48 Stunden, Teil I

25.10.2016
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Da wären sie also. Die 48 Stunden Dienst, die vor mir liegen. Menschenhandwerkerin als einzige chirurgische Oberärztin im Hause, und weil es bei den KollegInnen der Unfallchirurgie Personalmangel gibt, bin ich für die Verunfallten so nebenbei auch die Ansprechperson.

Sieben Uhr. Ich stehe noch zuhause, am Zähneputzen, kurz davor, mich auf das Rad zu schwingen, um in die hiesige Klinik zu radeln. Das Telefon klingelt, die Nummer kommt mir bekannt vor. Die Assistenzärztin ist am Telefon, Frau Darmkrebs gehe es nicht gut, die Angehörigen sind verständigt und kommen vorbei. Frau Darmkrebs wurde schon mehrmals operiert und ist jenseits der 80. In der Klinik angekommen beginnt der Dienst also mit einem Tod. Frau Darmkrebs hat sich verabschiedet.

Es folgt die Visite, Bäuche werden untersucht, zwischendurch Angehörigengespräche geführt (Was hat meine Mutter nun genau? Wann darf er nachhause? Was wurde genau bei der Operation gemacht?), Drainagen gezogen, Wunden kontrolliert und Lungen abgehört. Das Telefon läutet, Konsile werden angemeldet (liegen PatientInnen für Konsile absichtlich immer am anderen Ende des Hauses? Ich bin rechts unten, wo liegt Frau Bauchweh? Achso, links oben!) und sonstige Fragen beantwortet.

Es ist Mittag. Auf der Notaufnahme häufen sich die wehen Bäuche und Perianalabszesse und inkarzerierten Hernien. Dort angekommen läutet das Telefon, ein Patient auf der Station könne nicht mehr urinieren, habe massive Schmerzen und sei generell am dekompensieren. Leider ist der besagte Patient geschätzte 500 kg schwer (okay, 120 waren es wirklich), der Bauch ist durch die Fettschicht schwer zu beurteilen, ein Katheter lässt sich nicht legen bei einem Tumor, der auf die Harnröhre drückt, machen wir halt einen Zystofix! Ein Blick auf die Medikamentenliste verscherzt ihm und mir den Zystofix: Clopidogrel. Grml. Da sticht man nicht gerne mit einer riesigen Kanüle durch die Bauchdecke. Na gut, fragen wir  mal den Urologen. So so, wir sollen es einfach mit einem doppelt so dicken Katheter probieren und ordentlich vorschieben, nicht so zimperlich, und gleichzeitig den Katheter anspülen. Da könne man nichts perforieren. Huaaaa. Angst. Letztendlich funktioniert es so aber doch. Der Katheter liegt, alle sind zufrieden, weitere Arbeit ruft.

Fünf Minuten später meldet sich die Pflege, der Patient habe nun einen Blutdruck von 60 auf 30. Und reagiere nicht mehr so wirklich. Trotz großzügiger Volumengabe. Hmpf. Intensivstation. Irgendwann ein Blick auf die Uhr, es ist später Nachmittag. Der nächste Blick: es ist Abend. Es wird ruhiger, die PatientInnen sind versorgt, die Fragen geklärt, die Notaufnahme ruhig. Ich entschließe mich, den Nachhauseweg anzutreten. Duschen, essen, schlafen. Um 3 Uhr nachts klingelt das Telefon, die Fragen der Assistenzärztin sind Gott sei dank schnell geklärt. Ich gehe wieder schlafen. 4 Stunden später klingelt nicht nur der Wecker, sondern auch wieder das Telefon.


Artikel letztmalig aktualisiert am 27.10.2016.

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Medizin, Chirurgie
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P. Klein
an #17, den "gestanden Ossi-Klinikarzt", kurz bevor bwvor wir uns kennenlernten(Ossi + Wessi), gab´s in der BRD die sog. GeistigMoralische Wende. Was Sie hier predigen ist im Klinikalltag lange schon vorbei, es herrschen Konzepte, die mit aufopfernder altruistischer Hingabe- welch ein geschwollen Wort - nichts zu tuen haben, das mit der phys. + psych. Mitarbeiterausbeute sehr wohl. Und den Patient zum Adressaten dieser Hingabe zu stilisieren ist - mit Verlaub - Gewäsch. Altruismus für Deutschland, dass ich nicht lache, willkommen im 21. Jhdr.
#23 am 04.11.2016 von P. Klein (Gast)
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Deshalb gehen unsere Mediziner-Kinder ins Ausland, nicht wegen der Bezahlung.
#22 am 01.11.2016 von Dr. med. Jens Bernhardt (Arzt)
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Vor solchen Ärzten ziehe ich den Hut. Es gibt eben auch welche bei denen der Job Berufung ist. Ich denke, dass es weniger Personalprobleme gäbe, wenn sich nicht so viele Doktoren als reine Privatpraxis oder in der Schönheitschirurgie usw. etablieren würden. Genau solche Unterschiede gibt es wohl in jedem Beruf.
#21 am 31.10.2016 von Bärbel Knabe (Ergotherapeutin)
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Gast
Ich hatte als Assistent am Wochenende von Samstag morgens bis Montag abends durchgehend Dienst=72 Stunden! Das war verantwortungslos und das 8 Jahre lang (!969 bis 1977),für den"Chef" normal,er hatte ja nach dem Krieg umsonst gearbeitet.Heute sind Gott sei Dank diese Zeiten vorbei.Tögel/Chirurg-Unfallchirurg
#20 am 31.10.2016 von Gast
  0
Gast
Da fragt man sich, warum wird man Arzt?
#19 am 30.10.2016 von Gast
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Schade, dass immer noch viel zu viele Menschen (siehe #6 und #17) der Meinung sind, das solche Zustände normal und damit auch richtig sind. Ja, es ist tatsächlich "normal" in vielen Häusern, aber das heißt doch nicht, dass es gut ist. Ich zumindest hätte ein ziemlich schlechtes Gefühl in einen Bus einzusteigen, dessen Fahrer schon seit 14 Stunden am Steuer sitzt - dort sind maximale Lenkzeiten von unter 10 Stunden normal, anerkannt und von allen gefordert. Da kann mir keiner erzählen, dass ein Arzt nach der gleichen Zeit am OP-Tisch noch konzentriert und fehlerfrei arbeiten kann - eine physisch und psychisch viel anstrengendere Tätigkeit als ein Fahrzeug zu fahren. Natürlich KANN man das, aber MUSS man es deshalb auch klaglos tun? Ich glaube nicht und kann nur jeden unterstützen, der das mal sachlich-kritisch auf den Punkt bringt. Und dass diese Problematik nicht nur die Oberärzte, sondern auch Assistenzärzte wie auch die Pflege betrifft, dürfte jedem im Krankenhaus bewusst sein...
#18 am 29.10.2016 von Josua Rehra (Rettungssanitäter)
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Gast
Als gestandener Ossi-Klinikarzt und dann nach der Wende in die Niederlassung gezwungen kann ich über das Gejammer nur staunen.99.9% der Ossiärzte erfüllten das Alle ohne Murren mit der Einstellung in einem sozialen Beruf mit altruistischer Hingabe physisch und psychisch alles dem Patienten zu geben.
#17 am 29.10.2016 von Gast
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Das hat doch weder mit mangelnder Wertschätzung gegenüber den Patienten als Menschen noch mit Belastungen zu tun - es ist völlig normal, Menschen, deren Namen man nicht nennt, mit Attributen, die für einen gerade relevant sind, zu belegen. Ich nenne eine geschätzte Reproduktionsmedizinerin manchmal 'die Eizellfrau' - wertet sie das als Menschen irgendwie ab? Wohl kaum.
#16 am 29.10.2016 von Katharina Münstermann (Studentin)
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asplett
#1 Sie möchten, dass der Mensch als Mensch und nicht als Bauch oder Abszess angesehen wird. Sie verkennen aber, dass dies nicht möglich ist in einer Gesellschaft, die den Arzt ebenfalls nicht als Menschen, sondern als jederzeit konsumierbare Ware ansieht. Dienste in deutschen Krankenhäusern sind auch deshalb so menschenfeindlich, weil die Krankenhäuser überlaufen werden von Konsumenten mit unangemessenen Ansprüchen, die ihre Gesundheitsstörungen verschiedenster Art und Schwere umgehend zur Unzeit behandelt haben möchten. Und von Angehörigen, die dreist zur Unzeit Auskünfte einfordern , die Ihnen aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht gar nicht zustehen. Aber dieses Volk bekommt, was ihm zusteht: die deutschen Ärzte werden rar, stattdessen wird ärztliches Personal aus dem Osten angeheuert. Nicht missverstehen, die Kollegen schätze ich durchaus, es sind richtig gute dabei. Aber so, wie es sich der teutsche (kann auch bedeuten deutsch-türkische oder deutsch-araboide) Konsument das vorstellt, so wird es mit denen nicht. Schon wegen der Sprachbarriere, und auch wegen der verschiedenen Mentalität.
#15 am 28.10.2016 von asplett (Gast)
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In diesem System werden alle verheizt: Assistenten,Oberärzte und nicht zuletzt auch die Patienten.
#14 am 28.10.2016 von Silke Schuster (Ärztin)
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Gast
Zu #5 wie schön dass hier gleich mal wieder klar gestellt wird das der 36 h ohne Schlaf arbeitende Assistenzarzt offenbar weder seinen Job gut macht- den OA bloß nicht anzurufen - noch irgendeine Art Arbeitsschutz genießen darf. Man muss sich fragen wenn die Oberärzte sich nicht wehren wer soll es dann darunter tun??? Wievielte kompetente Ärzte werden denn hier verheizt ? Schätze auf einen OA kommen gut drei Assistenten
#13 am 28.10.2016 von Gast
  1
P. Klein; Arzt ...nun ja, Jahrzehnte die ich 26 Std. am Stück auf ITS war, zu gut kenne ich das, "Wohlstands - u Leistungsfetischismus" läßt lange leiden...., was eine Erkenntnis zum Ende der berufl. Laufbahn. Mit 61 J. endlich Konequenzen gezogen, und Leben ist so wundervoll ohne diese unsäglichen Karusellfahrten bei denen menschl. Zuwendung und Augenblicke mit Patienten auf der Strecke bleiben. "Wir möchten das anders", "wir haben weitergehende Vorstellungen von Humanmedizin", "Wir möchten das nicht mehr schaffen" ist wohl die notwendigste, jedoch bei all den "N.C."- selektierten Medizinern wohl die schwierigste Erkenntnis und diese dann auch noch einzufordern und zu vertreten im Kreise eines älteren Kollegiums , welches eben in strebender, narzistischer Manier Fackelträger unserer Gesellschaft sein wollen, erfordert Erkenntnis und Courage, so einfach, so schwer, auf geht`s.....
#12 am 28.10.2016 von Peter Klein (Arzt)
  0
Arzt
zu #6: So richtig deuten kann ich die Motivationslage des Autors #6 nicht. Kann sein, dass er ebenfalls unter den Umständen leidet und sich einer Mischung aus Fatalismus und Zynismus hingibt, was ganz bestimmt keine Voraussetzung für eine befriedigende Lebensgestaltung ist. Merkt man aber selber oft nicht mal.Wäre schade. Vielleicht ist er tatsächlich überheblich und sich selbst überhöhend, vielleicht auch vor dem Hintergrund, dass er selber seinen letzten 36 oder 48-Stunden-Dienst vor 15 Jahren gemacht hat. Kennt man ja, dass rückblickend alles nicht so schlimm war und das war´s ja vor einigen Jahren wirklich noch nicht. Egal wie, die Umstände werden sich nicht zum Besseren wenden durch solche Kommentare und wir brauchen deutlich dringender kritische Äußerungen zu den Zuständen in unseren Krankenhäusern, auch untereinander und nicht mehr von denen, die alles mitmachen, egal aus welchem Grund. Übrigens muss man auch als Oberärztin nicht alles mitmachen.
#11 am 28.10.2016 von Arzt (Gast)
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GastIn
FachmannIn staunt, LaieIn wundert sich - jetzt schon "chirurgische Oberärztin"!
#10 am 27.10.2016 von GastIn (Gast)
  6
Gast
Tja, solange Renditen wichtiger sind wie die Arbeit die dafür geleistet werden muss, werden immer mehr Menschen die sich bereit erklärt haben im Dienste des Menschen, der Patienten, verheizt. Schade das sich Renditen nicht durch Qualität bemessen lässt, denn Qaulität der Arbeit muss bei dem Druck des immer höheren wirtschaftlichen Nutzens zwangsläufig auf der Strecke bleiben. Es ist ja nur menschlich..... Danke für den humorvoll gehaltenen Einblick in Ihren Alltag!
#9 am 27.10.2016 von Gast
  2
Meine Hochachtung den ärztlichen Kollegen, die diesen Marathon teilweise Jahre bis Jahrzehnte durchhalten. Das System dahinter ist menschenfeindlich - nicht der Arzt. Das ist meine feste Meinung als Heilpraktiker.
#8 am 27.10.2016 von Matthias Reikowski (Heilpraktiker)
  1
Ärztin
Schön für Sie lieber Gast Nr. 6, dass sie selbst in einer Klinik in verantwortlicher Position arbeiten, schade für Sie, dass Sie selbst solche halsbrecherischen Dienste kennen! Umso weniger Verständnis kann ich dafür aufbringen dass Sie einen eigentlich relativ sachlichen Bericht darüber als unbrauchbar und selbstmitleidig abtun. Solche Zustände sind auf Dauer nicht haltbar wenn man eine gewisse Konzentration und Qualität aufrecht erhalten will, das wissen Sie genau! Es gibt gute Gründe warum in den meisten Häusern diese Dienste mittlerweile abgeschafft wurden. Wer wie Sie tatsächlich meint es lohne nicht solche Zustände aufzuzeigen und anzuprangern und in seiner Überheblichkeit tatsächlich denkt er könne als 48-Stunden-Zombie noch stets die erforderliche Qualität und Quantität an verantwortungsbewusster ärztlicher Arbeit abliefern lügt sich in die Tasche. Das einzige was hier von Selbstüberhöhung zeugt ist Ihr herablassender Kommentar.
#7 am 27.10.2016 von Ärztin (Gast)
  4
gast
Dieser Bericht ist Selbstarstellung und hat auch etwas von Selbstüberhöhung an sich.Wer jemals in einer Klinik in veranwortlicher Position gearbeitet hat kennt das. Da brauche ich keinen selbstmitleidigen Bericht.
#6 am 27.10.2016 von gast (Gast)
  38
Gast
Es ist einfach nur Menschenverachtung solche Dienstpläne mit Doppelbelastung zuzulassen. Etliche der Tätigkeiten sind Assi nicht OÄ jobs. Auf in den Burnout - hurrah wir leben noch aber nicht mehr lange in dem Stil.
#5 am 27.10.2016 von Gast
  2
Gast
Es ist vielleicht schrecklich, aber alles stimmt haargenau! Und mit der Aufopferung machen wir auch noch den Notstand gangbar.....
#4 am 27.10.2016 von Gast
  1
Gast
So ein Kommentar zeugt leider von wenig Kenntnis der Belastung im (somatisch geprägten) Hintergrunddienst... Außerdem schreibt die Kollegin doch sehr wohl von "dem Patienten". Und sicherlich dient die Nennung der Beschwerden nur der Anonymisierung... ;)
#3 am 27.10.2016 von Gast
  1
Ärztin
@#1 So einen Kommentar kann nur jemand schreiben, der selber nie in der Klinik gearbeitet hat. Selbstverständlich siehr man die Patienten und ich finde das wird in dem Bericht der Kollegin sehr wohl deutlich. Aber ja, irgendwann, nach dem hundersten Patienten sieht man dann halt doch doch eher die BÄUCHE oder ABSZESSE..... Ich finde den Artikel sehr treffend und glaube, dass sich jede/r Arzt oder Ärztin darin wiederfindet.... Eine gelungene Darstellung der wirklich fragwürdigen Arbeitsbedingungen in den Kliniken!
#2 am 27.10.2016 von Ärztin (Gast)
  3
Gast
Und hängt es nun mit dem Personalmangel u daraus folgenden Überforderung zusammen das " BÄUCHE " und " ABSZESSE " gesehen werden und nicht " MENSCHEN" ???
#1 am 27.10.2016 von Gast
  52
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