Der Chefarzt persönlich

20.11.2016
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Frau von und zu Gerdin, eine süße alte Dame mit grauen Löckchen, war mit Magenschmerzen in unserer Notaufnahme aufgeschlagen und von dort auf meine Station verschoben worden. Der Chefarzt war auch schon da gewesen, denn Frau von und zu Gerdin war hochprivat.

Nur war unsere exklusive Privatstation schon voller mindestens so privater Privatpatienten und deshalb war Frau von und zu Gerdin nun sozusagen meine Privatpatientin.

„Da machen wir morgen eine Magenspiegelung!“, hatte der Chefarzt während seines 10-Sekunden-Aufenthalts auf der Station befohlen. Ich nahm also einen Aufklärungsbogen und erklärte Frau von und zu Gerdin alles Mögliche über so eine Magenspiegelung. Das ging auch gut, bis ich zu dem Teil kam, in dem der Arzt die möglichen Komplikationen der Untersuchung auflistet.


Frau von und zu Gerdin schaute mich grimmig an und rief: „Also wenn das passiert ... dann ...“, etwas ratlos schaute sie im Raum umher, „dann reiße ich ihnen Ihre schönen Haarspangen raus!“

Erfreut über das Kompliment für meinen Haarklemmer, dachte ich ebenso erfreut daran, dass meine Patientin bei der Magenspiegelung schlafen würde. Ich versicherte, dass Komplikationen selten seien.

Frau von und zu Gerdin war aber trotz des zuvor ausgesprochenen Einschüchterungsversuchs immer noch nicht zufrieden. „Wenn hier etwas schief geht, dann ... hm ... dann sind Sie zu mindestens zehn weiteren Untersuchungen bei mir verpflichtet. Gratis! Da verliert das Krankenhaus Geld!“ – „Hmhm“, sagte ich und dachte daran, dass zum Glück nicht ich diese Untersuchung durchführen würde.

Frau von und zu Gerdin unterschrieb schließlich den Bogen, offenbar zufrieden mit den geäußerten Drohungen und fragte dann: „Wann macht der Chefarzt morgen dann die Untersuchung?“


„Ähm, MOMENT“ rief ich. „Der Chefarzt macht nicht alle Untersuchungen hier im Krankenhaus persönlich. Auch nicht bei Privatpatienten. Der Chefarzt ist außerdem überhaupt kein Gastroenterologe. Vermutlich hat er noch nie in seinem Leben eine Magenspiegelung gemacht. Da wird einer unserer kompetenten Oberärzte vom Fach ihre Untersuchung durchführen.“ – „Hm“, sagte meine Patientin sehr missmutig über diesen schlechten Service.

Im Anschluss pries ich noch ausführlich die Kompetenz unserer gastroenterologischen Oberärzte an. Frau von und zu Gerdin überstand die Magenspiegelung unbeschadet, hätte aber trotzdem lieber den Chefarzt persönlich dabei gehabt.

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Bildquelle: Privatbild Zorgcooperations

Artikel letztmalig aktualisiert am 22.11.2016.

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Medizin, Innere Medizin
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Man sollte sich seinen Arzt ebenso sorgfältig aussuchen, wie seinen Ehepartner. Eine Approbation bürgt nicht für Verstand, sondern nur für bestandene Prüfungen von höchst fraglichem Wert für die medizinische Praxis.
#7 am 24.11.2016 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  4
Meine Tante,von bürgerlicher Herkunft,aber privat versichert,kam mit stauungsoedemen in den Beinen jedoch klarem Verstand in die Geriatrie und beging den Fehler,den Chefarzt einzufordern.diesen hat sie zwar genau 4,5 Sekunden gesehen, dafür waren nach 4 Wochen die Beine entwaessert aber der Verstand nicht mehr existent.auf Weisungen des Herrn chefarztes war dieser nämlich mittels starker Psychopharmaka terminiert worden.nach weiteren 4 Wochen,in denen Herr Chefarzt bei der im dauerkoma Liegenden 3 CT's,6 Logopädie Therapien sowie 6 Psychotherapien verordnete von denen sie bedauerlicherweise nichts mitbekam,erbarmte sich das Schicksal der Privatpatientin und verschonte sie dadurch vor weiteren geistesblitzen von Herrn Chefarzt,was diesen allerdings nicht davon abhielt,der Familie von "seiner"Privatpatientin fuer seine 4,5 Sekunden Visite eine opulente Liquidation zu präsentieren.
#6 am 24.11.2016 von Robert Mannuss,Dr (Tierarzt)
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Die alte Dame dachte also, der Chefarzt würde die Magenspiegelung selber durchführen, wollte aber im Falle eines Zwischenfalles die Assistenzärztin dafür büßen lassen, weil die sich all diese fiesen Komplikationen extra ausgedacht hat, nur um sie zu ärgern, oder so ...
#5 am 24.11.2016 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  2
O.K. Herr Chefarzt, aber dann sollten Sie auch nicht das volle Honorar berechnen.
#4 am 24.11.2016 von Joachim Bedynek (Chemiker)
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wenn die Patientin "...in unserer Notaufnahme gekommen..." ist, kann sie ja wirklich nicht sehr schwer krank gewesen sein
#3 am 23.11.2016 von Dr. med. rainer pfingsten (Arzt)
  4
Gast
Wieder mal ganz köstlich geschrieben... Wohl eine der Patientinnen, die mit säuerlicher Miene auf den Chefarzt warten und den freundlichen Gruß nichtchefärztlicher Mitarbeiter nicht mal wahrnehmen?!
#2 am 23.11.2016 von Gast
  1
Gast
Das übliche: Der CA muß sich natürlich nicht mit den Konsequenzen herumschlagen, das muß der Assi machen...
#1 am 22.11.2016 von Gast
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