Zizis

05.12.2016
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Die Beschneidung ist in der Kinderchirurgie ein Standardeingriff. Dass es hier unterschiedliche OP-Methoden gibt – und zwar nach ästhetischen Vorlieben – hat mich überrascht! (Wobei: ich hätte es mir denken können – hab nur noch nie darüber nachgedacht).

Heute war ich gleich bei drei „Zizi“-Operationen dabei, wie die Zirkumzision / Beschneidung hier unter dem Personal genannt wird. Als ich die Abkürzung und ihre Bedeutung kennen lerne, muss ich schmunzeln, heißt „zizi“ auf französisch doch umgangssprachlich Penis – allerdings mit weichem „z“ gesprochen. Wie passend! Der Eingriff geht schnell, ich darf assistieren, und beim dritten Mal weiß ich schon recht genau, welche Schritte aufeinander folgen.

Die Indikation der drei operierten Kinder ist dieselbe: Phimose, eine Vorhautverengung. Bei kleinen Kindern entwickelt sich diese oft noch zurück. Geschieht dies aber nicht, ist eine Beschneidung angeraten, um Infektionen und Schmerzen bei der Erektion vorzubeugen. Auch das Risiko für Peniskarzinom und Harnwegsinfekte wird durch den Eingriff verringert.

Geschmäcker sind verschieden

Den Vater des ersten Kindes hab ich morgens noch kurz gesehen – er bat darum, auf die vollständige Beschneidung zu verzichten, falls möglich. Und zwar aus kosmetischen Gründen. Die Alternative wäre eine Vorhauterweiterung mit Teilerhalt der Vorhaut. Die Eltern des zweiten Patienten dagegen wünschten, dass möglichst viel der Vorhaut wegkommt. Ein „high and tight“ beschnittener Penis sei besonders bei Muslimen präferiert, erklärt mir der Arzt. Ich wusste gar nicht, dass es hier unterschiedliche Vorlieben und damit auch OP-Methoden gibt.

Nachmittags in der Sprechstunde sehe ich gleich drei weitere Jungen, die von ihren Eltern zur OP-Indikation Zirkumzision vorgestellt werden. Ein Junge ist noch zu klein, hier rät die Ärztin vorerst zur lokalen Therapie mit Cortisonsalbe. Es sei einen Versuch wert, das Problem konservativ zu lösen. Der zweite Junge hat diese Behandlung bereits hinter sich. Sie war erfolglos, er bekommt einen OP-Termin. Und der dritte?

Andere Motive

„Ihr Sohn hat keine Vorhautverengung, das können wir nicht machen. Wir dürfen diese OP hier nur durchführen, wenn eine medizinische Indikation besteht, und diese kann ich bei Ihrem Sohn nicht feststellen“, erklärt die Ärztin den Eltern (türkisch? arabisch?), die enttäuscht gucken. Eine Praxis habe sie bereits abgewiesen, weil der Sohn Autist sei und er deswegen keine Narkose vertrage, jetzt wüssten sie nicht weiter. Man merkt, dass den Eltern das Anliegen wichtig ist. Seufzend schreibt die Ärztin die Adresse eines niedergelassenen Kollegen auf. „Ihr Sohn ist gesund, er hat nur eine Wahrnehmungsstörung, das spielt keine Rolle für die Narkose. Wenden Sie sich an diesen Kollegen, der wird das machen.“

Zizi-Fakten

Mich beschäftigt das Thema und abends google ich ein bisschen: Wusstet ihr, dass die WHO die Beschneidung in Ländern mit hoher HIV-Prävalenz als Teil der Anti-AIDS-Strategie empfiehlt? Denn laut drei randomisiert-kontrollierten Studien nimmt die Ansteckungsgefahr bei heterosexuellem Geschlechtsverkehr nach Beschneidung um ca. 60 % ab. Und dass nicht nur die meisten Muslime ihre Söhne beschneiden lassen, sondern auch Juden, und zwar schon am 8. Lebenstag? Überrascht hat mich außerdem, dass auch in den USA sehr viele Babys beschnitten werden – 2005 waren es 56 % aller männlichen Neugeborenen, die das Krankenhaus ohne Vorhaut verließen, im Mittleren Westen waren es sogar bis zu 75 %. Wieder etwas Neues gelernt!

Link zur WHO-Empfehlung von 2007

Hier geht es zum Blog.

Artikel letztmalig aktualisiert am 07.12.2016.

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Gast
"Ein Junge ist noch zu klein, hier rät die Ärztin vorerst zur lokalen Therapie mit Cortisonsalbe. Es sei einen Versuch wert, das Problem konservativ zu lösen. Der zweite Junge hat diese Behandlung bereits hinter sich. Sie war erfolglos, er bekommt einen OP-Termin. Und der dritte?" Diese Schilderungen deuten auf Praktiken in dem Krankenhaus des Autors, die modernen medizinischen Standards nichts mehr zu tun haben. Wenn der Junge keine Beschwerden hat, braucht er keine Behandlung. Gar keine. Die Behandlung mit Cortison-Salbe ist eine sinnvolle Sache, aber nicht für gesunde Jungen mit physiologischer Phimose. Und selbst beim zweiten Jungen hätte sofern kein akuter Leidensdruck besteht auch ein zweiter konservativer Behandlungsversuch erfolgen können.
#10 am 06.04.2017 von Gast
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Gast
Ich frage mich ob der Autor dieses Blogs sich jemals Gedanken darüber gemacht hat, ob die traumtisierenden, sexuell schädigenden und schmerzhaften Eingriffe, bei denen er attesierte, medizinisch überhaupt notwendig waren? Ob sie nicht durch konservative Behandlungsmethoden vermieden hätten werden können oder an völlig gesunden Kindern wegen einer physiologischen Phimose? Oder ist es ihm völlig egal, was er da anrichtet?
#9 am 06.04.2017 von Gast
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Gast
Ich bin ehrlich gesagt ziemlich entsetzt wie leichtfertig in diesem Artikel über die Beschneidung kleiner Kinder gesprochen wird. Bei einer „Beschneidung“ wird einem Kind ein Teil des Penis entfernt, ihm werden Schmerzen, Komplikationsrisiken und der Verlust hochsensiblen Gewebes unterzogen. Der Autor schreibt, die Indikation für die berichteten Beschneidung sei eine Phimose gewesen. Eine Phimose ist nicht per se eine Krankheit. Es ist medizinischer Konsens, dass eine Phimose im Sinne einer nicht-zurückziehbarem Vorhaut ein normaler Schutzzustand, der bis in die Pubertät hinein bestehen kann und auch nicht therapiebedürftig ist. Der wissenschaftliche Forschungstand ist da eindeutig. Nur wenn die Phimose mit Symptomen verbunden ist, ist eine Behandlung notwendig. Und selbst dann in diesen Fällen gibt es konservative Behandlungsmethoden wie eine Salbenbehandlung oder einer Triple Inzision.
#8 am 06.04.2017 von Gast
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brokendream
#7 am 07.12.2016 von brokendream (Gast)
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kabauter
Derweil in Dänemark: "Doctors in Denmark want to ban circumcision for under-18s". http://www.independent.co.uk/news/world/europe/denmark-considering-banning-circumcision-for-children-under-18s-a7459291.html Finde den Beitrag auch etwas unreflektiert... Ohne medizinische Indikation, bzw nur mit religiöser Indikation, finde ich den Eingriff mehr als fragwürdig. I
#6 am 07.12.2016 von kabauter (Gast)
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Rerun
In der GEO 7/2015 gab es einen Artikel darüber: "Ein Einschnitt fürs Leben? Millionen afrikanischer Männer sollen sich beschneiden lassen, als Schutz vor HIV. Sinnvolle Hilfe oder gefährlicher Irrglaube?"
#5 am 07.12.2016 von Rerun (Gast)
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Autorin
Danke, Rerun! Das ist ja wirklich ein hoch kontroverses Thema, wohl leider ein Negativbeispiel einer Public Health Campagne. Für mich als Medizinstudentin ist das ein beeindruckendes Beispiel, wie schnell sich wissenschaftliche Forschungsergebnisse ändern beziehungsweise missbraucht werden können...
#4 am 06.12.2016 von Autorin (Gast)
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Rerun
Bzgl. der WHO Empfehlung: Diese ist ziemlich umstritten, weil die zugrundeliegenden Studien zweifelhaft sind. Die auch hier zitierten 60% beziehen sich auf das relative Risiko. Das absolute Risiko sinkt, wenn man diesen Studien überhaupt glauben mag, gerade einmal um ca. 1 %. Gegenläufige Effektive, wie z. B. durch den Sensibilitätsverlust bewirkte rückläufige Kondombenutzung oder das Denken, durch eine Beschneidung vermeintlich geschützt zu sein ("circumcision as a vaccine"), werden überhaupt nicht in betracht gezogen. Insgesamt muss man feststellen, dass sich eine von den US finanzierte Beschneidungsindustrie in Afrika Jobs schafft, deren Sinnhaftigkeit nicht ernsthaft evaluiert wird. http://heinonline.org/HOL/LandingPage?handle=hein.journals/indjicl3&div=32&id=&page= Afrikaner fühlen sich durch die Beschneidungsprogramme von den USA bevormundet und rekolonialisisert: vmmcproject.org
#3 am 06.12.2016 von Rerun (Gast)
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Autorin
Lieber Gast, danke für Ihren Kommentar. Ich hätte mich über Quellenangaben gefreut, um Ihre Einwände nachzuvollziehen. Über eine sachliche Diskussion freue ich mich nämlich sehr!
#2 am 06.12.2016 von Autorin (Gast)
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Gast
Selten so etwas unreflektiertes gelesen. Schon gewusst, dass die Beschneidung die Empfindungsfähigkeit um bis zu 80% reduziert? Schon gewusst, dass die Studien die die HIV-Resistenz bescheinigen wegen methodischer Fehler falsch sind? Schon gewusst, dass die Zwangsbeschneidung gegen die Menschenrechte verstößt? Schon gewusst, dass die Vorteile bei Geschlechtskrankheiten nicht existieren und das Risiko an der Beschneidung zu sterben um Zehnerpotenzen größer ist als die Chance Peniskrebs zu bekommen? Schon gewusst, dass die Beschneidung schon lange keine Indikation durch Phimose mehr hat? Schon gewusst, dass in den USA die Beschneidungsrate auf 30% gesunken ist?
#1 am 06.12.2016 von Gast
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