Herzenswünsche am Tag der Liebe

30.11.2016
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Weihnachten ist ein leiser Tag. Ein Tag, an dem sich einem oft die Kehle zuschnürt. Man vermisst seine Familie. Entweder ist man noch so jung, dass man am Tisch der Eltern einen leeren Platz hinterlässt oder man hat eine eigene Familie, was sich noch tausendmal schmerzhafter anfühlt als ersteres.

Ruhm und Ehre

An meinem ersten Studientag stellte sich der Rektor vor das versammelte Publikum und sprach: „Jeder Dritte von Ihnen möchte Medizin studieren, da ihm die Vorstellung von Ruhm und Ehre zu Kopf gestiegen ist. Ein weiteres Drittel soll die Familientradition fortführen oder konnte sich mit der Alternative eines Jurastudiums nicht anfreunden. Das letzte Drittel heiße ich herzlich willkommen.“

Ruhm, Ehre oder eine Liebschaft in jedem Hafen sind mir nie zuteil geworden. Da haben die Männer in unserer Branche einfach bessere Chancen. Silvester um das Jahr 2000 stand ich mit meinem liebsten Arbeitskollegen auf dem Dach des Krankenhauses und beobachtete das Feuerwerk, während ich über diese Ungerechtigkeit nachdachte. Eine Ärztin hat einfach die allerschlechtesten Chancen, einen Mann zu finden. Auf viele Männer wirkt dieser Beruf abschreckend, wobei Frauen mit einem Arzt anscheinend immer noch eine gut Partie machen.

Verkehrte Welt

Gesucht ist also eine seltene Spezies Mann. Leider laufen die einem nicht an der Supermarktkasse über den Weg. Neue Menschen kennenzulernen ist schlichtweg unmöglich in diesem Beruf. Man arbeitet immer so wie sonst kein anderer. Andere Menschen schlafen, während man selber dagegen ankämpft und während diese ihren ersten Kaffe im Büro trinken, fällt man orientierungslos, was Raum und Zeit angeht, ins Bett. Die meisten Freunde hören auch irgendwann auf, Einladungen auszusprechen, da die Antwort eh schon klar ist. Regelmäßige Hobbys fallen aus den gleichen Gründen aus.

Sei sorgsam mit deinen Wünschen

Bleibt zur Partnersuche eigentlich nur das Krankenhaus. Aber wer denn da? Der Patient? Der Pfleger? Der Kollege? Der Chef? Eine Liebelei in einer dieser Kombinationen kennt fast jeder von uns.

Ich wünschte mir jedenfalls an diesem besagtem Silvestertag einen Feuerwehrmann. Einen schnittigen, durchtrainierten Feuerwehrmann, dem ich ganz sorgsam den Ruß aus dem Gesicht wischen würde, nachdem er sich zuvor selbstlos in die Flammen geworfen hatte, um die Katze einer älteren Dame zu retten. An dieser Stelle endet der schnulzige Arztroman auch schon, denn der Pieper ging tatsächlich los.

Kundschaft in der Rettungsstelle. Da lag nun besagter Mann der freiwilligen Feuerwehr. Er war Anfang 30, wog ca. 120 kg und bei meinem Eintreffen wurde er gerade aus seiner – mit Erbrochenem garnierten – Kleidung herausgeschnitten. Pünktlich um Mitternacht hatte er eine Flasche Wodka auf einen Zug geleert und kippte in INRI-Stellung rücklings um. Er wurde noch eine Nacht überwacht und am Folgetag holte ihn seine Mutter ab. Drum sei sorgsam mit dem, was Du Dir wünschst.

Feuerwerk der Emotionen

Das war kein ungewöhnlicher Silvestertag im Krankenhaus. Dieser Tag gehört immer den großen Emotionen. Zum Beispiel der Wut über randalierende Betrunkene; Hilflosigkeit, wenn sich traumatisierte minderjährige Flüchtlinge beim ersten Knallen unter Sitzenbänken zusammenkauern; einem Gefühl der Zusammengehörigkeit, wenn eine einzige demente Patientin mit einem Feuerlöscher es schafft, alle feiertagsarbeitenden Kollegen an einen Ort zusammenzuführen. Ein blinkendes Lichtermeer aus zwei Löschzügen der Feuerwehr und einem großen Polizeiaufgebot. Selbst die Klinikleitung kam dazu, um sich an diesem Anblick zu ergötzen.

Weihnachten tut es besonders weh

Weihnachten hingegen ist ein leiser Tag. Ein Tag, an dem sich einem oft die Kehle zuschnürt. Man vermisst seine Familie. Entweder ist man noch so jung, dass man am Tisch der Eltern einen leeren Platz hinterlässt oder man hat eine eigene Familie, was sich noch tausendmal schmerzhafter anfühlt als ersteres.Das ist dann auch häufig der Punkt, wo man/Frau überlegt, die Arbeit niederzulegen und sich etwas anderes zu suchen. Einen soliden Beruf mit geregelter Arbeitszeit.

Man versucht, es sich heimelig zu machen, zieht ’ne Zipfelmütze an und ist bemüht, für alle ein freundliches Wort zu finden. Spätestens am Morgen des 24. Dezember haben sich fast alle Patienten auf eigenen Wunsch und gegen ärztlichen Rat entlassen. Man kann eine große Auferstehung in den Patientenzimmern beobachten. Lahme beginnen zu laufen und Blinde zu sehen. Die tödlichen Krankheiten sind plötzlich alle nicht mehr so schlimm. Ausgerechnet an einem christlichen Feiertag kann man schon mal den Glauben an die Menschheit verlieren. Nun werden die Betten frei für die Ärmsten der Armen, für die Vergessenen und Verstoßenen.

Ein Fest der Familie

Viele Pflegeeinrichtungen reduzieren zu den Feiertagen ihr Personal, in der Hoffnung, der ein oder andere Verwandte würde Oma oder Opa zum Familienfest gerne um sich haben. Dies erweist sich jedes Jahr aufs Neue als Trugschluß. Es ist ein unausgesprochenes Geheimnis: Verwandte, die mit ihren betagten und womöglich gebrechlichen Angehörigen überfordert sind, sind der wahre Grund für die feiertäglichen Krankentransport-Kolonnen ins Krankenhaus. Offiziell heißt es auf fast allen Einweisungen, der Patient wäre „verwirrt, gestürzt, hätte einen hohen Blutdruck“ oder sonst etwas, das seit Jahren bekannt ist.

Von B- bis Z-Promis

In dem Gewusel von alten verwirrten Menschen findet man den einen oder anderen B- bis Z-Promi, der sich noch schnell vor der Hummercremesuppe mit einem Kranken ablichten lassen möchte. Die von einer anonymen Quelle benachrichtigte Gefolgschaft aus Presse folgt diesem auf Schritt und Tritt. Besagter Promi findet mit geschultem Auge auch recht schnell das, was er sucht: Die Kinderonkologie. Kinder und Krebs zu Weihnachten: na, besser geht’s nicht und das sichert ihm bestimmt Lohn und Brot fürs kommende Jahr.

An solchen Tagen sehe ich weder Ruhm noch Ehre. Aber wo, wenn nicht hier sieht man, was diesen Tag ausmacht? Nächstenliebe ist es, wenn man trotzdem die Zeit findet, einen Herzenswunsch zu erfüllen – eine Salamipizza, Kuschelsocken und die ganze Nacht Disneyfilme ansehen.

Frohes Fest euch Pflegenden, Helfenden, Selbstlosen, Rettenden.

Eure Karin

Anmerkung: Danke liebe Medics für Eure Geschichten

Anmerkung 2: Ich habe dann irgendwann meinen Mann gefunden. Er hat der praktizierenden Medizin den Rücken gekehrt und versteht mich, wie ich arbeite oder was in mir arbeitet. Er hat geregelte Arbeitszeiten, am Wochenende frei und auch an den Feiertagen. So kann Familie funktionieren. Alle anderen Varianten kollidieren mit diesem Beruf und viele stehen früher oder später vor der Wahl, zwischen Familie oder dem Beruf in dieser Form. Die Scheidungsrate ist ähnlich hoch wie die Anzahl der Goldfische als Haustier.

 

Bildquelle (Außenseite): Nikos Koutoulas, flickr

Bildquelle: Copyright: Privatbild, @TheSchwester/Twitter

Artikel letztmalig aktualisiert am 23.12.2016.

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Ein echt toller Beitrag in dem man sich wieder findet. Für meine Begriffe aus der Seele geschrieben. Richtig gut :-)
#22 am 28.12.2016 von Jan Walter (Rettungsassistent)
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Bin begeistert über die schön emotionalen Beiträge. So war´s angedacht... Vom ´tollen Hecht´ bin ich wohl weit entfernt, es ist eher das stetige Bemühen um ehrliche Freundschaft - ganz besonders gegenüber meinen Kindern, Das mich treibt...
#21 am 26.12.2016 von Dr. med. vet. Winfried Klarer (Tierarzt)
  0
Super Beitrag zur weihnachtlichen Seelenwanderung. siehe Kollege weiter hinten : Ich kaufe das Buch auch !!!
#20 am 24.12.2016 von Dipl. BW Rud Haas (Heilpraktiker)
  0
Kollege Klarer ist anscheinend so ein toller Hecht daß sich aktuell Lebensabschnittspartnerin 3 um sein nachweihnachtliches Wohl kümmern muß. Danke für Ihren Blog Fr.Dr. Schneider
#19 am 23.12.2016 von Andreas Kalmutzki (Arzt)
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Gästin
@Dr. Klarer: Sie haben ja sooo Recht, diese ewigen Jammerer nerven ja so sehr... aber was mich noch mehr nervt sind selbstgefällige "ich-arbeite-mehr-als-ihr-jammernden-Weicheier-alle-zusammen-und-jammere-trotzdem-nicht-weil-ich-so-ein-zäher-Hund-bin-Prahler"... Also sei Ihnen an dieser Stelle mit "viel Liebe und Gefühl" gesagt, dass nur weil jemand auch einmal über die Schattenseiten seines Berufslebens berichtet und andere Kollegen es schön finden eigene Erfahrungen darin wiederzuerkennen und den entsprechenden Austausch genießen es noch lange nicht bedeutet das man "es nicht gebacken kriegt". In diesem Sinne > frohe Weihnachten mit Gefühl und Liebe
#18 am 23.12.2016 von Gästin (Gast)
  0
Danke `Gast´, Liebe in jeder Form ist das einzig wahre Lebenselixier, Dem kann (und sollte) sich Keiner entziehen - nur muß man sich aus seiner `Hütte´ rauslehnen.. P.S. Bin nicht religiös
#17 am 23.12.2016 von Dr. med. vet. Winfried Klarer (Tierarzt)
  0
Gast
1 Tag vor Heiligabend und so ein schöner Beitrag und dennoch finden sich selbst hier die ewigen Motzer. Wie schade... ja, schreiben Sie ein Buch. Ich kaufe auch eins
#16 am 23.12.2016 von Gast
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Was habt ihr für ein Problem ??? Ihr kriegt Alle einen entsprechenden Freizeitausgleich ! Meine Eltern haben 24 h, 365 Tage minus 14 Tage Urlaub gearbeitet und ich bin trotzdem kein `seelischer Krüppel´... Und ich habe in meinem 25-jährigem Arbeitsleben sicherlich schon doppelt soviel Zeit-in-Arbeit-verbracht wie ein `Normaler´! Es ist nicht die Menge an Zeit, sondern die Art wichtig, die wir miteinander verbringen - freie Zeit effektiv gestalten - wer Das nicht gebacken kriegt, sollte sich selbst reflektieren, ob die Konstellation wirklich passt.. P.S. Hab absolut keinen Bock auf Jammerer, denn mit Gefühl und Liebe lässt sich jede `unangenehme Arbeitssituation´ angemessen klären.
#15 am 23.12.2016 von Dr. med. vet. Winfried Klarer (Tierarzt)
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schreiben Sie Bücher! Ich werde sie kaufen!!!
#14 am 23.12.2016 von Dr. Detlef Menges (Naturwissenschaftler)
  1
...und der guten Vollständigkeit halber: In der Medizin arbeitende Mutter von zwei Kindern, verheiratet mit einem Physiker, dessen Stellenbeschreibung in der IT ebenfalls sowohl Spätdienste wie auch Bereitschaftsdienste (aktuell über Weihnachten 24h/d) beinhaltet. Es lebe die Logistik. :-)
#13 am 23.12.2016 von P. mettenmeyer (Medizinisch-Technische Assistentin)
  0
...wobei man trotz des zugegeben hohen Unterhaltungswertes des Geschriebenen bitte nicht vergessen sollte, dass bei weitem nicht nur in einem Krankenhaus tätige Mediziner zur Unzeit arbeiten. Ich bin kein Freund des alljährlich wiederkehrenden Lobgesangs auf all die einzelnen Berufsgruppen, die ebenfalls auch dann arbeiten müssen, während andere ganz selbstverständlich frei haben, aber ich möchte dennoch gerne darauf aufmerksam gemacht haben, dass viele andere es tun, ohne von irgendwem irgendein Dankeschön dafür zu bekommen. Und sei es "nur" der Pizzabote, der pünktlich zur Stelle ist, falls sich dann doch mal Zeit für ein Häppchen findet ....
#12 am 23.12.2016 von P. mettenmeyer (Medizinisch-Technische Assistentin)
  3
Das exaltierte Gefühl an Weihnachten etwas Besonderes zu erleben resultiert meines Erachtens aus den unerträglichen und ständigen Wünschen zu `schönen Feiertagen `! Wer es nicht schafft unabhängig von Weihnachten mit seinen Liebsten zusammen zu kommen, der soll sich bloß nicht der Illusion resp. Frustration ergeben, daß es da besonders kuschelig wird ! Nähe und Freundschaft läßt sich besser in kleinen Ritualen manifestieren - dem schön gestalteten Frühstück, wenn alle frei haben oder einer gemeinsam geplanten Aktion, wenn es alle paßt - ja alle machen es dann passend ! P.S. Arbeite Weihnachten voll durch und bin froh darüber - begegne meinen 3 Kindern , meiner Ex-Frau, meiner Ex-Freundin und meiner aktuellen Freundin zu gegebener Zeit und in Harmonie... Kuscheltermine laß ich mir vom `Mainstream´ schon lange nicht mehr vorgeben.
#11 am 23.12.2016 von Dr. med. vet. Winfried Klarer (Tierarzt)
  5
Kenne ich. Oft genug erlebt, Weihnachten und Silvester im Dienst trotz 3 kleiner Kinder. Hilft nix. Muss man durch. Trotzdem habe ich diesen Beruf geliebt! Sehr gut beschrieben! Danke!
#10 am 23.12.2016 von Dr. med. Elisabeth Grunwald (Ärztin)
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Danke allen für die sehr positiven Kommentare. Ich wünsche allen ein besinnliches Fest Karin
#9 am 23.12.2016 von Dr. med. Karin Schneider (Ärztin)
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Gast
Das ist die Motivation warum wir trotzdem! Ärzte geworden sind. Aber leider wird es von der Gesellschaft, der KV und den Krankenkassen nicht anerkannt, geschweige denn honoriert. Aber von den dankbaren Patienten, die mich (uns) an Weihnachten mit Geschenken überschüttet haben. Das hat mir immer geholfen und motiviert die Mühe auf mich zu nehmen!
#8 am 23.12.2016 von Gast
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Toll geschrieben. Man findet sich wieder. Frohes Fest und einen guten Start ins neue Jahr!
#7 am 23.12.2016 von Sabine Stahl (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Toll geschrieben !
#6 am 23.12.2016 von Dr. med.vet. Öistein Gaarden (Tierarzt)
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#5 am 23.12.2016 von Dr. med.vet. Öistein Gaarden (Tierarzt)
  1
Gast
Sie können schreiben! Wo haben Sie sich bislang versteckt? Danke für diesen intelligenten und großartigen Text Frohes Fest
#4 am 23.12.2016 von Gast
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Mega Text! Super! Trotzdem Frohe Weihnacht!
#3 am 23.12.2016 von Dagwin Lauer (Student)
  0
Gast
So ein toller Text. Grandios, intelligent, witzig, auf den Punkt gebracht, wie es uns allen in der Klinik ergeht. Vielen Dank dafür.
#2 am 23.12.2016 von Gast
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Ein wunderbarer Text und mir aus dem Herz gesprochen! Vielen Dank dafür!
#1 am 23.12.2016 von Bettina Zimmermann (Ärztin)
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