Eigenerfahrung: Cortical spreading depression

24.11.2016
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Ich habe es bisher – vom Vollrausch mal abgesehen –noch nie erlebt, dass mein Sehvermögen irgendwie beeinträchtigt war. Bis auf diesen einen Tag. Wie jeden Morgen saß ich am Frühstückstisch und wollte gerade die Neuigkeiten der letzten Stunden auf meinem Smartphone lesen.

Von einem Moment auf den anderen war es mir jedoch unmöglich, die vor mir liegenden Buchstaben zusammenzusetzen. So sehr ich mich auch anstrengte, ich konnte keine Zeile mehr lesen.

Nach dem ich mehrmals „Ich kann nicht lesen!“ wiederholte und zunehmend hektisch und unruhig wurde, hatte ich die Aufmerksamkeit meiner Frau. Doch die schien nicht besonders beeindruckt von meinen Aussagen, versuchte mich aber zu beruhigen.

Schließlich rief ich mich zur Räson. Nachdem ich, für einen Mediziner typisch, die schlimmsten Differentialdiagnosen von Schlaganfall bis Hirntumor durchgegangen war, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich musste eine Migräneaura haben!

Als ich die Augen schloss, sah ich das typische Zackenmuster, welches sich nach Außen ausbreitete. Darunter drehte sich ein bunter Zeiger im Kreis. Bei geschlossenen Augen nahm ich das Zentralskotom nicht wahr, aber jenes war der Grund warum ich nicht mehr lesen konnte. Nach circa 20 Minuten war der Spuk vorbei. Das Fortifikationsmuster war bis in die Peripherie gewandert bis es schließlich verschwunden war.

Diskrepanz Diagnosekriterien vs. Realität

Da ich im Verlauf der letzten Monate immer wieder migränetypische Kopfschmerzen hatte, war für mich die Migräneaura naheliegend. Doch nach dieser erstmaligen Aura hatte ich keinen typischen Migränekopfschmerz. Stechende retroorbitale Schmerzen ja, aber der Rest der Diagnosekriterien war nicht erfüllt.

Wenn wir uns die Diagnosekriterien der International Headache Society anschauen, so würde die Diagnose das Kriterium „Typische Aura mit Kopfschmerzen, die nicht einer Migräne entsprechen“ erfüllen.

Ganz richtig wird im Kommentar aber auch erwähnt: „Fehlt ein Kopfschmerz, der die Kriterien einer 1.1 Migräne ohne Aura erfüllt, ist eine exakte Diagnose der Aura und gegebenenfalls die Unterscheidung von klinisch ähnlichen Phänomenen, die auf eine ernsthafte Erkrankung (wie eine transitorische ischämische Attacke) hinweisen, umso wichtiger.“

Jedem Patienten würde ich natürlich auch die Durchführungen eines MRTs des Schädels in diesem Fall empfehlen. Bei mir bin ich da weniger streng und warte noch ab. Eine Migräne mit Aura kann man mir also nicht diagnostizieren, auch wenn es naheliegend zu sein scheint. Patienten wünschen sich natürlich oft eine konkrete Diagnose, aber bei großer Unsicherheit sollte man lieber auf den zeitlichen Verlauf verweisen.

Oft kann die exakte Diagnose einer Migräne mangels objektiver Kriterien nämlich erst im Verlauf gestellt werden. Für Patienten ist es auch schwierig, Symptome in eine zeitliche Reihenfolge zu bringen und Beschwerden exakt zu benennen. Sie sollten deshalb immer einen Kopfschmerzkalender mitbekommen, um so ein Nebeneinander verschiedener Kopfschmerzarten besser feststellen zu können.

Was steckt hinter der Aura?

Ob nun Halluzination oder Pseudohalluzination sei mal dahingestellt. Erstmalig wurde die cortical spreading depression (CSD) von Leão 1944 im Tierversuch mittels EEG entdeckt. Aufgrund der gleichförmigen Entstehung der CSD und des klinischen Phänomens der Aura, wurde eine Verbindung zur Migräneaura hergestellt. Später konnte dies durch funktionelle Bildgebung bestätigt werden*.

Die CSD ist eine, von einem Punkt ausgehende, Depolarisationswelle (mit einer Geschwindigkeit von ca. 3 mm/s), die zu Verminderung der Hirnaktivität führt.

Im Folgenden kommt es dann zu einer Hyperpolarisation. Parallel werden die Vorgänge zunächst von einer Dilatation mit Hyperperfusion, dann von einer Konstriktion mit Hypoperfusion meningealer Gefäße begleitet.

Inzwischen ist man sicher, dass die CSD selbst einen Kopfschmerz, unter anderem über die Aktivierung trigeminaler Nozizeptoren, induzieren kann. Diverse Neuropeptide wie das CGRP, welches man sich auch therapeutisch zunutze macht, spielen auch eine Rolle. Der Thalamus als Schaltzentrale darf auch nicht fehlen. Generell beteiligt an der Schmerzentstehung ist eine meningeale Vasodilatation sowie eine neurogene Entzündung. Zur Vertiefung empfehle ich den Artikel von Schürks,M., Diener, H.-C. (2008)"Pathophysiologie der Migräne im klinischen Kontext", Schmerz, 22, S. 523-530.

Fazit: Ich bin eine Erfahrung reicher und kann mich nun besser in die Sorgen der Patienten hineinversetzen. Auch wenn ich nicht für alle neurologischen Krankheitsbilder eine Eigenerfahrung brauche (bzw. wünsche), so ist's manchmal dennoch hilfreich.

*Hadjikhani, N et al. (2001); Mechanisms of migraine aura revealed by functional MRI in human visual cortex. PNAS, Vol. 98, No. 8, 4687–4692.

 

Bildquelle: Steve Voght, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 02.12.2016.

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Neuro?Logisch!
EMU, also Epilepsie Monitoring Einheit würde mir einfallen. Da kann man kontinuierlich ein EEG ableiten.
#18 am 23.12.2016 von Neuro?Logisch! (Gast)
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Gast
#16 Vielen Dank für die Rückmeldung. Leider lässt sich der Effekt nicht provozieren, auch wenn der Auslöser (Stress) bekannt ist. Ich hatte das Erlebnis in den letzten 4 Monaten vielleicht 5 - 6 mal, dank gezielter Gegenmaßnahmen kann ich derzeit die Ursache und damit auch die Wirkung unterbinden. Mich interessiert nur, ob das in meinen Augen interessante Symptom unter "Reizüberflutung und Migräne" einzuordnen ist oder ob es sinnvoll ist, weiter nach anderen physiologische Ursachen zu suchen.
#17 am 09.12.2016 von Gast
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# 15 Falls sich diese Ausfallserscheinung gezielt provozieren läßt, könnte man versuchen, parallel ein EEG oder auch ein PET bzw. SPECT mitlaufen zu lassen, um der Ursache auf die Spur zu kommen.
#16 am 07.12.2016 von Annika Diederichs (Tierärztin)
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Gast
Sehr geehrte Damen und Herren, verbunden mit der Schilderung meiner eigenen Erlebnisse würde ich die Aussage "Ich kann nicht lesen" gerne etwas hinterfragen, um so in meinen eigenen Fall vielleicht etwas an Klarheit zu gewinnen. Konnten Sie die Buchstaben nicht erkennen (grauer Fleck) oder das Wort nicht lesen? In argen Stresssituationen hatte ich mehrfach das Erlebnis, dass ich, vor einem Monitor sitzend, einzelne Buchstaben kristallklar sehen konnte, aber nicht in der Lage war, sie zu einem Wort zusammen zu setzen, also zu lesen. Verbunden damit war der Eindruck, dass alles viel zu laut und zu hell war. Der ganze Spuk dauert nur wenige Sekunden, max. eine Minute, dann war es vorbei. Kopfschmerzen stellten sich keine ein, aber eine gehörige Portion Gereiztheit meinerseits. In der Diagnose konnte kein Befund festgestellt werden, MRT ist unauffällig, Migräne bisher unbekannt, keine weiteren Ausfallerscheinungen, heißt, vermutlich keine TIA. Beteiligte Ärzte sind ideen- und ratlos.
#15 am 04.12.2016 von Gast
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Das Buch "Migräne" von Oliver Sacks ist sehr lesenswert zu diesem Thema. Auch er beschreibt Migränen ganz verschiedener Art ohne Kopfschmerzen. Ein populärwissenschaftliches Buch, das man auch betroffenen Patienten ganz gut empfehlen kann.
#14 am 04.12.2016 von Karin Müller (Heilpraktikerin)
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Neurologe
In meiner 20 jährigen Tätigkeit habe ich bisher noch nie erlebt, daß ein typisches Flimmerskotom mit entsprechender Ausbreitung und Dauer etwas anderes ist als eine Migräneaura. (Auch nie etwas epileptogenes) Hatte gerade vorletzte Woche einen Patienten, der inzwischen seit 15 Jahren (inzwischen 75 Jahre alt) typsiche Flimmerskotome hat, obwohl er anamnestisch NIE einen migränetypischen Kopfschmerz hatte. Natürlich kam er bereits mit MRT-Befund (von HA veranlaßt) und Augenarztbefund, die allesamt negativ waren. Daß Migräenauren immer wieder auch bei Patienten über 50 auftreten, ohne, daß je ein migränetypischer Kopfschmerz besteht sieht man immer wieder. Zudem ist es bekanntermaßen im Alter typisch, daß auch bei Migränepatienten im Alter die Auren häufiger werden und teilweise nur noch isoliert bestehen. Ich hatte meine erste Aura nach 15 Jahren Migräne, seitdem (vor 5 Jahren) insgesamt 4 und das immer ohne Kopfschmerz.
#13 am 03.12.2016 von Neurologe (Gast)
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Gast X
@11: Stimmt genau. Migräne kann eine typische Erklärung für diese Beschwerden sein. Manchmal ist es aber auch ein Tumor oder eine Hirnblutung... keiner von uns hat den Röntgenblick, deshalb im Zweifelsfall bei akuten und gravierenden Beschwerden ohne bekannte vorbestehende Migräne oder migränetypische Begleiterscheinungen lieber Bildgebung und Monitoring. Das geht aber nur in Rücksprache mit dem Patienten... manche glauben man begibt sich einfach nachts in die Notaufnahme, bekommt mal eben in einer halben Stunde ein MRT (...nur zur Sicherheit...) und geht dann einfach wieder nach Hause. Aber so einfach ist das nicht. Im Fall von Gast Nr. 4 blieb dann nach einigen Tagen Monitoring und Beschwerdefreiheit die Diagnose TIA > das war sicher für sie unangenehm aber fachlich eine korrekte Behandlung und keineswegs "ohne Erkenntnisse", immerhin wurde ein Schlaganfall ausgeschlossen, aber die Korrekte Überwachungsdauer wären hier 24h bzw. 72h im Falle eines Schlaganfalles und nicht eine Woche..
#12 am 02.12.2016 von Gast X (Gast)
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Gast
Schließe mich an erst vor kurzem behandelte ich einen 23 jährigem mit denselben Symptomen vorsichtshalber empfahl ich ein cct es stellte sich eine Minor Leak Blutung heraus welche am nächsten Tag gecoilt wurde also Vorsicht trotz der guten Erklärung
#11 am 02.12.2016 von Gast
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Neuro?Logisch!
@#1: Sehr geehrter Herr Kollege, Migräne ist eine Ausschlussdiagnose und bedarf (es sei denn es gibt eine langjährige typische Anamnese) einer cerebralen Bildgebung.
#10 am 02.12.2016 von Neuro?Logisch! (Gast)
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Gast
Schade, daß man erst betroffen sein muß, um seine Patienten besser zu verstehen. Aber so ist wohl die Realtät. Im Übrigen zählt das auch zur Erfahrung und kommt letzlich unsern Patienten zu Gute.
#9 am 02.12.2016 von Gast
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Gast
Das ist typisch Migräne! Ich habe Migräne-Anfälle mit typischer Aura ("Fortifikationen") seit meiner Jugend. Die ursprünglich der Aura folgenden rasenden Kopfschmerzen wurden mit den Jahren immer harmloser und sind jetzt fast vollständig weg. Ich habe jetzt alle paar Wochen/Monate nur noch das Flimmerskotom ("Fortifikationen"). In diesen ca. 45 Minuten kann ich nicht sicher Auto fahren. Dann ist alles vorbei. Sehr angenehm. Im Alter wird halt auch manches besser!
#8 am 02.12.2016 von Gast
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N. Kelling, KJP
ergänzend: als Trigger: optische Reizüberflutung, z.B. längere Zeit abrupte Hell-Dunkelwechsel...
#7 am 02.12.2016 von N. Kelling, KJP (Gast)
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Patienten mit Flimmerskotom auf Trigger hinweisen. Beispiel grüner Tee, Schwangerschaft
#6 am 02.12.2016 von Dorothee Miernik (Ärztin)
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Prima beobachtet und erklärt. Bin 80 und habe diese zackenförmigen Skotome in diesem Jahr bei mir selbst mehrmals und in Ruhelage beobachtet. Jetzt schon länger nicht mehr. Keine Cephalgien!
#5 am 02.12.2016 von Dr. med. Klaus H. A. Jacob (Arzt)
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Gast
Vor einigen Jahren hatte ich genau die beschriebenen Symptome: Plötzlich nicht mehr lesen können, alle Buchstaben durcheinander, grelle Zackenmuster. Mein Augenarzt gab mir eine Einweisung in eine Stroke Unit, wo ich ohne Erkenntnisse eine Woche an einem Monitor hing. Diagnose in der Schlaganfalleinheit: TIA (transiente ischämische Attacke). Nach weiteren Vorfällen dieser Art hörte ich im Deutschlandfunk in der Sendung "Die Sprechstunde" die richtige Diagnose der Migräne-Aura ohne nachfolgenden Kopfschmerz. Seither ergreift mich bei solchem Vorkommnis keine Panik mehr.
#4 am 02.12.2016 von Gast
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Gast
Die gleichen Symptome habe ich gelegentlich auch, wurde als Augenmigräne und nicht schlimm, abgewunken. Stutzig machen mich nur die mittlerweile immer länger dauernden Phasen und gelegentliche Komplettausfälle des Bildes. Also keinen Zusammenhang des gesehenen mehr herstellen zu könnenweil alles aussieht wie ein bunter Berg voller Farbfetzen... Man wird sehen....
#3 am 02.12.2016 von Gast
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Man nennt dieses 20-25 minütige Geschehen auch Flimmerskotom bzw. Augenmigräne. Eine ganze Menge mehr Menschen, als man allgemein annimmt, ist davon betroffen. MfG
#2 am 02.12.2016 von Michael Petri (Heilpraktiker)
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weiß ja nicht, wie alt Sie sind... Zackenmuster hin oder her- bei mir selbst würd ich erst mal einen Doppler machen. Und (auch wenns um einen Patienten ginge) nicht gleich ans MRT denken. Warum ist es heutzutage eigentlich obsolet, Untersuchungen in der Reihenfolge ihrer Kosten (und auch ihrer Invasivität) durchzuführen?
#1 am 02.12.2016 von Dr. Rüdiger Hübschmann (Arzt)
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