PTBS durch Mobbing oder Die Trägheit unserer Diagnosesysteme

23.11.2016
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Durch die Trägheit unserer Diagnosesysteme, die neue Erkenntnisse nur langsam umsetzen, können wir bei Mobbing-Opfern „offiziell“ keine posttraumatische Belastungsstörung diagnostizieren.

Neulich war es mal wieder so weit. Eine meiner Patientinnen kam aus der Trauma-Ambulanz zurück. Sie hatte dort einige umfangreiche Tests absolviert und ein ausführliches Gespräch mit dem dortigen Arzt geführt.


Am Ende war die Sache klar. Sie zeigte alle wesentlichen Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und die Empfehlung lautete, sie solle eine trauma-orientierte Psychotherapie durchführen lassen.


Der Arztbrief, den sie mir vorlegte, zeigte als Diagnose ... na, was? Raten Sie mal!
ICD F32.2 schwere depressive Episode.

Wo ist die PTBS abgeblieben?

Hoppla, werden jetzt manche denken, aber die typischen PTBS-Symptome und die Empfehlung, eine Traumatherapie zu machen, und das Ganze noch durchgeführt auf dem hohen Level einer Spezialambulanz ... Wo ist denn die Diagnose PTBS abgeblieben?

Wenn die Diagnostik dieser Störung Fahrt aufnimmt und alles immer schneller und eindeutiger auf diese Diagnose zuläuft, kommt plötzlich eine Mauer in Sicht, auf der steht ein einziger Begriff: KRITERIUM A

Manch eine Diagnose ist schon an dieser Mauer zerschellt, so auch die PTBS meiner Patientin von neulich. Worum handelt es sich dabei? Eine chemische Formel? Ein radioaktives Element? Ein Gesetzesparagrah?

Kriterium A: Der Auslöser muss genau definiert sein

Nein, das „Kriterium A“ bezeichnet den Auslöser, also das eigentliche Trauma, das einer PTBS natürlich vorausgehen muss.

Die ICD-10 fordert:

Das DSM-IV fordert:

Eine Konfrontation mit einem traumatischen Ereignis war gegeben und zwar:

Ein „Kriterium A“ wird landläufig akzeptiert, wenn es sich bei dem Trauma um einen schweren Unfall, Naturkatastrophe, Mordanschlag, Vergewaltigung o.ä. handelt.

Mobbing – nicht schwerwiegend genug?

Bei meiner Patientin war als Auslöser ihrer posttraumatischen Symptomatik aber jahrelanges Mobbing vorangegangen. Und diese Belastung wird in den allermeisten Fällen nicht als ausreichend schwerwiegend angesehen, um eine PTBS auszulösen.

Die Fachambulanz hat nichts falsch gemacht, sie darf unter diesen Umständen keine PTBS diagnostizieren. Der Fehler liegt vielmehr in den gängigen Klassifikationssystemen, die Mobbing als Auslöser für eine PTBS nicht einschließen.

Das führt zu dem paradoxen Effekt, dass meine Patientin zwar mit der Empfehlung einer Traumatherapie die Fachambulanz verlässt, aber die entsprechende Diagnose nicht gestellt werden darf.

Diagnosesysteme sind manchmal wie Dinosaurier

Die Diagnosesysteme sind in manchen Bereichen wie Dinosaurier, die schwerfällig durch die Landschaft tappen und nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun haben. Ein sehr unbefriedigender Zustand. Da hilft es auch nichts, wenn das renommierte „Lehrbuch der Psychotraumatologie“ (von Fischer und Riedesser) Mobbing ein eigenes Kapitel widmet.


Stand heute ist immer noch: Wer gemobbt wird, dadurch alle Symptome einer posttraumatischen Störung entwickelt und laut Empfehlung einer Spezialambulanz eine Traumatherapie durchführen soll, hat keine PTBS. Zumindest nicht auf Basis von ICD und DSM.

Peter Teuschel


 

Bildquelle: ©Kitty - Fotolia.com

Artikel letztmalig aktualisiert am 24.11.2016.

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Medizin, Psychiatrie
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Interessanterweise fordern die Kassen bei ' Mobbing' immer eine Kur ein, damit der Fall dann erledigt ist. Ganz so falsch ist das nicht, ein Settingwechsel.. Aber, so denkt der Sachbearbeiter nicht. Er denkt an die 6 Wochenfrist und dass bei ' Kur' der Rentenversicherunsträger zur Kasse gebeten wird. Der Patient wird durch diese äußeren Einflüsse enorm unter Druck gesetzt und auch zusätzlich ' gemobbt' . So werden Repressalien angedroht, wie Rauswurf aus der Kasse, wenn die Krankmeldung nicht fristgerecht, ein Komma nicht an der richtigen Stelle und sonstiger Schwachsinn, den sich geschulte Sachbearbeiter einfallen lassen. Das macht Angst, Panik, wenn dann die PTBS nicht schon da war, dann ist sie dann da. Natürlich sind TP , wie ich einer bin,zu teuer, Analytiker völlig unerwünscht, denn wir finden vielleicht alte Introjekte, die wir auflösen könnten, damit der Patient nicht ( immer) im Mobbing -Fokus steht. Vtler brauchen nur 25 Stunden, ab April nur noch 12 Notfallstunden
#8 am 21.12.2016 von Dr. med. Angelika Demel (Ärztin)
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Gast
@4 Die Frage ist doch nicht ob etwas "verschlüsselbar" ist sondern ob es möglich ist dass das eine das andere hervorrufen kann. Siehe die ersten beiden Links bei #6
#7 am 02.12.2016 von Gast
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@#4: Eine interessante Frage. Ich habe es noch nie gesehen und es wird wohl im Einzelfall diskutiert werden müssen. Ganz spontan würde ich aber sagen: Nein.
#6 am 02.12.2016 von Dr. med. Peter Teuschel (Arzt)
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Es gab unlängst einen sehr gut vorbereiteten Versuch, die komplexe PTBS im DSM V zu verankern, was den Weg für eine Aufnahme in den ICD geebnet hätte. Geplant war, die kPTBS in einen BPS-Typus und einen DESNOS-Typus zu gliedern, was die Diagnose BPS umgewandelt hätte in eine kPTBS vom BPS-Typus. Leider ist das am Widerstand der Anhänger der BPS gescheitert, weil die BPS damit einer Tramaätiologie zugeordnet worden wäre und man der Meinung war, daß zwar sehr viele, aber nicht alle BPSler tramatische Erfahrungen gemacht hätten, weshalb man die BPS nicht als Traumafolgestörung einordnen dürfe. So beibt aktuell nur die F62.0 ("Verbitterungsstörung") als vernichtende Alternative, weshalb in der Regel auf Depression als Diagnose ausgewichen wird.
#5 am 29.11.2016 von Annika Diederichs (Tierärztin)
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Vielleicht kann mir jemand diese Frage beantworten: Sind chronische Schmerzen als Auslöser einer PTBS verschlüsselbar?
#4 am 29.11.2016 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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Mobbing bzw. Bullying sind an sich gut definierte Begriffe, die diese spezielle Konfliktform von anderen abgrenzen. Leider werden die Begriffe oft inflationär bzw. falsch verwendet. Da der Weg Kündigung/ gekündigt werden meist nicht geht, sind solche Patienten oft sehr lange arbeitsunfähig. Zu einem Ausscheiden aus dem Arbeitsumfeld kommt es in über 80% der Fälle. "Empfehlenswerte" Therapeuten, also solche, die nicht vorschnell nach "eigenen Anteilen" beim Patienten suchen, sind selten. Hinzu kommen die geschilderten Probleme bei der Diagnosestellung. Für die über eine Million "echte" Mobbing-Opfer also keine gute "Behandlungslandschaft", nach wie vor.
#3 am 26.11.2016 von Dr. med. Peter Teuschel (Arzt)
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Ich "mag" zwar den Begriff Bullying / Mobbing nicht. Aber das ändert nichts an der klinischen Bedeutung bzw der Auswirkung. Häufig findet sich nach meiner Erfahrung sowas wie eine strukturelle Dissoziation bzw. eben "emotionale Eindrücke", die eher den Traumalogik-Regeln als einer Depression entsprechen. Die Beleidigung für die Patienten ist dann eben gerade nicht allein das Mobbing-Ereignis, sondern das Unverständnis von uns Therapeuten. Es ist eben keine Depression und es wird auch unter einer Behandlung von Depressionen nicht besser. Leider aber eben häufig auch nicht allein mit Psychotherapie unter PTBS-Aspekten. Ohne einen "sicheren" Ort bzw. Abstand vom "Täter" = Arbeitsplatz wird sich das Problem selten lösen. Dazu müssten die Patientinnen und Patieten kündigen bzw. sich kündigen lassen. Was aber zu selten möglich ist. Dann chronifiziert das Problem bzw. es kommen traumatische Erfahrungen mit dem Arbeitsamt bzw dem Helfersystem dazu.
#2 am 26.11.2016 von Dr Martin Winkler (Arzt)
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Gast
Die Frage ist doch: Wie wird der Patient jetzt behandelt ?? Wie man das Kind beim Namen nennt ist doch vollkommen gleich.
#1 am 23.11.2016 von Gast
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