Das EuGh Urteil und die Reaktionen

21.10.2016
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Jetzt ist es also amtlich: Der Europäische Gerichtshof hat geurteilt, und es wurde leider wie erwartet eine schallende Ohrfeige für deutsche Präsenzapotheken. Es war ja zu befürchten, dass dem Generalanwalt gefolgt wird, aber weh tut es schon. Was mich aber neben dem Urteil selbst besonders aufregt, sind die von purem Neid und Missgunst durchzogenen Kommentare so mancher Schreiberlinge.

Ich frage mich ernsthaft ob die Leute wirklich so dämlich sind und glauben, dass irgendjemand außer den ausländischen Kettenapotheken von diesem Urteil profitiert? Ich habe zum Teil hanebüchene Texte lesen müssen, die offenbar von keinerlei Sachkenntnis getrübt zu sein scheinen.

Einmal wird darüber philosophiert, dass chronisch Kranke „mit schmalem Budget“ davon profitieren würden, dass ihre verschreibungspflichtigen Medikamente billiger werden. Wie bitte?

Ersparnis für chronisch Erkrankte? Nein!

Man zahlt hier in Deutschland einen Betrag zwischen 5 und 10 Euro pro Arzneimittel, das auf Rezept verordnet wird. Ist eine Person chronisch krank, wird pro Jahr eine Summe von 1 Prozent des bruttoverfügbaren Familieneinkommens festgelegt, das der Erkrankte aufbringen muss – alles, was darüber hinausgeht ist zuzahlungsbefreit. Wo bitte bleibt jetzt die große Ersparnis? Der maximale Betrag, der zu leisten ist, ändert sich ja nicht, ob die Medikamente nun in Deutschland oder in den Niederlanden eingekauft werden. Oder rechne ich irgendwie falsch?

Andere wiederum beklatschen die Ersparnis, die eventuell die Krankenkassen haben werden, vergessen aber scheinbar, dass die Gesamtausgaben der Krankenkassen bei Arzneimitteln unglaubliche 2,3 Prozent betragen – weniger übrigens als deren Verwaltungskosten. Wenn man nun jeden Sitz der Kassen ins Ausland verlagern, und mit beispielsweise rumänischen Mitarbeitern besetzen würde, wäre da ein Aufschrei zu erwarten? Ja? Ja! Und zwar zurecht.

„Chronikerprogramme“ – klingt nett, ist es aber nicht

Die inländischen Apotheken dürfen bei diesem gepokere ja noch nicht mal mitspielen. Und wer sagt uns denn, dass jetzt zwingend die Arzneimittel billiger werden? Wenn das Angebot den Markt regelt, könnte man sich vorstellen, dass knapp gewordene Medikamente (wie kürzlich Novaminsulfon) plötzlich deutlich teurer werden, oder? Aber das sind nur Gedankenspielereien.

Fakt ist, dass verschiedene Krankenkassen bereits angekündigt haben, darüber nachzudenken Chronikerprogramme ins Leben zu rufen. Klingt nett, bedeutet aber im schlechtesten Fall, dass zum Beispiel ein Diabetiker, der bei der BARMER versichert ist, irgendwann in einer deutschen Apotheke zu hören bekommt: „Tut uns leid, Ihr Insulin müssen Sie zukünftig übers Ausland beziehen“.

Das Gespräch mit den Kunden suchen

Unser Plus als wohnortnahe Apotheke ist die persönliche Ansprache und das große Vertrauen, das unsere Kunden in uns haben. Nutzen wir das doch! Klären wir auf! Erklären wir unseren Kunden doch unsere Schwierigkeiten mal in aller Deutlichkeit! Ich wette, wir stoßen nicht auf taube Ohren. Krankenkassen kann man wechseln – selbst als Chroniker.

Und by the way: Welche Mehrwertsteuer zahlt DocMorris eigentlich für Medikamente, die nach Deutschland gehen? 6 Prozent oder 19 Prozent? Wäre auch mal interessant zu erfahren ...
 

Bildquelle: Freya Spargo, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 21.10.2016.

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Freund
Ich bin erschrocken über die Aussagen bestimmter Gäste. Natürlich gibt es in jeder Versandapotheke Nasenspray und Almased, die wichtigen Arzneimittel fehlen! In der Apotheke vor Ort bekomme ich alle wichtigen Arzneimittel und eine gute Beratung. Nur weil ihr den reichen Aktionär nicht seht, heißt es noch lange nicht, dass er sich NICHT an Euch bereichert!!!
#15 am 24.10.2016 von Freund (Gast)
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Gast
@Apotheker: Das ist Unsinn, ich habe in einer Versandapotheke gearbeitet und weiß was da abgeht. Stellen Sie sich Lagerhallen voll mit Nasenspray und Almased vor. Ab einer Stückzahl von 1 Million gibst es natürlich Rabatt, aber die "normalen" Außendienstvertreter wissen davon nichts.
#14 am 24.10.2016 von Gast
  1
Gast (Apotheker)
Wer glaubt die Versandapotheken leben vom günstigeren Einkauf irrt. Sie leben von kostenfreier Werbepräsenz in Funk und Fernsehen und Strukturen die Aktionären erlauben sich an Holländischen Apotheken zu beteiligen...die Zur Rose Gruppe...zu der Doc Morris gehört.. ist jedenfalls keine Apotheke sondern ein Fianzinvestor mit dem Kalkül den Aktienwert zu steigern...da ist dann jeder Bonus doppelt gut angelegt wenn dadurch der Aktienwert explodiert nur weil deutsche Apotheker gleich den Kopf in den Sand stecken. Liebe Kollegen nehmen wir den Fehdehandschuh an und tun wir noch besser als bisher was die Versender nicht können...wohnortnahe Arbeitsplätze, Notfallversorgung innerhalb weniger Stunden ohne teure Portokosten, faire Arbeitsbedingungen und Menschlichkeit
#13 am 23.10.2016 von Gast (Apotheker) (Gast)
  1
Gast
Wir als PTA sind jetzt mehr denn je in akuter Gefahr. Solange es noch geht liebe Kollegen: Taschen packen und schnell raus aus der öffentlichen Bude. Zukunft gleich null.
#12 am 22.10.2016 von Gast
  4
Erwin Müller
@pippin: das wissen sie genau? https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2016/03/31/die-sache-mit-der-umsatzsteuer - "Albern" ist sicher auch der gedeckelte Einkauf in D vs. kein Deckel in Holland - "Albern" ist sicher auch der Wegfall von Gewebesteuer und Arbeitsplätzen - "Albern" sind sicher auch die Interessen von Aktineinhabern - "Albern" ist sicher auch die "Zahlungsmoral" von Ordnungsgeldern der MocDorriden - gehen die auch so lax mit der "Haftungsfrage" um? - etc. Ich kann darüber nicht lachen...
#11 am 22.10.2016 von Erwin Müller (Gast)
  0
Immer wieder diese alberne Leier um die Umsatzsteuer. Es gibt eine Lieferschwelle, ab der Lieferungen nach Deutschland auch der deutschen Umsatzsteuer unterliegen. Im Fall von Doc Morris & Co. sind das 100.000 € jährlicher Umsatz und das wird garantiert überschritten. Jeder Apotheker, der mir mit diesem Argument kommt, hat es nicht anders verdient als nur noch ein unbeliebtes BtM-Medikament zu liefern.
#10 am 22.10.2016 von Pippin Screamner (Ärztin)
  7
Natürlich stimmen die 2,3 % zumindest in etwa, weil das nur die Kosten sind die der Apotheker bekommt. Die 14,9 % sind die gesamten Kosten des Arzneimittels Hersteller, Zwischenhandel und Mehrwertsteuer. Bitte immer korrekt rechnen.
#9 am 21.10.2016 von Hans G. Vischer (Apotheker)
  0
Aber wofür brauchen wir dann noch die Krankenkassen? Die Krankenkassen legen für die einzelnen Arzneimittelgruppen Preise fest, veröffentlichen die, und zahlen den Patienten ihre Arzneimittelkosten zurück, wenn sie das Rezept einreichen. Nicht anders geschieht es bei Privatpatienten. Jetzt wird der einer oder andere sagen, das kann man doch mit finanziell schwachen Patienten nicht machen, wo sollen denn die das Geld hernehmen? Hier hat der Apotheker durchaus die Möglichkeit, über die Apothekenkasse eine valutierte Rechnung herauszugeben, die der Patient nach 4-6 Wochen bezahlt. Die einzigen die darunter leiden würden, sind die Apotheken Rechenzentren, denn die hätten dann keine Arbeit mehr. Die müssten sich dann nur umstellen, und bei den säumigen Patienten die Zahlungen einfordern.
#8 am 21.10.2016 von Dietrich Bannert (Apotheker)
  0
Warum muss alles immer so kompliziert gemacht werden, gerade wenn es um die Vermarktung von Arzneimitteln geht. Mit den apothekenpflichtigen Arzneimitteln hat der Markt gezeigt wie es geht. Die Apotheker unterbieten sich, wo sie können. Das gilt für den örtlichen Handel genauso wie für den Handel über das Internet. Wenn ein Patient sein Arzneimittel sofort benötigt, er eine Apotheke seines Vertrauens gefunden hat, dann versorgt er sich dort mit den notwendigen Arzneimitteln. Wenn nicht, kauft er im Internet ein. Aber wie sollte man einen Markt mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln gestalten? Im Grunde genommen ist das auch ganz einfach. Die Patienten lassen sich von Ihrem Arzt das benötigte Arzneimittel verschreiben und kaufen es selbst in der Apotheke. Ja sie haben richtig gelesen, der Patient bezahlt seine Medikamente in der Apotheke selbst.
#7 am 21.10.2016 von Dietrich Bannert (Apotheker)
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JP
Es tut mir leid den Text ein wenig zu korrigieren aber 2,3% ist der Wertschöpfungsanteil der Deutschen Apotheken an den GKV Gesamtausgaben. Der Anteil der GKV ausgaben an Arzneimitteln aus Apotheken beträgt 14,9% und ist damit der viert größte Kostenblock (https://www.abda.de/fileadmin/assets/ZDF/ZDF_2016/ZDF_16_28_Aufteilung_der_GKV-Gesamtausgaben.pdf) Es ist jetzt allerdings eine Illusion der Krankenkassen zu glauben die Kosten für Arzneimittel bei einer Versorgung über DocMorris nennenswert senken zu können. Den Löwenanteil wird immer noch der Hersteller einstreichen.
#6 am 21.10.2016 von JP (Gast)
  1
"Der maximale Betrag, der zu leisten ist, ändert sich ja nicht, ob die Medikamente nun in Deutschland oder in den Niederlanden eingekauft werden. Oder rechne ich irgendwie falsch?" Antwort : Es wird ja die Summe als Zuzahlung ausgewiesen, die der Kunde hätte zahlen müssen und nicht die Summe, die er tatsächlich gezahlt hat. Ist das eigentlich erlaubt ? In unserer Branche "mit Sicherheit" aber wie wäre die Wertung in anderen Branchen ? Jemand greift von einem Geldbetrag der zwischen zwei anderen fließt etwas ab, weil der Zahlende es ihm anbietet. Ist der Begriff Bonus dafür eigentlich richtig ?
#5 am 21.10.2016 von Apotheker Andreas Tollmann (Apotheker)
  1
Solange keine Discounter o.ä. verpflichtet werden aufgrund überproportionaler Marktentnahmen auch entsprechende "Fachverkäufer" zu beschäftigen habe ich den Glauben an die soziale Marktwirtschaft sowieso verloren. Wir bilden aus, schaffen Arbeitsplätze und, und, und...... Wenn das jetzt europaweit statthaft wird gute Nacht vollends Gesundheitssystem. Frage mich darüber hinaus wie denn GKVen Sponsoren von Risikosportarten wie Skispringen oder Handballern sein können und vom kleinen Bundesbürger erwartet wird laufend mehr Aufwand zu betreiben um überhaupt noch eine Leistung zu erhalten...... ein Schelm wer Böses dabei denkt!
#4 am 21.10.2016 von Apotheker Wolfgang Frey (Apotheker)
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Gast
Dann hat DocMorris ja keine Probleme, dem Schäuble mal die Umsatzsteuererklärung zu zeigen.........
#3 am 21.10.2016 von Gast
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Apothekerin
"Und by the way: Welche Mehrwertsteuer zahlt DocMorris eigentlich für Medikamente, die nach Deutschland gehen? 6 Prozent oder 19 Prozent? Wäre auch mal interessant zu erfahren ..." Es wird schon seinen Grund haben, warum Sie es nicht erfahren, wahrscheinlich zahlen die amazon oder google gar keine Steuern
#2 am 21.10.2016 von Apothekerin (Gast)
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Einer von vielen...
Zum letzten Satz, zur letzten Frage: Dazu siehe RL 2006/112/EG Art 33 Abs 1 (http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:32006L0112&from=DE). Ort der steuerbaren Leistung wäre hier DE und somit müssten die ausländischen Versandapotheken auf die dt. USt. abführen. Wovon die meiner Ansicht nach leben, wenn sie es denn wirklich aus eigener Kraft tun, sind günstigere Einkaufskonditionen beim Hersteller und einer Beschränkung des Fachpersonals auf das absolut nötigste.
#1 am 21.10.2016 von Einer von vielen... (Gast)
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