Nach der Schicht zum Kinderarzt

08.11.2016
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Der Vater sitzt neben der Untersuchungsliege und stöbert im iPhone. Der Sohn, sowas wie dreieinhalb, schaut mich aus großen Augen an. Er wundert sich wohl, wo er hier gelandet ist.

„Hallo“, sage ich. „Kinderdok.“ Und schüttele dem Vater die Hand. Hebe die Hand zum Indianergruß und „Wer bist Du?“ zu dem Jungen.
 „Marlon-Tim“, sagt der Vater. Das iPhone wird in der Brusttasche seines Hemdes versenkt.


Ich mache eine Geste, als sei ich überrascht, dass die Antwort von ihm kommt, tippe Marlon-Tim auf die Nase und frage, ob das stimme.
 „Ja“, sagt der Vater.


Na gut. Dann eben so.
 „Was hat er denn?“, frage ich. Marlon-Tim wirkt gesund, er grinst, fährt mit einem Matchbox-Auto das Hosenbein hoch und runter und brrrummt vor sich hin.


„Wenn ich das wüsste, wäre ich ja nicht hier“, sagt der iPhone-Vater.
 Ja, richtig. Wie konnte ich. Tolle Pointe.


„Warum sind Sie denn gekommen?“ Ich formuliere die Frage anders, Hohes Gericht.
 „Der ist krank“, sagt iPhone. „Oder, EmTii?“ – Das sagt er wirklich. EmTii.

„Was genau?“ – „Schnupfen ... glaub ich.“ – „Schon länger?“ – „Ach, und Husten. Meine ich.“ Er nestelt an seinem iPhone. Jetzt ruft er gleich um Hilfe.


„Hat er auch Fieber gehabt?“ – 
„Keine Ahnung. Glaub nicht. Oder, EmTii?“ – „Brrrrrumm“.
 – „Okay. Hustet er denn nur nachts oder auch tags?“ – „Weiß nicht. Nachts. Nachts. Doch, nachts. Sagt meine Freundin.“– „Haben Sie schon was gegeben?“ – „Man, Sie stellen Fragen!“

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„Hat Mama Dir was gegeben? Saft oder was?“, fragt er seinen Sohn. 
Marlon-Tim zuckt mit den Schultern. Der Porsche ist kurz vor der Zielgeraden.
 „Geht denn was rum im Kindergarten? Bei Ihnen in der Gruppe?“ – „Hä? Was? Neee, glaub nicht. Oder doch. Die sind doch immer alle krank, oder?“

„Wie hat er denn heute nacht geschlafen?“ – „Weiß ich nicht. Ich hatte Spätschicht. Dann habe ich geschlafen.“ – „Hat er da gehustet?“ – „Was weiß ich? Wenn ich schlafe, hör' ich nix mehr. Gar nix.“

Wahrscheinlich ist der arme Mann nach dem Aufwachen von seiner Freundin verdonnert worden, Marlon-Tim zum Doktor zu fahren, mit Anweisungen, die den Aussagen, die ich hier zu hören bekommen habe, ähneln. „Fährste mal zum Kinderdok. EmmTii hat ’ne Erkältung. Aber lass Dich nicht wieder ohne Rezept abwimmeln.“

Tolle Anamneseerhebung, oder? Hinfort mit allem, was Du dazu im Studium lernst: Geschlossene Fragen, offene Fragen. Vergiß es einfach. Manchmal wünsche ich mir, die Kinder kämen alleine. Marlon-Tim könnte vielleicht mehr von sich und seinem Schnupfen erzählen als dieser Vater.

Nun ja. Wirklich krank war der Junge sowieso nicht. Das hatte ich mir aber schon gedacht, als ich durch die Tür kam.
Tja, und ein Rezept gab’s wirklich nicht.

Ursprünglich hier.

 

Bildquelle: Moritz Dittmar, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 14.11.2016.

75 Wertungen (4.95 ø)
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Medizin, Pädiatrie
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Peter Asel Med.Journ.
Klasse Beschreibung. Hätte Ephraim Kishon sicher übernommem
#14 am 01.12.2016 von Peter Asel Med.Journ. (Gast)
  0
Gast
Moin, im KH gibt es doch immer die netten Handy-Verbotsschildchen. Warum gibt es die nicht an der Tür des Behandlungszimmers? Darauf kann man dann hinweisen, ohne dass das Elternteil das Gesicht vor dem eigenen Kind verliert. Leider denken viele oft ... was nicht verboten ist, das ist erlaubt.
#13 am 21.11.2016 von Gast
  1
Mutter kommt mit etwa 4 Jährigem Jungen in die Praxis ( Handy&Tablet in den Händen) der soll Ruhig werden hat DR. gesagt und ohne mich auch nur Einmahl anzugucken wollte sie auch gleich zur Tür hinaus. Das erlebt in meiner Praxis für Musik&Klangtherapie ich war Sprachlos. Peter Filter Musiktherapeut
#12 am 15.11.2016 von Peter Filter (Psychotherapeut)
  2
Meine Empfehlung: eigenes Handy raus, beim Verlassen des Behandlungszimmers sagen, daß Vater einen Plan, gerne Frageliste machen soll, bis ich wiederkomme. Wenn nötig, wiederholen.
#11 am 15.11.2016 von Dr. med. Bodo Mees (Zahnarzt)
  3
Mit meinen Patienten habe ich meistens dieselben Schwierigkeiten,- da wird in einigen Fällen ein Kind mit dem armen Tier , von seinen Eltern ,die keine Zeit haben , einfach losgeschickt , mit dem Auftrag " der Doktor soll gucken was es hat . Als Folge davon wird die Untersuchung erweitert, der Zeitaufwand ist größer und die Rechnung dementsprechend. Danach heißt es " zu dem Halsabschneider kannst du mit deinen Tieren nicht hingehen "
#10 am 14.11.2016 von Dr. med.vet. Öistein Gaarden (Tierarzt)
  0
Gast
Wie wäre es mit Störsendern in der Praxis? Ist das legal?
#9 am 14.11.2016 von Gast
  0
Gast
"Der Name der Kinder ist die Diagnose der Eltern!" ...sagte zumindest immer eine Kinderärztin an der Klinik, in der ich Turnus gemacht habe. Immer wieder treffend, wie ich finde.
#8 am 14.11.2016 von Gast
  1
Da bin ich ja richtig froh,daß ich Zahnarzt bin. Erstens ist die Diagnostik im Allgemeinen einfacher, zweitens herrscht bei uns noch ein wenig Respekt. ( Macht es die Angst vor der Behandlung, die doch trotz aller Aufklärung noch vorhanden ist?) Der Artikel spiegelt das heutige Niveau, das immer schlechter wird. Man kann sich gut vorstellen, wie die Erziehung in Familien dieser Schicht abläuft. Wahrscheinlich war die eigene Erziehung der Eltern auch nicht besser. Ich bedaure die Kinder, die aus diesem Teufelskreis nicht herauskommen werden.
#7 am 14.11.2016 von Dr. med.dent Günter Maneck (Zahnarzt)
  2
Gast
Ich les' das grade, lach' mich tot -allerdings nur wegen der gelungenen Beschreibung - denn eigentlich ist es traurig in seinem ganzen Ausmaß der gnadenlosen Ignoranz ihren Kindern gegenüber und den übrigen Mitmenschen auch... und das kommt mir soooo bekannt vor. Selbst während der Untersuchung des Kindes wird gedaddelt was das Zeug hält! Hin und wieder-wenn ich glaube, dass es sich lohnen könnte- halte ich direkt einen Moment inne und beobachte nur. Wenn ich Glück hab', tauchen Papi oder Mami auf aus den Abgründen des Internets oder der Appsenwelt (von Betroffenheit keine Spur) . Manchmal ist dann auch noch eine Anamnese möglich. Aber! Oft wirds nicht besser :-)
#6 am 14.11.2016 von Gast
  0
Gast
Guten Tag. Toller Beitrag. Einerseits sehr erheiternd, andererseits sehr deprimierend ( (darf ich diese Anamnese Erhebung als realistisches, auf das Leben vorbereitendes Exemplar (Dozententätigkeit im Unterricht verwenden?) In der Gerontopsychiatrie nennen wir das Validation. Mit Vergreisung hat dieses Beispiel eher weniger zu tun, es spiegelt aber das seit langem akut kränkelnde Gesellschaftliche zusammenleben mit chronifizierter Perspektive wieder. Es ist eine sehr traurige Bilanz unter dem Synonym Globalisierte - Verbalisierende Weltanschauung. Allerdings ohne Sarkastisches Gedankengut aufkeimen lassen zu wollen!
#5 am 14.11.2016 von Gast
  0
Dr. Gerd Kruse
Typisch schon der Name! Empty war wohl nicht gut drauf! Das Päärchen hätte ich nach Hause geschickt, mit der Aufforderung, wieder zu kommen, wenn sie mir zu den Beschwerden was sagen könnten. Entweder kommen sie dann beim nächsten mal mit brauchbaren Angaben oder sie stehlen einem nicht noch einmal Zeit und bleiben ganz weg. Das wäre dann für mich auch OK.
#4 am 14.11.2016 von Dr. Gerd Kruse (Gast)
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Gast
Wie komme ich bloß von "EmmTii" zu der Assoziation "empty"?
#3 am 14.11.2016 von Gast
  0
Gast
Beinahe täglich zu erleben. Und es wird schlimmer von Jahr zu Jahr. Bin seit 30 Jahren Kinderärztin.
#2 am 14.11.2016 von Gast
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Wunderbar beobachtet!!!
#1 am 08.11.2016 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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