Entartungen auf Nase und Ohr

13.11.2016
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Konzentriert sitzt Julien auf seinem Hocker und beugt sich über seine Arbeit. Ich sitze direkt daneben. Und muss vorsichtig sein, nicht zu sehr ins Schwärmen zu geraten: Einer der aufmerksamsten und freundlichsten Ärzte, die ich bisher kennen gelernt habe, hat Julien mir eben noch eine Skizze angefertigt und erklärt, wie er die Nase im Anschluss an den Eingriff halbwegs gut rekonstruieren wird.

Und nun sorgfältig ausgesucht, wo ich mich am besten hinsetze, um einen möglichst guten Blick zu haben. Und um ihm gut assistieren zu können, was sehr hilfreich sei, wie er mir versichert hat; dabei arbeitet er sonst immer allein. Wie charmant!

Eingriffe unter Lokalanästhesie. 'Entartete Leberflecken' im Gesicht, auf Bereichen, die der Sonne besonders stark ausgesetzt sind, sind nicht selten: heute wird Julien einen auf der Nase und drei an Ohren entfernen. Als HNO-Arzt springt er dabei den Dermatologen zur Hand, die für die Beseitigung größerer Läsionen im Gesicht lieber einen Chirurgen heranholen.

Ich finde es nach wie vor seltsam, dass die Patienten dabei quicklebendig vor uns liegen. Abgedeckt durch ein grünes Tuch mit einem Loch in der Mitte, das die entscheidende Stelle unverhüllt lässt; aber während Julien einen Karzinom-Hautlappen von immerhin etwa einem Zentimeter Durchmesser direkt aus der Nasenspitze herausschneidet, sehe ich, wie sich die Wimpern unseres Patienten bewegen. Ich hoffe, dass er brav die Augen geschlossen lässt. Bei der eigenen OP zusehen, das möchten bestimmt die wenigsten Leute. Unmittelbar Anteil daran nehmen muss unser Patient ja ohnehin schon, ob er will oder nicht. Der 35-Jährige türkischer Herkunft entscheidet sich, seine Rolle sehr aktiv anzunehmen. In sehr regelmäßigen Zeitabständen möchte er wissen, ob es bald zu Ende sei. Julien reagiert gelassen und diplomatisch: es gehe gut voran; auch wenn ich diese Antwort witzig finde bei dem Anblick der noch sehr unfertig aussehenden Nase, an der Julien gerade einen Hautlappen präpariert, den er nach unten ziehen möchte, um die fehlende Nasenspitze abzudecken. Bei der vierten Nachfrage der gleichen Art reagiert der junge Mediziner höflich aber bestimmt; andere wären zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr so verständnisvoll. Er werde dem Patienten schon Bescheid sagen, wenn es vorüber sei. Ich fühle mich an eine Autofahrt mit Kindern erinnert, die bereits nach fünf Minuten wissen möchten, wie lange es noch dauert... Doch Julien wäre nicht der netteste Arzt aller Zeiten, wenn er seinen Patienten nach dieser (für ihn recht strengen) Antwort nicht regelmäßig über seine Arbeitsschritte informieren würde.

Der nächste Patient gehört zur alten Schule; 76 Jahre alt, wirkt er für mich wie ein Bilderbuch-Franzose. Stolz, höflich und gut gekleidet. Auf Juliens anfänglichen Hinweis, dass er Bescheid geben solle, falls die Ansätesie nicht richtig wirke, hat er fast entrüstet geantwortet, dass er ohnehin nicht besonders schmerzempfindlich sei. Und so trennt er sich tapfer, ohne einen Mucks von sich zu geben von einem großen Teil seiner Ohrmuschel. Auch bei ihm wurde ein Basalzellkarzinom diagnostiziert. Da ein Sicherheitsabstand von fünf Millimetern von den Dermatologen vorgeschrieben wurde, wird deutlich mehr als der unscheinbar aussehende dunkle Fleck entnommen. So kann man in den überwiegenden Fällen sicher sein, das entartete Gewebe komplett entfernt zu haben. Ich bin fasziniert von dem kleinen Eingriff und darf immerhin einen Faden am entnommen Stück aus Knorpel und Haut befestigen, um den Pathologen die Orientierung zu erleichtern. Und ein paar Instrumente reichen. Der Patient wird von nun an zwar mit einem vergleichsweise kleineren rechten Ohr herumlaufen, aber schön sieht es weiterhin aus. Gut, wenn Chirurgen einen Sinn für Ästhetik haben...

Danach erklärt Julien mir fast entschuldigend, dass er mich nicht hat nähen lassen, weil das bei einer lokalen Anästhesie mit Studenten dann doch so eine Sache sei. Aber morgen im OP werde er mir einiges zeigen. Kein Problem! Ich will auch lieber an Stellen üben, die der Patient nicht unbedingt bei jedem Blick in den Spiegel sieht. Aber morgen gerne. Dieser Krankenhaustag ist so oder so schon gelungen; mit solchen Aussichten ist der Feierabend aber sogar noch ein kleines bisschen schöner.

 

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Artikel letztmalig aktualisiert am 13.11.2016.

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Medizin, HNO, Studium, Humanmedizin
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