Klinikbetten-Kasperle-Theater?

29.10.2016
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Die Leopoldina in Halle an der Saale ist eine 1652 gegründete Wissenschaftsakademie. Sie ist „der freien Wissenschaft zum Wohle der Menschen und der Gestaltung der Zukunft verpflichtet. Mit ihren rund 1.500 Mitgliedern vereint die Leopoldina hervorragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und zahlreichen weiteren Ländern.“ So heißt es offiziell ...

8-Thesenpapier

Doch was sich da die altehrwürdig-versnobt-verstaubte „Leopoldina“ mit einem aktuellen 8-Thesen-Papier und dem monoman-besserwisserischen Titel „Nationale Empfehlungen – Zum Verhältnis von Medizin und Ökonomie im deutschen Gesundheitssystem (2016)“ geleistet hat, ist ebenso dilettantisch wie bildungsfern: „Die Medizin hat die Aufgabe, Krankheiten – soweit möglich – zu heilen, zu lindern und ihnen vorzubeugen. Der Patient muss sich darauf verlassen können, dass Ärzte und das medizinische Fachpersonal nur entsprechend dieser Aufgabe handeln“, heißt es dort.

Leben retten heißt nicht gleich heilen

Auf die Idee, dass Ärzte in Deutschland häufig zunächst ohne Ansehen der Person erstmal Leben retten und sichern müssen, bevor es zu irgendeinem Heilungsansatz kommen kann, darauf sind die selbst ernannten „Gesundheits- und Ökonomie-Experten“ nicht gekommen. Stattdessen „vergisst“ die Leopoldina völlig, dass das ärztliche Motto „Retten, Heilen, Lindern, Schützen“ lauten muss. Vergleichbar mit dem globalen Leitmotiv aller Feuerwehren: „Retten, Löschen, Bergen, Schützen“.

Falsche Arbeitsplatzbeschreibung

Die Leopoldina will uns Ärzten in Klinik und Praxis allen Ernstes eine Arbeitsplatzbeschreibung mit „Krankheiten – soweit möglich – zu heilen, zu lindern und ihnen vorzubeugen“ andienen, mit der die eminent wichtige und klinisch besonders relevante Rettungs-, Notfall- und Intensivmedizin schlichtweg unterschlagen werden.

Populistische Vergleiche

Die Vergleiche sind populistisch gewählt: Man nehme staatliche Einheitskrankenversicherungssysteme mit universeller Datenerfassung und „gläsernen“ Bürgern, deren Schritte in Richtung Gesundheit oder Krankheit gnadenlos erfasst, therapiert, korrigiert und ökonomisiert werden. „Vergleicht man die Gesundheits-Outcomes in Deutschland mit denen in Schweden oder Dänemark – Länder, in denen der Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP und die Bevölkerungsstruktur (??) ähnlich sind –, so wird deutlich: Die Qualität der Versorgung und die Efzienzkennzahlen sind in diesen Ländern in Teilen besser.“

Die 8 Thesen

Umdeutung von Krankheit in Gesundheit

Doch diese 8-Thesen führen neben der Negierung von „Krankheiten“ und ihre Umdeutung in „Gesundheiten“ zu nichts anderem, als dem Primat der Ökonomie über die Medizin. Medizin und Heilkunde als ärztliche Professionen verkommen zu seelenlos-reinen Reparatur-, Gesundheits- und Anpassungsdienstleistungen bzw. sollen das Wesen der Krankheiten nicht mehr reflektieren und ausloten. 

Medizin als durchökonomisierte Administration?

Die „Autoren der Thesen“ sind ebenso überwiegend klinikfern wie administrationsaffin: „Fachgebiet Management im Gesundheitswesen, Technische Universität Berlin Stiftung Charité, Sprecher der WK Gesundheit, Lehrstuhl für Öfentliches Recht, Sozial- und Gesundheitsrecht und Rechtsphilosophie, Ruhr-Universität Bochum, Medical-Valley, Erlangen-Nürnberg, Klinik für Infektologie und Pneumologie, Charité Universitätsmedizin Berlin, Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Medizinische Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen“.

Mein Gegenvorschlag:

Jeder Autor der Leopoldina-Thesen verpflichtet sich dazu, mindestens 25 Folgen von „Emergency Room“ (ER) des US-amerikanischen Schriftstellers und Arztes Michael Crichton mit Dr. Douglas „Doug“ Ross (George Clooney) und Anthony Edwards als Dr. Mark Greene anzuschauen, oder die 3 Bücher „Mount Misery“, „The House of God“ und „Doctor Fine“ von Samuel Shem zu exzerpieren.

Aber bei der Leopoldina herrscht wohl nach wie vor das Motto: „Unter den Talaren, Muff von 1.000 Jahren“?

 

Bildquelle (Außenseite): Duncan Hull, flickr

Bildquelle: Bild vom Hôtel-Dieu Beaune/F (1443-1971), Repro copyright Praxis Dr. Schätzler

Artikel letztmalig aktualisiert am 06.11.2016.

53 Wertungen (3.42 ø)
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Clara B
@Dr Eckhoff zum Glück haben noch nicht alle Ärzte die Fibromyalgieleitlinien gelesen, oder für sinnvoll erachtet, sonst würden wir Patienten wahrscheinlich flächendeckend noch schlechter behandelt werden.
#15 am 17.11.2016 von Clara B (Gast)
  1
"Gesundheitsversorgung" - allein in diesem einen Wort steckt die gesamte Unsicherheit unseres Systems. Optimale Systeme sind nicht zu verbessern und benötigen keine Versorgung. Gesundheit ist ein optimaler Zustand. Wer die Gesundheit verbessern will ins ein Anmaßer. Krankheitsminimierung müßte es heißen. Aber da wissen alle, dass dies ein hehrer Auftrag und ein mühsames Geschehen ist. Schauen Sie sich doch die S3-Leitlienien zur Lumbago und zum Fibromylagiesyndrom an.
#14 am 07.11.2016 von Dr Paul-Ulrich Eckhoff (Arzt)
  2
Gast
Das Wohl des Patienten steht auch nicht im Mittelpunkt wenn Ärzte extra darauf hinweisen, dass sie nicht von Pharma gekauft sind. https://www.mezis.de/
#13 am 07.11.2016 von Gast
  7
#10 und an andere Kommentatoren: Natürlich gehören Wissen, Erfahrung, Mut und Unbestechlichkeit dazu, ausgerechnet der Leopoldina den Spiegel vorzuhalten. Und ein großer Teil ihrer 8 Thesen ist weder neu noch originell, sondern müsste längst ausdiskutiert sein. Das Wohl des einzelnen Patenten steht jedoch oft in krassem Widerspruch zu Gesellschaftsinteressen (1). "Geld allein, macht nicht glücklich" (2). Indikatonsstellungen werden durch Wissenschaft, Forschung und Entwicklung, durch Trends, Anspruchs- und Erwartungshaltungen beeinflusst (3). DRG-Systeme sind von der Gesundheitsökonomie selbst entwickelt worden (4). Angesichts von "Pflegenotstand", Arbeitsverdichtung, Rationalisierung, Bürokratisierung, Liegezeitverkürzung und "blutigen" Entlassungen von qualifziertem medizinischen Personal zu konfabulieren, das in weit über 1.000 Kliniken in Deutschland demnach überflüssiger Weise nur herumsteht, ...
#12 am 07.11.2016 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  5
ist einfach keine Debatten-Kultur (5)...Die letzten 3 Thesen sind übrigens bereits mehrfach diskutierte Allgemeinplätze. "Für eine effektive Versorgung reichten 330 Krankenhäuser aus. Derzeit leistet Deutschland sich 1980 Kliniken" behauptet die Leopoldina einfach ins Blaue hinein: http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/versorgungsforschung/article/922394/experten-kliniksektor-aufgeblaeht.html Und wer sich, wie die Leopoldina, nicht mit klinisch relevanter Katastrophen-, Rettungs-, Notfall- und Intensivmedizin beschäftigen will, dem ist einfach nicht mehr zu helfen.
#11 am 07.11.2016 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  5
Ja ja, der Allgemeinarzt von nebenan weiß ja eh immer alles besser! Meine Güte, was für ein schwachs..... "Gegenvorschlag"!!! Und ob die 8 Thesen nun von Medizinern oder Nicht-Medizinern stammen, spielt überhaupt keine Rolle - die Diskussion aller dieser 8 Thesen ist in unserem aktuellen Gesundheitssystem längst überfällig! Und was das alles mit der Notfallmedizin zu tun hat, versteht außer dem Allgemeinarzt von nebenan auch keiner!
#10 am 05.11.2016 von Dr. med. Christian Kirchhof (Arzt)
  15
Gast
Die altehrwürdige Leopoldina wurde von Merkel/Schavan zur Nationalen Akademie aufgeblasen. Da gab es plötzlich Geld, was an den Unis ganz anders aussieht. Und so, quasi staatlich legitimiert und alternativlos, kann man die anderen schon gehörig belehren.
#9 am 04.11.2016 von Gast
  5
Gast
Wieviele Mitglieder der Leopoldina sind Mediziner? Was sagen diese zu den 8 Thesen und den hier publizierten Anmerkungen? Doch nicht etwa nichts - wenn sie schon an den Thesen mitgearbeitet haben.
#8 am 04.11.2016 von Gast
  5
Ich hätte mir gewünscht, wenn die 8 - herumeiernden - Thesen konkret kritisiert worden wären.
#7 am 04.11.2016 von Joachim Bedynek (Chemiker)
  8
Gast
@ Dr. med. Peter Teuschel #2 Völlig weltfremd ist die Diagnostik nach Symptomen in der der Psychiatrie. Dass da irgendwann keiner Geld mehr für zahlen will ist mehr als richtig. http://www.focus.de/wissen/mensch/psychologie/tid-15095/falsche-aerzte-gert-postel-das-kann-auch-eine-dressierte-ziege_aid_423648.html
#6 am 03.11.2016 von Gast
  15
Gast
@ #4: Herr Bischoff? Jetzt anonym?! :)
#5 am 02.11.2016 von Gast
  3
Gast
Die qualitativen Probleme würden sich sehr schnell lösen, wenn a. man dem Patienten mitteilen würde was die Klinik, für die Behandlung verlangt hat und b. die Kasse erst zahlen würde wenn der Patient sein o.k. gibt. Da wären die ganzen Kliniken die nicht anständig arbeiten schneller weg vom Fenster als Ihnen lieb ist. Diese ganze Selbstbedienung, bei der der Patient aussen vor ist, bei den gesetzliche Kassen sollte überdacht werden, dann gäbe es solche Auswüchse für 250 Euro am Tag, die man hier nachlesen kann: http://www.klinikbewertungen.de/klinik-forum/erfahrung-mit-psychiatrisches-krankenhaus-emmendingen mit Sicherheit nicht mehr.
#4 am 01.11.2016 von Gast
  15
@ anonymer Gast #1: Und was machen Sie, wenn Sie einen akuten Myokardinfarkt haben? Richtig geraten! Sie wählen die 112 (Feuerwehr) und fordern, wenn Sie das noch alleine schaffen, einen Notarzt-Wagen an. Dieser Rettungsmediziner wird Ihnen niemals versprechen, Sie zu heilen, aber er wird alles versuchen, um Ihr Leben zu retten. Wenn dann meine Kollegen, seien sie noch so hochwohlgeborene Professoren, schlichtweg v e r g e s s e n, dass es auch so etwas wie eine Rettungs-, Notfall - und Intensivmedizin in ihren Kliniken gibt, dann werde ich das wohl auch als "Allgemeinarzt von nebenan" angemessen kritisieren dürfen! MfG
#3 am 01.11.2016 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  9
Die Kluft zwischen den so genannten "Gesundheitsexperten", insbesondere den "Gesundheitsökonomen" und den Ärzten in der Praxis wird immer größer. Je weiter weg vom Patienten, desto weltfremder die Ideen.
#2 am 01.11.2016 von Dr. med. Peter Teuschel (Arzt)
  4
Gast
Die Experten (übrigens auch ziemlich viele Mediziner, wenn man die Autorenliste liest) haben alle keine Ahnung aber jetzt kommt der Allgemeinarzt von nebenan und erklärt mal wies richtig gemacht wird - mit Verweis auf die Feuerwehr und Emergency Room. Super!
#1 am 01.11.2016 von Gast
  24
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