Heimat

11.11.2016
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Über Heimat wird gerade viel geschrieben und geredet. Dies nicht erst seit der Sache mit den Flüchtenden.In Deutschland eigentlich schon lange, seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Und trotzdem hat „Heimat“ im Moment einen echten Hype, ist ein hot topic.

Sogar in der hiesigen Kreissparkasse gibt es eine Ausstellung dazu, es werden die Flüchtenden der letzten Kriege, der Völkerwanderungen aus dem Osten Europas, die Ströme der „Gastarbeiter“ in den Sechzigern denen von heute gegenüber- oder eher nebeneinandergestellt. Und das tut gut, denn es klärt die Prespektive.

Fragt man die Leute, was Heimat ist – denn das wird in diesem Zusammenhang immer getan – kommen die üblichen verdächtigen Antworten von Natur, Familie, Gerüchen, Essen, Grundwerten, Haus und Hof.

Heimat, die Stelle, wo meine Familie lebt

Für mich selbst definiere ich Heimat als die Stelle, wo meine Familie lebt – also ich, meine Frau und meine Kinder. Meine Ursprungsfamilie ist des öfteren umgezogen, deshalb habe ich keine wirklich Bindung zu bestimmten Orten, in denen wir damals gewohnt haben, auch wenn die Stadt meiner Einschulung vielleicht einen Hauch von nostalgischer Heimat hat. Aber jeder darf das für sich definieren.

Die Familie, von der eigentlich die Rede sein soll, hat schon viele Orte besucht, jetzt sind sie in unserer Stadt, vor einem dreiviertel Jahr ist sie über die Balkanroute gekommen. Ich habe ihre Kinder im Rahmen des „Flüchtlings-Untersuchungs-Kinder-Konzeptes“ untersucht. Don’t ask. So selbstgestrickt wie vielerorten.

Seit vier Jahren sind sie unterwegs

Ein freundlicher Dolmetscher ist mit dabei, ich kenne ihn wie die geflüchteten Familien, die bei uns in der Stadt leben und die sich in meine Praxis verirrt haben. Manchmal scheitert die Übersetzung an den vielen Dialekten dieser Welt, manchmal an Unaussprechlichem oder Nichtübersetzbarem.

Die beiden Kinder sind krank, sehr krank. Kaum eine deutsche Familie würde sich auf so weite Wege machen, mit so kranken Kindern. Vielleicht würden wir einen Spezialisten in Hamburg aufsuchen, mit dem Zug fahren, die Kosten freundlich abgenickt von unserer Krankenkasse.

Aber sie, sie sind seit über vier Jahren unterwegs, mal ins Nachbarland, dann über die Meerenge auf einen anderen Kontinent, dann dank vieler medizinischer Verheißungen, schlitzohriger Schleusern und viel Geld an Grenzzäunen entlang nach Deutschland, dem europäischen Land, dem Land der Hoffnung für ihre Kinder.

Nach der mühsamen Erstanamnese und Untersuchung der Kinder, nach dem Aufdröseln der Reiserouten, der Behandlungsversuche hier und dort, mit Operationen und Therapiekonzepten – so vielfältig wie die Sprachen und die Länder – gelangen die Eltern und ich zusammen mit dem Dolmetscher zu persönlicheren Sachen. Wie es Vater und Mutter geht, dem Paar, wie den Großeltern, da- „heim“ gelassen, wie das Haus aussah, ihr Garten, als die Kinder noch klein war, gerade geboren, ohne Sorge vor der Zukunft und ohne Veränderungen der Gesundheit, dem Land und ihrem Leben.

Und was bedeutet Heimat für sie?

Also habe ich genauso die Frage gestellt, was denn nun für sie eine Heimat sei. Ich hatte alles vermutet, ähnliche Antworten wie, da wo „das Kinderbett steht“ oder „unsere eigenen Eltern leben“ oder dort, wo die Brüder und Schwestern der Eltern jetzt noch sind.

Was der Vater schließlich sagte, natürlich mühsam zusammengesetzt durch die Künste des Übersetzers? „Wissen Sie, Herr Doktor, Heimat ist für uns nicht so etwas wie ein Haus oder ein leckeres Essen, nicht so etwas wie der Ort der Zufriedenheit, des Glückes und des Friedens."

Und mit einem Blick, der genau dies aussprach, bevor der Dolmetscher die richtigen Worte fand: „Heimat ist für uns der Ort, an dem unseren Kindern geholfen wird.“

Ursprünglich hier.

 

Bildquelle: Joe Buckingham, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 28.11.2016.

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Medizin, Pädiatrie
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Menschlichkeit & Empathie sprechen aus diesem Bericht.Beduerftigen werden die Segnungen der top-medizin zuteil.tadellos.allerdings setzt das fragwürdige Signale,welche die Zahl der Einwanderungswilligen nur noch weiter potenziert!wie verlogen und heuchlerisch ist es,diesen Menschen vorzugaukeln,hier gäbe es langfristig eine Perspektive für sie.aerzte moegen sich über mehr Patienten und verbesserung ihres Umsatzes freuen,die Zeche wird allerdings vom Beitragszahler beglichen!fuer meine eigene Therapie verweigert die KV jegliche Kostenübernahme,obwohl seit 40 Jahren fleißiger Beitragszahler.pech nur,dass diese Therapie hilft,die KV tolerierte leider überhaupt nicht.bei der eigenen Bevölkerung und denen,welche letztendlich durch ihre Beiträge den Medizinbetrieb am laufen halten,hoert die Menschlichkeit und hilfsbereitschaft anscheinend auf? merkwürdig auch,dass die Route in die (wirtschaftlich)potenten Emirate so spärlich frequentiert wird!?
#6 am 03.12.2016 von Robert Mannuss,Dr (Tierarzt)
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Vielen Dank für Ihren Bericht, der endlich einmal über die üblichen medizinischen Fragestellungen hinaus uns einlädt, bei unseren Patienten in größeren Zusammenhängen nachzufragen und nachzudenken. Unsere geflüchteten Patienten können uns allein durch ihre vielfältigen Hintergründe helfen, unsere Arbeit und unser privates Leben aus neuen Perspektiven zu sehen. Sicherlich ist es oft fatal, wenn Menschen in der Hoffnung auf medizinische Wunder mit schweren Krankheiten alles riskieren um hierher zu kommen, aber was macht uns Menschen denn aus, wenn nicht der hoffnungsvolle Wunsch unsere Kinder zu schützen? Einerseits finde ich es entlastend, einfach nur für Patienten zu arbeiten, egal ob geflüchtet oder nicht, ohne politische Hintergrundgedanken. Andererseits würde ich mir wünschen, wir könnten mehr tun für die traumatisierten Kinder der zerrissenen Familien, deren Väter hier in Deutschland vergebens auf Familienzusammenführung hoffen.
#5 am 30.11.2016 von HP Beate Ruttkowski (Heilpraktikerin)
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Karin Schneider
❤️
#4 am 29.11.2016 von Karin Schneider (Gast)
  0
Das klingt ja wie die Weihnachtsgeschichte, nur das Maria und Josef in seine Geburtsstätte zogen. Hier sucht und findet man das Paradies, in dem den Kindern medizinisch geholfen wird und zwar umsonst. Das ist menschlich komplett nachvollziehbar, aber volkswirtschaftlich völliger Unsinn.
#3 am 29.11.2016 von Harald Schneider (Arzt)
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Gast
... und es gibt sie doch, die echten Flüchtlinge... "Nichts treibt den Menschen so sehr an wie das Streben nach Freiheit. Und nichts fällt ihm so schwer, wie die Freiheit dann auch zu leben". Wenn ich traurig bin, gebe ich einem Flüchtling am Bahnhofplatz ein paar CHF dann schüttet mir mein Gehirn eine gewaltige Portion Endorphin aus, und schon ist für mich der Tag gerettet... (Pierre Käch, Kunstmaler)
#2 am 29.11.2016 von Gast
  6
Das kann ich gut nachvollziehen. Dort, wo es den Kindern gut geht, wo man ihnen Sicherheit und Geborgenheit bieten kann, ist der beste Ort zum Leben. Dort möchte man bleiben und fühlt sich schnell heimisch.
#1 am 29.11.2016 von Annika Diederichs (Tierärztin)
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