ADHS : Ist weniger richtiger Behandlung besser ?

28.10.2016
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Kaum ein Thema polarisiert mehr als die Verordnung von Psychostimulanzien bei ADHS im Kindes- und Jugendalter.

Selbst hier auf meiner 2. Blogheimat DocCheck werden Vorurteile zur angeblichen Häufung von ADHS-Medikamenten suggeriert. Ein Mitglied aus der Redaktion möchte uns vermitteln, dass es einen Trend zu einer geringeren Verordnungshäufigkeit von Psychostimulanzien in der multimodalen Therapie der ADHS gibt.

Ich frage mich gerade, ob man eine ähnliche Meldung auch im Bereich Asthma bronchiale oder Diabetes mellitus durch eine Redaktionsprüfung bekommen würde. Angenommen  man würde ermitteln, dass weniger Kinder und Jugendliche nach den Leitlinien der Fachgesellschaften  mit Dosieraerosolen behandelt oder mit Ernährungsberatung, Blutzuckerselbstkontrolle und Insulin bei Diabetes mellitus Typ I behandelt würden.

Würde man dann eine Newsletter-Nachricht schreiben, dass eine weniger Therapie bzw. weniger Umsetzung der Leitlinien einen potentiellen Nutzen für die weitere Lebensqualität und Entwicklung der Kinder hat ?

Zu keinem anderen kinder- und jugendpsychiatrischen Krankheitsbild sind in Untersuchungen die Bedeutung der Pharmakotherapie hinsichtlich Nutzen und Nebenwirkungsprofil so gut untersucht wie bei ADHS. Gerade im Vergleich zu psychosozialen Therapieangeboten, jegliche Formen der Psychotherapie oder medikamentösen Alternativen ist wissenschaftlich klar belegt, dass die Medikation der Goldstandard darstellt.

In Deutschland gibt es zwar eine Übereinkunft aller Experten, dass dieser Goldstandard immer im Rahmen einer multimodalen Therapie (d.h. Aufklärung, Elterntraining) und möglichst auch in Kombination und / oder nach einer Verhaltenstherapie angeboten sein sollte. Klar ist aber für Verhaltenstherapeuten wie Fachgesellschaften, dass ein Verhaltenstherapie ohne Medikation in aller Regel frustran verlaufen muss.

Nicht zu reden von endloser Ergotherapie oder anderen ebenfalls nicht evidenz-basierten Therapievorstellungen.

Wenn man also stolz darauf ist, dass in Deutschland oder Teilen von Deutschland WENIGER evidenzbasierte Pharmakotherapie bei ADHS erfolgt feiert man einen Rückschritt.

 

Werden denn nun zu häufig ADHS-Diagnosen gestellt ?

Auch hier gilt, dass häufig Vorurteile die Meinungsbildung  beherrschen. Die weltweite Prävalenz von ADHS bei Kindern liegt je nach verwendeten Diagnosesystemen bei ca 4,7 Prozent. Würde man den unaufmerksamen Subtyp (speziell auch bei Mädchen) berücksichtigen, werden bis zu doppelt so hohe Häufigkeitsangaben im Kindes -und Jugendalter angegeben.

In allen Studien für Deutschland liegt aber der Anteil der medikamentös behandelten Kinder und Jugendliche eher im Promillebereich. Sicher muss nicht jedes Kind oder Jugendlicher mit gesicherter ADHS-Diagnose auch mit Stimulanzien therapiert werden.

Die in der Öffentlichkeit diskutierten Überschriften auch bei DocCheck legen aber Nahe, dass eine Überverordnung passiert. Weit gefehlt : In vielen Regionen bzw. auch Fachabteilungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie werden eben die eigenen Leitlinenempfehlungen ignoriert, ja die blosse Existenz der Diagnose in Frage gestellt.

Hier erfolgt dann eben gerade keine evidenzbasierte Behandlung. Die Kinder und ihre Familien werden eben dann auf eine auf Meinungen und veralteten Einstellungen fussende Überzeugungsmedizin zurückgeworfen. Nicht aber ein Behandlungsangebot nach modernen Kriterien im Sinne von Wissenschaftlichkeit gemacht.

Das finde ich traurig.

 

Kritik nicht an der Verordnung sondern an der Begleitung

 

Wenn man Kritik an dem Einsatz von Medikamenten im Kindes- und Jugendalter bei ADHS üben will und muss, dann weniger an der Verordnung bzw. der klaren Indikationsstellung. Kritik muss an der mangelhaften Begleitung der Familien hinsichtlich Aufklärung, Einnahme und Überwachung und den einsetzenden Veränderungen im Verlauf der Therapie geübt werden.

Natürlich wäre es erforderlich, dies mit familientherapeutischen Angeboten zu kombinieren. Einerseits weil die hohe genetische Prädisposition eben dazu führt, dass ein oder beide Elternteile auch ADHS haben. Unbehandelt wird dann die Adhärenz hinsichtlich der Therapie bzw. regelmässige Abgabe der Medikation sicher erschwert sein. Andererseits aber auch, weil häufig eben weitere Geschwister bzw. das Familiensystem unter der Gesamtsituation leidet. Und hier zeigen wiederum die Untersuchungen, dass die Lebensqualität mindestens so stark in den Familien reduziert ist, wie eben bei anderen chronischen Erkrankungen wie Asthma oder Diabetes.
 

Gerade heute habe ich mit einem Kollegen (Familientherapeut) in der Kinder- und Jugendpsychosomatik eine Familie diskutiert, deren Indexpatient mit Elvanse behandelt wird. 2 Adoptivschwestern fallen aber mit Trennungsängsten auf. Die Familie sucht seit Monaten nach Unterstützung und Hilfe, da jetzt bei allen 3 Kindern eine Zunahme von Symptomatik auffällt. Hier wären übergreifende Angebote erforderlich. Doch gerade hier mauern dann die Kostenträger bisher.

Die Behandlung beschränkt sich also auf Kontakte mit der örtlichen Kinder- und Jugendpsychiatrie im Quartalsabstand zur Überprüfung der Medikation.

 


Nicht weniger Therapie ist die Antwort. Sondern eine multimodale Unterstützung der betroffenen Familien.

 

Artikel letztmalig aktualisiert am 28.10.2016.

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Medizin
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Gast
…und das ADHS eben nicht einfach mit dem 18. Lebensjahr verschwindet, sondern bis zum Lebensende besteht, sieht man z.B. am Medicus-Autor Noah Gordon, der erst im Alter von 70 Jahren mit ADHS diagnostiziert wurde: http://www.noz.de/deutschland-welt/kultur/artikel/803168/medicus-autor-noah-gordon-wird-90-jahre-alt “Nur wenige Fans der ab 1986 erschienenen „Medicus“-Triloge, die die Medizinerdynastie der Familie Cole im Mittelalter beschreibt, werden von der Tortur wissen, der Gordon sich beim Schreiben unterziehen musste. Wegen einer erst im Alter von 70 Jahren diagnostizierten Aufmerksamkeitsdefizit-Störung (ADHS) quälte Gordon sich oft über Stunden, um klare Gedanken zu fassen und zu Papier zu bringen. „Eine Fülle, ein Überangebot schneller Gedanken“ sei ihm dabei durch den Kopf gerauscht, sodass er sich übermäßig stark konzentrieren musste, um gedanklich überhaupt bei einem Thema zu bleiben. “
#5 am 10.11.2016 von Gast
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Gast
Familientherapeutische Hilfe zu bekommen, ist -nach unserer Erfahrung- schlichtweg nicht möglich. Man wird vom Jugendamt regelrecht "verarscht", wenn ich das so mal ausdrücken darf. Denn als Elternteil, der schon alle Register gezogen hat, und nur abgewimmelt wird (wir sind in der Zwischenzeit drei mal umgezogen, jedes mal ein anderes Jugendamt, jedesmal andere fadenscheinige Ausreden), dann versucht man als sonst positiv eingestellter Mensch das Beste aus der Situation herauszuholen... während man gegen weitere Windmühlen kämpft, wie z.B. beratungsresistente Lehrer und veraltete Schulsysteme... Was das alles dem Gesundheitssystem am Ende kosten wird, wenn meine betroffenen Kinder letztendlich keine geeigneten Hilfen nutzen können (und wir bekommen es mehr als deutlich jetzt schon zu spüren), kann sich jeder halbwegs logisch denkende Mensch selbst vorrechnen... Es ist einfach nur traurig.
#4 am 30.10.2016 von Gast
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Gast
mal so zwei wörter zum "Goldstandard" ich bin 54, spätdiagnostiziert, verfüge selber über eine ausbildung zur psychotheraputhin HPG , war durch meine tochter immer im thema drinn, und hab durch meine arbeit (wechselschicht) gar keine zeit, und auch keine lust und vor allem keine energie mehr übrig um mich mit nem therapeuten der nicht adhs oder autistisch ist, darüber zu streiten, warum seine kenntnisse veraltet sind, und streite mich grade mit der kasse um meine unretardierten medikamente, ich hab die retard dinger ausprobiert und vertrag die nicht
#3 am 30.10.2016 von Gast
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Gast
Bei Harry Potter Teil 5 ...u.d.Orden des Phönix sagt der Vater von Ron Weasly vor der Tribunal-Anhörung: "Wie die Muggel sagen: Die Wahrheit wird siegen." Das sehe ich auch hier so. Nur müssen hier die Muggel einsehen, daß ihre Sicht der Welt eingeschränkt ist.
#2 am 28.10.2016 von Gast
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Gast
Und ohne hier in eine Ecke mit gängigen Verschwörungstheoretikern gestellt zu werden: Das Zurückgehen der medikamentösen Therapie und Verordnung entsprechender Präparate dürfte doch eher mit einem systematischen Mobbing gegen niedergelassen ADHS-Therapeuten, dem generellen Zurückdrängen der Niedergelassenen, ständiger Regressgefahr (viele Ärzte würden ja wohl gerne mehr ADHS-Medikamente verordnen, trauen sich aber schlichtweg nicht, um nicht ins Visier des Systems zu geraten) und sonstiger Kampagnen der institutionalisierten ADHS-Gegnerschaft und eben nicht durch die standardmäßig angeführte Beschränkung der Verordnungsfähigkeit auf Psychiater, Neurologen, Kinderärzte und nicht mehr Allgemeinmediziner zu tun haben.
#1 am 28.10.2016 von Gast
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Nun haben sie dazu ja auch erstmal jede Berechtigung, schließlich sind viele der Patienten aufgrund von mehr...
Ich gebe zu : Ich bin gefährdet bzw. möglicherweise betroffen. Wenn es denn das "Text neck" überhaupt mehr...
Eigentlich ist der Trend ja schon wieder vorbei. Oder? Fidget Spinner haben derzeit eine riesige Nachfrage und nerven mehr...

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