Wenn das Kind unverträglich ... isst

25.11.2016
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„Ich glaube, meine Tochter ist unverträglich.“ – „Das denke ich nicht, sie macht doch einen ganz umgänglichen Eindruck.“ Spaß beiseite: Die Frage von Eltern, ob ihre Kinder bestimmte Nahrungsmittel nicht vertragen, kommt pro Woche mehrmals vor, wenn nicht sogar täglich.


Säuglinge, die spannende Ausschläge präsentieren, Kleinkinder mit dickem Bauch, die viel pupsen, Kinder, die Nahrungsmittel ablehnen und Schulkinder, die Kopfschmerzen haben, regelmäßig Erbrechen oder dünnen Stuhlgang absetzen. 
Keine Frage: Dies können alles Symptome für Unverträglichkeiten sein. Aber so häufig sind diese einfach nicht.


Wir müssen ja mehrere Sachen unterscheiden: Tatsächliche Allergien, also IgE-vermittelte Reaktionen des Körpers auf bestimmte Lebensmittel (hier hat vorher eine Auseinandersetzung stattgefunden – klassisch: eine Nussallergie), dann nicht IgE-vermittelte Intoleranzen, wie die angeborene Zöliakie, bei der Gluten nicht vertragen wird. Dann gibt es Unverträglichkeiten, die im Darm entstehen, wegen mangelnder Verdauungsleistung (Laktoseintoleranz durch Laktasemangel) oder Probleme bei der Aufnahme in den Körper (zum Beispiel bei Fructose). Diese können angeboren, aber auch passager sein (zum Beispiel nach Durchfallserkrankungen). Ein weites Feld.

Die Testverfahren sind kompliziert

Eine Testung ist sehr schwierig. Natürlich gibt es vielerlei Möglichkeiten der laborchemischen Untersuchungen, wie Bluttests, auch Pricktests oder Atemtests, diese sind aber oft nur hinweisend und nicht beweisend für eine Unverträglichkeit.

Dennoch stehen sie für die Eltern am Anfang jeglicher Diagnostik. Eine Blutabnahme muss doch den Beweis bringen.
 Was beispielsweise gar nicht funktioniert: „Mein Kind verträgt bestimmt irgendwas nicht, es hat immer so trockene/rote Haut, Durchfälle, Bauchweh. Können wir da nicht mal Blut abnehmen?“

Leider braucht das Labor einen spezifischen Verdacht – also „Testet mal die Nüsse aus!“ oder „das Gluten“ oder „Milch“. Also führen wir manchmal einen RAST-Test durch, also eine Blutabnahme auf die häufigsten Nahrungsmittelallergien, wie Weizen, Milch, Ei, Nuss, Soja usw., am besten noch einen Test auf Zöliakie. Aber trotzdem bleiben Graubereiche.

Beobachtung unter Karenz – Mittel der Wahl

Viel wichtiger ist in meinen Augen die Beobachtung, vielleicht unter Karenz des verdächtigten Nahrungsmittels. Für vierzehn Tage alle Milchprodukte auslassen oder jeglichen Fruchtzucker und dann beobachten, ob die Haut, der Durchfall oder anderes besser wird. Dann haben die Eltern und ich eine Arbeitshypothese, die ein Laborbefund eventuell festigen kann. Beweisend ist jedoch nach der Karenz dann die Belastung mit Stoff XYZ. Juckt die Haut dann wieder, ist das der klinisch sicherste Beweis für eine Unverträglichkeit.

Und dennoch gibt es Varianten: Manche vertragen diese Tomaten, jene nicht. Manche können ein Glas Milch trinken, essen sie noch einen Joghurt, kommen sie Bauchweh (typisch für einen Laktasemangel).

Andererseits wiederum darf man eine Glutenunverträglichkeit nicht nach dem obigen Schema testen. Zwar werden die Symptome bei Glutenkarenz besser, aber ein Nachweis im Blut der entsprechenden Antikörper (Endomysium, Transglutaminase) funktioniert dann nicht mehr. Aber bei der Zöliakie sind genau diese sehr wichtig – denn die Sprue, wie man sie auch nennt, hat man ein Leben lang, d.h. Gluten muß ein Leben lang gemieden werden.


Praktisches Vorgehen

Bei den anderen Lebensmittelallergien kann man – vor allem bei Kindern – alle Jahre einen neuen Belastungsversuch starten, denn abgesehen von „Hardcore“-Allergien wie Erdnussallergien, kann eine Lebensmittelunverträglichkeit im Laufe der Zeit besser werden.

Praktisches Vorgehen bei Verdacht auf eine Lebensmittelunverträglichkeit:


Irgendwas ist ja immer. Trotzdem sollte man sich nicht verrückt machen, eine besonnene objektive Beobachtung führt eher zum Ziel als panische Diagnostik. Die Industrie ist auf den Zug der Unverträglichkeitsmoden schon längst aufgesprungen, das Lancieren von entsprechenden Artikeln in Gesundheitszeitschriften sensiblisiert zwar für das Thema, aber auch im negativen Sinne: Es scheint en vogue zu sein, bestimmte Lebensmittel nicht zu vertragen. Bevor dies jedoch Kindern unterstellt wird, schauen wir erst einmal genauer hin.

Nahrungsmittelallergie bei Kinderärzte-im-Netz
... und beim Deutschen Allergie- und Asthmabund DAAB
Unverträglichkeit ist keine Allergie (BZGA)

Ursprünglich hier.

 

Bildquelle (Außenseite): Boston Public Library, flickr

Bildquelle: Michael Stern, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 21.12.2016.

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Medizin, Pädiatrie
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Gast
Da merkt man wieder das Heilpraktiker keine vernünftige Ausbildung haben und irgendwelche wissenschaftlichen Begriffe kombinieren, sodass raus kommt was sie wollen. Mit "Wissen" hat das nichts zu tun. IgG und IgE ist doch alles Allergie...quatsch! Aber verkauft sich gut
#6 am 02.03.2017 von Gast
  0
Ich schließe mich der Kollegin Hofheinz an. Seit ich die IgG Tests durchführen lasse, bin ich sehr erfolgreich, mit den genannten Erkrankungen, sowohl bei Kindern, als auch bei Erwachsenen. Und es ist dann kein Schuss ins Blaue, ob es sich um Milch oder Weizen oder sonstwas handelt. Nur in wenigen Fällen, muss man zusätzlich nach IgE vermittelten Allergien schauen, das ergibt sich meist aus der Anamnese. Es ist wirklich schade...
#5 am 26.12.2016 von Ines Brückner (Heilpraktikerin)
  5
Leider wird in dem Bericht mal wieder nicht intensiv genug recherchiert und versucht, sich objektiv mit der Problematik auseinanderzusetzen, schade. IgG-induzierte Unverträglichkeiten kommen häufig vor, wichtig sind insbesondere IgG 1 - 3; sie sind verantwortlich für silent inflammation, was dann wiederum zu den vom Betroffenen erlebten Beschwerden führt. In den zehn Jahren, in denen ich mit einem qualitativ hochwertigen Test arbeite, hat sich in meiner Praxis der Erfolg herumgesprochen; er liegt bei über 80 %, die wenigen Unmotivierten mit einbezogen. Richtig und wichtig ist, was dem Leidenden hilft.
#4 am 22.12.2016 von Doris Hofheinz (Heilpraktikerin)
  6
ja,vielleicht "klare Worte" ? , nur alles unklar , denn diese nützen mir in meiner individuellen Verträglichkeitsproblematik garnichts !!! wie finde ich das , wa ich vertragen kann ? Prick - Test 40-50 % Fehlerquote , Rückkehr zu den "klinischen Ökologen vor 40 Jahren ?
#3 am 21.12.2016 von dr. med.dent. Wolfgang Stute (Zahnarzt)
  3
Bitte auch daran denken, dass es Fachleute gibt, die sich speziell mit Nahrunsmittelallergien - Unverträglichkeiten etc. auskennen. Dazu zählen z.B. die Diplom-Ernährungswissenschaftler, die sich zusätzlich zum Thema Allergie qualifiziert haben. Zu finden unter: www.daab.de - www.quetheb.de - www.vdoe.de! Betroffenen, die diese anerkannten Fachkräfte aufsuchen werden nicht nur qualifiziert beraten, sondern erhalten oft eine (Teil)Kosten-Rückerstattung durch die Krankenkassen.
#2 am 21.12.2016 von Diplom Oecotrophologin Constanze Wach (Weitere medizinische Berufe)
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Danke für die klaren Worte! MfG
#1 am 25.11.2016 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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