ADHS : Geballte Inkompetenz und Ignoranz der Psychiater

24.11.2016
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Ich bin mir bewusst, dass man Berichten von Patientinnen und Patienten in der Psychiatrie nicht immer bedingungslos glauben sollte und darf. Aber umgekehrt ist die unglaubliche Arroganz einiger meiner Berufskollegen bei gleichzeitiger geballter Inkompetenz und Ignoranz in der ambulanten wie stationären Versorgung psychiatrischer Patienten einfach ein Skandal.

Man stelle sich vor, eine Kardiologe würde sich weigern in seinem Fachgebiet sich über Entwicklungen im Bereich Herzrhythmusstörungen oder Blutdruckbehandlung weiter zu bilden. Und behauptet gegenüber seinen Patienten, dass Schröpfen alle Probleme der Welt lösen würde. Würde man einen solchen Kollegen guten Gewissens empfehlen ? Wohl kaum. 

 

Folgenden Fall diskutieren wir gerade in einer ADHS-Gruppe : Eine erwachsene Patientin begibt sich selber zur Krisenintervention in stationäre psychiatrische Behandlung.  Sie ist bestens über ADHS im Erwachsenenalter informiert. Bei der Aufnahmeuntersuchung gibt sie korrekterweise an, dass Sie medikamentös mit einem Methylphenidat-Retardpräparat im Rahmen einer multimodalen Therapie behandelt wird. Sie nehme morgens und abends 30 mg Medikinet retard, was ihr gut helfe und einen Rebound-Effekt verhindere. Daher solle diese Behandlung auch im stationären Rahmen möglichst fortgeführtt werden.

Die Stationsärztin unterstellt der Patientin jetzt einen missbräuchlichen Einsatz des Psychostimulans. Zwar zweifelt sie nicht die Existenz von ADHS an, scheint sich aber mit Pharmakotherapie nicht so auszukennen. Sie behauptet, dass ein Retard halt 24 h wirke und daher eine 2 mal tägliche Einnahme ein Missbrauch wäre. Das wäre schliesslich genauso wie bei Seroquel Prolog (einem Neuroleptikum).

Nun ruft sie beim behandelnden ambulanten Arzt an. Der wiederum ist  irritiert, weil er angeblich der Patientin 60 mg (als 2 einzelne Kapseln des Methlyphenidat Retards) morgens rezeptiert habe.

In der Folge ergibt sich eine Verbindung des Nicht-Wissens und der Inkompentenz der Ärzte.
Beide Ärzte sind sind sich darüber einig, dass die Patientin einen Missbrauch der Medikation betreibt. Und beide Ärzte können mit einem BTM-Medikament, das sie verordnen, überhaupt nicht umgehen.

Und die Patientin zweifelt inzwischen an dem Wissen, das Sie sich selber angeeignet hat bzw. durch den Austausch und der Selbsthilfe gefestigt hat.

Nun haben leider hier gleich 2 behandelnde Ärzte offenbar weniger Ahnung als die Patientin.


1. Der ambulante Kollege versteht das Prinzip der medikamentösen ADHS-Therapie mit einem Retard nicht. Grundsätzlich nicht, wenn er 2 mal 30 mg einmal morgens geben will. Aber eben auch von der Pharmakokinetik nicht, da 30 mg eben 6-8 Stunden wirken. Und auch 60 mg eben nicht länger, wenn man es morgens gibt.

Seine Patientin wäre eigentlich nie auf den Gedanken gekommen, dass er eine so unsinnige Anordnung meint, wenn er 2 mal 30 mg Medikinet retard rezeptiert.

2. Die stationäre Psychiaterin hat nicht nur keine Ahnung von ADHS im Erwachsenenalter, ihr scheint auch die Bereitschaft zum Zuhören und Eingehen auf den Patienten zu fehlen. Und noch nicht einmal Kollegen aus der im gleichen Haus befindlichen ADHS-Ambulanz hinzu zieht.

Schlimmer als Unwissenheit ist es für mich, wenn man dann aber einer psychiatrischen Patientin Manipulation und Lügen unterstellt. Aber selber sich so verhält, dass man Wahrheit und Unwissenheit / Manipulation verdreht.

Ist das nun eine Ausnahme ? Ein böser Einzelfall ?

Glaubt man Berichten von Patientinnen und Patienten im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie wie Erwachsenenpsychiatrie, dann ist es leider viel zu häufig anzutreffen, dass sich Ärzte schlicht und ergreifend nicht fortbilden bzw. mit absoluten Grundlagen des Fachgebietes vertraut sind. 

Dafür mag es Gründe oder Entschuldigungen geben. Aber sich dann so aggressiv und unprofessionell gegenüber dem Patienten zu verhalten, halte ich für nicht entschuldbar. Leider ist aber diese Arroganz gerade im sensiblen Fachgebiet der Psychiatrie und Kinder- und Jugendpsychiatrie gegenüber Eltern wie erwachsenen Patienten noch nicht getiligt. Und die Macht-Hierarchie immer noch nicht gebrochen. 

Zuhören und Handeln auf Augenhöhe ? Geht offenbar immer noch nicht....

Traurig

 

Artikel letztmalig aktualisiert am 24.11.2016.

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Medizin, Psychiatrie
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Gast
Eine Kinderpsychologin, die für unseren damals 9-jährigen Sohn in der (stationären) Kinderpsychiatrie zuständig war, sagte mir ca. 3 Wochen nach der (von mir veranlassten) Einweisung (wegen Äußerungen von Suizidgedanken) am Telefon (nachdem wir von ihr zuerst nichts hörten): ADS sei eine "Modediagnose", "Ritaline eine gefährliche Droge", die sie "niemals Kindern verabreichen würden". Eine leitliniengerechte ADHS Diagnostik fand nicht statt, 6 Wochen später musste unser Sohn wegen der Ehestreite und der mütterlichen Depressionen ins Internat. Sein Umfeld sei also Schuld an den Verhaltensstörungen (übrigens seit der Geburt bestehend, denn unser Sohn durchlitt eine AD(H)S typische "Laufbahn": Schreibaby mit schlimmen Schlafstörungen,usw.) Da 50% der Kinder mit AD(H)S zusätzlich an oppositionellem Trotzverhalten leiden, 50% der Eltern von Kindern mit AD(H)S sich trennen und 40% der Müttern irgendwann an Depressionen leiden, war der (jungen) Dame offenbar nicht bewusst.
#8 vor 28 Tagen von Gast
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Gast
@Birgit Boekhoff: laut einer befreundeten Allgemeinärztin, die ihr Studium 2005-2006 abgeschlossen hat, wird AD(H)S in der medizinischen Fakultät GAR NICHT unterrichtet. Alles klar?
#7 vor 28 Tagen von Gast
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Das ist schlicht unfassbar! Ich muss ab morgen auf einer Station aushelfen, WI eine Reihe von Pat. Mit ADHS im Erwachsenenalter behandelt werden. Selbstverständlich habe ich mir die Grundlagen der Pharmakotherapie angeeignet.
#6 am 26.03.2017 von Dr. med. Irmela Eckerlin-Wirths (Ärztin)
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Gast
...Ich habe selbst Medizin studiert und habe in der Universitätspsychiatrie 4 Monate Praktisches Jahr absolviert. Der Oberarzt meiner Station sagte dort in einem Seminar gegenüber uns Studenten:"...Ich möchte mich bei der Gelegenheit outen als ADHS-Gegner..."...das war übrigens diejenige Universitäts-Psychiatrie, die ansonsten als das ADHS-Zentrum schlechthin in Deutschland gilt. Und selbst dort sieht sich ein Teil der Ärzte als "ADHS-Gegner"...die deutliche Mehrheit der Psychiater in Deutschland dürfte diese Einstellung zu ADHS haben. Bei ca. 4 Millionen Erwachsenen mit ADHS in Deutschland (und das noch gemäß der "konservativen Diagnosekriterien gemäß ICD-10) dürfte riesiger Bedarf für die fachärztliche Betreuung von ADHS-Patienten bestehen und die bisher (Stand 2016) mit ADHS diagnostizierten Erwachsenen dürften sicher nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Leider beißen die Betroffenen bei überwiegend ignoranten und übrigens unethisch (und zwar so gar nicht gemäß Hippokratischem Eid bzw. Genfer Gelöbnis) handelnden Ärzten meistens nur auf Granit und erfahren gerade von dieser gesellschaftliche Gruppe noch stärkere Ablehnung bis hin zu offener Feindschaft, als dies für die Gesellschaft insgesamt gilt. Zeit, mal ein bischen Radau zu machen...
#5 am 25.11.2016 von Gast
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Gast
Ca. 70% gerade auch der Psychiater in Deutschland sind ignorant bezüglich ADHS. Unterdiagnostik und das Nicht-Erkennen von ADHS geschehen dort massenhaft. Die Anzahl tatsächlich kompetenter Spezialisten für ADHS (die in den meisten Fällen übrigens mehr oder weniger ausgeprägt selbst ADHS haben) ist leider mehr als überschaubar. Zusätzlich kommt nichts nach, um die alten Hasen und ADHS-Pioniere, die zusehends in den Ruhestand gehen oder aus anderen Gründen, z.B. dem systematischen Mobbing gegen niedergelassene ADHS-Therapeuten durch die institutionalisierte ADHS-Gegnerschaft, aus der Versorgung der ADHS-Patienten ausscheiden, zu ersetzen.
#4 am 25.11.2016 von Gast
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Gast
Ich arbeite in einem geschlossenen Wohnbereich für Psychisch Kranke Erwachsene, wir schicken regelmäßig zur Medikamentenumstellung und Krisenintervention unsere Bewohner in die für uns zuständige Psychiatrische Klinik, leider bekommen wir unsere Bewohner meist Verwahrlost zurück. Bei einer Bewohnerin ist der Klinik nach 3 Wochen aufgefallen, das sie keine Wechselkleidung mehr hat. Weiterhin haben wir mal eine Bewohnerin wegen einem Todesfall in die Klinik geschickt zur Trauerbewältigung. Nach einer Woche haben sie uns die Bewohnerin zurück geschickt mit der Aussage, sie wissen nicht was sie noch machen solle, sie währe eben Aus-therapiert, die Suizidalität wurde Ignoriert. Also daher verstehe ich es voll und ganz mit dem ADHS.
#3 am 25.11.2016 von Gast
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Gast
Mir wurde diese Woche berichtet, dass ein früherer Supervisor einer Therapeutin meines jetztigen Patienten aufgrund seines Verhaltens (Topf auf angeschaltetem Herd vergessen) ihm eine UNBEWUSSTE TÖTUNGSABSICHT den Eltern gegenüber unterstellte . Der neue Supervisor dieser Therapeutin veranlasste dann eine ADHS-Abklärung. Peinlicher geht es wohl nicht !!
#2 am 25.11.2016 von Gast
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Birgit Boekhoff
Hallo Herr Dr. Winkler, die große Preisfrage wäre aus meiner Sicht: wie kann es gehen, mehr Psychiater zur Beschäftigung mit dem Thema ADHS zu bewegen? Warum wollen sich Ihre Psychiatrie-Kollegen damit nicht befassen? Es ist so ein Drama, dass so viele ADHS-Erwachsene keine vernünftigen Anlaufstellen haben.
#1 am 24.11.2016 von Birgit Boekhoff (Gast)
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