratlosigkeit“ genannt. Besser kann man es nicht beschreiben.

Wenn man sieht, dass ein Patient eine solche Medikation erhält, ist es erforderlich, sich in Ruhe mit dem Patienten hinzusetzen und jedes einzelne Medikament zu prüfen. Seit wann erhält er es? Gegen was wurde es ursprünglich eingesetzt? Hat es in dieser Hinsicht geholfen oder nicht? Soll man es belassen oder einen Absetzversuch machen?

Bei mehreren Medikamenten mit unklarer Indikation muss man Absetzversuche natürlich schrittweise durchführen, eines nach dem anderen. Dann muss man einige Tage warten, um zu sehen, ob sich die Symptomatik ändert. Bei ausbleibender Verschlechterung kann man dann das nächste Medikament absetzen.

Ich selbst reduziere bei fraglicher Indikation die Neuroleptika immer besonders konsequent. Aber auch Antiepileptika und Sedativa müssen bei fehlender Indikation abgesetzt werden.

Am Schluss kann man oft die Hälfte der Medikamente absetzen, ohne dass es dem Patienten schlechter geht. Aber er hat nur noch halb so viele Nebenwirkungen und weitaus weniger Interaktionen. In aller Regel geht es ihm deutlich besser nach so einem gründlichen Ausmisten nicht erforderlicher Medikamente.

 

Bildquelle: Myriams-Fotos, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 07.12.2016.

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Medizin, Psychiatrie
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Gast
Ich habe zwar keine Ahnung aber ich pfusche mal im Hirnstoffwechsel rum. Denn ich bin Pfuscher von Beruf.
#7 am 28.12.2016 von Gast
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Gast
Ich habe keinen Plan und ich habe keine Ziel. Aber ich habe eine Tablette.
#6 am 25.12.2016 von Gast
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@Robert Fröhrer, nein, der Patient hat nicht ohne das Wissen seiner Ärzte Online-Apotheken aufgesucht. Ich weiß nicht, wie das bei Borderlinern ist, aber ich wurde als schizoaffektiv diagnostiziert und bekam innerhalb eines Jahres, vieles gleichzeitig: Haloperidol, Quetiapin, Olanzapin, Risperidon, Paliperidon, Aripiprazol , Lorazepam, Promethazin, Chlorprothixen, Melperon, Pipamperon - alles von der gleichen PIA.
#5 am 09.12.2016 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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Gast
Ein solcher Plan ist Standard in meiner Apotheke. Es fehlen allerdings noch Bisoprolol, Lixiana, Lercanidipin, Pregabalin und unverzichtbar heute HCT oder Furosemid.
#4 am 09.12.2016 von Gast
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Die Liste mit 12 Psychopharmaka ist doch ganz klar kassenfreundlich und auch gut für die Rentenversicherung, ruiniert eine solche Menge doch garantiert beizeiten die Organe des Deliquenten. Selber hatte ich nur 4, Ergenyl chrono, Strattera, Seroquel und Dipiperon. Der Doc war der Meinung, ich sei doch gut eingestellt. War ich auch. Ich war aber der Meinung, den Dreck fress' ich nimmer. Da meinte er, dann müßte man halt eines nach dem anderen langsam absetzen. So getan in 2011. Jetzt haben wir Ende 2016 und siehe an - ohne alle lebt es sich viel besser...
#3 am 08.12.2016 von Werner Wöhrle (Mitarbeiter Industrie)
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Herzlichen Dank für den Beitrag der ein Beleg für die Wichtigkeit eines Medikamentenplanes ist und bei "nur einer Hausapotheke" sicherlich zu Rückfragen an die rezeptierenden Ärzte geführt hätte, kaum vorstellbar, dass lediglich ein Neurologe oder Hausarzt an der Therapie beteiligt gewesen sein soll und zu vermuten, dass da internetapotheken beteilgt gewesen sind. Allein bei einer Kombination von Citalopram und Opipramol wäre schon eine mögliche Verlängerung des QT-Intervalls zu beachten. Intensivpatienten entwickeln häufig eine ausgeprägte Angststörung, meine Frage hierzu, gibt es Anxiolytika die in Kombination mit Citalopram relativ interaktionsarm zu sein scheinen?
#2 am 08.12.2016 von Robert Gfrörer (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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"Ich selbst reduziere bei fraglicher Indikation die Neuroleptika...." schreiben Sie und meine Frage als Laie ist folgende: Sollte man bei fraglicher Indikation überhaupt Neuroleptika verschreiben? Es sind doch Medikamente mit schwerwiegenden Nebenwirkungen und Spätschäden sind auch nicht auszuschließen.
#1 am 08.12.2016 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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