Die dümmste Diagnose in der Psychiatrie

27.10.2016
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Die Diagnose „Anpassungsstörung“ bedeutet nicht, dass wir uns mehr anpassen sollen.

Die dümmste Diagnose in der Psychiatrie ist gleichzeitig eine der häufigsten. Dass wir auf belastende Ereignisse in unserem Leben emotional reagieren, wird jedem einleuchten. Diese Reaktionen umfassen, wenn sie ausgeprägter sind als „normal“, Angst, Depression, Gereiztheit, sozialer Rückzug, Schlafstörungen, Gedankenkreisen und anderes mehr.

Dass ich „normal“ in Anführungszeichen gesetzt habe, hat seinen Grund. Die „Normalität“ einer Reaktion auf Belastungen ist schwer zu definieren.
 Wenn z.B. ein Haustier stirbt, hängt die Reaktion des Besitzers von vielen Faktoren ab: Wie alt war das Tier? Hat es den Besitzer durch schwierige Lebensphasen begleitet? War es treu, als sich alle Freunde abgewendet hatten? War es der einzige Trost in schweren Zeiten? Oder war das Tier lästig, hat die Urlaubsplanung erschwert, hat viel Geld gekostet und die Wohnung verunreinigt?

Kriterien für eine Anpassungsstörung

In diesem Spektrum zwischen einer von außen noch als „normal“ oder schon als „übertrieben“ gewertete Reaktion auf Belastungen findet sich die dümmste Diagnose der Psychiatrie: Die Anpassungsstörung (ICD F43.2).

Hier sind die diagnostischen Kriterien der ICD 10, durch die eine Anpassungsstörung charakterisiert ist (nach Wikipedia):

A. Identifizierbare psychosoziale Belastung, von einem nicht außergewöhnlichen oder katastrophalen Ausmaß; Beginn der Symptome innerhalb eines Monats.

B. Symptome und Verhaltensstörungen, wie sie bei affektiven Störungen (F3) (außer Wahngedanken und Halluzinationen), bei Störungen des Kapitels F4 (neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen) und bei den Störungen des Sozialverhaltens (F91) vorkommen. Die Kriterien einer einzelnen Störung werden aber nicht erfüllt. Die Symptome können in Art und Schwere variieren.

C. Die Symptome dauern nicht länger als sechs Monate nach Ende der Belastung oder ihrer Folgen an, außer bei der längeren depressiven Reaktion (F43.21). Bis zu einer Dauer von sechs Monaten kann die Diagnose einer Anpassungsstörung gestellt werden.

Früher war mehr Reaktion

Von dem Fachchinesisch, das vor allem unter Punkt B aufgeboten wird, soll sich bitte niemand verwirren lassen. Die Quintessenz ist: Es passiert etwas in unserem Leben, und wir reagieren darauf mit einem krankheitswertigen Zustand.

Früher, also zu Zeiten der neunten Revision der Diagnosesammlung ICD, hieß die Anpassungsstörung noch „psychogene Reaktion“. Das ist zwar auch nicht sehr schick, aber es sagt deutlicher, worum es sich handelt.

Was habe ich gegen die Formulierung „Anpassungsstörung“?

Mal angenommen, Sie bekommen diese Diagnose. Was wird Ihre Reaktion sein? „Anpassungsstörung, hmmm, das heißt ich muss mich besser anpassen, oder wie?“ So reagieren sehr viele Menschen.


Letztlich ist gemeint, dass es bei dieser Diagnose nicht gelingt, sich innerhalb einer bestimmten Zeit an die geänderten Lebensumstände anzupassen. Das wiederum setzt voraus, dass jeder, der sich, um beim obigen Beispiel zu bleiben, nicht an ein gesellschaftlich akzeptiertes Maß an zeitlich und inhaltlich begrenzter Trauer um das Haustier hält, eine psychiatrische Diagnose bekommt. Das ist an sich schon etwas befremdlich, aber immerhin dadurch zu rechtfertigen, dass in einem solchen Fall professionelle Hilfe und Begleitung erforderlich sein könnte. Beim Vorliegen einer Diagnose zahlt das dann die Krankenkasse oder Versicherung.

Anpassen? Nein, danke.

Der eigentümliche Beigeschmack aber, den der Begriff „Anpassungsstörung“ hat, bleibt bestehen.
 Ich bin mittlerweile dazu übergegangen, allen Patienten, die diese Diagnose erhalten, zu erläutern, dass damit keineswegs ausgesagt werden soll, sie müssten sich besser anpassen.

Unsere Sprachwirklichkeit assoziiert mit dem Begriff „Anpassungsstörung“, dass jemand unangepasst ist.

Und genau das trifft so nicht auf Patienten mit reaktiven Störungen zu. Gemeint ist vielmehr, dass sie lernen müssen, mit der neuen Situation in ihrem Leben besser umzugehen, sie zu bewältigen, sie zu ertragen.
 Sich „mehr anzupassen“ wird man dagegen eher einem sozial unverträglichen Menschen nahebringen müssen.

Sprachlich missverständlich

Gerade in einer Situation, in der ich als Psychiater oft der einzige Mensch im Leben des Patienten bin, der seine ausgeprägte Reaktion auf den Tod der Katze oder des Hundes versteht, muss ich ihm die Diagnose „Anpassungsstörung“ geben. Das kann einen Keil in die Beziehung zwischen Arzt und Patient treiben. 
Die Zeit, die ich investiere, um meinen Patienten zu erklären, dass diese Diagnose etwas signalisiert, was keinesfalls gemeint ist, könnte ich sicher mit etwas Sinnvollerem zubringen.

Die Diagnose „Anpassungsstörung“ ist die sprachlich missverständlichste und deshalb die dümmste Diagnose in der Psychiatrie.

Peter Teuschel

 

Bildquelle: Eric Simard Fotolia.com

Artikel letztmalig aktualisiert am 02.12.2016.

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Medizin, Psychiatrie
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Petra Zilka
Die Diagnose Anpassungsstörung wir anscheinend gerne von Medezinischen Gutachtern benutzt damit einige Versicherungen berechtigte Leistungen ablehnen können.
#12 am 05.06.2017 von Petra Zilka (Gast)
  0
PP
Artikel schreiben um etwas geschrieben zu haben? Artikel veröffentlichen um etwas veröffentlicht zu haben? Eine Diagnose die per definitionem in einem überschaubaren Zeitraum erfolgreich behandelt werden kann, haben wir im Kapitel V des ICD-10 eher selten. Das Problem, das der Autor mit dieser eigentlich sehr patientenfreundlichen Diagnose zu haben scheint, deutet auf seine Unwilligkeit oder Inkompetenz hin sie dem Pat. auch so zu erklären und ihm damit Hoffnung zu machen, was man eigentlich, zumindest als Psychotherapeut, auch macht. Das scheint mir eher der dümmste Artikel zu sein, da er sehr gut geeignet ist diese Plattform in Verruf zu bringen. Schade! Daher verwundern auch nicht die freien Assoziationen der bisherigen Kommentare.
#11 am 09.11.2016 von PP (Gast)
  13
Gast
Es ist daher nicht abwegig zu vermuten, dass es in solchen Fällen leicht zu sozialen Spannungen im Umfeld des "Psychiatrieerfahrenen" kommen kann, die eskalieren können und dann letztendlich zu einer erzwungenen stationären Einweisung führen. Diese "Abwärtstreppe" kann auch -wie man sich erinnert - politisch genutzt werden......
#10 am 08.11.2016 von Gast
  2
Gast
Wenn es möglich ist, dass ein Postbote (Gert Postel) sich in der klinischen Psychiatrie bis zum Leitenden Oberarzt der Psychiatrie in Zschadraß,Sachsen, hochstapelt,darüberhinaus auch als Weiterbildungsbeauftragter der sächsischen Landesärztekammer im Bereich Psychiatrie, Vorsitzender eines Fachärzteausschusses und Leiter des Maßregelvollzugs tätig war, dann stimmt doch wohl etwas in diesem Fachgebiet etwas nicht ! Gert Postel SELBST gibt dazu eine Erklärung:„Die Psychiatrie ist ein Fach, das von Wortakrobatik lebt“, erklärt Postel. Als Thema seiner Doktorarbeit gab er die „Kognitiv induzierte Verzerrung in der stereotypen Urteilsbildung“ an. „Das ist eine Aneinanderreihung leerer Begriffe." Vielleicht sollte man sich auch mal Gedanken darüber machen, welche Folgen eine übertriebene psychiatrische Symptomendiagnostik" zeitigt:Wie Frau B.Schmid schon bemerkte ist ein psychiatrischer Befund immer schon per se abwertend, evtl. sogar stigmatisierend.
#9 am 08.11.2016 von Gast
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das ist sowas wie schlecht eingestellter Diabetes als Diagnose
#8 am 08.11.2016 von Dr. med. Claus Kann (Arzt)
  1
Gast
Als Pat. ist man schon ganz beruhigt, wenn man sieht, daß der große Arzt grundsätzlich in derselben Lage ist wie man selbst ("Antriebsschwäche, Depression" etc.). Das ging mir auf, als hier das "Exekutivfunktionsdefizit" erörtert wurde... Vieles ist halt einfach die Unfähigkeit, sich zu organisieren bzw. gibt es äußere Umstände, die solche Defizite entstehen lassen, die dann als Fehlleistungen negativ aufgenommen werden. (mein Doktor kommt mit seiner "Ablage" auf der Pat.- Liege auch seit Jahren nicht weiter...)
#7 am 08.11.2016 von Gast
  2
Gast
#4 Dann geben Sie ihm doch eine Andere, Diagnose die ihm Besser gefällt. Zur Heilung einer psychischen Erkrankung ist folgendes Notwendig. 1. Der Patient braucht ein Diagnose mit der er sich identifizieren kann. 2. Der Patient muss Vertrauen in die Kompetenz des Therapeuten haben. 3. Der Patient muss die Hoffnung haben dass sein Leiden heilbar ist. 4. Der Patient muss Vertrauen haben, dass die Therapie wirkt. Ob sie ihm dann die Hand auflegen oder eine Nadel in den Fuß stechen ist gleich. Siehe u.a. den Hype um Antidepressiva, der fast nur auf dem Placeboeffekt beruht.
#6 am 08.11.2016 von Gast
  12
Diagnosen in der Psychiatrie disqualifzieren den Pat. per se - es gibt keine geselschaftlich aufwertenden Diagnosen. Die "Anpassungsstörung" schützt m.E. den Pat. noch am besten, weil er eine Dynamik und Hoffnung auf Besserung impliziert und keine der belasteten Diagnosen enthält
#5 am 08.11.2016 von Dr. med. Barbara Schmid (Ärztin)
  3
Psych. Psychotherapeutin
Ja, der Name dieser Diagnose ist absolut missverständlich und es nervt dies den Patienten immer erklären und sich quasi für das ICD entschuldigen zu müssen. Manche Patienten irritiert es trotz Erklärungsversuch. Aber der Abschnitt F könnte ohnehin eine Überarbeitung der Begriffe gebrauchen. Bspw. das Wort Persönlichkeitsstörung einem Patienten wertfrei zu erklären kann auch sehr mühevoll sein...
#4 am 04.11.2016 von Psych. Psychotherapeutin (Gast)
  1
@ Dr. med. Thomas Georg Schätzler Der Unterschied der Somatik zu Psychiatrie ist allerdings, dass man nicht deswegen weil die Schmerzen mit Schmerzmittel wie z.B. Morphium verschwinden, behauptet "Bauchweh" wäre eine "Morphiumstörung". Genau das macht die Psychiatrie mit der "Dopaminhypothese" bzw. jetzt wieder mit der Glutamathypothese. http://news.doccheck.com/de/newsletter/3612/22416 Sondern in der Somatik wird man, im Gegensatz zur Psychiatrie, versuchen der Sache auf den Grund zu gehen. In der Psychiatrie allerdings, nimmt man wenn der Patient die Ursache benennen kann diesen oft nicht ernst. Zitat einer Assistenzpsychiaterin auf einer Tagung: "Wenn uns einer von einer Traumatisierung erzählt, sollen wir das den ernst nehmen, wir haben das die ganze Zeit als Teil des Wahns abgetan." Wie schreibt Thomas Insel der Leiter der NIMH: "Patients with mental disorders deserve better." https://www.nimh.nih.gov/about/director/2013/transforming-diagnosis.shtml
#3 am 29.10.2016 von Johannes Georg Bischoff (Psychologe)
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Selbstverständlich sind Beschwerden wie "Bauchweh" mögliche Krankheitssymptome nach ICD 10 GM und begründen z. B. "abwartendes Offenlassen" in Somatik und Psychosomatik: ICD 10 GM (2015) R10.0 Akutes Abdomen Inkl.: Starke Bauchschmerzen (generalisiert) (lokalisiert) (mit Bauchdeckenspannung) - R10.1 Schmerzen im Bereich des Oberbauches Inkl.: Dyspepsie o.n.A., Schmerzen im Epigastrium Exkl.: Funktionelle Dyspepsie (K30) - R10.2 Schmerzen im Becken und am Damm - R10.3 Schmerzen mit Lokalisation in anderen Teilen des Unterbauches - R10.4 Sonstige und nicht näher bezeichnete Bauchschmerzen - Inkl.:Druckschmerzhaftigkeit des Bauches o.n.A. Kolik: beim Säugling und Kleinkind Kolik: o.n.A.
#2 am 29.10.2016 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  3
Die Dümmste Diagnose in der Psychiatrie ist mit Abstand die "Schizophrenie". Sie ist eine reine Symptomdiagnose, nichts anderes als "Bauchweh". Der einzige Zweck ist die Diffamierung und Labelung des Diagnostizierten. Herauszufinden, dass sich dahinter somatische Erkrankungen wie Autoimmunerkrankung, Schildrüsenunterfunktion oder eine schwere Traumatisierung versteckt kann dazu sind die Mitglieder der Zunft die sich auch Ärzte nennt nicht in der Lage. Siehe: https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article114768482/Die-schlechtesten-Studenten-werden-Psychiater.html Zu Anpassungsstörungen kommt es nicht weil "Haustier stirbt", sondern u.a. beim Verlust des Arbeitsplatzes nach langjähriger Tätigkeit in ein und der selben Firma, oder bei einem Unfall oder einer schweren Erkrankung die das Leben massiv einschränkt. Die Herren Psychiater diagnostizieren dann natürlich lieber ein "Depression".und verschreiben "Antidepressiva".
#1 am 27.10.2016 von Johannes Georg Bischoff (Psychologe)
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