Der Jürgen, die Frauen und der Urin

25.11.2016
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Man muss Niederlagen mit Würde einstecken können. „Kittel richten und weiter geht’s“, so lautet die Devise. Warum ich das sage? Der diesjährige Friedensnobelpreis ging an den kolumbianischen Präsidenten Santos und nicht an mich.

Der Traum vom Nobel

Um einen Nobelpreis, egal in welcher Kategorie, zu erlangen, muss man nominiert werden. Da die Liste der Nominierten aber geheim bleibt, hatte ich bis zuletzt gehofft. Einige wenige Menschen dürfen Nominierungen einreichen, so dass sowohl Donald Trump, Wladimir Putin, als er die Krim annektierte, und sogar Adolf Hitler schon mal nominiert waren.

Aus meinem laienhaften Verständnis heraus dachte ich, dass man immer lieb sein muss, wenn man einen haben will. Man sollte nie einen Streit angefangen haben und es wäre gut, wenn man wenigstens schon mal einen solchen geschlichtet hätte. Zusammenfassend: Ich hatte das Projekt bereits zu Zeiten meiner Pubertät ad acta gelegt.

Nun werde ich aber demnächst 40 und habe bisher keine großen Spuren für nachfolgende Generationen hinterlassen, sodass ich das Thema Nobelpreis nochmal aufgegriffen habe. Da mir aber Mittel und Wege fehlen, ein Land zu annektieren, einen Weltkrieg anzuzetteln oder einfach ... ach, lassen wir das. Der Friedensnobelpreis wird es jedenfalls nicht.

Das Problem

Den Literaturnobelpreis verschiebe ich auf später. Rein objektiv betrachtet, bin ich für die Ehrung eines Lebenswerks dank der modernen Medizin wohl noch zu jung. Durchgeimpft wie ich nunmal bin, werde ich selbst eine Pockenepidemie locker weglächeln können und mit 90, im Schlepptau meines mobilen Beantmungsgerätes, in die Rentenkasse einzahlen.

Nobelpreis in Physik, Chemie und Physiologie wird auch nichts, da es Streberfächer sind. Da muss man sich nachts die Eieruhr stellen und irgendwelche Sachen in irgendwelche Nährmedien titrieren, Kurven und Diagramme malen in dunkeln Kammern und ohne soziale Kontakte vor sich hinvegetieren. Das ist nicht viel anders als die Säuglingszeit zu Hause; mit einer Kaffetasse bewaffnet kann man darauf warten, dass das Kind nachts stündlich wach wird, weil es gerade eine Phase hat und/oder ein Zahn kommt. Während man biologische Giftstoffe in Windeleimern verstaut, redet auch keiner mit einem, das zufriedene Glucksen ausgenommen.

Um zu Ruhm und Ehre zu gelangen, bleibt eigentlich nur noch die Medizin. Das erfreuliche an der Medizin ist nämlich, dass vieles schon mal da war und das meiste aber wieder vergessen wurde. Schuld daran ist einzig und alleine die Pharmamafia.
Je weiter man in der Geschichte zurückgeht, desto unwahrscheinlicher ist es, dass jemand schreit und sich beklagt, ich hätte ihm sein Gedankengut gestohlen. Wo kein Kläger, da bleibt der Nobel.

Wer kennt den Jürgen?

Wer kennt Jürgen Throwalds „Das Geheimnis der frühen Ärzte“? Nein, keiner? Sehr gut. Danke. Es gehört definitiv zu meinen liebsten Büchern.

Die alten Ägypter waren noch richtige Draufgänger. Mit irgendwelchen Haken und Stechapparaten wagten sie sich sogar an Hirntumoren, die durch die Nase „operiert“ wurden. Nun gut, wie man sich sicher sein konnte, dass es wirklich ein Hirntumor war und nicht ein psychiatrisches Problem, ganz ohne CT oder MRT, weiß ich jetzt auch nicht zu sagen.

Wer den Nobel haben will, der muss auf Daten, Patienten, Versuche oder irgendetwas in der Art verweisen. Solche invasiven Experimente, wie oben beschrieben, wollte ich jetzt nicht wiederholen. Ganz davon abgesehen war mir Neurologie immer schon zu komplex. In Folge dessen habe ich mich für ein simples Experiment für den Hausgebrauch entschieden.

Die Sache mit dem Urin

Nachdem ich Operationen, Gifttränke und wenig erfolgversprechende Experimente ausschloss, blieb eigentlich nur noch die Sache mit dem Urin übrig. Urin ist immer verfügbar, jeder ihn hat, er ist mehr oder minder steril und die Hemmschwelle für Probanden nun nicht so groß ist wie bei einer Hirn-Op. Es geht um Schwangerschaftsteste.

Man soll bloß nicht glauben, dass nur Frauen im 21. Jahrtausend nachts um 3 Uhr unbedingt wissen wollen, OB sie schwanger sind, SEIT WANN das nun genau der Fall ist und WAS ES WIRD. Das erklärt auch die beliebten Notfall-Ultraschalls, wenn der Gynäkologe selbst von seinem Bett nur zu träumen wagt. Das Szenario ist immer dasselbe. Frau kann nachts nicht schlafen vor lauter Grübeln und versucht dem Abhilfe zu schaffen, indem sie einfach mal in die Notaufnahme fährt. Dafür zahlt man ja schließlich Krankenkassenbeiträge. „Herr Doktor/FrauDoktor, ich hab da so schreckliche Unterleibsschmerzen“ (zu dieser Version riet man ihr in diversen Facebook-Foren). „Ich glaube, dass ich schanger bin, da meine Periode schon 10,5 Stunden überfällig ist und wo Sie schonmal gucken, können Sie mir auch gleich sagen, was es wird?“

Schwangere mit Pioniergeist

Frauen im alten Ägypten plagte auch das ewige Grübeln. Wahrscheinlich war zur damaligen Zeit das Geschlecht des Kindes entscheidener als das „ob überhaupt“. Der Herr Thorwald beschreibt in seinem Buch, dass die Frauen täglich auf Getreide uriniert haben und wenn etwas wuchs, dann war man schwanger.

Wuchs die Gerste, wurde es ein Junge. Wuchs der Weizen, wurde es ein Mädchen. So simpel, so kostengünstig. So doof für die Marktführer unter den Schwangerschaftstests, wenn sich diese Technik jemals bewahrtheiten würde. An dieser Stelle frage ich mich immer, wie das Ganze nun entdeckt wurde. Hat sich eine junge Schwangere mit großem Pioniergeist und visionärem Wesen über alle zur Verfügung stehenden Nahrungsmittel gehockt und es einfach mal ausprobiert?

Die Probanden

Im Internet findet man ja bekanntlich alles. Ich fand jedenfalls meine Probanden dort. Drei Schwangere, Drei Nicht-Schwangere und einen Mann. Er war quasi mein Ass im Ärmel, die ultimative Kontrollgruppe. Unsere kleine urinierfreudige Gruppe stand recht schnell vor den ersten Problemen: Wo die Beutel lagern, damit der Rest der Familie nicht angewidert auszieht? Säckchen offen lassen oder nach dem Pinkeln wieder verschließen? Licht versus gleichbleibend feuchtes Milieu. Wo bekomme ich Gerste und Weizen her? Wie erkläre ich das meinem Bäcker?

So einfach ist das alle nicht

Auch das Getreide selbst musste strengen Kontrollen unterzogen werden. War das Getreide überhaupt keimfähig? Eine Bewässerungsprobe musste den Beweis erbringen. Als Berliner Hipstermutter kannte ich mich sehr gut mit Chiasamen aus, bei der Keimfähigkeit von Gerste und Weizen mußte ich passen.

Erfreulicherweise kannte sich eine meiner Probandinnen gut aus und war zudem schwanger. Der Arzt konnte das Geschlecht ihres Kindes nicht eindeutig ausmachen, sodass alle Probleme durch ihre persönliche Motivation rasch gelöst werden konnten. Wir besorgten Getreide, welches liebevoll in blaue und rosa Säckchen eingenäht und an alle Probanden verschickt wurde, damit die Bedingungen für alle die selben waren.

Das Ergebnis – nun ja, das war ernüchternd. Der Mann war nicht schwanger, das wäre tatsächlich das schlimmste Szenario gewesen. Das Experiment wäre gescheitert oder der Mann wäre berühmt geworden und nicht ich. Bei den anderen ist entweder nichts gewachsen (auch bei den Schwangeren) oder es ist ein bisschen gewachsen, dann allerdings das falsche Getreide, welches gleich daraufhin verschimmelt ist.

Dennoch glaube ich fest daran. Ich brauche einfach nur mehr Zeit, doch dafür müsste das Kind erstmal lernen, sich auch mal alleine zu beschäftigen.

Nächstes Jahr möchte ich nicht mehr in die enttäuschten Gesichter meiner Familie blicken müssen, wenn mein Name bei der Nobelpreisverleihung wieder nicht fällt. Drum gebt mir bitte Eure Stimme.

 

Bildquelle: Privatbild, Karin Schneider

Artikel letztmalig aktualisiert am 05.12.2016.

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Der Ig-Nobelpreis ist tatsächlich eine wunderbare Idee. Ich würde den aber gerne mit einem anderen Artikel "verdienen". Auf den trifft "erst lachen und dann nachdenklich stimmen" am besten zu.
#8 am 07.12.2016 von Dr. med. Karin Schneider (Ärztin)
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#5 Es gibt den Ig-Nobelpreis, der tatsächlich zu diesem Fall passen würde - aber nur, wenn das in einer angesehenen Fachzeitschrift veröffentlicht wurde. Also schnell mal die Studie bei Nature einreichen und Daumen drücken.
#7 am 07.12.2016 von Annika Diederichs (Tierärztin)
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Daumen hoch :D
#6 am 07.12.2016 von Eugenia Dietrich (Studentin der Humanmedizin)
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Peter Asel
Okay : Meine Stimme haben Sie bereits. Gibt es eigentlich einen Humor - Nobelpreis ? Wenn ja holen Sie sich den ab. Ich unterstütze Sie nach Kräften. Klasse formuliert, alles. Hut ab
#5 am 07.12.2016 von Peter Asel (Gast)
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Sehr amüsant...
#4 am 07.12.2016 von Lenore Gontermann (Heilpraktikerin)
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allein für diesen Text verdienen Sie einen Nobby
#3 am 05.12.2016 von Professor Dr. Dr. Oliver Müller (Arzt)
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Gast
KÖÖÖÖÖÖSTLICH... danke für die Lachmomente!
#2 am 05.12.2016 von Gast
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Wenn Sie mich erfolgreich nominieren, werde ich Sie auch nomimieren.
#1 am 05.12.2016 von Dr. med. Rolf Dannemann (Arzt)
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